Porzellan-Studien

Ich kann nicht behaupten, dass ich mich bisher besonders intensiv mit Porzellan beschäftigt hätte. Vor Jahren habe ich mal ein Service ausgesucht: weiß mit zarten Rillen. Schlicht ist es und schön. Das Geschirr gefällt mir immer noch, auch wenn ich es selten bewusst wahrnehme. Umso stärker habe ich während meines Besuchs in Meißen das viele „weiße Gold“ wahrgenommen. Tassen und Teller, Vasen und Figurinen: überall in der Stadt wird „echtes Meissener“ zum Verkauf angeboten. Neu und antiquarisch, mit dem berühmten blauen Zwiebelmuster, reinweiß oder farbig auf weißem Grund, mit und ohne Goldrand, immer glänzend.

Natürlich war ich auch in der ältesten Porzellanmanufaktur Europas, gemeinsam mit meiner Freundin Anne, die für ein paar Wochen in der Meißner Lokalredaktion der „Sächsischen Zeitung“ arbeitet. Als wir ankamen, sollte gerade eine Führung durch die Schauwerkstätten der Manufaktur beginnen. Welch ein Glück. Jetzt kann ich ermessen, wie viel Sorgfalt, wie viele Arbeitsschritte es braucht, bis ein einziger Teller fertig ist. Auch die Preise, die für das Porzellan mit den gekreuzten Schwertern aufgerufen werden, erschließen sich mir nun etwas besser. Aber das ist ein anderes Thema.

Besonders das weiße Porzellanmädchen hatte es mir angetan. In ihre bereits ausgestreckte Hand wird ganz am Ende des Fertigungsprozesses noch eine goldene Kugel gelegt werden. Ihr Gesicht, ihre Haare, ihr zartes Kleidchen werden dann bereits farbig sein, der Sockel, auf dem sie steht, goldene Ränder erhalten haben. Mir gefällt sie in schlichtem Weiß noch besser. Anne meint, das habe wohl mit den Marmorskulpturen der Antike und der Renaissance zu tun, die unsere Sehgewohnheiten bis heute prägen. Natürlich! Die „Venus von Milo“, Michelangelos „David“, Botticellis „Geburt der Venus“ – sofort ist der Kopf voller Bilder.

Zwei Tage später wartete ein ganz besonderer Ort auf uns, für mich auch: ein weiterer Schritt in der Wahrnehmung von Porzellan. Das „weiße Gold“, mit dem die Meißner Nikolaikirche nach dem Ersten Weltkrieg komplett neu ausgestattet wurde, glänzt ebenfalls wie frisch gefallener Schnee, aber es ist nicht mehr lieblich und gefällig, es ist Stein gewordene Trauer und Schmerz. Seit 1929 ist die romanische Kirche an der Triebisch, die einst durchreisenden Kaufleuten und den am Fluss ansässigen Fischern als Gotteshaus diente, eine Gedächtnisstätte für die Toten des Ersten Weltkriegs. Wir besuchten sie zusammen mit Georg Krause, Kirchenvorstand in der Gemeinde St. Afra, zu der die Nikolaikirche heute gehört, und bis zu seiner Pensionierung Architekt im Hochbauamt der Stadt.

An den korallenrot gestrichenen Wänden der Kirche sind vierzehn Epitaphe aus Meissener Porzellan angebracht, zusammengesetzt aus kleinen Tafeln mit den Namen von insgesamt 1815 Meißnern, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben ließen. Soldaten zumeist, aber auch ein paar Krankenschwestern. 1756 Evangelische, 52 Katholische, zwei „Israeliten“ und fünf „Dissidenten“, wie man damals notierte. Angeordnet sind die Tafeln nach Todesjahren. Auf Titel wurde bewusst verzichtet. „Es handelt sich schließlich nicht um ein Kriegerdenkmal“, sagt Georg Krause.

An den Seiten einiger Epitaphe knien Frauengestalten aus Porzellan. Sie symbolisieren trauernde Mütter. Ihre nackten Füße treten auf zerbrochene Schwerter, in den Händen halten sie Fackeln. Zwischen den Tafeln bedecken Kinderfiguren die weinenden Gesichter. Rechts und links vom Altar stehen zwei überlebensgroße Frauenfiguren: Mütter, die ihre Hände schützend über ihre Kinder halten. Mit zweieinhalb Metern Höhe sind es die größten Figuren aus Meissener Porzellan, die bis dahin hergestellt wurden. Womöglich sind es bis heute die größten.

