Wär doch gelacht!

Zum Bloggen respektive Bloglesen finde ich gerade nicht so richtig Zeit. Ein paar Sätze, die mich in den vergangenen Tagen zum Lachen brachten, möchte ich immerhin mit dir teilen:

Den kleinen Comic über das Fremdgehen brachte Freundin K. von einem Ausflug in die Bundeshauptstadt mit – leider ohne den Namen der KünstlerIn. Falls jemandem die Zeichnung oder dieser ganz eigene Sound bekannt vorkommt: Ich freue mich über Hinweise.

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Freundin G. ist auf der Suche nach Mr. Right – und gerade ein bisschen müde ob der Selbstüberschätzung manches in Augenschein genommenen Kandidaten. „Hach“, stoßseufzte sie, die liebend gern durch die Natur streift, jüngst, „was wär das schön, wenn er beim Anblick einer Schlange nicht gleich tot umfällt!“

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Nach langem Kramen und noch längerem Posieren vor dem Spiegel in der Taschenabteilung des Kaufhauses entscheide ich mich für einen wunderschönen schwarzen Lederrucksack. „Den haben wir auch in vegan“, sagt die freundliche Verkäuferin.

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Auf der langen Geraden im Stadtpark rollt mir (und einer Handvoll weiterer Reformationsnachmittagsspaziergänger) ein neongrüner Gummiball entgegen. Nicht kullerig-unentschieden sondern mit ordentlich Schmackes. Ich kann gerade noch zur Seite springen. „Yeah!“ rufen die Frauen vielleicht zwanzig Meter weiter und klatschen in die Hände. „Entschuldigung!“ schickt eine noch hinterher. Wenn der Ball kein Ball sondern eine kleine harte Kugel wäre, würde ich sagen, die Damen boßeln gerade. „Genau“, nickt die, die sich soeben entschuldigt hat. „Wenn Passanten getroffen werden“, ruft sie, schon im Weitergehen, „gibt es Strafpunkte!“ (Falls dir der norddeutsche Volkssport des Boßelns unbekannt ist, kannst du hier nachlesen.)

Einen guten Start in den November und bis bald!

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Sanfte Titanen

Der Mann neben mir bringt ein gewaltiges Teleobjektiv in Position. Weit vor uns, am Waldrand, zeigen sich ein paar Hirschkühe. Eine nach der anderen verlassen sie den Schutz der Bäume, verharren, nehmen Witterung auf, machen ein paar Schritte, bleiben abermals stehen. Die Bewegungen im roten Moorgras sind mit bloßem Auge zu erkennen. Wer mehr sehen will, ist auf ein ordentliches Fernglas angewiesen. Während die kleine Gemeinschaft von Hirschbrunftfreunden, die sich an diesem Abend im Duvenstedter Brook im Norden von Hamburg versammelt hat, noch mit voller Aufmerksamkeit bei den schreitenden, springenden, stehenden Hirschkühen weilt, ist linker Hand plötzlich ein heller Fleck zu sehen. Ein Traum von einem Damhirsch! Groß, aufrecht und völlig bewegungslos verharrt er minutenlang zwischen den Bäumen, verschwindet dann ebenso lautlos wieder, wie er erschienen war. Wow! Aus einem halben dutzend Mündern entweicht simultan der angehaltene Atem. Da! Unbemerkt von uns allen hat sich ein Rothisch zu den Kühen gesellt. Und da, noch ein zweiter! Jetzt geht es los, flüstere ich der Freundin zu. Und tatsächlich können wir uns von dem Schauspiel erst lösen, als kaum noch die Hand vor Augen zu erkennen ist. Was wir zu sehen bekommen, ähnelt allerdings mehr einer Ballettaufführung als dem erwarteten Kampf der Titanen. Sanft beschnuppern die Hirsche die Kühe, die Kühe die Hirsche, die Hirsche einander. Bespringt da gerade einer den anderen? Tatsächlich! Sollten die nicht eigentlich die Geweihe ineinander krachen lassen? Als hätten die Burschen meine Gedanken gehört, wenden sie einander die gesenkten Köpfe zu, bis sich die Geweihe berühren. In Zeitlupe bewegen sie sich mal nach links, mal nach rechts, lösen sich voneinander, treffen erneut aufeinander. So sanft, dass nicht ein Laut die Stille stört. Auch aus den Mäulern der Hirsche dringt kein Ton. Es ist ihnen wohl noch zu warm, vermutet der Mann neben mir und packt langsam seine Ausrüstung zusammen. Wie eine japanische Tuschezeichnung senkt sich die Nacht über den Bruchwald.

