Werbewirksam

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Werbung kann furchtbar dumm sein. Oder sterbenslangweilig. Aber es gibt auch richtige Eyecatcher. Wie am Eingang zu Hamburgs berüchtigter Herbertstraße. Oder besser: an der Absperrung davor. „Zutritt für Jugendliche unter 18 Jahren und Frauen verboten“ steht dort, zur Sicherheit auch gleich noch auf Englisch. Und dazwischen Zigarettenreklame: „Es gibt Spannenderes als Werbung.“ Wie wahr!

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In der nur 60 Meter kurzen Straße auf St. Pauli wird seit dem 19. Jahrhundert das älteste Gewerbe der Welt ausgeübt. Prostitutierte hocken in Schaufenstern und sprechen durch die geöffneten Fenster potenzielle Freier an. Schon 1933 wurden an beiden Enden der Herbertstraße Sichtblenden errichtet. Striptease und Prostitution waren unter den Nazis verboten. Da sich das auf St. Pauli aber nicht wirklich durchsetzen ließ, duldete man die Tätigkeiten in einer Gasse – und versuchte gleichzeitig zu verbergen, was eigentlich nicht sein durfte. Juristisch ist die Herbertstraße natürlich ein öffentlicher Weg und darf von jedermann betreten werden…

Tell me a story

Zwei Stunden Zeit. Für eine Begegnung mit einem mir bisher unbekannten Hamburger. Ein Erzählspiel, um miteinander ins Gespräch zu kommen. An einem historischen Ort, der gerade mit neuem Leben erfüllt wird. – Das sind Rahmenbedingungen so recht nach meinem Geschmack. Aber der Reihe nach:

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Zuerst der Ort. Ein Häuschen, nur wenige Schritte von der U-Bahnstation St. Pauli entfernt. Mit seinen Säulen erinnert es an einen kleinen Tempel. Die 1820 im klassizistischen Stil umgebaute ehemalige Wache am Millerntor ist der einzige Überrest einer mächtigen Wallanlage aus dem 17. Jahrhundert, die Hamburg im Dreißigjährigen Krieg vor der Eroberung schützte. St. Pauli war damals noch eine Siedlung außerhalb der Stadt, und das dahinter liegende Altona gehörte zu Dänemark. Wer aus Richtung Westen in die Stadt wollte, musste durchs Millerntor und an der dortigen Wache sein Torgeld entrichten und seine Waren verzollen. Heute braust mehrspurig und praktisch pausenlos der Straßenverkehr vorbei.

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Es gibt heimeligere Ecken in Hamburg, gewiss. Aber wenn man erst einmal die Säulen passiert und die Tür hinter sich geschlossen hat, ist von dem Lärm draußen kaum noch etwas zu hören. Dafür hoffentlich bald viele spannende Hamburger Geschichten. Denn das soll die alte Wache werden: ein Ort für erzählte Geschichte, ein Erzählmuseum. Initiator und Finanzier des Projekts ist die Alfred Toepfer Stiftung, Kooperationspartner das nahe gelegene Museum für Hamburgische Geschichte (Hamburg Museum). In gemütlicher Wohnzimmer-Atmosphäre – die Wache ist mit ihren 24 Quadratmetern nicht nur so klein wie eine gute Stube, sondern mit Sofa und Sesseln auch so eingerichtet – sollen ein- bis zweimal die Woche Hamburger Bürger befragt und gefilmt werden.

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Wer möchte, kann das Erzählte anschließend auf DVD gebrannt mit nach Hause nehmen. Vor allem aber sollen möglichst viele der Geschichten im Hamburg Museum archiviert und auf der Website des Museums für Hamburgische Geschichtchen veröffentlicht werden, wie der jüngste Zuwachs in der städtischen Museumslandschaft getauft wurde. Denn die Initiatoren wissen: „Stadtgeschichte wird nicht nur durch Exponate im Museum oder wissenschaftliche Aufsätze von Historikern erfahrbar, sondern auch durch die mündliche Überlieferung von Geschichten und Geschichtchen.“ Unterstützt und begleitet wird das Projekt vom Oral-History-Archiv „Werkstatt der Erinnerung“ der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte.

