Durch alle Zeiten

Einer japanischen Legende zufolge lebt der Kranich tausend Jahre und ist ein Symbol für Glück und Gesundheit. Wer im Land der Kirschblüten einen gefalteten Kranich verschenkt, wünscht dem Beschenkten damit tausend Jahre Glück und Gesundheit. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich fühle mich jedes Mal ein kleines bisschen glücklicher, wenn ich den heiseren Ruf der Kraniche über mir höre. Gestern begleiteten mich die Glücksvögel im Nienwohlder Moor nahe dem schleswig-holsteinischen Itzstedt auf einer Wanderung durch die Zeiten.

Bei strahlendem Sonnenschein war ich in Hamburg aufgebrochen. Das Moor und die angrenzenden Felder und Wiesen lagen noch am Mittag unter einer wattigen Nebeldecke.

Äcker mündeten ins Leere. Kahle Äste verloren sich im Unendlichen.

Ganz zaghaft begann die Sonne, sich ihren Weg durch die feuchten Schleier zu bahnen. Die eroberten das verlorene Terrain Mal um Mal zurück, doch auch die Sonne gab nicht auf.

Endlich war kein Halten mehr. Gleißendes Licht ergoss sich über die Flur. Die Rohrkolben in ihrem dicken „Pelz“ kamen ordentlich ins Schwitzen.

Auch die Galloways auf der Weide juckte erkennbar das Fell.

Wind- und Wetterkunst

Kennst du das auch? Du läufst irgendwo draußen herum, und von einem Moment auf den anderen bist du mitten in einer Serie? Nicht als Darsteller, nein. Es ist mehr so, dass du plötzlich Muster erkennst, die du zuvor nicht gesehen hast. Mir geht das ziemlich oft so. Ich glaube, meine Augen mögen Strukturen. Am Wochenende zum Beispiel streifte ich über den jüdischen Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf, von dem ich hier schon erzählt habe. Ohne besondere Absicht außer vielleicht der, das herrliche Winterwetter an einem ruhigen Ort zu genießen. Und … zoom! fand ich mich in einer phantastischen Freiluft-Galerie wieder, in der Wind und Wetter die Pinsel geschwungen hatten, dass es eine Lust ist.

Zuerst, so erkannte ich, waren die Formen der Lettern.

Sie bahnten den Farben ihren Weg.

Sie öffneten oder sperrten den schillernden Fluss.

Lang schon floss er hinab, immer hinab.

Mal mehr, mal weniger im Einklang mit der Umgebung. Aber sieh selbst…

Unter Schneeleuten

Juhu, der Wettergott hatte ein Einsehen! Endlich hat es auch in Hamburg geschneit, und wir können auf unseren langen Spaziergängen durch Wälder und Parks zur Abwechslung mal etwas anderes bauen als Unterstände aus herumliegenden Ästen und Zweigen. Zumindest die kleineren Stöckchen werden jetzt nämlich gebraucht, um damit Schneemänner und -frauen zu verzieren. Aber sieh selbst, wer mir heute auf meiner Runde durch den Stadtpark so alles begegnete:

Die Kleine: Immer auf dem P(f)osten.

Der Ahnungslose: Mein Name ist Hase.

Der Bissige: Hier wache ich!

Die Fröhliche: Sunny side up!

Die Betörende: Können diese Augen lügen?

Der Gebeutelte: Das Leben ist kein Ponyhof.

Der Draufgänger: Sex and Drugs and Rock‘n‘Roll.

Die Prinzessin: So weiß wie Schnee, so rot wie Blut…

Der Charmeur: Ich seh‘ dir in die Augen, Kleines.

Der Brummige: Hier ist der Bär los.

Der Baumeister: With a little help from my friends.

Weihnachtsfokus

Vor ein paar Tagen habe ich hier schon einmal mit Goethe Lebenskunst-Quartett gespielt. Der alte Geheimrat wusste, was den Tag zu einem ganz besonderen machen kann: „ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und … einige vernünftige Worte sprechen“.

