Dialog der Geborgenheit

„Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.“

Rainer Maria Rilke: Zum Einschlafen zu sagen (Das Buch der Bilder)

*

„Ich lag, ein kleines Kind, in meiner Mutter Schoße / Und spielte, still entzückt, mit Lilie und Rose, / Und, von dem Duft berauscht, versank ich allgemach / In Schlummer, lind und süß, wie jener Maientag.

Ich lag auch noch im Traum in meiner Mutter Schoße / Und spielte, wie vorher, mit Lilie und Rose, / Und sah, wie Ros’ auf Ros’ dem Himmel sanft entquoll, / Indes die Erde leis zum Lilienbeet erschwoll.

Ach rings nun, statt der Welt, nur Lilie und Rose, / Dazu der Mutter Blick und ihres Hauchs Gekose! / Selbst in der Seele war kein andres Bild mehr da, / Ich wusste nur von dem, was rings mein Auge sah.

Ich lag erwachend noch in meiner Mutter Schoße, / In Händen hielt ich fest die Lilie und die Rose, / Die Mutter, über mich gebeugt, sah still mich an; / O einz’ge Stund’, wo Traum und Sein in Eins zerrann!“

Friedrich Hebbel: Leben und Traum

Das Bild „Maria mit dem schlafenden Kind“ hat um die Mitte des 15. Jahrhunderts herum der italienische Maler und Grafiker Andrea Mantegna geschaffen. Ich habe es in der Ausstellung „Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance“ in der Berliner Gemäldegalerie fotografiert, wo ausdrücklich dazu eingeladen wird, seine Eindrücke in Wort und Bild zu teilen. Andrea Mantegna und Giovanni Bellini waren Freunde, Schwäger und Konkurrenten. Sie haben sich gegenseitig inspiriert und kopiert. In Berlin wird das eng miteinander verwobene Schaffen der beiden Künstler in Kooperation mit der Londoner National Gallery und dem British Museum erstmals in einer Ausstellung präsentiert – noch bis zum 30. Juni.

Mantegna gilt als der Rationalere von beiden, der gern mit perspektivischen Verkürzungen experimentierte, während es Bellini primär um das reine Gefühl ging. Vor diesem Hintergrund sticht Mantegnas „Maria mit dem schlafenden Kind“, dem ein Mangel an Gefühl gewiss nicht vorzuwerfen ist, doppelt hervor. Für mich ist es eines der schönsten Bilder der Ausstellung.

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Ein besonderer Friedhof

Sehr lebendig kam mir dieser Ort vor, was bei einem Friedhof ja nicht unbedingt selbstverständlich ist. Lebendig nicht etwa, weil so wahnsinnig viele Menschen dort gewesen wären, abgesehen mal von dem gut besuchten Café am Eingang, das auf einem Friedhof ja auch nicht gerade gewöhnlich ist. Sondern eher, weil auf dem gesamten Gelände eine besonders warme Atmosphäre herrschte. Und das lag bestimmt nicht nur an der Sonne, die an diesem Nachmittag so schön schien und Schattenmuster auf die Wände der benachbarten Gebäude malte.

Der Alte St. Matthäus-Kirchhof an der Großgörschenstraße am Rande von Berlin-Schöneberg wurde schon Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt. Künstler, Musiker und Wissenschaftler, aber auch erfolgreiche Unternehmer des 19. und frühen 20. Jahrhunderts fanden hier ihre letzte Ruhe – die Brüder Wilhelm und Jacob Grimm ebenso wie der Mediziner Rudolf Virchow.

Aber auch die Grabstätte des Vereins Denkmal Posithiv zur Erinnerung an Berliner, die an Aids gestorben sind, befindet sich hier. Und der Garten der Sternenkinder, in dem die sicher mit Freuden spielen würden, so liebevoll ist er gestaltet.

Herrliche alte Wandgräber und Mausoleen schmücken diese Oase der Ruhe mitten in der Großstadt. Bänke und vereinzelt auch Stühle laden zum Verweilen ein. Grabsteine erzählen Geschichten. Auf manchen stehen nur ein, zwei Worte: „Mutter“ oder „Unser Omchen“. Auf einigen Gräbern liegen Steine, auf anderen wachsen grüne Bettdecken.