In der alten Wache soll aber nicht nur Stadtgeschichte festgehalten, sie soll selbst ein Ort der Begegnung und des Gesprächs werden und steht zu diesem Zweck auch externen Veranstaltern offen. Ich bin vor ein paar Tagen der Einladung eines solchen „Untermieters auf Zeit“ gefolgt – den Autoren des Projekts Storybox. Der Organisationsberater und Regionalmanager Georg Pohl (ein Hamburg-verliebter „Zugereister“ aus Leipzig) und die Märchen- und Geschichtenerzählerin Micaela Sauber (eine Ur-Hamburgerin) haben gemeinsam ein Erzählspiel entwickelt, mit dem sie Menschen in unterschiedlichen Kontexten miteinander ins Gespräch bringen wollen: im Rahmen der Quartiers- und Projektentwicklung ebenso wie in der unternehmensinternen Kommunikation, auf Tagungen und Seminaren oder im persönlichen Umfeld. In der Millerntorwache bieten die beiden noch bis zum Frühjahr jeweils zwei HamburgerInnen Gelegenheit zum spielerischen Erzählen und gegenseitigen Kennenlernen. Alles, was es dafür braucht, sind zwei Stunden Zeit – und eine Portion Neugier natürlich.

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Ich sollte eigentlich einen Architekten kennenlernen. Aber weil der sich die falsche Uhrzeit notiert hatte, haben stattdessen Georg Pohl, Micaela Sauber und ich zusammen mit der Storybox gespielt und uns gegenseitig ein paar unserer ganz persönlichen Hamburg-Geschichten mit auf den Weg (und in das Schatzkästchen) gegeben. Das hat so viel Spaß gemacht, dass ich sofort zugestimmt habe, im Januar wiederzukommen – dieses Mal, um den säumigen Architekten zu treffen. – Wer selbst bei dem einen oder anderen Erzählprojekt mitmachen möchte, findet Telefonnummern und Kontaktadressen unter den Links im Text.

Alte Kraftprotze

Ich ging am Wasser so für mich hin, Kräne zu schauen, das war mein Sinn… Die schönen alten am Hamburger Hansahafen, um genau zu sein, da, wo auch die letzten noch erhaltenen Kaischuppen aus der Kaiserzeit stehen. Wo an den Sommerwochenenden „Hafensenioren“ als ehrenamtliche Mitarbeiter des Hafenmuseums von ihrer Arbeit erzählen und allerlei Geräte vorführen. Wo der Duft von Gewürzen in die Nase steigt, während der Blick zur Kaianlage gegenüber schweift, wo Kraftfahrzeuge, Container und Südfrüchte umgeschlagen werden, und von dort immer weiter bis zur Hafencity und den Kirchtürmen der Altstadt auf der anderen Elbseite.

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Über einen Ponton erreicht man den Schwimm-Dampfkran „Saatsee“, der jahrzehntelang auf dem Nord-Ostsee-Kanal im Einsatz war, und den Dampfschuten-„Sauger IV“, eine schwimmende Großpumpe, mit der der aus dem Fluss gebaggerte Sand und Schlick von Schuten aus auf „Spülfelder“ gepumpt wurde.

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Das ganze historische Areal ist prachtvoll, aber besonders haben es mir die großen Portalkrane direkt am Kai angetan, die früher für den Umschlag zwischen Schiff und Schuppen sorgten. Manche von ihnen scheinen sogar Gesichter zu haben.P1040329

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Hommage an C. und K.

Freund C. wird entsetzt sein: Nicht nur wusste ich bis vor kurzem nichts über die Geschichte des Athabaska-Kais, jetzt war mir sogar neu, dass der größte tschechische Hafen in Hamburg liegt, und das schon seit über achtzig Jahren. Gut, ganz so alt bin ich noch nicht. Aber ob C. das als Entschuldigung gelten lässt?

