Und mit Liebe zu schaun

Herbstlich sonnige Tage,
Mir beschieden zur Lust,
Euch mit leiserem Schlage
Grüßt die atmende Brust.

O wie waltet die Stunde
Nun in seliger Ruh!
Jede schmerzende Wunde
Schließet leise sich zu.

Nur zu rasten, zu lieben,
Still an sich selber zu baun,
Fühlt sich die Seele getrieben
Und mit Liebe zu schaun.

Jedem leisen Verfärben
Lausch ich mit stillem Bemühn,
Jedem Wachsen und Sterben,
Jedem Welken und Blühn.

Was da webet im Ringe,
Was da blüht auf der Flur,
Sinnbild ewiger Dinge
Ists dem Schauenden nur.

Jede sprossende Pflanze,
Die mit Düften sich füllt,
Trägt im Kelche das ganze
Weltgeheimnis verhüllt.

Emanuel Geibel: Herbstlich sonnige Tage

Ich weiß, es gibt andere Orte als die Wälder in und um Hamburg. Aber wenn die Sonne noch einmal so Oktober-golden strahlt wie am Sonntag, hält mich nichts, aber auch gar nichts zwischen den Mauern der Stadt. Die Fotos dieses Beitrags habe ich von einem langen Spaziergang durch den Wohldorfer Wald und den Duvenstedter Brook mitgebracht. Es kommen andere Tage, auf dem letzten Foto ist es unschwer zu erkennen, und mit ihnen andere Bilder und Themen.

Fiktion trifft Realität

„So ungefähr stellte ich mir eine Landschaft ‚bei Hamburg‘ vor, wo ich meinen Schwanenroman beginnen ließ“, schrieb Gerda Kazakou in einem Kommentar zu meinem jüngsten Beitrag über das Himmelmoor. „Mit dem Unterschied, dass man von meinem imaginierten Sumpfgebiet aus ferne am Horizont das Meer aufleuchten sehen kann. Ob es solch ein Sumpfgebiet in der Nähe von Hamburg wohl gibt?“ Natürlich nicht, dachte ich. Wie soll man von hier aus wohl das Meer sehen!

Das weiß natürlich auch Gerda. Vielleicht deshalb skizzierte sie ihr „Hamburger“ Sumpfgebiet einfach noch ein bisschen genauer: „Schwer lastete der Himmel auf der flachen Landschaft und spiegelte sich grau und düster in den Gräben und Brackwassern, die jetzt, bei steigender Flut, zu flachen Seen zusammenflossen. Bei einsetzender Ebbe würden sie ihren Grund aus Schlick und Modder wieder freigeben. Denn auf unterirdischen Wegen wirkte der Gezeitenstrom der Ozeane noch hinein in diesen einstmals amphibischen Lebensraum.“ – Natürlich! Das Heuckenlock! Nicht bei, sondern praktisch mitten in Hamburg: im Süden der Elbinsel Wilhelmsburg, nur einen Steinwurf von der Autobahnabfahrt Stillhorn entfernt!

Das Heuckenlock ist einer der letzten Tideauenwälder Europas. Umgestürzte Bäume, kleine Strände und mannshohes Schilf prägen den nur wenige Kilometer langen und ein paar hundert Meter breiten Gürtel am Ufer der Süderelbe. Ganz besonders ist das Süßwasserwatt: Das Naturschutzgebiet ist von Prielen durchzogen, wie man sie von der Nordsee kennt. In ihnen transportiert die Elbe bei Flut Sand und nährstoffreichen Schlick bis an die Deichkanten. Auch extremeres Hochwasser ist hier an der Tagesordnung: Etwa hundert Mal im Jahr steht das Naturschutzgebiet komplett unter Wasser.

Bei meinem Besuch am Sonntag herrscht Ebbe. Schmale Rinnsale mäandern durch Schlick und Modder am Grund der Priele. Feucht und rutschig ist auch der Pfad durchs Heuckenlock. Wer ihn betritt, verlässt für eine kleine Weile die Jetztzeit…

Himmel über dem Moor

Wow, dieser Ort trägt seinen Namen zu Recht! Zumindest an einem bewegten Tag wie heute. Schwer lasten die Wolken auf dem Wasser, als ich mich dem Himmelmoor bei Quickborn vom Torfwerk aus nähere. Nur ein schmaler Streifen Land trennt das satte Grau oben von dem satten Grau darunter.

