700 Kilometer von hier

Die Italienerin hatte es schon vor vielen Jahren in den Norden Europas gezogen. Zuerst nach Deutschland, dann in die Niederlande. Der Arbeit wegen. Der Liebe wegen.

Der Holländer wurde im Westen sozialisiert, wie er sagt. Der Westen, das ist Amsterdam. Und Rotterdam. Da sind sie offener als hier im Norden, findet er. Und optimistischer. Hier im Norden, das ist Groningen.

Die Deutsche, die für ein paar Tage zu Besuch bei den Nachbarn weilt und bisher keinen Anlass hatte, über mangelnde Zugewandtheit zu klagen, schreibt Amsterdam und Rotterdam auf die unendliche Liste (endlich mal wieder) zu besuchender Orte.

Die Argentinierin schüttelt die roten Locken, ein Erbe der niederländischen Mutter, und lacht. Sie ist 700 Kilometer südlich von Buenos Aires groß geworden. Sie sagt das, als handele es sich um einen Vorort.

700 Kilometer von „hier im Norden“, da bist du im übernächsten Land. In Paris. In Basel. In Prag. Oder in London….

Während sie drüben zum x-ten Mal über die x-te Exit-Variante abstimmen und Einigkeit schon lange nur noch im Nein erzielen, klappt die Verständigung auf dieser Seite der Nordsee gut. Die Vier sind längst nicht immer einer Meinung darüber, wie die Welt zu retten sei. Aber sie sprechen eine Sprache. Englisch übrigens.

Werbeanzeigen

Erhalte mich liebenswert

„Oh Herr, Du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.

Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Lehre mich, nachdenklich (aber nicht grüblerisch), hilfreich (aber nicht diktatorisch) zu sein.

Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheit erscheint es mir ja schade, sie nicht weiterzugeben. Aber Du verstehst – oh Herr – dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zum Wesentlichen zu gelangen.

Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu – und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.

Erhalte mich so liebenswert wie möglich. Ich möchte kein Heiliger sein, mit ihnen lebt es sich so schwer, aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken und verleihe mir, oh Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.“

Ich mag kaum glauben, dass diese Zeilen bereits im 16. Jahrhundert geschrieben worden sein sollen, so modern klingen sie in meinen Ohren. Das „Gebet eines älteren Menschen“ wird Teresa von Ávila (1515 – 1582) zugeschrieben, einer spanischen Mystikerin und Karmelitin, die in der katholischen Kirche als Heilige verehrt wird. Ob es nun von ihr oder jemand anderem stammt oder zwar von ihr ist, aber im Laufe der Jahrhunderte sprachlich an die Zeitläufe „angepasst“ wurde, ist am Ende vielleicht zweitrangig. Alte Freunde meiner Eltern schenkten mir kürzlich eine Kopie der klugen Worte. Er ist inzwischen 87, sie unwesentlich jünger. Ab und zu, so erzählten die beiden, lese einer dem anderen das Gebet vor, um sich an seine Botschaft zu erinnern.

Andere Hobbys

An der Längswand des Wohnzimmers stand ein Zweisitzer mit aufrechter Lehne. Davor ein kleiner Tisch. Weder Pflanzen noch Bilder. Die Reste geriebenen Parmesans in der Lade unter dem Küchenherd entpuppten sich auf den zweiten Blick als Sägespäne. Überbleibsel einer bereits vor Jahren gelösten Verpackung. „Wir haben andere Hobbys“, sagte die Frau.

En passant

Tief beugte der Alte am Eingang des Wochenmarkts den Kopf in den Schoß. „Kauf dir mal einen Kaffee“, sagte, vielleicht eine Spur zu laut, der Mittdreißiger, während er fast unmerklich das rechte Knie beugte und eine Münze in die geöffnete Hand vor sich drückte. „Einen schönen Tag dir“, fügte er noch hinzu. Sein Blick hatte längst den eines anderen Passanten gefunden.