Das zerbrechliche Material eignet sich gut zur Erinnerung an die Opfer des Krieges, findet Georg Krause, räumt aber ein, dass er selbst eine Weile gebraucht habe, um Zugang zu dieser Kunst, zu diesem Material auch, zu finden. Er scheint nicht der Einzige gewesen zu sein: Beachtet, aber auch beargwöhnt und lange Zeit komplett vergessen, so umschreibt Krause das Schicksal der Meißner „Porzellankirche“. Geändert habe sich das im Grunde erst nach 1989, als man sich auch den traurigeren Zeiten der eigenen Geschichte stärker zuwandte.

Das Konzept stammt von Max Adolph Pfeiffer, nach dem Ersten Weltkrieg Direktor der Porzellanmanufaktur. Die Fertigung oblag seinem künstlerischen Leiter Prof. Emil Paul Börner. Finanziert wurde das Projekt mit drei Lotterien. Als Lose wurden Münzen aus Böttchersteinzeug, sogenannte Porzellantaler, ausgegeben. Bei der zweiten Lotterie 1923 kam die Inflation dazwischen. Einfach war die Neugestaltung der stark verfallenen Kirche bestimmt nicht – auch weil sich die Vorstellungen von Pfeiffer und Börner einerseits und den Kirchenoberen andererseits durchaus nicht immer deckten.

Längst ist diese besondere Kirche mit ihren gotischen Fenstern, dem beinahe maurisch anmutenden Bogen zwischen Kirchenschiff und Chor und ihren vielen Art Deco-Elementen wieder vom Verfall bedroht: Die Nähe zum Fluss mit gelegentlichen Überschwemmungen, die Feuchtigkeit, die in die Eisenträger zieht, auf denen die Porzellankacheln aufgebracht sind, fordern ihren Tribut. Die rostenden Träger dehnen sich aus, lassen die Kacheln platzen. Fugen, die für Ausgleich sorgen könnten, gibt es nicht. Man müsste die Kacheln abtragen, um sie zu restaurieren und würde sie dabei doch unweigerlich zerstören, beschreibt Georg Krause das Dilemma. Wo sollte man ein Messer ansetzen? Verhindern könne man den Verfall nicht, fürchtet er, nur verzögern. Und so gewinnt das nur noch zum Teil zu entziffernde Buddha-Zitat, das Max Adolph Pfeiffer einst gegen den Willen des Kirchenvorstands in die Stufen vor dem Auferstehungsaltar meißeln ließ, seinen ganz eigenen Sinn: „Erscheinung vergeht, harret aus im Streben“.

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Auf dem Schlossberg

Hoch über dem Elbtal in Meißen thront neben dem Dom die spätgotische Albrechtsburg. Gebaut ab 1471 an dem Ort, an dem schon im 10. Jahrhundert ein befestigtes Militärlager entstanden war, aus dem sich später eine Burg entwickelte, gilt sie als das älteste Schloss Deutschlands. Auftraggeber waren die Brüder Ernst und Albrecht von Wettin, die damals gemeinsam in Sachsen regierten. Die neue Residenz sollte repräsentatives Verwaltungszentrum und Wohnschloss in einem werden. Daraus wurde am Ende nichts, denn noch während des Baus teilten die Brüder das wettinische Reich auf. Ab und zu fanden Empfänge und Jagdgesellschaften in der Albrechtsburg statt, meist jedoch stand sie leer. Im Dreißigjährigen Krieg wurde sie von schwedischen Truppen besetzt. Zwischendurch diente sie auch mal als Vorlesungsraum und als Gefängnis. Erst August der Starke nutzte den Bau ab 1710 kontinuierlich – als Europas erste Porzellanmanufaktur, Vorgänger der heutigen Manufaktur im Triebischtal. Erster Direktor war, wie ich im Schloss erfuhr, übrigens ein vorgeblicher Goldmacher, der selbst auf der Albrechtsburg inhaftiert gewesen war und sich zu seinem und des Kurfürsten Nutzen darauf verlegte, fortan die Herstellung des „weißen Goldes“ zu ergründen. 153 Jahre lang wurde im Schloss das berühmte „Meissener“ hergestellt, nur die Brennarbeiten fanden in einem Nebengebäude statt. Nach umfangreichen Restaurierungen und einer künstlerischen Neugestaltung mit allerlei Wand- und Deckenmalereien wurde die Albrechtsburg zum Museum der bewegten Geschichte Sachsens.