Einer dieser Tage

Unter fallenden Kastanien / den Garten umarmen

Durch Zeitgeräusch wandern / von Stimme zu Stimme

Herzliche Briefe / lieben

Sich an allen Ecken / wundstoßen / und ganz bleiben

Rose Ausländer: Ganz bleiben

Die Fotos habe ich von einem Spaziergang an der verwunschenen Ostseite des Schaalsees mitgebracht. Es war einer dieser Tage dazwischen: nicht mehr ganz Sommer, noch nicht ganz Herbst und gerade eben warm genug, um am Abend den frisch geräucherten Saibling auf einer Bank direkt am See zu verspeisen.

Auf den Hund gekommen

„Die Hunde haben mehr Spaß an den Menschen als diese an den Hunden, weil der Mensch offenkundig der Komischere der beiden Kreaturen ist.“ (James Thurber)

Der Sommer war sehr groß. Südlichere Tage gab es auch hier im Norden in Hülle und Fülle. Einmal noch balgten sich Herr und Hund im Gras, dann legten sich herbstliche Schatten auf die Sonnenuhren.

Zugewandt – abgewandt

Tief in Gedanken oder vielleicht auch ganz ohne sitzt die grauhaarige Frau vor der Bäckerei. Wenn du mit ihr ins Gespräch kommen willst, wendest du dich am besten an ihren Hund. Freundlich, aber bestimmt, einer Vorzimmerdame nicht unähnlich, wacht er an ihrer Seite. Der Mann mit dem Hut ein paar Bänke weiter schaut bald nach links, bald nach rechts. Schwungvoll dreht er sich dem Neuankömmling am Nachbartisch zu, als wollte er sagen: endlich! Kurz hebt der andere den Blick, senkt ihn in den eigenen Schoß sodann. Einer von beiden bräuchte vielleicht einen Hund.

Hamburg – was tust Du?

So blau wie das (Mittel-)Meer, so weiß wie der Tod: Mit einer berührenden Aktion auf dem Hamburger Rathausmarkt forderte die Gruppe „Hamburg – was tust Du?“ gestern Nachmittag den Ersten Bürgermeister auf, Hamburg zu einem „Sicheren Hafen“ zu machen und die Bereitschaft der Stadt zu erklären, zusätzliche Geflüchtete aufzunehmen. So, wie dies zuvor schon Bonn, Düsseldorf, Köln, Berlin, Potsdam, Freiburg, Kiel, Osnabrück und Bremen getan haben.

Schweigend legten sich rund 30 Frauen und Männer in Reihen auf den Boden, auf dem sie zuvor jeweils einen Eimer hellblau gefärbtes Wasser ausgeschüttet hatten. Bewegungslos verharrten sie auf dem Pflaster, während weitere Aktivistinnen einen nach dem anderen mit einem weißen Laken abdeckten und das meerblaue Blut zwischen die Steine sickerte. Dazu verlasen der Schauspieler Peter Franke und die Islamwissenschaftlerin Schirin Fathi Namen, Geschlecht, Alter und Herkunft von Menschen, die auf der Flucht über das Mittelmeer ihr Leben ließen.

Der Protest der Aktionsgruppe richtet sich gegen die Behinderung der Seenotrettung im Mittelmeer. Mit der Bereitschaft, zusätzliche Geflüchtete aufzunehmen, soll ein Signal für Humanität gesetzt werden. Ein offener Brief an den Ersten Bürgermeister der Stadt Hamburg kann zurzeit noch online auf der Seite https://hamburgwastustdu.de unterschrieben werden. In der kommenden Woche soll der Brief übergeben werden.