Auf einem Grabstein entdeckte ich sogar einen eingeschweißten Stracciatella-Rührkuchen. Wie gesagt: Es waren gar nicht so viele Menschen auf dem Friedhof an diesem Nachmittag, aber es sah ganz so aus, als ob regelmäßig welche kommen.

Lichträume

Wer James Turrells Ganzfeld „Aural“ im Jüdischen Museum Berlin betritt, erfährt am eigenen Leib, welche Kraft von weichem Licht ausgehen kann. Kaum noch als Raum auszumachen ist die Installation des amerikanischen Lichtkünstlers in einem temporären Bau im Garten des Museums. Am ehesten erinnert sie an eine Landschaft im Nebel oder im Schnee. Vielleicht auch an eine Traumsequenz. Linien verschwimmen. Das Auge muss ohne den gewohnten Halt auskommen. Der Boden unter den Füßen beginnt zu schwanken. Einzelne Besucher stehen schwarzschattig im scheinbar zweidimensionalen Feld. Dass sie stehen, dass ich stehe, weiß ich mehr als dass ich es sehe. Was ich sehe, ist: Weiß, Magenta, Blau, Rot… Mal mit offenen, mal mit geschlossenen Augen. Ein Bild von dem Kunstwerk kann ich hier leider nicht zeigen, der Fotoapparat musste in der Tasche bleiben. Wer sich selbst ein Bild machen will, hat dazu noch bis zum 6. Oktober Gelegenheit. Oder wirft einen Blick auf die Website des Museums.

Mitgebracht habe ich stattdessen Fotos aus dem Keller des Zick-Zack-Anbaus von Daniel Libeskind mit seinen Achsen, schiefen Wänden und rauhen Betonschächten, zwischen denen deutsch-jüdische Geschichte erzählt wird.

In zweien der Voids, der vertikalen Leerräume, die das Gebäude an Kreuzungs- und Endpunkten der Achsen bis hinauf zum Dach durchziehen, ist noch bis zum 1. September die Licht- und Klanginstallation res-o-nant des Konzeptkünstlers Mischa Kuball zu sehen und zu hören.

Rotierende Projektoren werfen Lichtfelder an Wände und Decken, während aus Lautsprechern minutenkurze Soundclips erklingen, die von mehr als 150 MusikerInnen eigens für die Installation produziert wurden.

Nur ein Hauch Tageslicht dringt durch einen schmalen Schlitz in den Betonschacht Voided Void am Ende der Achse des Holocaust. Hier, im Holocaust Turm, ist die vom Architekten Libeskind symbolisierte Leere, die durch die Vertreibung und Vernichtung jüdischen Lebens in der Schoa entstanden ist, physisch wohl am stärksten zu spüren.

Lange halte ich so viel Leere und so wenig Licht nicht aus. An diesem sonnigen Tag ist es fast schon eine Erholung, für eine kleine Weile nach draußen in den Garten des Exils am Ende der gleichnamigen Achse zu treten.

Schwindelig werden kann einem allerdings auch hier, zwischen den 49 Stelen, die auf einer schiefen Ebene zu einem ziemlich engen Quadrat angeordnet sind.

Oder doch spätestens beim Blick in die Höhe, wo in viel Berliner und ein wenig Jerusalemer Erde Ölweiden wachsen. Unerreichbar und doch: ein Symbol der Hoffnung.

Die Achse der Kontinuität schließlich führt mich zum Memory Void  und der tief berührenden Installation Schalechet (Gefallenes Laub) von Menashe Kadishman. Tausende Gesichter mit aufgerissenen Mündern aus schweren runden Eisenplatten bedecken den Boden des ansonsten leeren Raums. Ob es wohl der Name des Kunstwerks ist, der so viele Besucher dazu verleitet, auf ihm herumzulaufen? Dabei raschelt dieses „Laub“ doch gar nicht sondern knackt, als brächen Knochen.