Mit seinen 600 Hektar ist das Himmelmoor das größte Hochmoor Schleswig-Holsteins. Ab Ende des 18. Jahrhunderts wurde es entwässert, um Agrarflächen zu schaffen und Torf abzubauen, der an der mächtigsten Stelle einmal zehn Meter dick war. Ursprünglich war geplant, so lange mit dem Abbau fortzufahren, bis das Moor komplett verschwunden ist. Inzwischen wird es aber schrittweise renaturiert, Flächen im Nordteil wurden bereits wiedervernässt.

Ein zehn Kilometer langer Wanderweg führt einmal rund ums Himmelmoor und auch noch ein Stück durch Wald und Feld. Zum Teil folgt er den Gleisen der Torfbahn. Herrlich, wie der schwarzbraune Grund bei jedem Schritt schwingt…

Die Wolken baden inzwischen in Blau.

Märchenwelten

Spieglein, Spieglein in der Hand… Wer hier die Schönste ist, ist ja wohl keine Frage.

Dass man als Prinzessin auch als Quereinsteigerin eine Chance hat, wurde im Hamburger Stadtpark zur Freude der Sonntagsspaziergänger gleich dutzendfach unter Beweis gestellt.

Es gab natürlich auch Zauberinnen. Am Pinguinbrunnen räkelte sich sogar eine waschechte Meerjungfrau.

Die Männer gingen meistens als Fotografen. Manchmal mussten sie sich von der Anstrengung auch erholen.

Und wenn sie nicht nach Haus gegangen sind, dann streifen die Teilnehmer des vergnügt-vergnüglichen Mystik-Flashmobs noch heute unter den alten Bäumen herum.

The best is yet to come

Ich ging im Stadtpark so für mich hin, Körper und Geist zu lüften, ein paar Quadrate zu knipsen, das war mein Sinn…

In Decken gehüllt, koste ein Paar auf der Bank. Auf mancher Wiese qualmte der Grill. Der Hamburger ist hart im Nehmen. Die Hamburgerin auch.

Bei den Rhododendren und Azaleen formte psychedelischer Beat die Schritte der Mai-Gänger. Auf der anderen Seite wetteiferten Stimmen mit traurigen griechischen Weisen. Der Wettstreit unter den Eichen lief ohne Ton. Die Gebärdenden jagten ein weißes Tuch, mehr habe ich nicht verstanden.

Ein paar Sonnentage noch, und der Stadtpark wird explodieren. Die Vorbereitungen laufen an allen Zweigen.

Nachschlag in Farbe

Vor ein paar Tagen habe ich Fotos von meinem jüngsten Ausflug ins Professormoor gezeigt, die ich nachträglich der Farbe beraubt hatte, weil die Schwarz-weiß-Perspektive dem tatsächlich Gesehenen bzw. Empfundenen stärker entsprach. Zwei Motive sparte ich aus, weil mir die Farbvariante hier „wahrhaftiger“ zu sein scheint. Ich bitte, das große Wort zu entschuldigen, du weißt vielleicht, was ich meine…

Die zarten Birken entfalten ihren vollen Zauber aus meiner Sicht erst beim Blick in den blauen Milchglasspiegel. Und der geborstene Ast im Himmelsblau ist der lustige Geselle, dem ich auf meinem Spaziergang begegnete, und kein Stämme fressendes Monster wie in Schwarz-Weiß.

Und was meinst du?

 

Lichtspiele im Moor

An manchen Tagen, an manchen Orten sehe ich bunt. An anderen eher schwarz-weiß. Dann fokussiert mein Auge ganz von allein auf Linien und Strukturen. So wie vergangenen Sonntag im Professormoor, einem meiner Lieblingsorte hier im Norden.

Wenn du mehr über diesen Flecken Erde wissen möchtest oder wie es dort (in einer anderen Jahreszeit) in Farbe aussieht, wirst du zum Beispiel hier fündig.

Von Dichtern und Elchen

Blau war die Stunde. Blau das zarte Band, das der Vorfrühling durch die überraschend lauen Lüfte über der Lübecker Bucht flattern ließ. Umso mehr staunten all die Grauhimmel-Müden, die an diesem Wochenende über die Travemünder Promenade spazierten, als sie auf eine Tierfamilie trafen, die um diese Jahreszeit so niemand mehr (respektive: noch niemand) erwartet hätte, schon gar nicht am Ostseestrand. Die Flaneure reagierten mit Staunen, Lachen und den unvermeidlichen Selfies. Und aus dem Himmelsblau ertönte die Stimme des im Dezember verstorbenen Dichters und Zeichners F.W. Bernstein: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche…“

Grinsend bummelten wir durch das Travestädtchen. Als wir uns nach einer großen Portion Pannfisch auf den Weg zurück zum Strandbahnhof machten, war die Sonne schon eine Weile untergegangen. „Dunkel war’s, der Mond schien helle…“

Nicht minder strahlend empfing uns zu unserem Entzücken die nun schon vertraute Tierfamilie.

