Manchmal spricht ein Baum

Manchmal spricht ein Baum
durch das Fenster mir Mut zu
Manchmal leuchtet ein Buch
als Stern auf meinem Himmel
manchmal ein Mensch,
den ich nicht kenne,
der meine Worte erkennt.

Rose Ausländer

P.S. Auf meinem Bücherhimmel leuchteten in den vergangenen Wochen diese beiden Sterne: Mariana Leky „Was man von hier aus sehen kann“ und Michela Murgia „Accabadora“.

Advertisements

Zum Meer. Zur Ruh.

Woher?
Vom Meer.
Wohin?
Zum Sinn.
Wozu?
Zur Ruh.
Warum?
Bin stumm.

Klabund (1890 – 1928)

Ohne Regung liegt die Bucht. Himmel und Meer scheinen untrennbar miteinander verbunden zu sein. Jeder Atemlaut übertönt den Wind.

Synchronfliegen

Wir haben zu großen Respekt vor dem, / Was menschlich über uns himmelt. / Wir sind zu feig oder sind zu bequem, / Zu schauen, was unter uns wimmelt.

Wir trauen zu wenig dem Nebenuns. / Wir träumen zu wenig im Wachen. / Und könnten so leicht das Leben uns / Einander leichter machen.

Wir dürften viel egoistischer sein / Aus tierisch frommem Gemüte. – / In dem pompösesten Leichenstein / Liegt soviel dauernde Güte.

Ich habe nicht die geringste Lust, / Dies Thema weiter zu breiten. / Wir tragen alle in unsrer Brust / Lösung und Schwierigkeiten.

Joachim Ringelnatz: Wie machen wir uns gegenseitig das Leben leichter?

Der Dichter machte sich „Flugzeuggedanken“, die Fotografin beobachtete Vögel im Synchronballett über der Elbe. Mal zeigten sie den dunklen Rücken, mal den hellen Bauch. M.C. Escher hätte seine (helldunkle und leicht surreale) Freude gehabt. Irgendeiner rief: Schwarmintelligenz! – Gemeinsam sind wir klüger. Oder dümmer?

Wolkenweben

Manchmal, wenn ein Vogel ruft
Oder ein Wind geht in den Zweigen
Oder ein Hund bellt im fernsten Gehöft,
Dann muss ich lange lauschen und schweigen.

Meine Seele flieht zurück,
Bis wo vor tausend vergessenen Jahren
Der Vogel und der wehende Wind
Mir ähnlich und meine Brüder waren.

Meine Seele wird ein Baum
Und ein Tier und ein Wolkenweben.
Verwandelt und fremd kehrt sie zurück
Und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben?

Hermann Hesse: Manchmal