Und mit Liebe zu schaun

Herbstlich sonnige Tage,
Mir beschieden zur Lust,
Euch mit leiserem Schlage
Grüßt die atmende Brust.

O wie waltet die Stunde
Nun in seliger Ruh!
Jede schmerzende Wunde
Schließet leise sich zu.

Nur zu rasten, zu lieben,
Still an sich selber zu baun,
Fühlt sich die Seele getrieben
Und mit Liebe zu schaun.

Jedem leisen Verfärben
Lausch ich mit stillem Bemühn,
Jedem Wachsen und Sterben,
Jedem Welken und Blühn.

Was da webet im Ringe,
Was da blüht auf der Flur,
Sinnbild ewiger Dinge
Ists dem Schauenden nur.

Jede sprossende Pflanze,
Die mit Düften sich füllt,
Trägt im Kelche das ganze
Weltgeheimnis verhüllt.

Emanuel Geibel: Herbstlich sonnige Tage

Ich weiß, es gibt andere Orte als die Wälder in und um Hamburg. Aber wenn die Sonne noch einmal so Oktober-golden strahlt wie am Sonntag, hält mich nichts, aber auch gar nichts zwischen den Mauern der Stadt. Die Fotos dieses Beitrags habe ich von einem langen Spaziergang durch den Wohldorfer Wald und den Duvenstedter Brook mitgebracht. Es kommen andere Tage, auf dem letzten Foto ist es unschwer zu erkennen, und mit ihnen andere Bilder und Themen.

Elphi on fire

Lichtspiele ganz eigener Art boten sich den Laubtretern und Sonnenhungrigen gestern und heute an der Hamburger Außenalster. Was auf den ersten Blick aussah, als stünden das Rathaus und die Elbphilharmonie gleichzeitig in Flammen, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als Rauchsäule über dem Kohlekraftwerk Moorburg an der Süderelbe. Auch ein Anachronismus lässt bisweilen Bilder von bizarrer Schönheit entstehen.

Eine Frage der Perspektive

Gingen zwei in einen Beerenwald;
Fand der Eine süße Beeren bald;
Hat sich fleißig gebückt
Und emsig gepflückt;
Tat nichts als essen.

Der Andre indessen
Trug immer die Nase gen Himmel gericht,
Sah den lieben Herrgott oder macht‘ ein Gedicht,
Aber die süßen Beeren, die sah er nicht.
Tun mir leid alle Beide.
Ich liebe die Beeren- und Himmelsweide.
Ich hätte mir Beeren gesucht im Kraut
Und essend zum blauen Himmel geschaut.
Mir hätte keins das andre geniert,
Hätte Himmel und Beeren in eins skandiert.

Otto Julius Bierbaum: Für Beerensucher

Die Blicke in den Himmel und „ins Kraut“ tat ich jüngst im Lichthof des neuen Bucerius Kunst Forums in Hamburg. Wer auch mal schauen will: Die nächste Ausstellung steht vor der Tür. Ab dem 19. Oktober sind Werke von Walt Disney, Norman Rockwell, Jackson Pollock und Andy Warhol zu sehen. In Zeiten wie diesen mag es gut tun, einmal andere Amerika-Bilder in den Blick zu nehmen.

Fiktion trifft Realität

„So ungefähr stellte ich mir eine Landschaft ‚bei Hamburg‘ vor, wo ich meinen Schwanenroman beginnen ließ“, schrieb Gerda Kazakou in einem Kommentar zu meinem jüngsten Beitrag über das Himmelmoor. „Mit dem Unterschied, dass man von meinem imaginierten Sumpfgebiet aus ferne am Horizont das Meer aufleuchten sehen kann. Ob es solch ein Sumpfgebiet in der Nähe von Hamburg wohl gibt?“ Natürlich nicht, dachte ich. Wie soll man von hier aus wohl das Meer sehen!

Das weiß natürlich auch Gerda. Vielleicht deshalb skizzierte sie ihr „Hamburger“ Sumpfgebiet einfach noch ein bisschen genauer: „Schwer lastete der Himmel auf der flachen Landschaft und spiegelte sich grau und düster in den Gräben und Brackwassern, die jetzt, bei steigender Flut, zu flachen Seen zusammenflossen. Bei einsetzender Ebbe würden sie ihren Grund aus Schlick und Modder wieder freigeben. Denn auf unterirdischen Wegen wirkte der Gezeitenstrom der Ozeane noch hinein in diesen einstmals amphibischen Lebensraum.“ – Natürlich! Das Heuckenlock! Nicht bei, sondern praktisch mitten in Hamburg: im Süden der Elbinsel Wilhelmsburg, nur einen Steinwurf von der Autobahnabfahrt Stillhorn entfernt!