Heute, am Heiligen Abend, kann das Lied für mich nur Sinéad O‘Connors Version von „Silent Night“ sein. Ihre extrem langsame tiefe Interpretation rührt mich immer wieder zu Tränen, auch weil sie die Hoffnung nährt: Frieden ist möglich. Wenn Engel singen, dann sicher so wie diese irische Musikerin.

Das in der Sammlung „Dir zur Feier“ erschienene Gedicht von Rainer Maria Rilke erinnert mich daran, dass das Leben nicht „entweder oder“ sondern „sowohl als auch“ ist.

Das Leben ist gut und licht.
Das Leben hat goldene Gassen.
Fester wollen wirs fassen,
wir fürchten das Leben nicht.

Wir lieben Stille und Sturm,
die bauen und bilden uns beide:
Dich – kleidet die Stille wie Seide,
mich – machen die Stürme zum Turm…

Statt eines Gemäldes möchte ich heute zwei Skulpturen in den Fokus rücken: die begehbaren „Gesellschaftsspiegel“ des Berliner Künstlers Ólafur Elíasson, die seit dem Herbst den Neuen Wall am Hamburger Rathaus zieren. Mit den überdimensionalen Kaleidoskopen lädt Elíasson Passanten dazu ein, „die unbekannten Möglichkeiten in einer vertrauten Umgebung zu entdecken“. Nichts ist ja nur, was es auf den ersten Blick zu sein scheint…

Vernünftige Worte? Die schönsten flatterten mir mit der Weihnachtspost ins Haus. Es sind die Wünsche meiner Kusine D. für das neue Jahr: „Gesundheit ganz ohne Maske, Querdenken ganz ohne Idioten, sich sehen und in den Arm nehmen ganz ohne schlechtes Gewissen…“

Frohe Weihnachten!

Ein letzter Rausch

Ich weiß nicht, wie viele bunte Blätter du in diesem Herbst schon zu sehen bekommen hast – in der Blogosphäre und im wirklich wahren Leben. Falls es schon (mehr als) genug waren, klick einfach weiter. Wenn nicht: herzlich willkommen zu einem virtuellen Spaziergang am Hohen Elbufer, wo es die Natur am Sonntag noch einmal so richtig krachen ließ!

Bewaldete, steil ansteigende Hänge mit zahlreichen Einschnitten und Tälern prägen diesen Teil des Biosphärenreservats Flusslandschaft Elbe. Entsprechend führt der Weg von Geesthacht-Tesperhude ins zehn Kilometer entfernte Lauenburg munter hügelauf und hügelab. Mal bieten sich von oben weite Blicke auf den Strom, mal begegnet man ihm auf Augenhöhe, nur durch einen Schilfgürtel getrennt.

Es erlt und pappelt, es (brenn-)nesselt und raschelt so licht- und farbtrunken, man mag kaum glauben, dass bereits der halbe November vergangen ist.

In der weihnachtlich geschmückten alten Schifferstadt Lauenburg wartet am Dampferanlegeplatz der unermüdliche bronzene Rufer. An seiner Mütze ist er unschwer als Elbschiffer zu erkennen.

Und weil der Tag so unfassbar herrlich ist, mache ich mich mit der vielleicht allerletzten Eiswaffel dieses Jahres in der Hand gleich wieder auf den Weg zurück nach Tesperhude.

Kaum ist die Sonne hinter den Wolken verschwunden, spürt man: Es ist doch kein Sommer mehr.

Der Schönheit der Landschaft tut das keinen Abbruch.