Ich habe das Schloss an einem sehr sonnigen Tag besucht und kann das nur empfehlen. Es ist im Wortsinn eine helle Freude zu sehen, wie das Licht durch die „Vorhangbogenfenster“ in die vielen Nischen fällt, wie es Säulen umspielt, Decken in Lauben und Kathedralen verwandelt und über die Stufen des Großen Wendelsteins fließt.

Der Treppenturm im Haupthaus ist für mich das Highlight der Albrechtsburg. Geschwungene Stufen winden sich um eine filigrane steinerne Spindel mehr als 50 Meter in die Höhe.

Man kann die Treppe gar nicht anders als schreitend begehen, so wunderbar sind Tiefe und Höhe der Stufen auf die menschliche Physiognomie ausgerichtet. Am Ende mündet die steinerne Schnecke in eine Art Krone. Wie könnte es anders sein!

Aber genug der Worte. Auf einer der kunstvoll verzierten Decken in der Albrechtsburg las ich diesen Sinnspruch: „Wer reden will, thue das Maul auf, rede frisch drauf und höre bald auf.“

Der höchste Raum der Albrechtsburg ist übrigens ein historisches Plumpsklo mit weit über 20 Metern Fallhöhe. Ich stelle mir vor, dass seine Benutzung eine zugige Angelegenheit gewesen sein muss, ganz besonders im Winter.

Reingeschmeckt

So ein hübsches Städtchen! denke ich, während ich mit meinem Koffer durch die kopfsteingepflasterte Meißner Altstadt Richtung Freiheit rumpele. Zuerst sanft, ab dem Ende der Burgstraße entschieden steiler führt der Weg hinauf auf den Burgberg, der eigentlich ein Schlossberg ist. Deshalb und auch, weil Pflastersteine und Stufen mit einer zarten Eisschicht überzogen sind, die jeden unbedachten Schritt nur zu leicht in eine Rutschpartie in die falsche Richtung verwandelt, bleibe ich immer wieder stehen und mache innerlich Ah! und Oh!

Eindeutig: Es gibt nicht nur die Gnade der späten Geburt sondern auch die der späten Sanierung. Immer vorausgesetzt natürlich, sie kommt nicht so spät, dass gar nichts mehr zu retten wäre. Dieser sächsischen Kleinstadt ist augenscheinlich so manche Renovierungssünde erspart geblieben, die andernorts wenig Substanz hinter den historischen Fassaden, dafür aber umso größere Fenster darin hinterließ. Dass man durch den backsteinernen Ziergiebel des spätgotischen Prälatenhauses an den Roten Stufen den strahlend blauen Himmel sieht, ist übrigens kein Widerspruch. Das soll so. Immer vorausgesetzt natürlich, der Himmel strahlt gerade.

Vom Prälatenhaus bis zu meiner Unterkunft im ehemaligen Domherrenhof an der Freiheit ist es nur ein Katzensprung. Der Renaissancebau, dessen Kellergewölbe bis auf das 13. und 14. Jahrhundert zurückgehen, wurde nach jahrelangem Leerstand Anfang dieses Jahrtausends ebenso behutsam wie geschmackvoll saniert. Leider habe ich versäumt, auch nur ein einziges Foto von dem Komplex zu machen, vermutlich, weil dafür ja immer noch Zeit sein würde. Am tollsten ist allerdings ohnehin der Ausblick über das Elbtal – vom Dom und der Albrechtsburg zur Linken über die roten Ziegeldächer der Kaufmanns- und Bürgerhäuser bis hinunter zum Fluss.

Natürlich ist auch in Meißen nicht alles Gold, was glänzt. Die Goldene Sonne am Theaterplatz zum Beispiel, wie der Domherrenhof im 16. Jahrhundert erbaut und später der erste Gasthof mit Saalbetrieb im Ort, bräuchte dringend eine Generalüberholung. Und die Fettbemmenschänke auf der anderen Seite der Altstadtbrücke über die Elbe zumindest einen neuen Anstrich. Aber nicht deshalb tauchen sie hier auf, sondern weil sie so schön zum Thema sächsische Küche überleiten. In Hamburg hieße die Fettbemmenschänke übrigens „Schmalzbrotkneipe“. Für eine Vegetarierin klingt das eine so wenig verlockend wie das andere.

