Frisch geschlüpft

Hätte sie sich nicht eine so exponierte Stelle ausgesucht, die Libelle wäre unserer Aufmerksamkeit ziemlich sicher entgangen. Vollkommen bewegungslos standen ihre filigranen blassen Flügel in der Luft, die an diesem diesig-feuchten Sonntag im Hamburger Wittmoor ebenfalls den Atem anzuhalten schien. Sie war doch nicht tot? Fasziniert betrachtete ich wohl einige Minuten lang das Szenario am Moorsee. Ich sah – und verstand doch nicht, was ich sah. Selbst als mein Blick auf eine weitere bewegungslose Libelle fiel und ein bräunliches Gebilde darunter, dachte ich nur tumb: Was macht denn die Heuschrecke bei der Libelle? Und wieso ist die Heuschrecke tot?

Erst als ich weitere solcher Libellen-“Heuschrecken“-Paare bemerkte, dämmerte es allmählich: Natürlich! Das waren Larven, die sich gerade zum allerletzten Mal häuteten! Wie ich inzwischen nachgelesen habe, häuten sich Libellenlarven im Laufe ihres Wachstums bis zu siebzehn Mal, die ersten bis zu sechzehn Mal im Wasser. In der Regel dauert das Larvenstadium ein bis zwei Jahre, bei manchen Arten auch deutlich länger. Ganz am Ende geschieht, was ich zuvor noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte: Die Larven suchen sich einen Pflanzenstängel oder einen anderen geeigneten Schlupfplatz am Ufer, ihre Haut platzt, die erwachsene Libelle arbeitet sich heraus, entfaltet die Flügel – und hebt ab. Zurück bleibt die Hülle, die nun nicht mehr nötig ist. Zeuge der Jungfernflüge wurden wir leider nicht. Ich vermute, den Libellen steckte die Anstrengung der Metamorphose noch in den zarten Leibern.

Fisch und Fang

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
ein Fischer saß daran,
sah nach dem Angel ruhevoll,
kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
teilt sich die Flut empor;
aus dem bewegten Wasser rauscht
ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
Was lockst du meine Brut
mit Menschenwitz und Menschenlist
hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie’s Fischlein ist
so wohlig auf dem Grund,
du stiegst herunter, wie du bist,
und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
nicht her in ew’gen Tau?

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
netzt‘ ihm den nackten Fuß;
sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,
wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
da war’s um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
und ward nicht mehr gesehn.

Johann Wolfgang von Goethe: Der Fischer

Es muss an dem ständigen Auf und Ab auf den schmalen Waldpfaden durch das idyllische Billetal gelegen haben, dass mir das in Übermannshöhe an einem Baumstamm befestigte kleine Schild überhaupt auffiel: „Angeln verboten“. Klar, kein Problem, auch wenn sich mir nicht ganz erschloss, an wen sich das luftige Verbot wohl richtete. Die Fische im schleswig-holsteinischen Sachsenwald wird es allemal freuen – und bestimmt auch das Fischweib, dessen Reizen und Werben der fischende Goethe dermaleinst erlag. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin / und ward nicht mehr gesehn.“ Was für eine reiche Quelle für unseren Zitatenschatz sind doch bis heute die Balladen der Herren Goethe und Schiller!

Durch alle Zeiten

Einer japanischen Legende zufolge lebt der Kranich tausend Jahre und ist ein Symbol für Glück und Gesundheit. Wer im Land der Kirschblüten einen gefalteten Kranich verschenkt, wünscht dem Beschenkten damit tausend Jahre Glück und Gesundheit. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich fühle mich jedes Mal ein kleines bisschen glücklicher, wenn ich den heiseren Ruf der Kraniche über mir höre. Gestern begleiteten mich die Glücksvögel im Nienwohlder Moor nahe dem schleswig-holsteinischen Itzstedt auf einer Wanderung durch die Zeiten.

Bei strahlendem Sonnenschein war ich in Hamburg aufgebrochen. Das Moor und die angrenzenden Felder und Wiesen lagen noch am Mittag unter einer wattigen Nebeldecke.

Äcker mündeten ins Leere. Kahle Äste verloren sich im Unendlichen.

Ganz zaghaft begann die Sonne, sich ihren Weg durch die feuchten Schleier zu bahnen. Die eroberten das verlorene Terrain Mal um Mal zurück, doch auch die Sonne gab nicht auf.