Und alle Zeit ward Gegenwart

Ich hörte seine Melodie, bevor ich ihn sah. Zart und ein wenig melancholisch lenkte sie meinen Schritt. Bis ich vor dem Alten stand, der inmitten ungezählter Stoffbündel, die er wie ein vielfarbiges Iglu um den Leib drapiert hatte, an der Alster hockte und blies. Auf den ersten Blick wollten die Flötentöne so gar nicht zu dem wettergegerbten Gesicht und den rissigen Händen passen, die sie hervorriefen. Dann verbanden sich Gesicht und Hände und Klänge. Und zu den gerade gehörten gesellten sich alte, beinah schon vergessene…

*

Es war mein letzter Abend in Santiago de Chile. Die anderen waren schon abgereist. Noch einmal wollte ich im Café Patagonia essen. Ich hatte Glück, draußen war ein kleiner Tisch frei. Während ich in der Karte blätterte, zogen ungeordnet Bilder der zurückliegenden Wochen über die innere Leinwand. Valparaíso, die morbide Schöne auf den bunten Hügeln am Wasser. Die atemberaubenden Sonnenauf- und -untergänge in der Atacama-Wüste, die die Salzkordillere und den alles überragenden Licancabur in ein Meer von Gelb bis Violett tauchten. Seen in allen Blau-, Grün- und Braunschattierungen, gleichschenklige Vulkane mit und ohne Schneekuppe, mit und ohne Rauchfahne. Und schließlich Patagonien! So viele Jahre schon war mir der äußerste Süden Amerikas durch Kopf und Herz gegangen, diese wind- und wettergepeitschte Ecke, die beim Blättern in Chile- und Argentinien-Reiseführern Sehnsüchte und Depressionen gleichermaßen auslösen kann. Patagonien, das eine Freundin nur „Pantalonien“ nennt, weil immer mit Schnee und Regen zu rechnen ist und das man deshalb auch im Hochsommer nicht ohne warme Hosen bereisen sollte – uns schenkte es Tag um Tag weite Blicke auf die majestätischen Torres und Cuernos del Paine.

Einen passenderen Ort als das Patagonia konnte ich mir für meinen Abschiedsabend nicht vorstellen. Der Kellner empfahl ein Fischgericht. Ein paar Tische weiter spielte ein junger Mann Flöte. Nach einer Weile kam er auch an meinen Tisch, mit wallendem Haar und Vollbart, in überlangen kurzen Hosen, ziemlich blass das ernste Gesicht. „Ich würde dir gern etwas für die Musik geben, habe aber nur einen 5000-Peso-Schein“, sagte ich. Er lachte: „Umso besser.“ Ich: „Wenn du wechseln kannst…?“ Er: „Kein Problem.“ Ich drehte mich zur Seite – und sah, dass meine Tasche nicht mehr über der Stuhllehne hing. Gestohlen! Dabei war es immer noch taghell. Und die Lehne zeigte zur Hauswand des Cafés. Was für ein geschickter, aber auch: was für ein dreister Dieb!

Der herbeigerufene Kellner verschwand gleich wieder im Lokal. Als er zurückkehrte, teilte er mir mit, dass meine Bestellung storniert sei. Ich war überrascht, erklärte, dass ich gerne wie geplant essen und am nächsten Tag bezahlen würde. Der Kellner verschwand abermals. Der junge Flötist, der immer noch an meinem Tisch stand, sagte, er fühle sich irgendwie schuldig. Und er hoffe, dass mich das Café wenigstens zum Aperitif einladen werde. Ich lächelte ebenso dankbar wie zuversichtlich, und er ging.

Es erschien die Geschäftsführerin. Noch einmal erklärte ich, dass ich gerne essen und am folgenden Tag zahlen würde. Sie lehnte ab. Mein Hinweis, dass der Diebstahl immerhin in ihrem Lokal passiert sei, rief nicht mehr als ein Achselzucken hervor. Das, so sagte sie, käme jeden Tag vor. Geld, Handys, Taschen – alles werde geklaut. Außerdem sei der Diebstahl ja nicht  i m  Lokal sondern draußen geschehen.

Ich ging. Ich fühlte mich einsam und gedemütigt. Und ich war wütend. Stürmte ins Hotel, merkte, dass ich nicht bleiben und zu Bett gehen wollte, tauschte das Sommerröckchen gegen eine Jeans, stopfte meine Kreditkarte in die Hosentasche und rannte wieder los, Richtung Plaza de Armas. Überholte Dutzende Einheimische. Nur weiter, immer weiter! Ja, ich fühlte mich einsam, aber auch frei und stark, wie ich so durch die Straßen pflügte. Abrupt stoppte ich an einem Bankautomaten und wusste: Ich würde mir meinen Abschiedsabend von niemandem kaputt machen lassen! Ich würde mir ein richtig nettes Lokal suchen und fürstlich speisen – jetzt erst recht!