Zeit, in den Museumsgarten zurückzukehren, in andere Lichträume.

Sechs, sieben Sachen

Einer lässt seine Habseligkeiten von einem Gerippe bewachen. Um den Hals trägt es eine Schlinge.

Ein anderer schlägt sein Bett im Park auf. Die Laken sind so grün wie die Büsche drumherum.

Einer stellt Schuhe in einer Plastiktüte neben eine Bank. Vielleicht kann sie ein anderer gebrauchen.

Einer hat zu viele Weihnachtsmänner. Besonders jetzt zu Ostern.

Ein anderer greift nach seinen Siebensachen und geht.

The Art of Glass

„Photography? Yes please!“ Herzlicher könnte das Willkommen nicht sein. Und was gibt es nicht alles zu sehen – und zu fotografieren – in der aktuellen Sonderausstellung des Groninger Museums: Schwimmkörper japanischer Fischernetze, Blüten und Pflanzen, Muscheln, indigene Decken und Körbe, baumhohe Eiszapfen… – und alles aus Glas. So herzanrührend zart sind die Werke des US-Amerikaners Dale Chihuly und seines Teams aus Glaskünstlern, so bunt und überbordend verspielt, so genau beobachtet und präzise in der Ausführung, so großartig arrangiert, dass es eine helle Freude ist. Die Ausstellung auf der Museumsinsel gegenüber vom Groninger Hauptbahnhof läuft noch bis zum 5. Mai. Sehr empfehlenswert!

Spiegelungen

„Beliebiger Tag, beliebiger Ort. Damit will ich sagen, ich hätte auch jemand anderer sein können, in einer anderen Stadt, an einem anderen Tag. …

An der gegenüberliegenden Straßenecke ist noch ein Café. Ich weiß nicht, warum ich nicht dort Platz genommen habe. Es ist ein Spiegelbild dieses Cafés, vielleicht sitze ich da ja auch. …

An der Wand hängt ein leicht gekippter Spiegel, so dass ich die Welt draußen noch einmal sehe, diesmal als schiefe Ebene. …

Die Straße vor dem Fenster ist mit kleinen Steinen gepflastert. …

Die Bahn muss hier einst um die Kurve gefahren sein, doch jetzt enden die Gleise im Nichts. Dennoch höre ich das Geräusch dieser um die Kurve kommenden, nicht mehr existierenden Straßenbahn, ein Geräusch in Sepia, wie auf alten Fotos. …

Als ich gehe und mich noch einmal nach meinem leeren Stuhl umblicke, ist es nicht sicher, dass ich dort gesessen habe.“

Die Sätze des niederländischen Autors Cees Nooteboom habe ich aus dem Kapitel „Nilpferd“ seiner „Briefe an Poseidon“ (Berlin 2012) geschnipselt. Sie erzählen von einem anderen Tag an einem anderen Ort und scheinen mir doch ein guter Spiegel für die Bilder von der Groninger Waterkant zu sein.

700 Kilometer von hier

Die Italienerin hatte es schon vor vielen Jahren in den Norden Europas gezogen. Zuerst nach Deutschland, dann in die Niederlande. Der Arbeit wegen. Der Liebe wegen.

Der Holländer wurde im Westen sozialisiert, wie er sagt. Der Westen, das ist Amsterdam. Und Rotterdam. Da sind sie offener als hier im Norden, findet er. Und optimistischer. Hier im Norden, das ist Groningen.

Die Deutsche, die für ein paar Tage zu Besuch bei den Nachbarn weilt und bisher keinen Anlass hatte, über mangelnde Zugewandtheit zu klagen, schreibt Amsterdam und Rotterdam auf die unendliche Liste (endlich mal wieder) zu besuchender Orte.

Die Argentinierin schüttelt die roten Locken, ein Erbe der niederländischen Mutter, und lacht. Sie ist 700 Kilometer südlich von Buenos Aires groß geworden. Sie sagt das, als handele es sich um einen Vorort.

