Dem Fluss folgen

Seinen Ruf hören

Alle Sinne öffnen

Sich treiben lassen

Ausreichend lachen

Paddeln – oder auch nicht

Rechtzeitig den Kopf einziehen

Freunde treffen

Ich folgte der Ilmenau, einem Nebenfluss der Elbe, auf ihrem kurvenreichen Weg von Bienenbüttel nach Lüneburg. Beide Orte sind in einer Bahnstunde von Hamburg aus zu erreichen. Am halbschattigen Waldrand lässt es sich auch an warmen Tagen gut spazieren oder einfach nur sein. Und wer um Hohenbostel herum die meisten Skulpturen entdeckt, hat gewonnen.

Mit wehendem Haar

Wenn einer fortgeht, muss er den Hut
mit den Muscheln, die er sommerüber
gesammelt hat, ins Meer werfen
und fahren mit wehendem Haar,

er muss den Tisch, den er seiner Liebe
deckte, ins Meer stürzen,
er muss den Rest des Weins,
der im Glas blieb, ins Meer schütten,

er muss den Fischen sein Brot geben
und einen Tropfen Blut ins Meer mischen,
er muss sein Messer gut in die Wellen treiben
und seinen Schuh versenken,
Herz, Anker und Kreuz,
und fahren mit wehendem Haar!

Dann wird er wiederkommen.
Wann?
Frag nicht.

Ingeborg Bachmann: Lieder von einer Insel

Es war ein Tag, an dem die Jahreszeiten miteinander rangen. Im frischen Morgenwind umflügelten Schwäne zart den eigenen Kopf. Nixen räkelten den smaragdgrünen Leib auf nieselfeuchten Steinen, die mählich in der Sonne trockneten. Weit ging der Blick hinaus aufs Meer und zugleich tief ins Innere. Die alte Eule lächelte wissend.

Auszeit vom Krieg

Wieviel Segensreiches möglich wird, wenn sich gute Ideen und Tatkraft paaren und Menschen ihre Netzwerke zu einem noch größeren Netz miteinander verknüpfen, war jetzt in der Berufsschule in der Hamburger Burgstraße eindrucksvoll zu erleben. Ein halbes Dutzend Profifriseurinnen und 30 Auszubildende und SchülerInnen der Friseurklassen richteten im Lernsalon „burgschön“ der Schule gemeinsam einen Beauty Day für Geflüchtete aus der Ukraine aus. Sage und schreibe 90 Menschen, vor allem Frauen und Kinder, kamen im Laufe eines Tages in den Genuss einer wohltuenden Kopfmassage und eines kostenlosen neuen Haarschnitts. Ein paar Klassenräume weiter bogen sich die Tische unter Bergen von Kuchen, die fleißige LehrerInnen-Hände gebacken hatten, damit der Beauty Day zugleich ein Tag der Begegnung und des Austauschs werden konnte.  

Nur wenige Wochen ist es her, dass Friseurmeisterin Tina Doelling (hier mit einer frisch frisierten Kundin), die sich neben ihrer Arbeit in der Patenschaftsinitiative „Wir im Quartier“ in Hamburg-Winterhude für Geflüchtete engagiert, dachte: „Wie schön wäre es doch, wenn man den Menschen aus der Ukraine eine kleine Auszeit von Krieg und Flucht, von Angst und Schrecken schenken könnte!“ Und da sie eine Frau der Tat ist, fackelte sie nicht lange, sondern suchte Mitstreiter. Die ersten fand sie unter befreundeten Friseurmeisterinnen. Dann holte sie Thomas Lücking ins Boot, der den renommierten Friseur-Zweig der Berufsschule Burgstraße leitet.

Lücking war nicht nur Feuer und Flamme für die Idee, er hat auch viel Erfahrung im Ausrichten von besonderen Events rund ums Waschen, Schneiden und Föhnen. SchülerInnen der Salonklasse, die den Lernsalon „burgschön“ betreibt, beteiligen sich zum Beispiel regelmäßig am „Hamburger Wohlfühlmorgen“, den der Malteser Hilfsdienst zweimal im Jahr veranstaltet und an dem Hunderte von Ehrenamtlichen Obdachlosen Wünsche vom Haarschnitt über Maniküre und Pediküre bis hin zu ärztlicher Beratung und Behandlung erfüllen. Auch an Modenschauen oder Theaterproduktionen beteiligen sich die Nachwuchs-FriseurInnen gern. Den Beauty Day sponserte die Berufsschule gleich ganz – vom Hausmeister über sämtliche Materialien bis hin zu Reinigung und Catering.