Stille. Und. Weite.

Beim Aufräumen stieß sie auf längst vergessene Kinogutscheine. Ein Geschenk des allerbesten guten Freundes, der nun schon so lange fehlte. Die junge Frau an der Kasse lächelte: „Kein Problem. Bei uns verfallen die Gutscheine nicht.“ Als sie den großen Saal betrat, war sie allein. Um sie herum ein Meer aus rotem Samt. Es kamen dann noch vier andere. Schauten sich um. Wählten ruhig und bestimmt ihren Platz. Kein Husten. Kein Rascheln. Kein Popcorn. „Zeit für Stille“. Eineinhalb Stunden lang.

Anderntags tauschte sie einen weiteren vergessenen Gutschein ein. Für Weite dieses Mal: „Die Geschichte von einem Weg um die Welt“. Seltsamerweise fühlte sich das kleine Kino kein bisschen eng an. Dreieinhalb Jahre war das sympathische Paar aus dem Schwarzwald unter-weg-s. Dreieinhalb Jahre Begegnungen mit anderen Menschen und Kulturen. Dreieinhalb Jahre Begegnungen mit sich selbst und der eigenen Herkunft.

Während sie durch die gar nicht stille regennasse Stadt nach Hause stapfte, dachte sie an eigene Wege, an eigene Begegnungen in der Welt. Dachte an den allerbesten guten Freund. Und an den alten Kämpfer und die alte Königin in ihrem Exil, die immer da gewesen waren, wenn auch zuletzt immer weniger. In letzter Zeit hatte sie nicht oft das Gefühl, dass alles gut war, wie es war. Für einen Moment war so ein Moment.

Bahndämme und Auen

Weite Strecken ihrer Kindheit schien sie am Bahndamm und an der Aue verbracht zu haben, die unter der Bahnbrücke dem großen Fluss zuströmte. Am einen Ende ihrer Welt lag das Kastanienwäldchen, am anderen der Mühlenteich. Im Wäldchen hatte sie zusammen mit dem Nachbarsjungen ihre erste heimliche Zigarette geraucht. Da ging sie gerade zur Schule. Auf dem Teich war sie Winter für Winter Schlittschuh gelaufen, manchmal auch auf den überschwemmten und zugefrorenen Wiesen der Aue. Da musste man aufpassen, dass man nicht gegen die Pappeln am Rand lief. Winter, das hieß für sie auch: dauerverstauchte Handgelenke wegen der vielen Stürze. Als sie älter war, war sie am Bahndamm spazieren gegangen, mit der Freundin und den Söhnen des Bürgermeisters. Beste Freundinnen und Zwillingsbrüder, das passte. Vielleicht hatten die Mädchen die selbstgenähten langen Röcke getragen, dunkelblau mit weißen Blüten. So wie die kleinen Sterne, die am Ufer der Aue wuchsen, an der sie gerade Rast machte. Eine andere Aue unter einer anderen Bahnbrücke. Same same but different.

Afrikanisches Erbe

Als sie von Äthiopien erzählte, wurde der alte Mann ganz aufmerksam. Vergessen waren die Klagen über den beschwerlich gewordenen Alltag. Als sei es gestern gewesen, fiel das faschistische Italien in das ostafrikanische Kaiserreich Abessinien ein. 1935 war das, der alte Mann noch ein Junge. Am Radio verfolgte er, wie die Ras, die abessinischen Fürsten, abgeschlachtet wurden. Hunderttausende sollten ihnen folgen, bis das Land endlich von britischen und abessinischen Truppen befreit wurde. Dem alten Mann blieb die Erinnerung an die Ras und eine Empörung, die in 80 Jahren nicht schwächer geworden zu sein scheint.