Da probiere ich doch lieber eine Meißner Fummel, auch wenn sich die kulinarische Erwartung nach Lektüre des Wikipedia-Eintrags in Grenzen hält: „Es handelt sich um einen Hohlkörper aus sehr dünnem, einfachen Teig. Die Form entspricht der eines unregelmäßigen runden ‚Ballons’. Das Gebäck ist äußerst spröde und daher zerbrechlich. Meißner Fummeln haben keinen besonderen Geschmack und wegen der nur hauchdünnen Teigschale um die innen befindliche Luft besitzen sie keinen nennenswerten Nährwert.“ Das glaube ich sofort, was den Unterhaltungswert der Fummel indes in keiner Weise schmälert. Allein das voluminöse Federgewicht heil von der Konditorei auf den Frühstückstisch von Freundin Anne zu schaffen, die gerade ihren Schreibtisch in der Frankfurter Chrismon-Redaktion mit dem der Elblandreporterin der Sächsischen Zeitung in Meißen getauscht hat, ist eine echte Herausforderung. Anne pölkt mit dem Messer ein paar Löcher in das Gebilde, das so zart ist, dass der dahinter liegende Käse – unter anderem ein köstlicher sächsischer Belsagio – golden durchschimmert.

Es heißt, Kurfürst August der Starke habe einst die hauchdünnen Fummeln anfertigen lassen. Zwischen Dresden und Meißen verkehrten regelmäßig Kuriere des Kurfürsten, die gern einen Schluck des bekannten Meißner Weins tranken, was ihnen im Sattel ihres Pferdes nicht so gut bekam. Daraufhin befahl der Kurfürst der Bäckerzunft zu Meißen, ein leicht zerbrechliches Gebäck herzustellen, das die Kuriere fortan bei sich tragen und bei der Ankunft in Dresden unversehrt vorzeigen mussten. Geschmacklich ließe sich die Fummel sicher durch die großzügige Beigabe von Gewürzen aufwerten, aber dann wäre sie eben nicht mehr die Alte. Und so beschließen Anne und ich, beim nächsten Mal lieber wieder auf die bewährte Eierschecke zurückzugreifen…

Wie still es in der Stadt ist! Ist dir das auch aufgefallen? fragt Anne. Vor allem Unterhaltungen scheinen irgendwie leiser geführt zu werden, leiser als in Hamburg oder Frankfurt beispielsweise. Diesen Eindruck hatte ich schon in der S-Bahn von Dresden nach Meißen gewonnen, aber für Zufall gehalten. Auch der junge Araber auf der Sitzbank gegenüber, mit dem ich mich während der Fahrt unterhielt, sprach leise. Ganz am Ende deutete er an, dass es nicht immer leicht sei in der Stadt. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich auf einem meiner Streifzüge durch die Meißner Gassen diesem Graffito begegnete:

Schon nach wenigen Tagen treffe ich auf der Straße die ersten „Bekannten“ wieder: die extravagante Frau in Rot und die alte Dame, mit der ich mich bei der Ausstellungseröffnung im Kunstverein unterhalten hatte. Freundlich nicken wir einander zu. Kleinstadt halt. Erinnerungen an diese besondere Mischung aus Geborgenheit und sozialer Kontrolle, wie ich sie einst in niedersächsischen Kleinstädten erlebt hatte, werden wach. Gleich darauf läuft mir der vermutlich schlechtestgekleidete Hund Meißens über den Weg… Ein buntes Städtchen!

Das verlassene Dorf

Auf den ersten Blick scheint es, als könnte jeden Moment jemand aus einem der Holzhäuser am Hang treten. Könnte Wäsche an die Leine hängen, auf der noch die Klammern stecken. Oder Fischernetze über die hölzernen Gestelle an der Bucht werfen, die einen natürlichen Hafen zwischen Felsen und Eisbergen bildet.

Es braucht einen zweiten, manchmal auch einen dritten Blick um zu begreifen, dass einem auf der kleinen Insel im Eingang zum Sermilikfjord niemand begegnen wird. Kein Fischer, kein Kind, kein Hund. Nicht auf den Hügeln über der Bucht. Und auch nicht in der Kirche, deren roter Anstrich allmählich verblasst. Denn die Häuser von Ikkatteq stehen leer. Dabei, und das macht den Anblick so surreal, sind manche von ihnen voll bis unter das Dach. Voll mit Dingen, die es zum Leben braucht. Nur die Menschen, die dieses Leben einmal geführt haben, fehlen.