Die Termine zum Haareschneiden waren – kaum bekannt gemacht – auch schon ausgebucht, erzählt Friseurmeisterin Liesa Wernicke, über die die Vergabe lief. Zum Termin selbst brachten einige Kundinnen Fotos auf ihren Handys mit, um zu zeigen: So möchte ich gerne aussehen! Geht das? Es ging eigentlich alles, schließlich kann man sich auch mit Händen und Füßen verständigen. Außerdem leisteten Marina, Olga und Inha von der Patenschaftsinitiative „Wir im Quartier“ unermüdlich Übersetzungshilfe vom und ins Ukrainische und Russische. Ein glückliches Lächeln, ein nach oben gestreckter Daumen, ein Dankeschön – am Ende brauchte es gar nicht viele Worte um zu erkennen, dass die Initiative „Auszeit“ ein voller Erfolg war. Auch der Friseurnachwuchs freute sich bei aller Erschöpfung am Ende eines langen Tages sichtlich über den eigenen sinnstiftenden Beitrag. Einer von ihnen ist Momo (auf dem Foto ganz oben im Einsatz). Der junge Syrer ist vor ein paar Jahren selbst aus seiner Heimatstadt Aleppo geflohen und weiß genau, wie sich die Menschen aus der Ukraine fühlen, die jetzt in Hamburg Schutz suchen.

Vom Finden

„… und nichts zu suchen, das war mein Sinn…“, als ich für ein paar Tage an die Ostsee fuhr. Es sind bisweilen dies die Momente, die die schönsten Geschenke bereithalten.

Weite und Wellenrauschen.

Blüten im Sand.

Gefallene Engel.

Ostseejade und Hühnergötter.

Neue Wege.

Himmlische Dramen.

Lustvolles Spiel.

Und immer: Weite und Wellenrauschen.

Fürchtet euch nicht!

„Hat einer das Jesuskind gesehen?“ – Während des Gottesdienstes am frühen Nachmittag war es noch da, erinnert sich einer der Aushilfsküster. Jetzt ist die Krippe leer.

„Und der Engel sprach zu den Hirten auf dem Feld“, liest der Pastor. Und dann fügt er ein paar Worte an, die man so nicht direkt in der Weihnachtsgeschichte nach dem Evangelisten Lukas findet: „Er sagte, was Engel immer als erstes sagen, wenn sie fremden Menschen begegnen: ‚Fürchtet euch nicht!‘“

Später singen wir „Es ist ein Ros` entsprungen“. Nie kann ich die zweite Strophe hören, ohne zu schmunzeln. Die Mutter erzählte gern, dass sie als Kind ein paar Weihnachten lang sang: „Marie, die reinemacht…“. Ein wenig staunend zwar, aber frei von Zweifeln. Unter einer „reinen Magd“ hätte sie sich nichts vorstellen können, ein Mädchen mit häuslichen Pflichten war ihr vertraut.

Auf dem überdimensionalen Fernsehbildschirm im Wohnzimmer der syrischen Freundin, die genauso heißt wie die Muttergottes, läuft eine Aufzeichnung aus einem kurdischen Dorf. In dem Dorf leben Verwandte, erzählt Maryam. Sie spult vor, bis zwischen flachen Lehmbauten eine alte Frau auftaucht, die vielleicht noch gar nicht so alt ist, wie sie aussieht. Eine Tante von Maryam. 14 Kinder hat sie geboren, neun Mädchen und fünf Jungen. Einige hat sie selbst entbunden. Hochschwanger ging sie morgens zur Feldarbeit aus dem Haus, mit einem Baby auf dem Arm kehrte sie später zurück. Und die Nabelschnur? Maryam klopft kurz und fest auf den Tisch. Mit einem scharfen Stein durchtrennt.

Das Jesuskind ist bis zur Mitternachtsmesse nicht wieder aufgetaucht. Das Krippenbild und die Engel in diesem Beitrag entdeckte ich bei einem Schaufensterbummel in Hamburg-Eppendorf. Leider weiß ich nicht, wer die Künstler sind. Ich hoffe, sie haben nichts dagegen, dass ich ihre Werke hier zeige.     

Winterwunderland

Etwas aus den nebelsatten
Lüften löste sich und wuchs
über Nacht als weißer Schatten
eng um Tanne, Baum und Buchs.

Und erglänzte wie das Weiche
Weiße, das aus Wolken fällt,
und erlöste stumm in bleiche
Schönheit eine dunkle Welt.

Gottfried Benn: Rauhreif (1912)

„Rauhreif“ ist vielleicht nicht Gottfried Benns stärkstes Gedicht, aber doch anrührend, finde ich. Und allemal passend zu der Punktlandung, die der Wettergott in Hamburg zur Wintersonnenwende hinlegte.

Zwiegespräche

Doctor Schein und Doctor Sinn
gingen ins Café;
Schein bestellte Doppel-Gin,
Sinn bestellte Tee.

Seitlich von dem Plauderzweck
Nahmen sie dabei:
Schein – verlognes Schaumgebäck;
Sinn – verlornes Ei.

