Ein fernes Lied

Ganz still zuweilen wie ein Traum
klingt in dir auf ein fernes Lied.
Du weißt nicht, wie es plötzlich kam,
du weißt nicht, was es von dir will.
Und wie ein Traum ganz leis und still
verklingt es wieder, wie es kam.

Wie plötzlich mitten im Gewühl
der Straße, mitten oft im Winter
ein Hauch von Rosen dich umweht,
wie oder dann und wann ein Bild
aus längst vergessenen Kindertagen
mit fragenden Augen vor dir steht.

Ganz still und leise, wie ein Traum.
Du weißt nicht, wie es plötzlich kam,
du weißt nicht, was es von dir will,
und wie ein Traum ganz leis und still
verblasst es wieder, wie es kam.

Cäsar Otto Hugo Flaischlen (1864 – 1920): Ganz still zuweilen wie ein Traum

A kiss is still a kiss

Wie? du kannst nicht mehr küssen?
Mein Freund, so kurz von mir entfernt,
Und hast’s Küssen verlernt?
Warum wird mir an deinem Halse so bang?
Wenn sonst von deinen Worten, deinen Blicken
Ein ganzer Himmel mich überdrang,
Und du mich küsstest, als wolltest du mich ersticken.
Küsse mich!
Sonst küss‘ ich dich!

Johann Wolfgang von Goethe, „Faust“ (Der Tragödie erster Teil, Kerker, Margarete zu Faust)

In Zeiten wie diesen überkommen eine einsame Waldläuferin bisweilen gar seltsame Assoziationen…

Weihnachtsfokus

Vor ein paar Tagen habe ich hier schon einmal mit Goethe Lebenskunst-Quartett gespielt. Der alte Geheimrat wusste, was den Tag zu einem ganz besonderen machen kann: „ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und … einige vernünftige Worte sprechen“.

Heute, am Heiligen Abend, kann das Lied für mich nur Sinéad O‘Connors Version von „Silent Night“ sein. Ihre extrem langsame tiefe Interpretation rührt mich immer wieder zu Tränen, auch weil sie die Hoffnung nährt: Frieden ist möglich. Wenn Engel singen, dann sicher so wie diese irische Musikerin.

Das in der Sammlung „Dir zur Feier“ erschienene Gedicht von Rainer Maria Rilke erinnert mich daran, dass das Leben nicht „entweder oder“ sondern „sowohl als auch“ ist.

Das Leben ist gut und licht.
Das Leben hat goldene Gassen.
Fester wollen wirs fassen,
wir fürchten das Leben nicht.

Wir lieben Stille und Sturm,
die bauen und bilden uns beide:
Dich – kleidet die Stille wie Seide,
mich – machen die Stürme zum Turm…

Statt eines Gemäldes möchte ich heute zwei Skulpturen in den Fokus rücken: die begehbaren „Gesellschaftsspiegel“ des Berliner Künstlers Ólafur Elíasson, die seit dem Herbst den Neuen Wall am Hamburger Rathaus zieren. Mit den überdimensionalen Kaleidoskopen lädt Elíasson Passanten dazu ein, „die unbekannten Möglichkeiten in einer vertrauten Umgebung zu entdecken“. Nichts ist ja nur, was es auf den ersten Blick zu sein scheint…

Vernünftige Worte? Die schönsten flatterten mir mit der Weihnachtspost ins Haus. Es sind die Wünsche meiner Kusine D. für das neue Jahr: „Gesundheit ganz ohne Maske, Querdenken ganz ohne Idioten, sich sehen und in den Arm nehmen ganz ohne schlechtes Gewissen…“

Frohe Weihnachten!

