Sanfte Titanen

Der Mann neben mir bringt ein gewaltiges Teleobjektiv in Position. Weit vor uns, am Waldrand, zeigen sich ein paar Hirschkühe. Eine nach der anderen verlassen sie den Schutz der Bäume, verharren, nehmen Witterung auf, machen ein paar Schritte, bleiben abermals stehen. Die Bewegungen im roten Moorgras sind mit bloßem Auge zu erkennen. Wer mehr sehen will, ist auf ein ordentliches Fernglas angewiesen. Während die kleine Gemeinschaft von Hirschbrunftfreunden, die sich an diesem Abend im Duvenstedter Brook im Norden von Hamburg versammelt hat, noch mit voller Aufmerksamkeit bei den schreitenden, springenden, stehenden Hirschkühen weilt, ist linker Hand plötzlich ein heller Fleck zu sehen. Ein Traum von einem Damhirsch! Groß, aufrecht und völlig bewegungslos verharrt er minutenlang zwischen den Bäumen, verschwindet dann ebenso lautlos wieder, wie er erschienen war. Wow! Aus einem halben dutzend Mündern entweicht simultan der angehaltene Atem. Da! Unbemerkt von uns allen hat sich ein Rothisch zu den Kühen gesellt. Und da, noch ein zweiter! Jetzt geht es los, flüstere ich der Freundin zu. Und tatsächlich können wir uns von dem Schauspiel erst lösen, als kaum noch die Hand vor Augen zu erkennen ist. Was wir zu sehen bekommen, ähnelt allerdings mehr einer Ballettaufführung als dem erwarteten Kampf der Titanen. Sanft beschnuppern die Hirsche die Kühe, die Kühe die Hirsche, die Hirsche einander. Bespringt da gerade einer den anderen? Tatsächlich! Sollten die nicht eigentlich die Geweihe ineinander krachen lassen? Als hätten die Burschen meine Gedanken gehört, wenden sie einander die gesenkten Köpfe zu, bis sich die Geweihe berühren. In Zeitlupe bewegen sie sich mal nach links, mal nach rechts, lösen sich voneinander, treffen erneut aufeinander. So sanft, dass nicht ein Laut die Stille stört. Auch aus den Mäulern der Hirsche dringt kein Ton. Es ist ihnen wohl noch zu warm, vermutet der Mann neben mir und packt langsam seine Ausrüstung zusammen. Wie eine japanische Tuschezeichnung senkt sich die Nacht über den Bruchwald.

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Allmähliche Verdichtung

Oktober-licht und weit öffnet das Hohe Moor im niedersächsischen Elm seine Wasserflächen.

Wie Fäden flirren abgestorbene Bäumchen zwischen schwimmenden Wolken.

Eine schmale Insel ankert im Blau. Birkenpfähle bieten Halt nach oben und unten.

Mit jedem Schritt ins Moor scheint der Sog der toten Bäume größer zu werden.

Auf den Hund gekommen

„Die Hunde haben mehr Spaß an den Menschen als diese an den Hunden, weil der Mensch offenkundig der Komischere der beiden Kreaturen ist.“ (James Thurber)

Der Sommer war sehr groß. Südlichere Tage gab es auch hier im Norden in Hülle und Fülle. Einmal noch balgten sich Herr und Hund im Gras, dann legten sich herbstliche Schatten auf die Sonnenuhren.

Zugewandt – abgewandt

Tief in Gedanken oder vielleicht auch ganz ohne sitzt die grauhaarige Frau vor der Bäckerei. Wenn du mit ihr ins Gespräch kommen willst, wendest du dich am besten an ihren Hund. Freundlich, aber bestimmt, einer Vorzimmerdame nicht unähnlich, wacht er an ihrer Seite. Der Mann mit dem Hut ein paar Bänke weiter schaut bald nach links, bald nach rechts. Schwungvoll dreht er sich dem Neuankömmling am Nachbartisch zu, als wollte er sagen: endlich! Kurz hebt der andere den Blick, senkt ihn in den eigenen Schoß sodann. Einer von beiden bräuchte vielleicht einen Hund.

Hamburg – was tust Du?

So blau wie das (Mittel-)Meer, so weiß wie der Tod: Mit einer berührenden Aktion auf dem Hamburger Rathausmarkt forderte die Gruppe „Hamburg – was tust Du?“ gestern Nachmittag den Ersten Bürgermeister auf, Hamburg zu einem „Sicheren Hafen“ zu machen und die Bereitschaft der Stadt zu erklären, zusätzliche Geflüchtete aufzunehmen. So, wie dies zuvor schon Bonn, Düsseldorf, Köln, Berlin, Potsdam, Freiburg, Kiel, Osnabrück und Bremen getan haben.

Schweigend legten sich rund 30 Frauen und Männer in Reihen auf den Boden, auf dem sie zuvor jeweils einen Eimer hellblau gefärbtes Wasser ausgeschüttet hatten. Bewegungslos verharrten sie auf dem Pflaster, während weitere Aktivistinnen einen nach dem anderen mit einem weißen Laken abdeckten und das meerblaue Blut zwischen die Steine sickerte. Dazu verlasen der Schauspieler Peter Franke und die Islamwissenschaftlerin Schirin Fathi Namen, Geschlecht, Alter und Herkunft von Menschen, die auf der Flucht über das Mittelmeer ihr Leben ließen.

Der Protest der Aktionsgruppe richtet sich gegen die Behinderung der Seenotrettung im Mittelmeer. Mit der Bereitschaft, zusätzliche Geflüchtete aufzunehmen, soll ein Signal für Humanität gesetzt werden. Ein offener Brief an den Ersten Bürgermeister der Stadt Hamburg kann zurzeit noch online auf der Seite https://hamburgwastustdu.de unterschrieben werden. In der kommenden Woche soll der Brief übergeben werden.

