Zum Meer. Zur Ruh.

Woher?
Vom Meer.
Wohin?
Zum Sinn.
Wozu?
Zur Ruh.
Warum?
Bin stumm.

Klabund (1890 – 1928)

Ohne Regung liegt die Bucht. Himmel und Meer scheinen untrennbar miteinander verbunden zu sein. Jeder Atemlaut übertönt den Wind.

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Ich sehe Katzen…

Nicht so, wie andere Leute weiße Mäuse, nein, nein. Aber in letzter Zeit doch ziemlich oft und manchmal auch eine ganze Menge.

Neulich in Flensburg zum Beispiel. Kein Lichtstrahl schaffte es durch die einheitsgraue Wolkendecke, aus der pausenlos nur leicht angefrorener Schnee graupelte. Keinen Hund würde man bei so einem Wetter vor die Tür jagen. Aber Katzen brauchen es offenbar nicht so „hyggelig“, um mit den Experten in Sachen Gemütlichkeit von der anderen Seite der Grenze zu sprechen.

Mindestens zehn Samtpfoten (genauer: deren Träger) zählte ich allein in der Norderstraße. Die ist eigentlich nicht für ihre Katzen sondern für ihren Reichtum an ausgelatschten Schuhen bekannt, die an Drähten über den Häuptern der Passanten baumeln.

Olle Sneakers über die Straße zu schleudern, bis sie hängen bleiben, ist in der Flensburger Innenstadt Kult. Angefangen hat der Spaß einst nach feuchtfröhlichen Disco-Nächten. Die Disco gibt es längst nicht mehr, das Event ist geblieben.

Und jetzt ziehen (respektive streifen) auch noch Katzen um die Häuser. In Durchgängen, an Hausecken, auf Treppen drücken sie sich herum und lassen nicht nur Kinderherzen höher schlagen. Immer mal wieder setzt „N.M.“ ein neues Kätzchen aus, vermeldet der Flensburger Straßenfunk – mit Vorliebe nachts, wenn alles schläft…

Am eisblauen Meer

Während der Himmel über Hamburg allmählich eingrisselt, beame ich mich bei einem Pott Tee der Marke „Elfentraum“ zurück an die Ostsee, auf die Halbinsel Holnis. Ich habe das Naturschutzgebiet im Westen der Flensburger Förde neulich von Glücksburg aus umwandert. Es war ein so strahlend blauer Tag, dass ich nicht einen einzigen Kilometer im Auto oder Bus zurücklegen mochte. Man kann einen Rundgang aber sehr gut auch am Leuchtturm in Schausende oder am Fährhaus an der Ostseite beginnen – man verpasst keines der Highlights und spart einige Kilometer Fußmarsch.

Gleich hinter dem Leuchtturm öffnet sich ein Lebensraum, den es so an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste nur noch selten gibt: das Kleine Noor. Noore sind verlandete Meeresbuchten, die durch Bildung von Strandwällen nach und nach von der Förde, die ja selbst nicht anderes ist als eine (größere) Meeresbucht, getrennt wurden. Bis Anfang des vergangenen Jahrhunderts gab es zwischen dem Noor und der Ostsee noch eine offene Verbindung, die dann abgedeicht wurde. Das Noor wurde leergepumpt und es entstanden landwirtschaftliche Nutzflächen. 1995 kaufte die Stiftung Naturschutz den gesamten Bereich in der Absicht, den Deich an einigen Stellen zurückzubauen, um wieder einen natürlichen Einfluss des Meeres zu ermöglichen. Im Herbst 2002 setzte die Natur zum Überholmanöver an: Die Ostsee überflutete den Deich, es entstand eine mehrere Hektar große, von Brackwasser überstaute Fläche. Über den neuen Durchlass zur Ostsee führt nun eine Brücke.

Kaum hat man die hinter sich gelassen, fällt der Blick auf das Holnisser Kliff, das durch tektonische Verschiebungen während der letzten Eiszeit enstanden ist – und auf Berge von roten und gelben Ziegelsteinen am Strand. Wie auf der dänischen Seite gegenüber gab es auf der Halbinsel früher einige Ziegeleien. Mit dem Rückzug der Gletscher entstanden riesige Eisstauseen. Im ruhigen Wasser konnte sich das feine Sediment absetzen und mächtige Lehm- und Tonschichten bilden. Die Ziegelei Holnishof, von der die hier abgebildeten Ziegel stammen, war bis 1964 in Betrieb.