Das Kind, das mit der nackten Puppe gespielt hat, ebenso wie das andere, dem die kleine Gitarre gehörte. Die Erwachsenen, die auf den Sofas saßen und sich aus der Thermoskanne Kaffee einschenkten, als diese noch keinen Rost angesetzt hatte. All die, deren Stiefel, Jacken und Hosen in großen Haufen neben den Häusern liegen. Häusern, deren Dächer immer noch mit Tonnen voller Steine beschwert sind, damit sie bei Sturm nicht abheben, mögen die Steine auch bald durch das rostige Metall fallen.

Neugierig öffnen wir die Kirchentür, treten in einen kleinen Flur mit türkisfarbenen Wänden, in dem man sich kaum umdrehen kann. Zwei Türen gehen von ihm ab. Die rechte führt in einen freundlichen Raum in Hellblau und Weiß. An den Fenstern blättert die Farbe ab, der Rest sieht aus wie frisch gestrichen. Vor uns ein paar Bankreihen. Links hinten eine kleine Kanzel, in der Mitte das Taufbecken, rechts die Orgel. An der Wand stecken noch die Nummern der Lieder, die gesungen werden sollen. Die weiße Jesus-Figur auf dem Altar breitet wie zu einem Willkommensgruß die Arme aus. Flankiert wird sie von Vasen mit Plastikblumen und weißen Kerzen.

Durch die Tür zur Linken geht es in den ehemaligen Schulraum. Ein paar Schultische und Stühle stehen darin. Überall stapeln sich Schulbücher und Hefte, sogar auf dem Bollerofen in der Ecke. Ich stelle mir vor, wie der die Kinder und den Lehrer, der vermutlich zugleich der Pastor war, in den langen grönländischen Wintern warm gehalten hat. Die Tafel ist von oben bis unten vollgekritzelt. „LOVE“ hat einer geschrieben. In Großbuchstaben. An der Wand hängt ein Kalender aus den 1990er Jahren.

Die ersten Bewohner haben Ikkatteq schon in den 1980er Jahren verlassen, erzählt Viggo, der uns mit dem Motorboot auf die einsame Insel gebracht hat. Ich treffe ihn auf einer der Hügelkuppen wieder. Kein Wunder, Viggo ist Fischer. Von da, wo er sitzt, öffnet sich der Blick weit aufs Meer hinaus zur einen, tief in den Fjord hinein zur anderen Seite. Der Mittfünfziger macht nicht viele Worte. Buckelwal, sagt er und zeigt auf eine winzige dunkle Wölbung, die sich, für meine ungeübten Augen kaum wahrnehmbar, weit draußen zwischen den Eisbergen bewegt. Ich nicke, berichte kurz von den Walen, die wir am Vortag ein Stück weiter nördlich gesehen haben, kann nicht einmal sagen, was für welche es waren, und setze meinen Rundgang durch die verlassene Inuit-Siedlung fort.

Langsam schlendere ich den Hang hinauf zum Friedhof. Schief ragt eine Ansammlung weißer Kreuze aus dem felsig-moosigen Grund. Ein paar sind zerbrochen. Zwischen den Steinen leuchtet vereinzelt eine rote oder rosa Plastikrose. Ein friedlicher, ein schöner Ort.

40 Menschen lebten einst in Ikkatteq. Im Laufe der Jahre wurden es immer weniger. Einige starben, andere zogen fort. In die Stadt, nach Tasiilaq, 14 Bootskilometer weiter östlich gelegen, mit seinen 2000 Einwohnern der mit Abstand größte Ort Ostgrönlands. Die allerletzten Bewohner verließen die kleine Insel Anfang dieses Jahrtausends. „Abandoned village (2005)“ – so ist Ikkatteq in meiner Karte von der Region verzeichnet.