700 Kilometer von „hier im Norden“, da bist du im übernächsten Land. In Paris. In Basel. In Prag. Oder in London….

Während sie drüben zum x-ten Mal über die x-te Exit-Variante abstimmen und Einigkeit schon lange nur noch im Nein erzielen, klappt die Verständigung auf dieser Seite der Nordsee gut. Die Vier sind längst nicht immer einer Meinung darüber, wie die Welt zu retten sei. Aber sie sprechen eine Sprache. Englisch übrigens.

Fietsen und Plastiken

Was im niederländischen Groningen sofort ins norddeutsche Auge springt, sind die Massen an Fahrrädern, die in Affenzahn vor, hinter, links und rechts neben einem vorbeisausen. Ungefähr eine Stunde lang sprang ich munter hin und her und dabei auch immer mal wieder einem Radler in den Weg, dann hatte ich mich eingegroovt. Erklären könnte ich das System der Kollisionsvermeidung nicht. Es ist ein bisschen so, wie eine der vielbefahrenen Straßen in Saigon oder Hanoi zu queren. Nur ganz anders. Während ich in Vietnam mit einer Art intuitivem Reißverschlussprinzip ohne direkten Augenkontakt zu den anderen Verkehrsteilnehmern gut fuhr respektive ging, empfehle ich, in Groningen unbedingt die Augen offen zu halten.

In erstaunlicher Parallelität zu meiner eigenen Gewöhnung sah ich gleich in den ersten zehn Minuten meines mehrtägigen Aufenthalts in der Stadt zwei Unfälle, bei denen zum Glück kein größerer Schaden entstand, danach keinen mehr: Nummer eins zwischen zwei fietsen und Nummer zwei zwischen einem fiets und einem bromfiets, oder wie immer der Singular von Fahrrädern und Motorrädern in diesem wunderbar bildhaften Niederländisch gebildet wird. Herzlich lachen musste ich über die von mir so getaufte Plastik „Vater bringt Sohn das Fahrradfahren bei“. Das scheint mir ähnlich überflüssig zu sein wie Tanzunterricht für Erwachsene in Andalusien, wo schon die Allerjüngsten ihren Windelpopo gekonnt zu den Klängen der Flamenco-Gitarren drehen.

Noch ganz in Gedanken an die kleinen Sevillanas-Prinzessinnen fiel mein Blick am Zuiderhaven gleich auf das nächste Hinterteil. Mächtig wölbt es sich neben dem Apartmenthochhaus De Regentes an der Emmasingel in die Luft und enthält auf den zweiten Blick doch vor allem selbst: viel Luft. Tatsächlich wirkt der Körper der Dame in dem ausladenden metallenen Kleid beinahe schmächtig, scheint sie der meterlangen Stützen in Verlängerung der Arme zu bedürfen, um Haltung zu bewahren. Ihr Gesicht mit den überdimensionalen Wimpern indes verrät keine Schwäche. Vielleicht, weil die Künstlerin Silvia B. auch an die Regentin Emma dachte, als sie die Plastik Ultra schuf? Die zweite Frau des 41 Jahre älteren Wilhelm III., König der Niederlande, eine Geborene zu Waldeck und Pyrmont, übernahm nach dessen Tod die Regentschaft für ihre Tochter Wilhelmina, bis diese 1898 achtzehn Jahre alt geworden war und verfassungsmäßig selbst den Thron besteigen konnte.

Nur wenige hundert Meter weiter – ich denke mir das wirklich nicht aus! – streckte mir ein weißes Pferd den Allerwertesten entgegen, während es ungerührt auf der schiefen Ebene vor dem Hauptbahnhof graste. Dabei ist der wirklich wunderschön. Aber Pferde haben bekanntlich andere Prioritäten als Menschen…

Wobei: Essen müssen auch Menschen. Eine Portion superleckere superfrische friet zum Beispiel. In Groningen empfehle ich die Einnahme im Frietwinkel – auch weil man die Frittentüte in diese superpraktische Halterung vor sich stellen kann, während man beim Futtern schaut, wer so alles vorbeispaziert oder -radelt.

