Nachschlag in Farbe

Vor ein paar Tagen habe ich Fotos von meinem jüngsten Ausflug ins Professormoor gezeigt, die ich nachträglich der Farbe beraubt hatte, weil die Schwarz-weiß-Perspektive dem tatsächlich Gesehenen bzw. Empfundenen stärker entsprach. Zwei Motive sparte ich aus, weil mir die Farbvariante hier „wahrhaftiger“ zu sein scheint. Ich bitte, das große Wort zu entschuldigen, du weißt vielleicht, was ich meine…

Die zarten Birken entfalten ihren vollen Zauber aus meiner Sicht erst beim Blick in den blauen Milchglasspiegel. Und der geborstene Ast im Himmelsblau ist der lustige Geselle, dem ich auf meinem Spaziergang begegnete, und kein Stämme fressendes Monster wie in Schwarz-Weiß.

Und was meinst du?

 

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Lichtspiele im Moor

An manchen Tagen, an manchen Orten sehe ich bunt. An anderen eher schwarz-weiß. Dann fokussiert mein Auge ganz von allein auf Linien und Strukturen. So wie vergangenen Sonntag im Professormoor, einem meiner Lieblingsorte hier im Norden.

Wenn du mehr über diesen Flecken Erde wissen möchtest oder wie es dort (in einer anderen Jahreszeit) in Farbe aussieht, wirst du zum Beispiel hier fündig.

Von Dichtern und Elchen

Blau war die Stunde. Blau das zarte Band, das der Vorfrühling durch die überraschend lauen Lüfte über der Lübecker Bucht flattern ließ. Umso mehr staunten all die Grauhimmel-Müden, die an diesem Wochenende über die Travemünder Promenade spazierten, als sie auf eine Tierfamilie trafen, die um diese Jahreszeit so niemand mehr (respektive: noch niemand) erwartet hätte, schon gar nicht am Ostseestrand. Die Flaneure reagierten mit Staunen, Lachen und den unvermeidlichen Selfies. Und aus dem Himmelsblau ertönte die Stimme des im Dezember verstorbenen Dichters und Zeichners F.W. Bernstein: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche…“

Grinsend bummelten wir durch das Travestädtchen. Als wir uns nach einer großen Portion Pannfisch auf den Weg zurück zum Strandbahnhof machten, war die Sonne schon eine Weile untergegangen. „Dunkel war’s, der Mond schien helle…“

Nicht minder strahlend empfing uns zu unserem Entzücken die nun schon vertraute Tierfamilie.

Jetzt hielt es auch den unvergleichlichen Robert Gernhardt nicht mehr. Sogleich begann er ein „Gespräch mit dem Engel“, vielleicht dem auf der Nachbarwolke:

Ein Geräusch in der Luft, / wie von großen Maschinen:

„Sagn Sie mal – lässt sich das nicht abstellen?“

„Damit kann ich leider nicht dienen. / Das ist das Stöhnen Gottes / beim Betrachten seiner Welten. / Das heißt: Manchmal lacht er auch über sie. / Aber selten.“

Ein gutes neues Jahr!

Die letzten Fotos hatte ich an einem grauen Novembertag in meiner alten Heimat gemacht. Da, wo Geest und Marsch einander begegnen und sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Die Bilder von dem matschigen Sack vor dem matschigen Acker würden sich prima eignen, um das zweite Kapitel von Dörte Hansens „Mittagsstunde“ einzuleiten, dachte ich noch:

„Im November stand das Wasser auf den Feldern, und der Himmel legte Steine auf das Land, Schleifsteine und Schieferplatten, Beton, Granit, Zement, Kies, Schotter. Dicke Stapel schweres Grau, als müsste dieses Land noch flacher werden.“

Inzwischen waren so viele begeisterte Stimmen zu dem zweiten Roman der ehemaligen NDR-Redakteurin zu hören, dass ich mich darauf beschränken kann zu nicken. Und allenfalls noch hinzufügen möchte: Ich vermute, dass du das Buch auch dann mögen (und verstehen) wirst, wenn du in einem süddeutschen Dorf groß geworden bist. Aber wenn du Plattdeutsch verstehst, hast du noch mehr davon.

