Weite sei um dich!

P1010513Mit diesem alten Beduinengruß und ein paar Impressionen aus der Wüste endet meine kleine Reihe aus Jordanien.

P1010486Als „eine Prozessionsstraße mit riesigen Felsbauwerken zu beiden Seiten“ beschrieb der Engländer T.E. Lawrence in seinem Buch „Die Sieben Säulen der Weisheit“ die grandiose Landschaft des Wadi Rum im Süden des Königreichs. Entstanden ist sie vor 30 Millionen Jahren, als sich der ostafrikanische Graben hob und auseinander brach. Übrig blieben hohe Sandsteinfelsen auf Granitsockeln.

P1010473Durch Erosion wurde der Sandstein zu den jetzt sichtbaren bizarren Formen geschliffen, die dem Wadi Rum auch den Namen „Tal des Mondes“ eintrugen. Hier schlugen Prinz Faisal, der damalige Emir von Mekka, und T.E. Lawrence, besser bekannt als Lawrence von Arabien, im Ersten Weltkrieg während des von den Briten forcierten Araberaufstands gegen das Osmanische Reich ihr Quartier auf.

P1010605Die einzigen Bewohner des Wadi Rum sind bis heute Beduinen, aus Jordanien und aus anderen Ländern. Sie sind es auch, die uns Touristen zu Fuß, auf dem Kamel, das eigentlich ein Dromedar ist, oder mit dem Jeep durch das heutige Naturreservat begleiten.

P1010511Und sie bieten uns Schlafmöglichkeiten im typischen Stil der Wüstenbewohner: in Zelten aus schwarzem Ziegenhaar.

P1010581Wer will, kann sich nach dem Essen und Geschichtenerzählen auch auf Matten und Teppichen neben dem Lagerfeuer in dicke Decken rollen und direkt unter einem Meer aus Sternen träumen.

P1010546Wir haben Glück: Unser Camp ist eines der kleineren. Im Halbrund schmiegt es sich an den Fels.

P1010582Reifenspuren und Fußabdrücke lassen auf dem zweistündigen Fußmarsch vom Visitor Center dorthin zwar keinen Zweifel daran, dass wir nicht die Ersten sind, die seit dem letzten Sandsturm hier entlang gekommen sind. Gelegenheit, der Stille der Wüste zu lauschen, besteht später dennoch zur Genüge.

P1010476Auf einem Spaziergang im weicher werdenden Licht des Spätnachmittags zum Beispiel, während sich die Sonne Stück für Stück hinter die Felsen zurückzieht. Die Formen des Gesteins erleichtern zum Glück die Orientierung. Nachts im Licht des fast vollen Mondes. Oder beim Brennholzsammeln für den Morgentee. Der junge Tag klettert unterdessen über die hohen Felsen und füllt die gerade noch schattige Schlucht mit neuem Gleißen.

P1010545Man ist dann vielleicht allein, aber es ist auch alles eins. Die Weite, die totale Abwesenheit von Geräuschen berührt mich, wie es sonst keine Landschaft vermag. Ich liebe sie alle: das Meer, die Berge, die Wälder… Aber die Wüste geht irgendwie noch tiefer.

P1010572Dieses Gefühl habe ich nie schöner beschrieben gefunden als in einem Aphorismus des libyschen Schriftstellers Ibrahim al-Koni, selbst ein Tuareg: „Wer die Wüste liebt, ist Gefangener der Freiheit.“ Die Kunst, in acht Worten so viel Wesentliches sowohl über die Wüste als auch über die Freiheit zu sagen, bewundere ich sehr.

P1010638Ein paar Zeilen aus einem Brief Rainer Maria Rilkes vom Anfang des vorigen Jahrhunderts kommen mir in den Sinn: „Das Bewusstsein vorausgesetzt, dass auch zwischen den nächsten Menschen unendliche Fernen bestehen bleiben, kann ihnen ein wundervolles Nebeneinanderwohnen erwachsen, wenn es ihnen gelingt, die Weite zwischen sich zu lieben, die ihnen die Möglichkeit gibt, einander immer in ganzer Gestalt und vor einem großen Himmel zu sehen.“ In der Wüste klingt das ganz selbstverständlich.

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Have a break

P1010617Heute mal keine Besichtigung. Und auch keine Wanderung. Einfach irgendwo sitzen und Tee trinken. Schwarz, stark und süß, mit einem Stängel Minze darin oder vielleicht ein paar Blättern Salbei. Oder doch lieber Kaffee? Süß ist der auch, schon wegen der vielen Gewürze, Kardamom vor allem, und immer etwas schlammig. Irgendwann meldet sich der Magen. Fladenbrot wäre jetzt gut. Am besten frisch im Ofen oder auf dem offenen Feuer gebacken. Auf zwei Dinge muss man dabei achten: dass der Teig keine Löcher bekommt und dass er nicht verbrennt. Mmmmh! Wie das duftet!