Dass ich wieder eine maritime Wissenslücke schließen konnte, habe ich – Ehre, wem Ehre gebührt – dieses Mal Freund K. zu verdanken, der sich als wunderbarer Fahrradguide durch den ehemaligen Freihafen und umzu erwies. Wir hatten eben die Norderelbe auf der Freihafen-Elbbrücke überquert (so viel schöner und „ruhiger“ als über die Neue Elbbrücke auf der anderen Seite) und das Überseezentrum, einen riesigen Stückgut-Umschlagkomplex auf dem Kleinen Grasbrook, passiert, als K. durch die Flutschutzmauer bog, unbestimmt nach rechts vorne wies und sagte: „Und da ist Tschechien.“

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Aha. Das einzige Lebenszeichen, das ich beim Blick von der Sachsenbrücke auf den Moldauhafen ausmachen konnte, war ein Fischreiher. Und das auch erst bei längerem Hinsehen, so starr hockte der Vogel auf seinem hölzernen Ankerplatz (der mittleren der drei Dalben im Vordergrund). Mit Störungen braucht er wohl nicht zu rechnen: Um Prags Verbindung zu den Weltmeeren ist es ruhig geworden, seit die Tschechoslowakische Elbe-Schiffahrtsgesellschaft Anfang des Jahrtausends Pleite machte. Dabei darf das Binnenland seine „Exklave“ noch bis 2028 nutzen. Im Versailler Friedensvertrag wurde der Tschechoslowakei ein 30.000 Quadratmeter großes Gelände am Hamburger Moldauhafen zugesprochen, um Fracht auf Moldau und Elbe nach See zu befördern. Der Pachtvertrag trat 1929 in Kraft und gilt für 99 Jahre.

Nachtrag: Ich war inzwischen noch mal „vor Ort“ um zu schauen, ob ich nicht doch etwas Tschechisches entdecken kann. Auf öffentlich zugänglichen (Land-)Wegen eindeutig Fehlanzeige, das Überseezentrum ist irgendwie immer dazwischen. Gelohnt hat sich die Nach-Recherche-Tour dennoch. Ich weiß natürlich, dass in Hamburg Wasser ohne Angler davor ein eher seltener Anblick ist. Aber eine Angelruten-Dichte wie am Holthusenkai (mit der Freihafen-Elbbrücke im Hintergrund) habe ich mitten im Hafen, glaube ich, noch nicht zu Gesicht bekommen. Bloggen bildet, so viel ist sicher.

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Total unterschätzt

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rothenburgsort_mapIm Westen rauscht ein ununterbrochener Fluss von Kraftfahrzeugen über die Norderelbe. Ein Heizkraftwerk und eine Müllverbrennungsanlage markieren die Grenze im Osten, und mittendrin ziehen umfangreiche Gleisanlagen eine Art Trennlinie zwischen Industrie und Gewerbe auf der einen und Wohnbebauung auf der anderen Seite. Hamburg-Touristen verirren sich nur selten hierher. Auch vielen Einheimischen dürfte Rothenburgsort unbekannt sein, obwohl es bis zum Hauptbahnhof gerade einmal zwei S-Bahnstationen sind. Dass anerkannt idyllische Ecken in der Hansestadt größere Anziehungskraft ausüben, ist verständlich, aber schade. Denn auch im Mündungsgebiet der Bille in die Elbe gibt es viel zu sehen, Grün und Idylle inklusive, aber eben nicht nur. Willkommen zu einem Streifzug durch einen der meistunterschätzten Stadtteile Hamburgs!

Ich bin dort gern mit dem Fahrrad unterwegs, Rothenburgsort ist nicht gerade klein. Meist komme ich von Norden, entweder durch die Kleingärten auf der Billerhuder Insel oder über die Grüne Brücke ein Stück weiter westlich. Brücken passiert man in Rothenburgsort ständig, denn durch den Stadtteil fließen nicht nur Straßen- und Schienenverkehr sondern auch ein paar Seitenarme von Bille und Elbe. Das Ganze erinnert ein bisschen an einen überdimensionalen Baumkuchen.

P1040446Von der Grünen Brücke ist es nur ein Katzensprung zur Gedenkstätte Bullenhuser Damm und dem kleinen Rosengarten dahinter, den ich eigentlich jedes Mal aufsuche, wenn ich in der Gegend bin. Im Keller des ehemaligen Schulgebäudes ermordeten SS-Männer im April 1945 zwanzig jüdische Kinder, die zuvor im Konzentrationslager Neuengamme für medizinische Experimente mißbraucht worden waren, und mindestens 28 erwachsene Häftlinge. In dem Garten, der immer geöffnet ist, haben Angehörige kleine Gedenktafeln angebracht. Besucher können dort eine Rose zur Erinnerung an die Opfer pflanzen. Efeubewachsene Hecken bieten Sicht- und auch Lärmschutz. Ein anrührender, ein friedlicher Ort inmitten von Straßen und Gewerbe.