Dialog ward Zaubertext,
Nekromantenspiel;
Zwieseits wurde hingehext,
Was dem Geist gefiel,

Was dem Sinn Erscheinung schien,
Was der Schein ersann.
Schein gab Sinn, und dieser ihn,
Und die Zeit verrann.

Und die Stunde kam herein
Leis’ des Dämmerlichts.
Schein verging zu Lampenschein
Sinn verging zu Nichts.

Ferdinand Hardekopf (1876-1954): Zwiegespräch

Ferdinand Hardekopfs wundervolles „Zwiegespräch“ fand ich in dem leider nur noch antiquarisch erhältlichen schmalen Band „Wir Gespenster“, das der Arche-Verlag 2004 zum 50. Todestag des expressionistischen Dichters herausbrachte. Ich habe mir erlaubt, die Begegnung von Doctor Schein und Doctor Sinn vom Café in die Carlshütte im schleswig-holsteinischen Büdelsdorf zu verlegen. In der alten Eisengießerei und draußen im Park lädt noch bis zum 10. Oktober die diesjährige NordArt zum phantasievollen Zwiegespräch mit allerlei zeitgenössischer Kunst, in dem gelegentlich ebenfalls die engen Grenzen von Schein und Sinn zerfließen. Anfassen (meistens) erlaubt.

Jetzt einen Tag mehr

Wie müde ich bin, merkte ich erst unterwegs. Ich merkte es vor allem daran, wie wenig ich sah. Die Landschaft war durchaus hübsch, aber sie ordnete sich nicht wie sonst, sie drang nicht durch durch diesen zähen Schleier aus Pandemie, aus kleinen Blasen und immer tieferen Gräben, aus Sintflut und apokalyptischem Feuer. Schon so lang… Und nun auch noch Afghanistan… ach, es ist eine Schande! – Normalerweise reicht mir ein Tag in der Natur, um den unruhigen erschöpften Geist zu erden und wiederzubeleben, um die Verbindung zu spüren, die ja immer da ist, auch wenn man sie gerade nicht wahrnimmt. Inzwischen sind es wohl besser zwei.

Am zweiten Tag dräute der Himmel immer noch, aber er fiel mir nicht mehr auf den Kopf.

Stattdessen erzählten die Bäume von Zuneigung und das Rind auf der Weide von Ruhe und Kraft.

Manche Wege führten gut geschützt und licht geradeaus, andere scheinbar im Kreis und wieder andere ins Dickicht, ganz wie im wahren Leben.

Ich erfuhr, dass es mitten im Brachland Kultur gibt, sogar mit Beleuchtung, und schmunzelte über das Bedürfnis mancher Menschen, eine Idylle noch ein bisschen idyllischer zu machen.

Und während die Füße Kilometer um Kilometer dem Lauf der Schwentine und dem sanften Rollen der Hügel durch die Holsteinische Schweiz folgten, wurde ganz allmählich auch der Blick wieder weicher und weiter.

Die Fotos entstanden auf dem Fernwanderwegs E 1 zwischen Kiel und Plön.

Frisch geschlüpft

Hätte sie sich nicht eine so exponierte Stelle ausgesucht, die Libelle wäre unserer Aufmerksamkeit ziemlich sicher entgangen. Vollkommen bewegungslos standen ihre filigranen blassen Flügel in der Luft, die an diesem diesig-feuchten Sonntag im Hamburger Wittmoor ebenfalls den Atem anzuhalten schien. Sie war doch nicht tot? Fasziniert betrachtete ich wohl einige Minuten lang das Szenario am Moorsee. Ich sah – und verstand doch nicht, was ich sah. Selbst als mein Blick auf eine weitere bewegungslose Libelle fiel und ein bräunliches Gebilde darunter, dachte ich nur tumb: Was macht denn die Heuschrecke bei der Libelle? Und wieso ist die Heuschrecke tot?

Erst als ich weitere solcher Libellen-“Heuschrecken“-Paare bemerkte, dämmerte es allmählich: Natürlich! Das waren Larven, die sich gerade zum allerletzten Mal häuteten! Wie ich inzwischen nachgelesen habe, häuten sich Libellenlarven im Laufe ihres Wachstums bis zu siebzehn Mal, die ersten bis zu sechzehn Mal im Wasser. In der Regel dauert das Larvenstadium ein bis zwei Jahre, bei manchen Arten auch deutlich länger. Ganz am Ende geschieht, was ich zuvor noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte: Die Larven suchen sich einen Pflanzenstängel oder einen anderen geeigneten Schlupfplatz am Ufer, ihre Haut platzt, die erwachsene Libelle arbeitet sich heraus, entfaltet die Flügel – und hebt ab. Zurück bleibt die Hülle, die nun nicht mehr nötig ist. Zeuge der Jungfernflüge wurden wir leider nicht. Ich vermute, den Libellen steckte die Anstrengung der Metamorphose noch in den zarten Leibern.