Auf der Steilküste lohnt es sich, einen Augenblick zu verharren. Bei guter Sicht kann man die gesamte Förde überblicken: das Noor auf der einen, die Salzwiese auf der anderen Seite, Dänemark natürlich, das von drei Seiten ganz nah ist, und weit im Osten vielleicht sogar das offene Meer…

Aber erst einmal führt der Weg weiter hinauf in den schattigen Norden. Eisblau ruht der Himmel über eisblauer See.

Nur ein paar Schritte sind es bis zu der Stelle, wo 1850 ein Flensburger Seemann seine letzte Ruhestätte fand. Da er an Cholera erkrankt war, wurde seinem Schiff auf dem Rückweg von Westindien die Einfuhr nach Flensburg verwehrt. Der Seemann starb an Bord und wurde von seinen Kameraden in aller Stille am Strand begraben. Ungefähr aus der selben Zeit datiert das (weniger fotogene) Soldatengrab auf der Ostseite von Holnis, das an eine See- und Landschlacht mit Dänemark und an den dänischen Soldaten erinnert, der damals auf seinem Schiff erschossen und ebenfalls am Strand begraben wurde.

Zwischen den beiden Gräbern lohnt ein „Boxenstopp“ im Fährhaus, das während meiner Wanderung leider noch Winterpause hatte. Von hier startete einst die Fähre, die Holnis mit dem dänischen Fördeufer verband. Schon im 13. Jahrhundert nutzten die Mönche vom Kloster Rude auf dem Gebiet des heutigen Glücksburg den kurzen Weg über das Wasser, um ihre Besitztümer auf Sundewitt und Broagerland zu erreichen. 1875 fand die letzte Personenüberfahrt statt. Ein Stück weiter treiben zwei Reiter beherzt ihre Pferde in die eiskalten Fluten, als hätten sie vor, ans gegenüberliegende Ufer zu reiten.

Ein Schloss, ein Wort

So viele Arten gibt es, Moin! zu sagen. Kurz und entschieden grüßt der Hamburger: Moin!

Zweisilbig, leicht singend begegnen sich die Menschen an der Flensburger Förde: Mo-oin! Zwischen den Silben vergeht eine kleine Ewigkeit, die von großer Gelassenheit spricht. Wo du so gegrüßt wirst – und es grüßt wirklich fast jeder –, da lass dich nieder.

Auch jenseits der Grenze, im südlichen Dänemark, sagt man: Mojn! Nach der Abtretung Nordschleswigs 1920 an Dänemark, lese ich bei Wikipedia nach, wurde im Land ein Mojn-Verbot gefordert; noch in den 1960er Jahren hieß es dort im süddänischen Dialekt „Mojn er forbojn“ („Moin ist verboten“).

Gelegentlich ist der Ganztagsgruß hier im Norden auch doppelt zu hören: Moin Moin! Bei so viel Geschwätzigkeit denke ich automatisch an den Witz von den beiden Anglern. Der eine brachte einen Bekannten mit, der zur Begrüßung freundlich Moin! sagte. Zum Abschied, am Ende eines langen stillen Tages, sagte der andere Angler zu seinem Kumpel: „Den Sabbelbüdel bruks nich wedder mitbringen.“ („Den Schwätzer brauchst du nicht wieder mitzubringen.“)

In diesem Sinne: Moin!

So viele Arten gibt es, Moin! zu sagen. So viele, ein Schloss zu sehen. An einem eisblauen Sonnentag in Glücksburg. „Hoffentlich war das nicht schon unser Sommer“, sagt mit norddeutschem Humor die Hotelbetreiberin.

Upside down

Licht und Spiegel verwandeln die Eingangs-Rotunde der Kunsthalle Schirn in Frankfurt in eine begehbare Installation (und die Fotografin vorübergehend in ein Insekt). Die Arbeit „[dis]connect” von Philipp Fürhofer wurde im Rahmen der Ausstellung „Diorama. Erfindung einer Illusion” in Auftrag gegeben. Noch bis zum 25. Februar ist Gelegenheit zum Spiel mit der Perspektive.

Woher der Wind weht

Kann sein, meine Friseurin ist norddeutscher als ich. Seit ich sie kenne, verbringt sie ihre Urlaube an der Ostsee, meist in Schleswig-Holstein, mit Vorliebe auf Fehmarn. Sie war auch schon im Klützer Winkel und auf dem Darß, aber beides mochte sie nicht so. Weil man da nicht so weit gucken kann, sagt sie.