Jetzt hielt es auch den unvergleichlichen Robert Gernhardt nicht mehr. Sogleich begann er ein „Gespräch mit dem Engel“, vielleicht dem auf der Nachbarwolke:

Ein Geräusch in der Luft, / wie von großen Maschinen:

„Sagn Sie mal – lässt sich das nicht abstellen?“

„Damit kann ich leider nicht dienen. / Das ist das Stöhnen Gottes / beim Betrachten seiner Welten. / Das heißt: Manchmal lacht er auch über sie. / Aber selten.“

Ein gutes neues Jahr!

Die letzten Fotos hatte ich an einem grauen Novembertag in meiner alten Heimat gemacht. Da, wo Geest und Marsch einander begegnen und sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Die Bilder von dem matschigen Sack vor dem matschigen Acker würden sich prima eignen, um das zweite Kapitel von Dörte Hansens „Mittagsstunde“ einzuleiten, dachte ich noch:

„Im November stand das Wasser auf den Feldern, und der Himmel legte Steine auf das Land, Schleifsteine und Schieferplatten, Beton, Granit, Zement, Kies, Schotter. Dicke Stapel schweres Grau, als müsste dieses Land noch flacher werden.“

Inzwischen waren so viele begeisterte Stimmen zu dem zweiten Roman der ehemaligen NDR-Redakteurin zu hören, dass ich mich darauf beschränken kann zu nicken. Und allenfalls noch hinzufügen möchte: Ich vermute, dass du das Buch auch dann mögen (und verstehen) wirst, wenn du in einem süddeutschen Dorf groß geworden bist. Aber wenn du Plattdeutsch verstehst, hast du noch mehr davon.

Heute hatte ich auf einem Spaziergang durch den Hamburger Stadtpark mal wieder meinen Fotoapparat dabei. Und gleich gab mir der kleine See gute Wünsche mit – auch für dich:

Möge das neue Jahr weit werden!

Möge es hell und licht sein!

Und so oft wie möglich spielerisch leicht!

Sanfte Titanen

Der Mann neben mir bringt ein gewaltiges Teleobjektiv in Position. Weit vor uns, am Waldrand, zeigen sich ein paar Hirschkühe. Eine nach der anderen verlassen sie den Schutz der Bäume, verharren, nehmen Witterung auf, machen ein paar Schritte, bleiben abermals stehen. Die Bewegungen im roten Moorgras sind mit bloßem Auge zu erkennen. Wer mehr sehen will, ist auf ein ordentliches Fernglas angewiesen. Während die kleine Gemeinschaft von Hirschbrunftfreunden, die sich an diesem Abend im Duvenstedter Brook im Norden von Hamburg versammelt hat, noch mit voller Aufmerksamkeit bei den schreitenden, springenden, stehenden Hirschkühen weilt, ist linker Hand plötzlich ein heller Fleck zu sehen. Ein Traum von einem Damhirsch! Groß, aufrecht und völlig bewegungslos verharrt er minutenlang zwischen den Bäumen, verschwindet dann ebenso lautlos wieder, wie er erschienen war. Wow! Aus einem halben dutzend Mündern entweicht simultan der angehaltene Atem. Da! Unbemerkt von uns allen hat sich ein Rothisch zu den Kühen gesellt. Und da, noch ein zweiter! Jetzt geht es los, flüstere ich der Freundin zu. Und tatsächlich können wir uns von dem Schauspiel erst lösen, als kaum noch die Hand vor Augen zu erkennen ist. Was wir zu sehen bekommen, ähnelt allerdings mehr einer Ballettaufführung als dem erwarteten Kampf der Titanen. Sanft beschnuppern die Hirsche die Kühe, die Kühe die Hirsche, die Hirsche einander. Bespringt da gerade einer den anderen? Tatsächlich! Sollten die nicht eigentlich die Geweihe ineinander krachen lassen? Als hätten die Burschen meine Gedanken gehört, wenden sie einander die gesenkten Köpfe zu, bis sich die Geweihe berühren. In Zeitlupe bewegen sie sich mal nach links, mal nach rechts, lösen sich voneinander, treffen erneut aufeinander. So sanft, dass nicht ein Laut die Stille stört. Auch aus den Mäulern der Hirsche dringt kein Ton. Es ist ihnen wohl noch zu warm, vermutet der Mann neben mir und packt langsam seine Ausrüstung zusammen. Wie eine japanische Tuschezeichnung senkt sich die Nacht über den Bruchwald.