Aber so ganz stimmt auch das nicht. Ab und zu quartieren sich noch Jäger in einem der Holzhäuser ein, übernachten auf Sofas und Schaumgummimatten. Ich stelle mir vor, wie sie von draußen hereinkommen. Wie sie ihre Gewehre an die Wand lehnen. Wasser aufsetzen. Mit dem Becher in der Hand zu dem Tisch am Fenster gehen, auf dem zwei Ferngläser nur darauf warten, hinaus aufs Wasser gerichtet zu werden…

Mein frostiger Zoo

Sieht man von Heerscharen von Mücken ab, die uns selbst in beträchtliche Höhen folgten, sind wir auf unseren Wanderungen durch die Wildnis Ostgrönlands nur wenigen Tieren begegnet: ein paar Möwen und Raben, zwei, drei Schneehühnern, dem Skelett eines Polarfuchses und tags darauf einem lebenden mit kaum mehr Fett auf den Rippen. Ab und zu tauchten Rücken- oder Schwanzflossen von Walen in den eisigen Fluten auf, für meinen Wal-verliebten Geschmack allerdings viiiel zu selten und viiiel zu weit entfernt. Womöglich auch deshalb habe ich irgendwann angefangen, mir meinen eigenen frostigen Zoo zusammenzuphantasieren:

Mit Walen ganz in der Nähe.

Mit wohlgenährten Polarfüchsen.

Mit Robben natürlich.

Und Vögeln.

Zugegeben, ein ganzer Hühnerhof ist in der Gegend vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber immerhin waren es Schneehühner.

Klangfarben der Nacht

„Seltsam sind diese hellen Nächte. Es liegt über ihnen eine eigenartige Weihe. Es ist, als schlügen die Wellen leiser, als flögen die Vögel langsamer – die Nacht ist wie der Traum des Tages.“

Aus: Christiane Ritter „Eine Frau erlebt die Polarnacht“

Jeder Ort hat seinen ganz eigenen Sound. Besonders in diesen hellen Nächten. In Tasiilaq ist es der Gesang der Schlittenhunde, die in der schneefreien Zeit an Ketten gebunden ungeduldig darauf warten, dass das Leben seinen bestimmungsgemäßen Fortgang nimmt. In den hellen Nächten singen die Hunde, als gälte es, einen Wettbewerb zu gewinnen. Lang, hochgezogen, durchaus nicht unmelodisch. Das Rudel am kleinen Wasserlauf bei den Schiffswracks ebenso wie der einsame „Wolf“ auf der Anhöhe gegenüber. Aber wer weiß: Vielleicht singen sie auch, wenn es schneit.

Am Ikaasatsivaq-Fjord lässt mich der Schmelzwasserfluss, der wenige Meter neben meinem Zelt vorbeidonnert, lange nicht schlafen. Es ist weniger die Lautstärke als die Monotonie, die mich zu den vorsorglich mitgeführten Ohrstöpseln greifen lässt. Wie ist es nur möglich, dass Wasser wie die Lüftungsanlage einer Großküche klingt? Als ich, immer noch hellwach, den Zelteingang öffne, empfängt mich dieses blau-blaue Licht, das hier alles verklärt – und auch das überreizte Ohr kommt zur Ruhe.

Am Johan Petersens Fjord ist es lange still. Nur ein zartes Gluckern und Knacken ist gelegentlich zu vernehmen, während die Eisbrocken mit der Flut in die kleine Bucht treiben. Plötzlich ein gewaltiges Krachen, gefolgt von einem Knall wie ein Pistolenschuss: Irgendwo weiter draußen verkeilen sich Eisberge ineinander, setzen auf dem Grund auf, brechen auseinander. Immer sind sie in Bewegung, auch wenn man das mit dem bloßen Auge kaum erkennt. Schon gar nicht in diesen hellen Nächten, in denen selbst die Zeit stillzustehen scheint.

Grönländischer Salat

Grönland ist an Naturwundern bestimmt nicht arm. Nichts freilich hat mich so überrascht, wie inmitten der felsigen Fjordlandschaften mit Blick auf Eis und Schnee die herrlichsten Zutaten für einen Salat zu finden. Beeren, ja, damit hatte ich irgendwie gerechnet. Leider waren die Krähenbeeren, die wir in höheren Lagen im Moos erspähten, nur schrumpelige Überlebende vom Vorjahr ohne nennenswerten Geschmack und auch die Blaubeeren noch nicht reif. Während der Sommer in Mitteleuropa in diesem Jahr besonders früh einsetzte, ließ er im hohen Norden besonders lange auf sich warten.