Gegenüber wirbt ein anderer winkel für französische Wurstwaren. Und zwischen den beiden Geschäften erstreckt sich eine Straße mit lauter rosafarbenen Häusern, in denen Frischfleisch ganz anderer Art angeboten wird. Den Männern, die mir begegneten, als ich neugierig hindurchschlenderte, schien es nicht im Mindesten peinlich zu sein, gesehen zu werden.

Ich hatte inzwischen die straaten und straatjes mit ihren verschachtelten Höfen südlich vom Grote Markt erreicht. In den hofjes fanden früher Witwen, Kranke, Arme, Waisen und Pilger eine Bleibe. Jedes hofje hat seine eigene Geschichte. In dem 1405 gegründeten St. Geertruids Gasthuis in der Peperstraat zum Beispiel konnte man, wie ich auf der Website von Geo Reisen nachlas, einst am Sonntag Gekken kieken: Gegen Bezahlung durften Besucher durch das Gitter die „Irren“ begaffen, die hier untergebracht waren. Heute sind die Häuser begehrte Mietobjekte. Und wenn nicht gerade Touristen zum „Kieken“ kommen, ist der grüne Hof eine Oase der Ruhe.

Auf der anderen Seite der Mauer, die zum Ältesten zählt, was Groningen zu bieten hat, fand gerade ein Fotoshooting statt, das viel Sinn für Humor verriet und natürlich ebenfalls zum Kieken und zu einem kleinen Schwätzchen einlud.

Gleich um die Ecke fesselte ein Grafitto mit einem nackten Mann und einer nackten Frau, die zwei Busse zur Seite schieben, meine Aufmerksamkeit. Ich hatte die Szene kaum erfasst, als sich auch schon ein Lastenfahrrad ins Bild schob. Wenn es noch eines Belegs bedurft hätte, dass ich mich in einer der fahrradfreundlichsten Städte dieser Erde befand: hier war er.

Porzellan-Studien

Ich kann nicht behaupten, dass ich mich bisher besonders intensiv mit Porzellan beschäftigt hätte. Vor Jahren habe ich mal ein Service ausgesucht: weiß mit zarten Rillen. Schlicht ist es und schön. Das Geschirr gefällt mir immer noch, auch wenn ich es selten bewusst wahrnehme. Umso stärker habe ich während meines Besuchs in Meißen das viele „weiße Gold“ wahrgenommen. Tassen und Teller, Vasen und Figurinen: überall in der Stadt wird „echtes Meissener“ zum Verkauf angeboten. Neu und antiquarisch, mit dem berühmten blauen Zwiebelmuster, reinweiß oder farbig auf weißem Grund, mit und ohne Goldrand, immer glänzend.

Natürlich war ich auch in der ältesten Porzellanmanufaktur Europas, gemeinsam mit meiner Freundin Anne, die für ein paar Wochen in der Meißner Lokalredaktion der „Sächsischen Zeitung“ arbeitet. Als wir ankamen, sollte gerade eine Führung durch die Schauwerkstätten der Manufaktur beginnen. Welch ein Glück. Jetzt kann ich ermessen, wie viel Sorgfalt, wie viele Arbeitsschritte es braucht, bis ein einziger Teller fertig ist. Auch die Preise, die für das Porzellan mit den gekreuzten Schwertern aufgerufen werden, erschließen sich mir nun etwas besser. Aber das ist ein anderes Thema.

Besonders das weiße Porzellanmädchen hatte es mir angetan. In ihre bereits ausgestreckte Hand wird ganz am Ende des Fertigungsprozesses noch eine goldene Kugel gelegt werden. Ihr Gesicht, ihre Haare, ihr zartes Kleidchen werden dann bereits farbig sein, der Sockel, auf dem sie steht, goldene Ränder erhalten haben. Mir gefällt sie in schlichtem Weiß noch besser. Anne meint, das habe wohl mit den Marmorskulpturen der Antike und der Renaissance zu tun, die unsere Sehgewohnheiten bis heute prägen. Natürlich! Die „Venus von Milo“, Michelangelos „David“, Botticellis „Geburt der Venus“ – sofort ist der Kopf voller Bilder.