P1040461Auf dem Billhorner Deich führt der Weg über das schon erwähnte Schienennetz weiter nach Süden bis an die Norderelbe. Richtigen Deich gibt es erst dort zu sehen, aber auch von der innerörtlichen Hauptstraße mit dem romantischen Namen lohnt es, nach rechts und – vor allem – links zu schauen: Auf einer Grünfläche sticht bald ein anthrazitfarbenes Gebäude ins Auge, die verkleinerte Nachbildung eines „Terrassenhauses“, das an den Hamburger „Feuersturm“ 1943 erinnern soll. Solche zu Zeilen und ganzen Wohnblöcken angeordneten mehrgeschossigen Mietshäuser baute man in Hamburg seit Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem in den hafennahen Arbeitervierteln. Sie prägten auch das Straßenbild in Rothenburgsort, bis in den Bombennächten im Juli 1943 fast alle Gebäude zerstört wurden.

P1040469Ebenfalls linker Hand ist wenig später zwischen Bäumen die Spitze des backsteinernen Wasserturms zu sehen. Das Wahrzeichen von Rothenburgsort ist Teil der 1848 in Betrieb genommenen „Stadtwasserkunst“, einem Vorläufer der Hamburger Wasserwerke. Damals gelangte das Elbwasser noch ungefiltert in die Haushalte. Man begnügte sich damit, Teiche anzulegen, in denen sich die groben Schmutzteilchen absetzen konnten… Die Fortsetzung der Geschichte gibt es auf der anderen Seite des Elbe-Sperrwerks. Aber erst einmal schweift der Blick von dort weit nach rechts bis zu den Elbbrücken und ebenso weit nach links über die Billwerder Bucht: über die kleinen Yachten vorn bis zum Kraftwerk Tiefstack ganz am Ende.

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P1040503 P1040395 P1040499Dann ist mein Lieblings-Rothenburgs-Ort erreicht: die Elbinsel Kaltehofe mit richtig grünem Deich mit Schafen drauf auf der einen Seite und einer putzigen Ansammlung von rechteckigen Teichen und kleinen runden Häuschen auf der anderen. Das Ensemble ist Teil der versprochenen Fortsetzung der Wasser-Geschichte. Natürlich reichte es auf Dauer nicht darauf zu vertrauen, dass sich unerwünschte Bestandteile des Elbwassers schon von allein absetzen würden. Fische und andere Flussbewohner bevölkerten vielmehr die Trinkwasserleitungen. 1876 waren alten Quellen zufolge 18 Tierarten im Hamburger Trinkwasser zu finden, 1888 sollen es bereits über 40 gewesen sein. Zwei Jahre später beschlossen Senat und Bürgerschaft den Bau eines Filtrierwerks auf Kaltehofe und der benachbarten Billwerder Insel. Letzte Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Projekts erstarben im Wortsinn, als noch während der Bauarbeiten eine schwere Cholera-Epidemie ausbrach. 1893 konnte die Anlage schließlich in Betrieb genommen werden. Gut siebzig Jahre lang pumpten die Hamburger Wasserwerke auf Kaltehofe Wasser aus der Elbe, um es in den kleinen Brunnenhäuschen zu reinigen, dann wurde für die Trinkwasserversorgung endgültig auf Grundwasser umgestellt. Seit inzwischen mehr als zwanzig Jahren dienen die Wasserbecken Vögeln als Rast- und Brutplatz, und seit 2011 steht die „Wasserkunst“ mit Führungen, Museum und Café auch menschlichen Besuchern offen. Sehr zu empfehlen – auch als Zwischenstopp auf einer längeren Fahrradtour in die Vier- und Marschlande. Ab hier ist die Großstadt nur noch grün!

Da dies ein Streifzug durch Rothenburgsort ist, radele ich natürlich nicht weiter sondern zurück über das Sperrwerk Billwerder Bucht und von dort gleich weiter auf die nächste Elb-Halbinsel: Entenwerder. Grün ist es dort ebenfalls. Wer es ruhiger mag, bleibt auf der Ostseite, wo sich auch das Fährhaus befindet, ein Ausflugslokal, dessen Geschichte bis weit ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Mich zieht es ganz in den Westen, wo sich schöne Blicke auf die Elbbrücken eröffnen. Das Dauerrauschen des Autobahnzubringers, der darüber führt, gibt es gratis dazu. Während ich auf einer der Bänke am Ufer hocke und in die untergehende Sonne blinzele, hoppeln Scharen von Wildkaninchen über das Gras, als würde für eine Fortsetzung von Richard Adams’ „Watership Down“ gedreht. Sogar der deutsche Titel „Unten am Fluss“ ergibt hier einmal Sinn.