Wie gesagt: Mit Beeren rechnete ich. Aber Salat? Die meisten von uns hatten das Gewächs, von dem hier die Rede ist, zwar durchaus bemerkt, es aber nicht als essbar angesehen. Mit seinen dicken rosettenartig angeordneten Blättern ist der Rosenwurz unschwer als Verwandter des Hauswurz zu erkennen, den man bei uns gern in Steingärten antrifft. Und das sollten wir essen? Ja, sagte Marina, unser Guide: sehr lecker! Vor allem die jungen Stängel ohne Blüte. Mamakaiu! sagen die Grönländer. Gut! Und ich sage: Sie haben alle Recht. Leicht bitter ist der Geschmack, sehr knackig die Konsistenz. Manchmal brachten wir von unseren Wanderungen auch noch Sauerampfer und Löwenzahn mit zurück ins Küchenzelt. Mmmmh!

Die reichsten Vorkommen entdeckten wir in den Ruinen eines ehemaligen Inuit-Winterlagers, ungefähr dort, wo der Johan Petersens Fjord in den breiten Sermilikfjord mündet. Bis in die 1950er Jahre sollen dort Menschen überwintert haben. Viel erinnert nicht daran: Eine Mulde auf einer Anhöhe, die einmal ein geschützter Ausguck gewesen sein mag. Vielleicht auch eine Feuerstelle, um die sich alle sammelten. Oder beides. Ein kleiner Raum aus übereinander geschichteten Steinen. Ob darin einst Walfleisch fermentiert wurde? Drei Gräber zeugen von vergangenem Leben. Die weißen Holzkreuze sind gut erhalten. Womöglich hat man dort erst in jüngerer Zeit Menschen beerdigt, die früher mit dem Ort verbunden waren. Oder wurden alte verfallene Kreuze durch neue ersetzt? „AGE K“ steht auf dem einen. Mit einem Punkt auf dem „A“. Was mag das bedeuten? Ach, könnten die Steine sprechen!

Unseren Salat reicherten wir an diesem Abend mit Thunfisch aus der Dose an.

Von Horizont zu Horizont

Sicher und ruhig steuern die Männer, die ihren Lebensunterhalt mit Jagen und Fischen verdienen, wenn sie nicht gerade Reisende wie uns mit dem Motorboot zu einem der abgelegeneren Fjorde transportieren, zwischen flachen Inseln hindurch, die aus nichts als Fels zu bestehen scheinen.

Eisberge bekommen wir heute kaum zu Gesicht, der Ikaasatsivaq-Fjord im Norden der Ammassalik-Insel an der Ostküste Grönlands, an dem wir unser nächstes Camp errichten wollen, ist um diese Jahreszeit eisfrei. Dafür sehen wir die schönsten Bergketten, die meisten gleich doppelt. Wie Scherenschnitte heben sich die schneebedeckten Höhen zu beiden Seiten des schmalen Fjords vom tiefblauen Wasser und dem nicht minder blauen Himmel ab.

Schon nähern wir uns dem Ufer. Auf den ersten Blick ist kaum mehr zu erkennen als Fels und halb gefrorenes Wasser, das sich träge seinen Weg zum Fjord bahnt. Bloß nicht auf die glitschigen Algen treten! Schon gar nicht, wenn man gerade eine von den unhandlichen schweren Proviantboxen über die kaum weniger rutschigen Steine auf festen Grund zu hieven versucht.

Marina, unser Guide, läuft bereits den steinigen Hang hinauf. Irgendwo weiter oben muss Platz für unsere Zelte sein. Und siehe da, es ist: Zwischen den Felsen öffnet sich eine schiefe Ebene mit deutlich weniger Steinen. Gleich nebenan versorgt uns ein reißender Schmelzwasserfluss mit Süßwasser. Der Sand, den er mit sich führt, ist so fein, dass man ihn zwar sieht, aber beim Trinken kaum spürt. Der traumhafte Weitblick über den Fjord lässt die Schlepperei durch das unwegsame Gelände sofort vergessen.

In unserem Rücken erheben sich eine Kuppel und eine Pyramide, an deren markanter Gestalt sich auch die Bootsführer orientiert hatten. Sie sind unsere Ziele für die kommenden Tage.

Die Kuppel ist eine Art Hochplateau, allerdings eines mit vielen Einschnitten, so dass unsere Wanderung ein fortwährendes Auf und Ab ist. Das ist typisch für die Berglandschaft Ostgrönlands, in die die Gletscher tiefe Einschnitte und Täler gefräst haben. Wir verlassen das Plateau schließlich über eine steile Rinne, zur Sicherheit einzeln, damit niemand von losen Steinen und Felsbrocken getroffen wird.