Zwei Tage später wartete ein ganz besonderer Ort auf uns, für mich auch: ein weiterer Schritt in der Wahrnehmung von Porzellan. Das „weiße Gold“, mit dem die Meißner Nikolaikirche nach dem Ersten Weltkrieg komplett neu ausgestattet wurde, glänzt ebenfalls wie frisch gefallener Schnee, aber es ist nicht mehr lieblich und gefällig, es ist Stein gewordene Trauer und Schmerz. Seit 1929 ist die romanische Kirche an der Triebisch, die einst durchreisenden Kaufleuten und den am Fluss ansässigen Fischern als Gotteshaus diente, eine Gedächtnisstätte für die Toten des Ersten Weltkriegs. Wir besuchten sie zusammen mit Georg Krause, Kirchenvorstand in der Gemeinde St. Afra, zu der die Nikolaikirche heute gehört, und bis zu seiner Pensionierung Architekt im Hochbauamt der Stadt.

An den korallenrot gestrichenen Wänden der Kirche sind vierzehn Epitaphe aus Meissener Porzellan angebracht, zusammengesetzt aus kleinen Tafeln mit den Namen von insgesamt 1815 Meißnern, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben ließen. Soldaten zumeist, aber auch ein paar Krankenschwestern. 1756 Evangelische, 52 Katholische, zwei „Israeliten“ und fünf „Dissidenten“, wie man damals notierte. Angeordnet sind die Tafeln nach Todesjahren. Auf Titel wurde bewusst verzichtet. „Es handelt sich schließlich nicht um ein Kriegerdenkmal“, sagt Georg Krause.

An den Seiten einiger Epitaphe knien Frauengestalten aus Porzellan. Sie symbolisieren trauernde Mütter. Ihre nackten Füße treten auf zerbrochene Schwerter, in den Händen halten sie Fackeln. Zwischen den Tafeln bedecken Kinderfiguren die weinenden Gesichter. Rechts und links vom Altar stehen zwei überlebensgroße Frauenfiguren: Mütter, die ihre Hände schützend über ihre Kinder halten. Mit zweieinhalb Metern Höhe sind es die größten Figuren aus Meissener Porzellan, die bis dahin hergestellt wurden. Womöglich sind es bis heute die größten.

Das zerbrechliche Material eignet sich gut zur Erinnerung an die Opfer des Krieges, findet Georg Krause, räumt aber ein, dass er selbst eine Weile gebraucht habe, um Zugang zu dieser Kunst, zu diesem Material auch, zu finden. Er scheint nicht der Einzige gewesen zu sein: Beachtet, aber auch beargwöhnt und lange Zeit komplett vergessen, so umschreibt Krause das Schicksal der Meißner „Porzellankirche“. Geändert habe sich das im Grunde erst nach 1989, als man sich auch den traurigeren Zeiten der eigenen Geschichte stärker zuwandte.

Das Konzept stammt von Max Adolph Pfeiffer, nach dem Ersten Weltkrieg Direktor der Porzellanmanufaktur. Die Fertigung oblag seinem künstlerischen Leiter Prof. Emil Paul Börner. Finanziert wurde das Projekt mit drei Lotterien. Als Lose wurden Münzen aus Böttchersteinzeug, sogenannte Porzellantaler, ausgegeben. Bei der zweiten Lotterie 1923 kam die Inflation dazwischen. Einfach war die Neugestaltung der stark verfallenen Kirche bestimmt nicht – auch weil sich die Vorstellungen von Pfeiffer und Börner einerseits und den Kirchenoberen andererseits durchaus nicht immer deckten.