Ich muss wohl ein bisschen blöde (aus der Wäsche) geguckt haben, jedenfalls fügte sie noch hinzu: „Naja, nicht nach allen Seiten eben.“ Stimmt. Wenn man sich umdreht, vom Wasser weg, guckt man in Mecklenburg-Vorpommern oft gegen Bäume.

Der Wald direkt an Stränden und Steilufern ist ja gerade das Besondere an diesem Abschnitt der Ostseeküste. Ja, nickt die Friseurin, schon klar, aber sie fühle sich mit den vielen Bäumen im Rücken halt irgendwie eingeengt.

Dass man an den Küsten von Nord- und Ostsee schon am Montag sehen könne, wer am Sonntag zum Kaffee kommt, ist natürlich eine böswillige Übertreibung süddeutscher Urlaubsgäste, aber das Bedürfnis nach Weite, das ja viel mehr ist als der Wunsch danach, das saugt der typische Norddeutsche wohl tatsächlich bereits mit der Muttermilch auf.

Mag sein, dass meine Friseurin ein bisschen stärker gesaugt hat als ich. Denn mich begeistern all die Nadel-, Laub- und Mischwälder an den Küsten Mecklenburgs und Vorpommerns: der Gespensterwald in Nienhagen ebenso wie die bizarr geformten Windflüchter am Darßer Weststrand, der Buchenwald auf Rügens Kreidefelsen ebenso wie der Usedomer Küstenwald.

Die Fotos dieses Beitrags habe ich von einem Ausflug in den wilden Westen des Darß mitgebracht, der an einem sonnigen Wintertag beinahe etwas Südseeflair gewinnt – sobald der Wind die Wolken aufs weite Meer hinausgepustet hat.

Und immer die Wüste

Die ewige Liebe segne dich.
Sie erfülle deine Füße mit Tanz
und deine Arme mit Kraft.
Sie erfülle dein Herz mit Zärtlichkeit
und deine Augen mit Lachen.
Sie erfülle deine Ohren mit Musik
und deine Nase mit Wohlgerüchen.
Sie erfülle deinen Mund mit Jubel
und dein Herz mit Freude.
Sie schenke dir immer neu die Gnade der Wüste.
Stille, frisches Wasser und neue Hoffnung.
Sie gebe uns allen neu die Kraft,
der Hoffnung ein Gesicht zu geben.
Es segne dich die ewige Liebe.

Irischer Segensspruch

„Die Gnade der Wüste“: Wenn du schon einmal dort warst, wirst du das Bild verstehen. Nach Schreiben ist mir in diesen Tagen nicht so sehr, aber ein paar Bilder gebe ich dir gern mit auf den Weg in das noch junge Jahr. Ich habe sie im November in Marokko, unweit der algerischen Grenze, aufgenommen. Vor einem Jahr war ich in der Gegend schon einmal Teil einer Karawane gewesen, hatte mich in die wunderbaren Dromedare verliebt, die uns tagelang geduldig durch Geröll und Sandmeere begleiteten, und die Weite und Stille genossen, die uns umgab. In den alten Beiträgen findest du die passenden Worte auch zu den neuen Bildern.

Zarte Geflechte

häng deine luft an die ohrringe der häuser
oder an die reste der preisungen
du bist beladen mit meer
deine tiefe ist blau
deine feuchte hand
ist rausch
oder
ist nicht

Mohammed Bennis: Ohrringe

Aus: „Die Farbe der Ferne“, Moderne arabische Dichtung, herausgegeben und übersetzt von Stefan Weidner, München 2000

„Auf Reisen gleichen wir einem Film, der belichtet wird. Entwickeln wird ihn die Erinnerung“, schrieb Max Frisch. Meine Erinnerung hat gerade offenbar das Bedürfnis zu ordnen: im vergangenen Beitrag geometrische Formen, in diesem allerlei Filigranes – Altes und Neues, von drinnen und draußen, immer noch aus Marokko. Kommt gut ins neue Jahr!

Ein Kreis ist ein Kreis

Ein Dreieck hat drei Ecken. Ein Quadrat hat vier Ecken. Ein Rechteck auch. Ein Kreis hat gar keine Ecken. Das nennt man Geometrie.

Geometrie kann sehr sinnlich sein.

Sie passt unter Umständen sogar zu Turnschuhen und Schlappen.

Manchmal verbindet sie sich mit Ranken und kalligrafischen Inschriften. Das nennt man islamische Kunst.

Wie kann etwas so strukturiert streng sein…

… und gleichzeitig so verspielt?

Ob das immer so weiter geht?

Was mag die Schöne in all der Pracht sehen? Wirklich nur sich selbst? Fragen über Fragen…