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Auf dem Alexandrastieg erreiche ich wenig später die Elbbrücken. Benannt ist die schmale Straße nach der Sängerin Alexandra, die lange in Rothenburgsort gelebt hat und 1969 bei einem bis heute nicht geklärten Autounfall ums Leben kam. Kenne ich nicht, denke ich spontan, als ich die Erläuterungen auf dem Straßenschild lese. Kenne ich doch, stelle ich später bei einer Internet-Recherche fest, zumindest ihren „Zigeunerjungen“. Und weil ich schon mal dabei bin, schaue ich auch gleich, wer sonst noch zu Rothenburgsort gehört. Ja, natürlich! Erwin Seeler, der Vater von HSV-Legende „Uns Uwe“ Seeler. Erwin Seeler, ein Hafenarbeiter, kickte lange beim SC Lorbeer 06 Rothenburgsort, damals einer der führenden Clubs im Arbeiterfußball. Bei der zweiten Arbeiterolympiade 1931 in Wien erzielte er im Endspiel zwischen der deutschen und der ungarischen Auswahl sagenhafte sieben von neun Siegtreffern. Dass er 1932 ins bürgerliche Lager, zum SC Victoria Hamburg, wechselte, verziehen ihm manche ein Leben lang nicht.

P1010944So, noch eben über die Elbbrücken Richtung Norden, und Rothenburgsort liegt hinter mir. Weil es allmählich dunkel wird, verzichte ich dieses Mal auf einen Abstecher zu Hamburgs wahrscheinlich coolster Tankstelle am Billhorner Röhrendamm – und greife auf ein Archivbild des beliebten Oldtimer-Treffs zurück.

Reisdampfer im Sumpf

Wer aufmerksame Freunde hat, hat immer was zu bloggen. Gerade schreibt mir C., dass ich als langjährige Hamburgerin doch eigentlich wissen sollte, dass gegenüber vom Övelgönner Elbstrand keine Werftarbeiter schweißen, sondern sich der Athabaska-Kai befindet, ein reines Containerterminal. Aber wie das zu seinem Namen gekommen ist, das sei ja vielleicht mal eine kleine Geschichte wert… Unbedingt! Dabei hatte ich „gegenüber“ gar nicht im Sinne von „direkt gegenüber“ gemeint, sondern mehr als „auf der anderen Seite des Flusses“. Da, wo die Hafenarbeiter schaffen. Und ja, ich gestehe, die Assoziation zu schwitzenden Schweißern hat mir auch gefallen. Was „im Schweiße meines Angesichts“ bedeutet, erschließt sich mir selbst inzwischen übrigens bereits, wenn ich nur die Finger auf die Tastatur lege.

Athabaska. Wie der Fluss in Kanada, der sich allerdings mit einem „C“ schreibt. Nach dem Athabasca River wiederum war der Schraubendampfer des Liverpooler Reeders William Tapscott benannt, der im Oktober 1891 mit einer Ladung Reis an Bord die Elbe hinauffuhr. Gegenüber von Övelgönne war damals noch eine Wildnis aus Schilf und Riet. Und die wurde dem Dampfer zum Verhängnis: Mit seinen 1.645 Nettoregistertonnen geriet er in dem Sumpfgelände Böhnhasensand auf Grund. Zwar kam die Athabasca mit der einsetzenden Flut wieder frei, lag nun aber schräg im Fahrwasser – und wurde bei schlechter Sicht von einem anderen Dampfer gerammt, lief voll und sank vor dem Parksand. Das Wrack der Athabasca wurde nicht geborgen, sondern nur aus dem Fahrwasser geschafft und auf den Strand gesetzt. Auf dem Vorschiff installierte man später ein Leuchtfeuer. Beim Ausbau der Hafenanlagen verschwand es unter den Erdmassen. Nur der Athabaska-Kai erinnert noch an den englischen Reisdampfer.

Dank an C. für die Anregung und ans Archiv des Hamburger Abendblatts für die historischen Fakten!