Endlich war kein Halten mehr. Gleißendes Licht ergoss sich über die Flur. Die Rohrkolben in ihrem dicken „Pelz“ kamen ordentlich ins Schwitzen.

Auch die Galloways auf der Weide juckte erkennbar das Fell.

Wind- und Wetterkunst

Kennst du das auch? Du läufst irgendwo draußen herum, und von einem Moment auf den anderen bist du mitten in einer Serie? Nicht als Darsteller, nein. Es ist mehr so, dass du plötzlich Muster erkennst, die du zuvor nicht gesehen hast. Mir geht das ziemlich oft so. Ich glaube, meine Augen mögen Strukturen. Am Wochenende zum Beispiel streifte ich über den jüdischen Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf, von dem ich hier schon erzählt habe. Ohne besondere Absicht außer vielleicht der, das herrliche Winterwetter an einem ruhigen Ort zu genießen. Und … zoom! fand ich mich in einer phantastischen Freiluft-Galerie wieder, in der Wind und Wetter die Pinsel geschwungen hatten, dass es eine Lust ist.

Zuerst, so erkannte ich, waren die Formen der Lettern.

Sie bahnten den Farben ihren Weg.

Sie öffneten oder sperrten den schillernden Fluss.

Lang schon floss er hinab, immer hinab.

Mal mehr, mal weniger im Einklang mit der Umgebung. Aber sieh selbst…

Unter Schneeleuten

Juhu, der Wettergott hatte ein Einsehen! Endlich hat es auch in Hamburg geschneit, und wir können auf unseren langen Spaziergängen durch Wälder und Parks zur Abwechslung mal etwas anderes bauen als Unterstände aus herumliegenden Ästen und Zweigen. Zumindest die kleineren Stöckchen werden jetzt nämlich gebraucht, um damit Schneemänner und -frauen zu verzieren. Aber sieh selbst, wer mir heute auf meiner Runde durch den Stadtpark so alles begegnete:

Die Kleine: Immer auf dem P(f)osten.

Der Ahnungslose: Mein Name ist Hase.

Der Bissige: Hier wache ich!

Die Fröhliche: Sunny side up!

Die Betörende: Können diese Augen lügen?

Der Gebeutelte: Das Leben ist kein Ponyhof.

Der Draufgänger: Sex and Drugs and Rock‘n‘Roll.

Die Prinzessin: So weiß wie Schnee, so rot wie Blut…

Der Charmeur: Ich seh‘ dir in die Augen, Kleines.

Der Brummige: Hier ist der Bär los.

Der Baumeister: With a little help from my friends.

Weihnachtsfokus

Vor ein paar Tagen habe ich hier schon einmal mit Goethe Lebenskunst-Quartett gespielt. Der alte Geheimrat wusste, was den Tag zu einem ganz besonderen machen kann: „ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und … einige vernünftige Worte sprechen“.

Heute, am Heiligen Abend, kann das Lied für mich nur Sinéad O‘Connors Version von „Silent Night“ sein. Ihre extrem langsame tiefe Interpretation rührt mich immer wieder zu Tränen, auch weil sie die Hoffnung nährt: Frieden ist möglich. Wenn Engel singen, dann sicher so wie diese irische Musikerin.

Das in der Sammlung „Dir zur Feier“ erschienene Gedicht von Rainer Maria Rilke erinnert mich daran, dass das Leben nicht „entweder oder“ sondern „sowohl als auch“ ist.

Das Leben ist gut und licht.
Das Leben hat goldene Gassen.
Fester wollen wirs fassen,
wir fürchten das Leben nicht.

Wir lieben Stille und Sturm,
die bauen und bilden uns beide:
Dich – kleidet die Stille wie Seide,
mich – machen die Stürme zum Turm…

Statt eines Gemäldes möchte ich heute zwei Skulpturen in den Fokus rücken: die begehbaren „Gesellschaftsspiegel“ des Berliner Künstlers Ólafur Elíasson, die seit dem Herbst den Neuen Wall am Hamburger Rathaus zieren. Mit den überdimensionalen Kaleidoskopen lädt Elíasson Passanten dazu ein, „die unbekannten Möglichkeiten in einer vertrauten Umgebung zu entdecken“. Nichts ist ja nur, was es auf den ersten Blick zu sein scheint…

Vernünftige Worte? Die schönsten flatterten mir mit der Weihnachtspost ins Haus. Es sind die Wünsche meiner Kusine D. für das neue Jahr: „Gesundheit ganz ohne Maske, Querdenken ganz ohne Idioten, sich sehen und in den Arm nehmen ganz ohne schlechtes Gewissen…“

Frohe Weihnachten!