Der Weg zum Sattel der Pyramide führt anderntags vor allem in eine Richtung: aufwärts. Über Schotter und Steine zunächst, steiler dann über Felsbrocken, zwischendurch über wunderbar weiche Hochwiesen voller Moos und Flechten, zuletzt über ein langes steiles Schneefeld, das die Kondition noch einmal ordentlich fordert.

Aber auch für diese Anstrengung bietet die Landschaft reiche Entschädigung. Weit unter uns zu unserer Linken schlängelt sich der Schmelzwasserfluss wie ein schmales silbernes Band. Das Camp ist längst nicht mehr zu sehen. Nach rechts schweift der Blick bis zum Horizont. Der mit Eisbergen und kleinen Meereisfeldern gesprenkelte Sermilikfjord gleich darunter mutet wie ein zweiter Himmel an. Über ihm zeichnet sich zartweiß das Landesinnere ab – das mächtige Inlandeis. Gut und gerne 15 Kilometer mögen es bis dahin sein, aber die Luft ist so klar, dass die Distanz viel kürzer erscheint.

Das Abenteuer beginnt

Ich wusste, dass eine Trekking-Reise nach Ostgrönland ein Abenteuer sein würde. Aber ich hatte nur sehr ungefähre Vorstellungen davon, was das bedeutete. In dem Infoheftchen des Reiseveranstalters hatte ich zum Beispiel gelesen, dass in den Sommermonaten vereinzelt Eisbären durch den Distrikt Ammassalik streifen würden, an dessen Fjorden wir unsere Zelte aufschlagen wollten.

„Die einheimischen Jäger sind in dieser Jahreszeit nahezu rund um die Uhr unterwegs, so dass Eisbären in den meisten Fällen frühzeitig gesichtet werden. Für den seltenen Fall, dass sich ein Tier tatsächlich in der Gegend aufhält, halten wir abwechselnd Nachtwachen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ein Eisbär sich über einen längeren Zeitraum in einem Gebiet aufhält, verändern wir unsere Trekkingroute kurzfristig, um dem Tier entsprechend Freiraum zu lassen und eine für beide Seiten kritische Begegnung zu vermeiden. Unsere Reiseleiter tragen aus Sicherheitsgründen während des gesamten Trekkings ein Gewehr bei sich und wurden zuvor mit der Nutzung im Ernstfall vertraut gemacht.“

Das hatte ich vor der Reise gelesen – und trotzdem irgendwie angenommen, ich könnte in einem der Camps in der Wildnis notfalls auch mal einen Tag pausieren, sollten die Knie streiken nach tagelangem Auf und vor allem Ab im Geröll. Dass diese Annahme wenig durchdacht war, machte uns Marina gleich bei der ersten Lagebesprechung deutlich. Die sportliche Russin, in Tadschikistan aufgewachsen und schon als Kind auf Expeditionen im Pamirgebirge unterwegs, lebt inzwischen in München. Wenn sie nicht gerade Gruppen durch die Berge dieser Welt führt, klettert sie, mit Vorliebe in vereisten Wasserfällen. Natürlich dürfe niemand allein im Camp zurückbleiben, sagte Marina. Da hätte der Eisbär ja gegebenenfalls leichte Beute.

Vor diesem Hintergrund diente die Tageswanderung auf den Hausberg von Tasiilaq von unserem Basislager am Rande des 2000-Seelen-Orts aus sicher auch dazu herauszufinden, ob wir alle fit genug sind für die vor uns liegenden Tage in der Wildnis. Über Moos und Flechten, über Geröll und Schotter führte der Weg. Vorbei an Gletscherseen und rauschenden Bächen, einmal auch mittendurch. Von Gipfel zu Sattel zu Gipfel.

Staunend und tief berührt schaute ich auf die Eisberge mit ihren türkisfarbenen Röckchen im Meer weit unter uns. Ganz allmählich begann der aufsteigende Nebel die von den Gletschern geformten Täler zu füllen.

P.S. Den „Fitness-Test“ bestanden wir alle. Ich beschloss dennoch, fortan die Kniebandagen anzulegen. An Entlastung mitnehmen, was geht!