Das Heuckenlock ist einer der letzten Tideauenwälder Europas. Umgestürzte Bäume, kleine Strände und mannshohes Schilf prägen den nur wenige Kilometer langen und ein paar hundert Meter breiten Gürtel am Ufer der Süderelbe. Ganz besonders ist das Süßwasserwatt: Das Naturschutzgebiet ist von Prielen durchzogen, wie man sie von der Nordsee kennt. In ihnen transportiert die Elbe bei Flut Sand und nährstoffreichen Schlick bis an die Deichkanten. Auch extremeres Hochwasser ist hier an der Tagesordnung: Etwa hundert Mal im Jahr steht das Naturschutzgebiet komplett unter Wasser.

Bei meinem Besuch am Sonntag herrscht Ebbe. Schmale Rinnsale mäandern durch Schlick und Modder am Grund der Priele. Feucht und rutschig ist auch der Pfad durchs Heuckenlock. Wer ihn betritt, verlässt für eine kleine Weile die Jetztzeit…

Himmel über dem Moor

Wow, dieser Ort trägt seinen Namen zu Recht! Zumindest an einem bewegten Tag wie heute. Schwer lasten die Wolken auf dem Wasser, als ich mich dem Himmelmoor bei Quickborn vom Torfwerk aus nähere. Nur ein schmaler Streifen Land trennt das satte Grau oben von dem satten Grau darunter.

Mit seinen 600 Hektar ist das Himmelmoor das größte Hochmoor Schleswig-Holsteins. Ab Ende des 18. Jahrhunderts wurde es entwässert, um Agrarflächen zu schaffen und Torf abzubauen, der an der mächtigsten Stelle einmal zehn Meter dick war. Ursprünglich war geplant, so lange mit dem Abbau fortzufahren, bis das Moor komplett verschwunden ist. Inzwischen wird es aber schrittweise renaturiert, Flächen im Nordteil wurden bereits wiedervernässt.

Ein zehn Kilometer langer Wanderweg führt einmal rund ums Himmelmoor und auch noch ein Stück durch Wald und Feld. Zum Teil folgt er den Gleisen der Torfbahn. Herrlich, wie der schwarzbraune Grund bei jedem Schritt schwingt…

Die Wolken baden inzwischen in Blau.

Märchenwelten

Spieglein, Spieglein in der Hand… Wer hier die Schönste ist, ist ja wohl keine Frage.

Dass man als Prinzessin auch als Quereinsteigerin eine Chance hat, wurde im Hamburger Stadtpark zur Freude der Sonntagsspaziergänger gleich dutzendfach unter Beweis gestellt.

Es gab natürlich auch Zauberinnen. Am Pinguinbrunnen räkelte sich sogar eine waschechte Meerjungfrau.

Die Männer gingen meistens als Fotografen. Manchmal mussten sie sich von der Anstrengung auch erholen.

Und wenn sie nicht nach Haus gegangen sind, dann streifen die Teilnehmer des vergnügt-vergnüglichen Mystik-Flashmobs noch heute unter den alten Bäumen herum.

The best is yet to come

Ich ging im Stadtpark so für mich hin, Körper und Geist zu lüften, ein paar Quadrate zu knipsen, das war mein Sinn…

In Decken gehüllt, koste ein Paar auf der Bank. Auf mancher Wiese qualmte der Grill. Der Hamburger ist hart im Nehmen. Die Hamburgerin auch.

Bei den Rhododendren und Azaleen formte psychedelischer Beat die Schritte der Mai-Gänger. Auf der anderen Seite wetteiferten Stimmen mit traurigen griechischen Weisen. Der Wettstreit unter den Eichen lief ohne Ton. Die Gebärdenden jagten ein weißes Tuch, mehr habe ich nicht verstanden.

Ein paar Sonnentage noch, und der Stadtpark wird explodieren. Die Vorbereitungen laufen an allen Zweigen.

Nachschlag in Farbe

Vor ein paar Tagen habe ich Fotos von meinem jüngsten Ausflug ins Professormoor gezeigt, die ich nachträglich der Farbe beraubt hatte, weil die Schwarz-weiß-Perspektive dem tatsächlich Gesehenen bzw. Empfundenen stärker entsprach. Zwei Motive sparte ich aus, weil mir die Farbvariante hier „wahrhaftiger“ zu sein scheint. Ich bitte, das große Wort zu entschuldigen, du weißt vielleicht, was ich meine…

Die zarten Birken entfalten ihren vollen Zauber aus meiner Sicht erst beim Blick in den blauen Milchglasspiegel. Und der geborstene Ast im Himmelsblau ist der lustige Geselle, dem ich auf meinem Spaziergang begegnete, und kein Stämme fressendes Monster wie in Schwarz-Weiß.

Und was meinst du?

 

Lichtspiele im Moor

An manchen Tagen, an manchen Orten sehe ich bunt. An anderen eher schwarz-weiß. Dann fokussiert mein Auge ganz von allein auf Linien und Strukturen. So wie vergangenen Sonntag im Professormoor, einem meiner Lieblingsorte hier im Norden.

Wenn du mehr über diesen Flecken Erde wissen möchtest oder wie es dort (in einer anderen Jahreszeit) in Farbe aussieht, wirst du zum Beispiel hier fündig.