So viele Schichten

„An dem Tag, an dem er Rachel erblickte, wusste er sofort Bescheid, wartete aber noch dreißig quälende Minuten, um sicher zu sein. Kein Mensch kam. Sie tat keinen Schritt. In ihrem grünen Kleid wirkte sie auf ihn wie eine ins Meer geworfene und nun an Land gespülte Flasche, und er, der alleinstehende Überlebende, würde sie aufheben und den Inhalt der Flaschenpost lesen. Er nahm sie mit nach Hause und heiratete sie, aber niemals gelang es ihm, die Worte in der Flasche zu entziffern.“

Aus: Ayelet Gundar-Goshen „Eine Nacht, Markowitz“

Schon vor drei Jahren hatte mich Claudia vom Grauen Sofa auf diese spannende Stimme aus Israel aufmerksam gemacht. „Löwen wecken“, der zweite Roman von Ayelet Gundar-Goshen, fand damals Aufnahme in meine unendliche Leseliste – und entfleuchte wie so viele andere mutmaßlich großartige Bücher auch gleich wieder meiner Aufmerksamkeit. Jetzt bekam ich die „Löwen“ zufällig in die Finger oder eher: sie mich. Atemlos verschlang ich die Geschichte um den Neurochirurgen, der eines Nachts am Rande der Wüste einen illegalen Einwanderer überfährt und ihn nach kurzem Nachdenken liegen lässt. Es gibt, so scheint es, keine Zeugen und der Mann wird ohnehin sterben, warum also das eigene wohl geordnete Leben aufs Spiel setzen? Doch am nächsten Tag steht die Frau des Opfers vor der Tür und stellt eine Forderung, deren Erfüllung keinen Stein auf dem anderen lassen wird. Vermeintliche Gewissheiten und klare Grenzen zwischen Täter und Opfer, zwischen Gut und Böse schon gar nicht. Und immer wieder die bange Frage: Wie hätte man selbst gehandelt?

Meiner Freundin Anne, mit der ich oft Bücher austausche, die mir oder ihr besonders gut gefallen haben, konnte ich leider nicht von dem Roman vorschwärmen. Kaum hatte ich damit angefangen, unterbrach sie mich lachend und fragte, ob ich etwa die Einzige sei, der sie das Buch noch nicht geschenkt habe. Naja, schwärme ich halt hier ein bisschen… Und greife gleich zum nächsten Ayelet Gundar-Goshen, ihrem Erstling „Eine Nacht, Markowitz“, aus dem das einleitende Zitat stammt. Weil ich noch ziemlich am Anfang bin, aber schon wieder in diesem Sog aus sprudelnder Erzählfreude und psychologischem Scharfsinn, zitiere ich nur noch rasch den Klappentext: „Ausgerechnet der unscheinbare Jakob Markowitz soll die schöne Bella heiraten, um ihr die Flucht aus dem nationalsozialistischen Europa zu ermöglichen. Doch zurück in Palästina sieht er nicht ein, sein unverhofftes Glück wieder aufzugeben, und verweigert Bella die vorher vereinbarte Scheidung.“ – Ich bin dann mal auf dem Sofa…

Das verlassene Dorf

Auf den ersten Blick scheint es, als könnte jeden Moment jemand aus einem der Holzhäuser am Hang treten. Könnte Wäsche an die Leine hängen, auf der noch die Klammern stecken. Oder Fischernetze über die hölzernen Gestelle an der Bucht werfen, die einen natürlichen Hafen zwischen Felsen und Eisbergen bildet.

Es braucht einen zweiten, manchmal auch einen dritten Blick um zu begreifen, dass einem auf der kleinen Insel im Eingang zum Sermilikfjord niemand begegnen wird. Kein Fischer, kein Kind, kein Hund. Nicht auf den Hügeln über der Bucht. Und auch nicht in der Kirche, deren roter Anstrich allmählich verblasst. Denn die Häuser von Ikkatteq stehen leer. Dabei, und das macht den Anblick so surreal, sind manche von ihnen voll bis unter das Dach. Voll mit Dingen, die es zum Leben braucht. Nur die Menschen, die dieses Leben einmal geführt haben, fehlen.

Das Kind, das mit der nackten Puppe gespielt hat, ebenso wie das andere, dem die kleine Gitarre gehörte. Die Erwachsenen, die auf den Sofas saßen und sich aus der Thermoskanne Kaffee einschenkten, als diese noch keinen Rost angesetzt hatte. All die, deren Stiefel, Jacken und Hosen in großen Haufen neben den Häusern liegen. Häusern, deren Dächer immer noch mit Tonnen voller Steine beschwert sind, damit sie bei Sturm nicht abheben, mögen die Steine auch bald durch das rostige Metall fallen.