Nicht fertig werden

Die Herzschläge nicht zählen
Delfine tanzen lassen
Länder aufstöbern
Aus Worten Welten rufen
horchen was Bach
zu sagen hat
Tolstoi bewundern
sich freuen
trauern
höher leben
tiefer leben
noch und noch
Nicht fertig werden

Rose Ausländer: Nicht fertig werden

Selten hat mich ein Gedicht so punktgenau erreicht wie diese Zeilen von Rose Ausländer. Ja, das wünsche ich mir für das neue Jahr: Die Herzschläge nicht zählen, überhaupt nicht so viel zählen und wägen, sondern leben, mit allen Fasern. Delfine habe ich schon mal tanzen lassen. Das war auf einer Kajaktour durch den Doubtful Sound im Süden Neuseelands. Wie aus dem Nichts sprang ein Dutzend der kecken Gesellen um und über unser Boot und forderte meinen Partner und mich zum Spiel. Wir paddelten wie die Verrrückten, um mitzuhalten. Eigentlich haben also nicht wir die Delfine sondern die Delfine uns tanzen lassen… Zwanzig Jahre ist das nun schon her, aber die pure Freude, die ich damals empfand, wird mich bis ans Ende aller Herzschläge begleiten. Irgendwann werde ich wieder Länder aufstöbern. Was für ein großartiges Bild! Und bis dahin rufe ich mir aus Worten Welten. Aus Büchern, aus Gesprächen. Ich werde lauschen, werde bewundern und staunen. Ich werde mich freuen, wenn es Zeit ist mich zu freuen, und trauern, wenn es Zeit ist zu trauern. Beides wird mir helfen, höher und zugleich tiefer zu leben. Aufrechter. Bewusster. Noch und noch. Und ich weiß, ich werde nicht fertig werden. Und das ist genau richtig so.

Fokus des Tages

Man sollte, sagte er, alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.

Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre

Okay, hier ist sie, meine Auswahl für diesen schon fortgeschrittenen Tag:

Das Lied, das in Wahrheit kein bisschen klein ist, singt und spielt die korsische Band I Muvrini. Es heißt Oghje sì tù“ (Aujourd‘hui c‘est toi“) und erzählt davon, wie alle Wege des Lebens an diesen Ort zurückführen, für einen Abend…

Die Musik hat mich zu Hilde Domin geführt und zu ihrem Gedicht „Nur eine Rose als Stütze“. Du kannst dir diese Perle der Lyrik von Dagmar Manzel vorlesen lassen und dazu zarten Klavierklängen lauschen und ebenso zarten Bildern folgen. Es schadet sicher nicht, mehr als ein Lied am Tag zu hören.

Das treffliche Gemälde eingangs dieses Beitrags heißt „Paar, die Köpfe voller Wolken“ und ist von Salvador Dalí (Öl auf Holz). Ich habe es vor ein paar Jahren in einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle fotografiert.

Last but not least: Die vernünftigen Worte des Tages spricht – für mich und vielleicht ja auch für dich – Robert Musil in „Der Mann ohne Eigenschaften“:

Es ist die Wirklichkeit, welche die Möglichkeiten weckt.

Still vergnügtes Tauschen

Rings ein Verstummen, ein Entfärben:
Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
Ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise,
Die Zeit der Liebe ist verklungen,
Die Vögel haben ausgesungen,
Und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden,
Aus dem Verfall des Laubes tauchen
Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
Die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen
Ist mir als hör‘ ich Kunde wehen,
dass alles Sterben und Vergehen
Nur heimlich still vergnügtes Tauschen.

Nikolaus Lenau (1802 – 1850): Herbst

Ich glaube an Nächte

Du Dunkelheit, aus der ich stamme,
ich liebe dich mehr als die Flamme,
welche die Welt begrenzt,
indem sie glänzt
für irgend einen Kreis,
aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.

Aber die Dunkelheit hält alles an sich:
Gestalten und Flammen, Tiere und mich,
wie sie’s errafft,
Menschen und Mächte –

Und es kann sein: eine große Kraft
rührt sich in meiner Nachbarschaft.

Ich glaube an Nächte.

Rainer Maria Rilke (Aus: Das Stundenbuch, Vom mönchischen Leben)