Heute hatte ich auf einem Spaziergang durch den Hamburger Stadtpark mal wieder meinen Fotoapparat dabei. Und gleich gab mir der kleine See gute Wünsche mit – auch für dich:

Möge das neue Jahr weit werden!

Möge es hell und licht sein!

Und so oft wie möglich spielerisch leicht!

Sanfte Titanen

Der Mann neben mir bringt ein gewaltiges Teleobjektiv in Position. Weit vor uns, am Waldrand, zeigen sich ein paar Hirschkühe. Eine nach der anderen verlassen sie den Schutz der Bäume, verharren, nehmen Witterung auf, machen ein paar Schritte, bleiben abermals stehen. Die Bewegungen im roten Moorgras sind mit bloßem Auge zu erkennen. Wer mehr sehen will, ist auf ein ordentliches Fernglas angewiesen. Während die kleine Gemeinschaft von Hirschbrunftfreunden, die sich an diesem Abend im Duvenstedter Brook im Norden von Hamburg versammelt hat, noch mit voller Aufmerksamkeit bei den schreitenden, springenden, stehenden Hirschkühen weilt, ist linker Hand plötzlich ein heller Fleck zu sehen. Ein Traum von einem Damhirsch! Groß, aufrecht und völlig bewegungslos verharrt er minutenlang zwischen den Bäumen, verschwindet dann ebenso lautlos wieder, wie er erschienen war. Wow! Aus einem halben dutzend Mündern entweicht simultan der angehaltene Atem. Da! Unbemerkt von uns allen hat sich ein Rothisch zu den Kühen gesellt. Und da, noch ein zweiter! Jetzt geht es los, flüstere ich der Freundin zu. Und tatsächlich können wir uns von dem Schauspiel erst lösen, als kaum noch die Hand vor Augen zu erkennen ist. Was wir zu sehen bekommen, ähnelt allerdings mehr einer Ballettaufführung als dem erwarteten Kampf der Titanen. Sanft beschnuppern die Hirsche die Kühe, die Kühe die Hirsche, die Hirsche einander. Bespringt da gerade einer den anderen? Tatsächlich! Sollten die nicht eigentlich die Geweihe ineinander krachen lassen? Als hätten die Burschen meine Gedanken gehört, wenden sie einander die gesenkten Köpfe zu, bis sich die Geweihe berühren. In Zeitlupe bewegen sie sich mal nach links, mal nach rechts, lösen sich voneinander, treffen erneut aufeinander. So sanft, dass nicht ein Laut die Stille stört. Auch aus den Mäulern der Hirsche dringt kein Ton. Es ist ihnen wohl noch zu warm, vermutet der Mann neben mir und packt langsam seine Ausrüstung zusammen. Wie eine japanische Tuschezeichnung senkt sich die Nacht über den Bruchwald.

Im Garten der Steine

Weit öffnet sich der Blick ins Auetal. Die Hand streicht über einen braunfleckigen Granit. Sagenhafte 1.650 Millionen Jahre hat der auf dem Buckel. Der steinerne Methusalem ist einer von 170 Findlingen, die vor Tausenden von Jahren mit den Gletschern der Eiszeit aus Skandinavien an die Elbe geschoben wurden und nun im Garten der Steine im niedersächsischen Harsefeld Zeugnis ablegen von der Entstehung der Geestlandschaft, von der Gesteinsbildung der Erde, von der Geschichte unserer Kultur.