Neugierig öffnen wir die Kirchentür, treten in einen kleinen Flur mit türkisfarbenen Wänden, in dem man sich kaum umdrehen kann. Zwei Türen gehen von ihm ab. Die rechte führt in einen freundlichen Raum in Hellblau und Weiß. An den Fenstern blättert die Farbe ab, der Rest sieht aus wie frisch gestrichen. Vor uns ein paar Bankreihen. Links hinten eine kleine Kanzel, in der Mitte das Taufbecken, rechts die Orgel. An der Wand stecken noch die Nummern der Lieder, die gesungen werden sollen. Die weiße Jesus-Figur auf dem Altar breitet wie zu einem Willkommensgruß die Arme aus. Flankiert wird sie von Vasen mit Plastikblumen und weißen Kerzen.

Durch die Tür zur Linken geht es in den ehemaligen Schulraum. Ein paar Schultische und Stühle stehen darin. Überall stapeln sich Schulbücher und Hefte, sogar auf dem Bollerofen in der Ecke. Ich stelle mir vor, wie der die Kinder und den Lehrer, der vermutlich zugleich der Pastor war, in den langen grönländischen Wintern warm gehalten hat. Die Tafel ist von oben bis unten vollgekritzelt. „LOVE“ hat einer geschrieben. In Großbuchstaben. An der Wand hängt ein Kalender aus den 1990er Jahren.

Die ersten Bewohner haben Ikkatteq schon in den 1980er Jahren verlassen, erzählt Viggo, der uns mit dem Motorboot auf die einsame Insel gebracht hat. Ich treffe ihn auf einer der Hügelkuppen wieder. Kein Wunder, Viggo ist Fischer. Von da, wo er sitzt, öffnet sich der Blick weit aufs Meer hinaus zur einen, tief in den Fjord hinein zur anderen Seite. Der Mittfünfziger macht nicht viele Worte. Buckelwal, sagt er und zeigt auf eine winzige dunkle Wölbung, die sich, für meine ungeübten Augen kaum wahrnehmbar, weit draußen zwischen den Eisbergen bewegt. Ich nicke, berichte kurz von den Walen, die wir am Vortag ein Stück weiter nördlich gesehen haben, kann nicht einmal sagen, was für welche es waren, und setze meinen Rundgang durch die verlassene Inuit-Siedlung fort.

Langsam schlendere ich den Hang hinauf zum Friedhof. Schief ragt eine Ansammlung weißer Kreuze aus dem felsig-moosigen Grund. Ein paar sind zerbrochen. Zwischen den Steinen leuchtet vereinzelt eine rote oder rosa Plastikrose. Ein friedlicher, ein schöner Ort.

40 Menschen lebten einst in Ikkatteq. Im Laufe der Jahre wurden es immer weniger. Einige starben, andere zogen fort. In die Stadt, nach Tasiilaq, 14 Bootskilometer weiter östlich gelegen, mit seinen 2000 Einwohnern der mit Abstand größte Ort Ostgrönlands. Die allerletzten Bewohner verließen die kleine Insel Anfang dieses Jahrtausends. „Abandoned village (2005)“ – so ist Ikkatteq in meiner Karte von der Region verzeichnet.

Aber so ganz stimmt auch das nicht. Ab und zu quartieren sich noch Jäger in einem der Holzhäuser ein, übernachten auf Sofas und Schaumgummimatten. Ich stelle mir vor, wie sie von draußen hereinkommen. Wie sie ihre Gewehre an die Wand lehnen. Wasser aufsetzen. Mit dem Becher in der Hand zu dem Tisch am Fenster gehen, auf dem zwei Ferngläser nur darauf warten, hinaus aufs Wasser gerichtet zu werden…

Mein frostiger Zoo

Sieht man von Heerscharen von Mücken ab, die uns selbst in beträchtliche Höhen folgten, sind wir auf unseren Wanderungen durch die Wildnis Ostgrönlands nur wenigen Tieren begegnet: ein paar Möwen und Raben, zwei, drei Schneehühnern, dem Skelett eines Polarfuchses und tags darauf einem lebenden mit kaum mehr Fett auf den Rippen. Ab und zu tauchten Rücken- oder Schwanzflossen von Walen in den eisigen Fluten auf, für meinen Wal-verliebten Geschmack allerdings viiiel zu selten und viiiel zu weit entfernt. Womöglich auch deshalb habe ich irgendwann angefangen, mir meinen eigenen frostigen Zoo zusammenzuphantasieren:

Mit Walen ganz in der Nähe.

Mit wohlgenährten Polarfüchsen.

Mit Robben natürlich.

Und Vögeln.

Zugegeben, ein ganzer Hühnerhof ist in der Gegend vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber immerhin waren es Schneehühner.