Nur wenige Schritte vom Café Patagonia entfernt wurde ich fündig. Und während ich in dem namenlosen Restaurant die vermutlich beste Pasta Chiles und einen cremig-schmelzenden Käsekuchen genoss, der „Bella Martha“ zur Ehre gereicht hätte, dazu einen guten Sauvignon blanc, ertönte von draußen die schon vertraute Musik – „und alle Zeit ward Gegenwart“.

Ein Haus bei Nacht durch Strauch und Baum
Ein Fenster leise schimmern ließ,
Und dort im unsichtbaren Raum
Ein Flötenspieler stand und blies.

Es war ein Lied so altbekannt,
Es floss so gütig in die Nacht,
Als wäre Heimat jedes Land,
Als wäre jeder Weg vollbracht.

Es war der Welt geheimer Sinn
In seinem Atem offenbart,
Und willig gab das Herz sich hin
Und alle Zeit ward Gegenwart.

Hermann Hesse, Flötenspiel

Ich zahlte und verließ das Lokal. Vor mir stand der junge Flötenspieler und lächelte. Endlich konnte ich ihm ein Trinkgeld für die Musik geben. „Zurückkommen?“ fragte er mich plötzlich in meiner Sprache. „Un día?“ Ja. Eines Tages.

*

Und jetzt in Hamburg floss ein neues Lied in den Tag, weniger virtuos als das chilenische vielleicht, aber nicht minder gütig. – Die Fotos zeigen Murals aus Valparaíso.

Auf schlüpfrigem Grund

Böige Winde fegen ums Haus. Im Flur tuscheln die Schirme der Nachbarn. Eine Autostunde später begehen blassblaue Wolken reihenweise Selbstmord zwischen schmutzigbraunen Ackerfurchen.

Schon blicke ich in die Schwarze Kuhle. Moorgewässer tragen die verheißungsvollsten Namen. Grundloser See zum Beispiel. Oder eben: Schwarze Kuhle. „Fest hält die Fibel das zitternde Kind / Und rennt, als ob man es jage; / Hohl über die Fläche sauset der Wind – / Was raschelt drüben am Hage? …“

Die Schwarze Kuhle gehört zum Naturschutzgebiet Salemer Moor im Kreis Herzogtum Lauenburg in Schleswig-Holstein. Der See ist fast vollständig von Wald umgeben. Direkt an das Ufer schließt ein mehrere Meter breiter Schwimmteppich aus Moosen und Gräsern an. Hu! Bloß nicht drauf treten. Es könnte der letzte Schritt sein.

Dann kommt der Wald. Buchen zumeist. Eine scheint sich selbst umarmen zu wollen. Eng presst sie die knotigen Äste an den elefantenhäutigen Stamm. Klamm ist die Luft und die Waldbade-Saison, die auch dem ein oder anderen Baum eine Umarmung eingetragen haben mag, wohl schon vorbei. Kurz raste ich auf einer Bank. Auch ihre Oberfläche ein Teppich aus Moos.

Schwarze Kuhle. Plötscher See. Garrensee. Im Garrensee darf man an drei Stellen baden. Im Sommer ließ ich mir das nicht zweimal sagen. Im Sommer… So lang scheint das her zu sein. Die Sonne brannte vom Himmel und der dunkle See mutete südländisch-licht an. Für ein paar Schritte jedenfalls, bevor sich der Sand unter den Füßen unvermittelt ins Grundlose stürzte und mich mit einem Juchzen in die überraschend kalte Waagerechte.

Um die Ecke ankern riesige neongrüne Baumwurzeln im schlüpfrigen Boden. In liegenden Achten mäandere ich um Seen und Sümpfe, hügelauf und hügelab.

*

Nur Bilder im Kopf dieses Mal. Kommt gut in die neue Woche und bleibt gesund!