Die Findlinge sind kreisförmig bestimmten Themen zugeordnet und mit Schautafeln versehen. Die wohl spannendste von allen lädt zu einer ganz besonderen Zeitreise ein: „Die Erdgeschichte in einem Jahr“. Um schier unvorstellbare Jahrmillionen wenigstens in ein fassbares Verhältnis zueinander zu setzen, wird die Erdgeschichte in den Zeitraum eines einzigen Jahres gepresst: „Vom 1. Januar bis in den April hinein gibt es noch keinerlei Leben auf der Erde. Danach entwickeln sich die Einzeller, aus denen bis Anfang Oktober vielzellige Lebewesen entstehen. … Am 25. November erscheinen die ersten Wirbeltiere auf der Erde, und immer noch gibt es Leben nur im Meer. Doch einige Tage später, Anfang Dezember, beginnen zunächst die Pflanzen, dann auch die Tiere, das feste Land zu erobern. … In den folgenden zwei Wochen beginnt die Herrschaft der Saurier. … In diesen 14 Tagen treten auch die ersten Säugetiere und die Urvögel in Erscheinung. In der letzten Woche des Dezember entwickeln sich die Blütenpflanzen, und die Säuger breiten sich über die ganze Erde aus. Es ist die Zeit, in der die Alpen und andere Hochgebirge entstehen. … Schon bricht der 31. Dezember an, der Silvestertag, und wir sind immer noch erst im Tertiär. Wenn am Abend mit dem Beginn des Quartärs die Eiszeit einsetzt, treten bald auch die ersten Urmenschen auf. In wenigen Stunden wechseln nun Kalt- und Warmzeiten der Eiszeit einander ab. Um 23 Uhr entdecken die Frühmenschen die Kraft des Feuers. Um 23:55 Uhr malen die Eiszeitmenschen ihre Höhlenbilder und jagen den Höhlenbär und das Mammut. 70 Sekunden vor Mitternacht endet die Eiszeit und beginnt unsere erdgeschichtliche Gegenwart. 30 Sekunden vor Mitternacht werden die Pyramiden in Ägypten gebaut. … Und mit dem ersten Schlag der Neujahrsglocken hat unser drittes Jahrtausend begonnen.“

Von Findlingskreis zu Findlingskreis, von Themenkreis zu Themenkreis führt der Weg. Die Finger gleiten wie von selbst durch Rillen, tasten Ausbuchtungen ab. Manche Steine haben eine glatt geschliffene Oberfläche, andere sind porös, weisen Körnungen auf, Ringe, Einkerbungen, Schrammen, Pocken und Poren, wieder andere fühlen sich samtweich an. Einige sind matt, andere glitzern, glänzen und schimmern mit der diesigen Wintersonne um die Wette, gelb-orange, rot, grau-beige, braun und ocker. Ein Granit mit großen Feldspataugen in perfekter Sitzhöhe lädt für einen Moment zum Verweilen ein. Ein Stück weiter liegt ein Sandstein, nur wenige Zehntausend Jahre alt, ein richtiges Baby noch.

Fiat lux!

Oh, wie ist es kalt geworden! Aber wie gut tut es, endlich mal wieder in grelles Sonnenlicht zu blinzeln!

Die Wiesen haben die Regenfluten der vergangenen Wochen längst noch nicht vergessen.

Auch der Pfad durchs Birkenwäldchen nicht.

Der Moorsee noch nicht einmal die letzte Welle. Noch stiller ist er seither.

Winter ist eindeutig der Fotograf unter den Jahreszeiten. Er gefriert Momente zu Stillleben, bis eine milde Sonne die nächste Bewegung auslöst. Bis dahin ist jeder Baum eine frostige Insel.

Zwei Seelen wohnen…

… ach! in meiner Brust, wusste schon Goethes Faust. Manch eine(r) freut sich, wenn es nicht noch mehr sind. Dass Menschen gelegentlich mehr als einen Schatten werfen, war mir hingegen neu. Entdeckt habe ich es auch erst beim Bildersortieren. Das Foto habe ich vor einem Monat im Eppendorfer Moor aufgenommen – an einem der wenigen strahlenden Tage in diesem trübsten Winter seit 70 Jahren.