Von dort war es nur ein Sprung bis zu Afrika-Meyer. Den nannten sie so, um ihn von den anderen Meyer im Ort zu unterscheiden: Von Kanonen-Meyer, dessen Söhne ständig in irgendwelche Schlägereien verwickelt waren. Von Meyer 13, der so viel Pech hatte. Afrika-Meyer, erzählte der alte Mann, war unter Lettow-Vorbeck an der Niederschlagung des Herero-Aufstands im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika beteiligt gewesen, dem ersten Völkermord im noch jungen 20. Jahrhundert. Meyer sprach nicht über die Zeit. So viel weiß der alte Mann noch.

Allerlei Lachen

„Mama, ich hab dich lieb“, rief die Kleine, den Oberkörper auf dem Fahrrad leicht nach hinten gedreht. „Ich dich auch“, antwortete eine der Frauen, schon halb wieder den Freundinnen in der Kinderwagen-Phalanx zugewandt. „Was willst du?“ Ein paar Meter weiter radelte die Kleine dem Begleithund in die Hinterpfoten. Verlegen kichernd drehte sie sich zu den Frauen um. „Fräuleinchen“, rief, sichtlich erbost, die Mutter. „Was war das denn? Den Hund anzufahren ist das eine. Aber dann auch noch zu lachen!“ Die Kleine konnte gar nicht mehr aufhören damit.

*

Auf der Bank vor der Apotheke saß wie so oft der Mann mit dem Stoffhund im Arm und verschenkte freigebig das wahrscheinlich schönste Lächeln im Stadtteil.

Fiktive Welten

„Was ist eigentlich Fiktion?“, wollte S. wissen. S. kam vor wenigen Jahren aus Afghanistan nach Hamburg und spricht inzwischen bemerkenswert gut Deutsch.

In der Gesprächsgruppe für MigrantInnen und Flüchtlinge hatten wir gerade lange über die Bedeutung von zwei Sätzen nachgedacht. Der eine stammt von dem amerikanischen Automobilproduzenten Henry Ford: „Ob du denkst, du kannst es, oder du kannst es nicht: Du wirst auf jeden Fall Recht behalten.“ Der Verfasser des anderen ist (mir) nicht bekannt: „Nicht weil es zu schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es zu schwer.“ Das Gespräch war lebhaft gewesen und wir hatten einige Beispiele zusammengetragen, wie unser Denken unser Handeln bestimmt und wie toll es sich anfühlt, wenn man seine Angst besiegt hat.

Jetzt also wollte S. wissen: „Was ist eigentlich Fiktion?“ Super, dachte ich, nach der Philosophiestunde gleich noch eine Runde Literatur! Ich hielt einen Mini-Vortrag, den man unter die Überschrift „Dichtung und Wahrheit“ stellen könnte und in dem die Worte „ausgedacht“ und „wirklich passiert“ tragende Rollen spielten. S.’ Gesichtsausdruck wurde immer skeptischer. Am Ende zog er ein Stück Papier mit einem Stempel darauf aus der Tasche. „Fiktionsbescheinigung“ stand ganz oben. Was für ein feiner Kandidat für eine Fortschreibung von Mark Twains Sammlung über „Die Schrecken der deutschen Sprache“! Das Papier, sagte S., müsse er wie einen Pass vorzeigen. Was eine Bescheinigung ist, weiß er natürlich. Und ich weiß spätestens jetzt, dass Theorien, die Fiktion im Gegensatz zu Wahrheit und/oder Realität verorten, gelegentlich selbst eine Fiktion sind.

P.S. Eine so genannte „Fiktionsbescheinigung“ ist ein Titel aus dem Aufenthaltsrecht. Sie wird von der Ausländerbehörde benutzt, um die Zeit zu überbrücken, in der die Behörde nicht über einen Antrag z.B. auf Verlängerung einer Aufenthaltserlaubnis entscheiden kann oder will. Die eigentlich abgelaufene Erlaubnis gilt dann bis zur Entscheidung der Ausländerbehörde weiter.