Im Garten der Steine

Weit öffnet sich der Blick ins Auetal. Die Hand streicht über einen braunfleckigen Granit. Sagenhafte 1.650 Millionen Jahre hat der auf dem Buckel. Der steinerne Methusalem ist einer von 170 Findlingen, die vor Tausenden von Jahren mit den Gletschern der Eiszeit aus Skandinavien an die Elbe geschoben wurden und nun im Garten der Steine im niedersächsischen Harsefeld Zeugnis ablegen von der Entstehung der Geestlandschaft, von der Gesteinsbildung der Erde, von der Geschichte unserer Kultur.

Die Findlinge sind kreisförmig bestimmten Themen zugeordnet und mit Schautafeln versehen. Die wohl spannendste von allen lädt zu einer ganz besonderen Zeitreise ein: „Die Erdgeschichte in einem Jahr“. Um schier unvorstellbare Jahrmillionen wenigstens in ein fassbares Verhältnis zueinander zu setzen, wird die Erdgeschichte in den Zeitraum eines einzigen Jahres gepresst: „Vom 1. Januar bis in den April hinein gibt es noch keinerlei Leben auf der Erde. Danach entwickeln sich die Einzeller, aus denen bis Anfang Oktober vielzellige Lebewesen entstehen. … Am 25. November erscheinen die ersten Wirbeltiere auf der Erde, und immer noch gibt es Leben nur im Meer. Doch einige Tage später, Anfang Dezember, beginnen zunächst die Pflanzen, dann auch die Tiere, das feste Land zu erobern. … In den folgenden zwei Wochen beginnt die Herrschaft der Saurier. … In diesen 14 Tagen treten auch die ersten Säugetiere und die Urvögel in Erscheinung. In der letzten Woche des Dezember entwickeln sich die Blütenpflanzen, und die Säuger breiten sich über die ganze Erde aus. Es ist die Zeit, in der die Alpen und andere Hochgebirge entstehen. … Schon bricht der 31. Dezember an, der Silvestertag, und wir sind immer noch erst im Tertiär. Wenn am Abend mit dem Beginn des Quartärs die Eiszeit einsetzt, treten bald auch die ersten Urmenschen auf. In wenigen Stunden wechseln nun Kalt- und Warmzeiten der Eiszeit einander ab. Um 23 Uhr entdecken die Frühmenschen die Kraft des Feuers. Um 23:55 Uhr malen die Eiszeitmenschen ihre Höhlenbilder und jagen den Höhlenbär und das Mammut. 70 Sekunden vor Mitternacht endet die Eiszeit und beginnt unsere erdgeschichtliche Gegenwart. 30 Sekunden vor Mitternacht werden die Pyramiden in Ägypten gebaut. … Und mit dem ersten Schlag der Neujahrsglocken hat unser drittes Jahrtausend begonnen.“

Von Findlingskreis zu Findlingskreis, von Themenkreis zu Themenkreis führt der Weg. Die Finger gleiten wie von selbst durch Rillen, tasten Ausbuchtungen ab. Manche Steine haben eine glatt geschliffene Oberfläche, andere sind porös, weisen Körnungen auf, Ringe, Einkerbungen, Schrammen, Pocken und Poren, wieder andere fühlen sich samtweich an. Einige sind matt, andere glitzern, glänzen und schimmern mit der diesigen Wintersonne um die Wette, gelb-orange, rot, grau-beige, braun und ocker. Ein Granit mit großen Feldspataugen in perfekter Sitzhöhe lädt für einen Moment zum Verweilen ein. Ein Stück weiter liegt ein Sandstein, nur wenige Zehntausend Jahre alt, ein richtiges Baby noch.

Fiat lux!

Oh, wie ist es kalt geworden! Aber wie gut tut es, endlich mal wieder in grelles Sonnenlicht zu blinzeln!

Die Wiesen haben die Regenfluten der vergangenen Wochen längst noch nicht vergessen.

Auch der Pfad durchs Birkenwäldchen nicht.

Der Moorsee noch nicht einmal die letzte Welle. Noch stiller ist er seither.

Winter ist eindeutig der Fotograf unter den Jahreszeiten. Er gefriert Momente zu Stillleben, bis eine milde Sonne die nächste Bewegung auslöst. Bis dahin ist jeder Baum eine frostige Insel.

Zwei Seelen wohnen…

… ach! in meiner Brust, wusste schon Goethes Faust. Manch eine(r) freut sich, wenn es nicht noch mehr sind. Dass Menschen gelegentlich mehr als einen Schatten werfen, war mir hingegen neu. Entdeckt habe ich es auch erst beim Bildersortieren. Das Foto habe ich vor einem Monat im Eppendorfer Moor aufgenommen – an einem der wenigen strahlenden Tage in diesem trübsten Winter seit 70 Jahren.

Der lachende Alte

Kennst du Ernst Barlachs „Lachende Alte“? Ich sehe sie vor mir, wie sie auf den Unterschenkeln hockt, wie ihre Hände die Knie umfassen. Den Kopf hat sie weit in den Nacken gelegt. Sie lacht und lacht. Hemmungslos. Man meint zu sehen, wie sie schaukelt, wie die Tränen aus ihren Augen spritzen. Ich liebe diese Plastik des Künstlers Ernst Barlach, seit ich sie vor vielen Jahren zum ersten Mal sah. Als er sie schuf, gab es weiß Gott nichts zu lachen. Du findest einen Bronzeguss von 1938 im Ernst-Barlach-Haus im Hamburger Jenischpark. Erst jetzt habe ich entdeckt, dass in dem Landschaftsgarten an der Elbe auch ein lachender Alter wohnt.