Mit Abstand am besten

Heute hat mich mein Cousin C. angerufen. C. ruft immer an, wenn es etwas Wichtiges (zu sagen) gibt. Er ruft an meinem Geburtstag an, zu Weihnachten und auch zu Ostern. Und zwischendurch, wenn er findet, dass er schon viel zu lange nichts von mir gehört hat oder mir erzählen will, was er gerade gemacht hat. Ich gehöre zu C.’s „Peergroup“. Und wer dazu gehört, um den muss man sich kümmern. Nein, falsch: nicht muss, um den kümmert man sich, weil es einem ein Bedürfnis ist. Heute rief C. an, weil er mir sagen wollte, dass wir uns jetzt alle besonders gründlich die Hände waschen müssen und uns nicht zu nahe kommen dürfen und dass wir die meiste Zeit zu Hause bleiben müssen. Die Hände hat er sich schon immer gründlich gewaschen, versicherte mir C. Was ihm aber richtig schwerfällt, ist, dass er jetzt nicht mehr schwimmen gehen darf. Das tut er schon, seit er ein kleiner Junge war. Seit mehreren Jahren schwimmt C. jeden Montag, Mittwoch und Sonntag, außer er ist krank, oftmals, bis der Bademeister ihm sagt, dass er jetzt mal langsam Schluss machen soll. Beim Schwimmen tankt C. Energie – und er baut überschüssige Energie ab. C. mag es, wenn sein Leben regelmäßig ist und vorhersehbar. Er braucht feste Strukturen, und die meisten Überraschungen findet er gar nicht gut. C. hat bei seiner Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen. Seither ist er geistig behindert. Oje, sagte ich zu ihm, das ist ja richtig blöd, dass du jetzt eine Weile nicht schwimmen gehen kannst! Ja, sagte C., aber das ist wichtig, damit die alten und kranken Menschen nicht sterben.

Memory, kreativ

Die junge Syrerin deckt ein Kärtchen mit einem Löwenbaby und ein zweites mit einem Löwenrudel auf, strahlt und legt sie zu ihren Paaren. Halt, ruft jemand, die sind doch nicht gleich! Aber Geschwister, triumphiert Maryam.

Kreativität ist die Fähigkeit, sinnvolle, aber unübliche Kombinationen zu finden. Eine andere, sehr gebräuchliche Definition lautet: Kreativität ist die Fähigkeit, produktiv gegen bestehende Regeln zu denken und zu handeln.

Verhältnismäßig

„Wie verhält sich eigentlich Tiroler Gewürzbrot zu Roggensaft Natur?“ Der alte Bäckermeister schaut perplex aus dem Kittel. Ich wette, über diese Frage hat er im Leben noch nicht nachgedacht. Mir will sie gar nicht mehr aus dem Kopf. Seit meinem Besuch auf dem Wochenmarkt sinne ich immer mal wieder über das potenzielle Verhältnis zweier Brotsorten zueinander nach. Irgendwie passiv nachbarschaftlich, schoss mir, noch am Ort der Fragestellung, durch den Kopf. So von Regalbrett zu Regalbrett. Oder meinetwegen auch aufgeschnitten Seit’ an Seit’ im Brotkorb. Ich bevorratete mich mit einem halben Laib Roggensaft Natur. Inzwischen kann ich immerhin so viel sagen: Das Brot ist trotz des Namens der eher trockene Typ  – und es verhält sich angenehm zurückhaltend zu dem ausdrucksstarken Greyenzer vom Stand nebenan. Wer weiß, mit dem würzigen Nachbarn hätte es womöglich Probleme gegeben…

*

Die alte Dame möchte ihr Kartoffelbrot geschnitten. „6,5 Millimeter“, sagt sie. Ist das nun verhältnismäßig dünn oder dick? „Sie wissen aber, was sie wollen!“ Die Bäckereifachverkäuferin schmunzelt. „Ich weiß immer, was ich will“, antwortet die alte Dame. „Und ich kriege es auch.“ Sie verzieht absolut keine Miene.

700 Kilometer von hier

Die Italienerin hatte es schon vor vielen Jahren in den Norden Europas gezogen. Zuerst nach Deutschland, dann in die Niederlande. Der Arbeit wegen. Der Liebe wegen.

Der Holländer wurde im Westen sozialisiert, wie er sagt. Der Westen, das ist Amsterdam. Und Rotterdam. Da sind sie offener als hier im Norden, findet er. Und optimistischer. Hier im Norden, das ist Groningen.

Die Deutsche, die für ein paar Tage zu Besuch bei den Nachbarn weilt und bisher keinen Anlass hatte, über mangelnde Zugewandtheit zu klagen, schreibt Amsterdam und Rotterdam auf die unendliche Liste (endlich mal wieder) zu besuchender Orte.

Die Argentinierin schüttelt die roten Locken, ein Erbe der niederländischen Mutter, und lacht. Sie ist 700 Kilometer südlich von Buenos Aires groß geworden. Sie sagt das, als handele es sich um einen Vorort.

700 Kilometer von „hier im Norden“, da bist du im übernächsten Land. In Paris. In Basel. In Prag. Oder in London….

Während sie drüben zum x-ten Mal über die x-te Exit-Variante abstimmen und Einigkeit schon lange nur noch im Nein erzielen, klappt die Verständigung auf dieser Seite der Nordsee gut. Die Vier sind längst nicht immer einer Meinung darüber, wie die Welt zu retten sei. Aber sie sprechen eine Sprache. Englisch übrigens.