Ein letzter Rausch

Ich weiß nicht, wie viele bunte Blätter du in diesem Herbst schon zu sehen bekommen hast – in der Blogosphäre und im wirklich wahren Leben. Falls es schon (mehr als) genug waren, klick einfach weiter. Wenn nicht: herzlich willkommen zu einem virtuellen Spaziergang am Hohen Elbufer, wo es die Natur am Sonntag noch einmal so richtig krachen ließ!

Bewaldete, steil ansteigende Hänge mit zahlreichen Einschnitten und Tälern prägen diesen Teil des Biosphärenreservats Flusslandschaft Elbe. Entsprechend führt der Weg von Geesthacht-Tesperhude ins zehn Kilometer entfernte Lauenburg munter hügelauf und hügelab. Mal bieten sich von oben weite Blicke auf den Strom, mal begegnet man ihm auf Augenhöhe, nur durch einen Schilfgürtel getrennt.

Es erlt und pappelt, es (brenn-)nesselt und raschelt so licht- und farbtrunken, man mag kaum glauben, dass bereits der halbe November vergangen ist.

In der weihnachtlich geschmückten alten Schifferstadt Lauenburg wartet am Dampferanlegeplatz der unermüdliche bronzene Rufer. An seiner Mütze ist er unschwer als Elbschiffer zu erkennen.

Und weil der Tag so unfassbar herrlich ist, mache ich mich mit der vielleicht allerletzten Eiswaffel dieses Jahres in der Hand gleich wieder auf den Weg zurück nach Tesperhude.

Kaum ist die Sonne hinter den Wolken verschwunden, spürt man: Es ist doch kein Sommer mehr.

Der Schönheit der Landschaft tut das keinen Abbruch.

Auf schlüpfrigem Grund

Böige Winde fegen ums Haus. Im Flur tuscheln die Schirme der Nachbarn. Eine Autostunde später begehen blassblaue Wolken reihenweise Selbstmord zwischen schmutzigbraunen Ackerfurchen.

Schon blicke ich in die Schwarze Kuhle. Moorgewässer tragen die verheißungsvollsten Namen. Grundloser See zum Beispiel. Oder eben: Schwarze Kuhle. „Fest hält die Fibel das zitternde Kind / Und rennt, als ob man es jage; / Hohl über die Fläche sauset der Wind – / Was raschelt drüben am Hage? …“

Die Schwarze Kuhle gehört zum Naturschutzgebiet Salemer Moor im Kreis Herzogtum Lauenburg in Schleswig-Holstein. Der See ist fast vollständig von Wald umgeben. Direkt an das Ufer schließt ein mehrere Meter breiter Schwimmteppich aus Moosen und Gräsern an. Hu! Bloß nicht drauf treten. Es könnte der letzte Schritt sein.

Dann kommt der Wald. Buchen zumeist. Eine scheint sich selbst umarmen zu wollen. Eng presst sie die knotigen Äste an den elefantenhäutigen Stamm. Klamm ist die Luft und die Waldbade-Saison, die auch dem ein oder anderen Baum eine Umarmung eingetragen haben mag, wohl schon vorbei. Kurz raste ich auf einer Bank. Auch ihre Oberfläche ein Teppich aus Moos.

Schwarze Kuhle. Plötscher See. Garrensee. Im Garrensee darf man an drei Stellen baden. Im Sommer ließ ich mir das nicht zweimal sagen. Im Sommer… So lang scheint das her zu sein. Die Sonne brannte vom Himmel und der dunkle See mutete südländisch-licht an. Für ein paar Schritte jedenfalls, bevor sich der Sand unter den Füßen unvermittelt ins Grundlose stürzte und mich mit einem Juchzen in die überraschend kalte Waagerechte.

Um die Ecke ankern riesige neongrüne Baumwurzeln im schlüpfrigen Boden. In liegenden Achten mäandere ich um Seen und Sümpfe, hügelauf und hügelab.

*

Nur Bilder im Kopf dieses Mal. Kommt gut in die neue Woche und bleibt gesund!