Längst ist diese besondere Kirche mit ihren gotischen Fenstern, dem beinahe maurisch anmutenden Bogen zwischen Kirchenschiff und Chor und ihren vielen Art Deco-Elementen wieder vom Verfall bedroht: Die Nähe zum Fluss mit gelegentlichen Überschwemmungen, die Feuchtigkeit, die in die Eisenträger zieht, auf denen die Porzellankacheln aufgebracht sind, fordern ihren Tribut. Die rostenden Träger dehnen sich aus, lassen die Kacheln platzen. Fugen, die für Ausgleich sorgen könnten, gibt es nicht. Man müsste die Kacheln abtragen, um sie zu restaurieren und würde sie dabei doch unweigerlich zerstören, beschreibt Georg Krause das Dilemma. Wo sollte man ein Messer ansetzen? Verhindern könne man den Verfall nicht, fürchtet er, nur verzögern. Und so gewinnt das nur noch zum Teil zu entziffernde Buddha-Zitat, das Max Adolph Pfeiffer einst gegen den Willen des Kirchenvorstands in die Stufen vor dem Auferstehungsaltar meißeln ließ, seinen ganz eigenen Sinn: „Erscheinung vergeht, harret aus im Streben“.

Auf dem Schlossberg

Hoch über dem Elbtal in Meißen thront neben dem Dom die spätgotische Albrechtsburg. Gebaut ab 1471 an dem Ort, an dem schon im 10. Jahrhundert ein befestigtes Militärlager entstanden war, aus dem sich später eine Burg entwickelte, gilt sie als das älteste Schloss Deutschlands. Auftraggeber waren die Brüder Ernst und Albrecht von Wettin, die damals gemeinsam in Sachsen regierten. Die neue Residenz sollte repräsentatives Verwaltungszentrum und Wohnschloss in einem werden. Daraus wurde am Ende nichts, denn noch während des Baus teilten die Brüder das wettinische Reich auf. Ab und zu fanden Empfänge und Jagdgesellschaften in der Albrechtsburg statt, meist jedoch stand sie leer. Im Dreißigjährigen Krieg wurde sie von schwedischen Truppen besetzt. Zwischendurch diente sie auch mal als Vorlesungsraum und als Gefängnis. Erst August der Starke nutzte den Bau ab 1710 kontinuierlich – als Europas erste Porzellanmanufaktur, Vorgänger der heutigen Manufaktur im Triebischtal. Erster Direktor war, wie ich im Schloss erfuhr, übrigens ein vorgeblicher Goldmacher, der selbst auf der Albrechtsburg inhaftiert gewesen war und sich zu seinem und des Kurfürsten Nutzen darauf verlegte, fortan die Herstellung des „weißen Goldes“ zu ergründen. 153 Jahre lang wurde im Schloss das berühmte „Meissener“ hergestellt, nur die Brennarbeiten fanden in einem Nebengebäude statt. Nach umfangreichen Restaurierungen und einer künstlerischen Neugestaltung mit allerlei Wand- und Deckenmalereien wurde die Albrechtsburg zum Museum der bewegten Geschichte Sachsens.

Ich habe das Schloss an einem sehr sonnigen Tag besucht und kann das nur empfehlen. Es ist im Wortsinn eine helle Freude zu sehen, wie das Licht durch die „Vorhangbogenfenster“ in die vielen Nischen fällt, wie es Säulen umspielt, Decken in Lauben und Kathedralen verwandelt und über die Stufen des Großen Wendelsteins fließt.

Der Treppenturm im Haupthaus ist für mich das Highlight der Albrechtsburg. Geschwungene Stufen winden sich um eine filigrane steinerne Spindel mehr als 50 Meter in die Höhe.

Man kann die Treppe gar nicht anders als schreitend begehen, so wunderbar sind Tiefe und Höhe der Stufen auf die menschliche Physiognomie ausgerichtet. Am Ende mündet die steinerne Schnecke in eine Art Krone. Wie könnte es anders sein!

Aber genug der Worte. Auf einer der kunstvoll verzierten Decken in der Albrechtsburg las ich diesen Sinnspruch: „Wer reden will, thue das Maul auf, rede frisch drauf und höre bald auf.“

Der höchste Raum der Albrechtsburg ist übrigens ein historisches Plumpsklo mit weit über 20 Metern Fallhöhe. Ich stelle mir vor, dass seine Benutzung eine zugige Angelegenheit gewesen sein muss, ganz besonders im Winter.