Erhalte mich liebenswert

„Oh Herr, Du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.

Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Lehre mich, nachdenklich (aber nicht grüblerisch), hilfreich (aber nicht diktatorisch) zu sein.

Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheit erscheint es mir ja schade, sie nicht weiterzugeben. Aber Du verstehst – oh Herr – dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zum Wesentlichen zu gelangen.

Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu – und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.

Erhalte mich so liebenswert wie möglich. Ich möchte kein Heiliger sein, mit ihnen lebt es sich so schwer, aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken und verleihe mir, oh Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.“

Ich mag kaum glauben, dass diese Zeilen bereits im 16. Jahrhundert geschrieben worden sein sollen, so modern klingen sie in meinen Ohren. Das „Gebet eines älteren Menschen“ wird Teresa von Ávila (1515 – 1582) zugeschrieben, einer spanischen Mystikerin und Karmelitin, die in der katholischen Kirche als Heilige verehrt wird. Ob es nun von ihr oder jemand anderem stammt oder zwar von ihr ist, aber im Laufe der Jahrhunderte sprachlich an die Zeitläufe „angepasst“ wurde, ist am Ende vielleicht zweitrangig. Alte Freunde meiner Eltern schenkten mir kürzlich eine Kopie der klugen Worte. Er ist inzwischen 87, sie unwesentlich jünger. Ab und zu, so erzählten die beiden, lese einer dem anderen das Gebet vor, um sich an seine Botschaft zu erinnern.

Andere Hobbys

An der Längswand des Wohnzimmers stand ein Zweisitzer mit aufrechter Lehne. Davor ein kleiner Tisch. Weder Pflanzen noch Bilder. Die Reste geriebenen Parmesans in der Lade unter dem Küchenherd entpuppten sich auf den zweiten Blick als Sägespäne. Überbleibsel einer bereits vor Jahren gelösten Verpackung. „Wir haben andere Hobbys“, sagte die Frau.

En passant

Tief beugte der Alte am Eingang des Wochenmarkts den Kopf in den Schoß. „Kauf dir mal einen Kaffee“, sagte, vielleicht eine Spur zu laut, der Mittdreißiger, während er fast unmerklich das rechte Knie beugte und eine Münze in die geöffnete Hand vor sich drückte. „Einen schönen Tag dir“, fügte er noch hinzu. Sein Blick hatte längst den eines anderen Passanten gefunden.

Stille. Und. Weite.

Beim Aufräumen stieß sie auf längst vergessene Kinogutscheine. Ein Geschenk des allerbesten guten Freundes, der nun schon so lange fehlte. Die junge Frau an der Kasse lächelte: „Kein Problem. Bei uns verfallen die Gutscheine nicht.“ Als sie den großen Saal betrat, war sie allein. Um sie herum ein Meer aus rotem Samt. Es kamen dann noch vier andere. Schauten sich um. Wählten ruhig und bestimmt ihren Platz. Kein Husten. Kein Rascheln. Kein Popcorn. „Zeit für Stille“. Eineinhalb Stunden lang.

Anderntags tauschte sie einen weiteren vergessenen Gutschein ein. Für Weite dieses Mal: „Die Geschichte von einem Weg um die Welt“. Seltsamerweise fühlte sich das kleine Kino kein bisschen eng an. Dreieinhalb Jahre war das sympathische Paar aus dem Schwarzwald unter-weg-s. Dreieinhalb Jahre Begegnungen mit anderen Menschen und Kulturen. Dreieinhalb Jahre Begegnungen mit sich selbst und der eigenen Herkunft.

Während sie durch die gar nicht stille regennasse Stadt nach Hause stapfte, dachte sie an eigene Wege, an eigene Begegnungen in der Welt. Dachte an den allerbesten guten Freund. Und an den alten Kämpfer und die alte Königin in ihrem Exil, die immer da gewesen waren, wenn auch zuletzt immer weniger. In letzter Zeit hatte sie nicht oft das Gefühl, dass alles gut war, wie es war. Für einen Moment war so ein Moment.

Bahndämme und Auen

Weite Strecken ihrer Kindheit schien sie am Bahndamm und an der Aue verbracht zu haben, die unter der Bahnbrücke dem großen Fluss zuströmte. Am einen Ende ihrer Welt lag das Kastanienwäldchen, am anderen der Mühlenteich. Im Wäldchen hatte sie zusammen mit dem Nachbarsjungen ihre erste heimliche Zigarette geraucht. Da ging sie gerade zur Schule. Auf dem Teich war sie Winter für Winter Schlittschuh gelaufen, manchmal auch auf den überschwemmten und zugefrorenen Wiesen der Aue. Da musste man aufpassen, dass man nicht gegen die Pappeln am Rand lief. Winter, das hieß für sie auch: dauerverstauchte Handgelenke wegen der vielen Stürze. Als sie älter war, war sie am Bahndamm spazieren gegangen, mit der Freundin und den Söhnen des Bürgermeisters. Beste Freundinnen und Zwillingsbrüder, das passte. Vielleicht hatten die Mädchen die selbstgenähten langen Röcke getragen, dunkelblau mit weißen Blüten. So wie die kleinen Sterne, die am Ufer der Aue wuchsen, an der sie gerade Rast machte. Eine andere Aue unter einer anderen Bahnbrücke. Same same but different.