P1000849Und dazu Mezze, diese wunderbar reiche Auswahl an Vorspeisen, die ich schon aus syrischen und libanesischen Restaurants kannte und die mich auf meiner Reise durch Jordanien jeden Tag aufs Neue begeisterte. Salate, Gemüsepürees und Fleischstücke werden in der Mitte des Tisches in Schälchen serviert, aus denen sich jeder bedient. Wer mag, benutzt das Fladenbrot wie einen Löffel oder rollt die Speisen darin zu einer Teigtasche (vor dem Rollen unbedingt eines der Enden einschlagen, sonst kleckert beim Essen alles raus!).

P1000852Zu meinen Top Ten gehören Falafel: frittierte Kichererbsen-Bällchen, mit Koriander, Kumin und Zimt gewürzt. Besonders lecker mit Tahina, einer Paste aus fein gemahlenen Sesamkörnern und Hülsenfrüchten mit Knoblauch, Zitrone, Salz und Pfeffer. Dazu eine Portion Tabouleh: Salat aus Tomaten, Zwiebeln, klein gehackter Petersilie und frischer Minze. Humus natürlich: Kichererbsenpüree mit Olivenöl, Sesampaste, Knoblauch und Zitronensaft. Beim Auberginenmus heißt es aufpassen, davon gibt es zwei Varianten: das etwas gröbere Baba Ghanoush, das aus gegrillten Auberginen zubereitet wird und ein bisschen so schmeckt wie Lagerfeuer riecht, und Moutabbal, eine feine Auberginen-Joghurt-Creme mit hohem Suchtfaktor. Was noch? Warmes Tomatenmus mit gerösteten Pinienkernen und Knoblauch. Passt wunderbar zu den mit Käse (oder Fleisch) gefüllten Blätterteigtäschchen, deren Namen ich ebenfalls vergessen habe. Dazu vielleicht noch eine Spur Zatar – eine Gewürzmischung aus wildem Thymian, gerösteten Sesamsamen, Sumach und Salz –, ein paar eingelegte Oliven, Rote Beete, Gurken, Blumenkohl, Auberginen, Rettich und Chilis und etwas frischer Salat mit geriebenem Schafskäse, und der Schlemmer-Himmel ist ganz nah.

P1010131Auf den Hauptgang verzichte ich wieder einmal – mangels Fassungsvermögen und weil er aus Vegetarier-Sicht ohnehin nicht mit den Vorspeisen mithalten kann. Mansaf zum Beispiel, das traditionelle jordanische Hauptgericht aus der Beduinenküche, besteht hauptsächlich aus Lammfleisch-Stücken auf einem Berg Reis, die auf einem großen Tablett serviert werden, nach dem das Gericht auch benannt ist. Dazu gibt es Joghurtsauce und geröstete Pinienkerne. Eine Alternative auch für nicht-carnivore Zeitgenossen ist Magloube: In einem Topf wird Fleisch, Fisch oder auch nur Gemüse mit Reis in Schichten gekocht und dann kopfüber – das bedeutet der Name auf Arabisch – auf einen großen Teller gestürzt.

P1010120Ich denke lieber an lebende Lämmer, trinke noch ein Glas frisch gepressten Zitronensaft mit fein gehackter Minze und frage mich, ob vielleicht doch noch ein klein wenig Platz ist für eine der kalorienreichen Süßspeisen auf der Basis von Zuckersirup und Honig, die mit Nüssen, Pinienkernen, Mandeln, Pistazien, Sesam, Schokolade und anderen Köstlichkeiten angereichert werden. Spätestens danach ist es auf jeden Fall wieder Zeit für einen starken Kaffee oder Tee. Und dazu vielleicht ein Wasserpfeifchen…

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Sesam, öffne dich!

P1010210P1010176Wow! So muss sich der arme Holzfäller Ali Baba gefühlt haben, als er, verborgen auf einem Baum, Zeuge wurde, wie die Räuber den Berg, in dem sie ihre Schätze versteckt hielten, mit einem Zauberwort dazu brachten sich zu öffnen. Mehr als einen Kilometer sind wir durch den am frühen Morgen noch ziemlich stillen Siq bereits gelaufen, den einzigen direkten Zugang  zu der antiken Felsenstadt Petra auf halbem Weg zwischen dem Toten Meer und dem Golf von Aqaba. Zu beiden Seiten der schmalen Schlucht ragen mächtige Felswände fast senkrecht empor, 70, 80, an einigen Stellen bis zu 100 Meter hoch.

P1010199An der engsten Stelle meint man, den rötlichen Sandstein links und rechts gleichzeitig berühren zu können. Der Siq ist hier kaum mehr als zwei Meter breit, an der weitesten Stelle sind es gerade einmal 16 Meter. Noch ein paar Windungen, und plötzlich öffnet sich die Schlucht und gibt die Sicht frei auf eine direkt in den Fels geschlagene rosarote Fassade:  Al-Khazneh, das „Schatzhaus“ der einstigen Hauptstadt der Nabatäer! Unwillkürlich schließe ich die Augen. Als ich sie wieder öffne, ist der Schatz immer noch da.

P1010317Kinofreunden wird der Anblick womöglich bekannt vorkommen: In der Schlussszene des Films „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ wird der Siq von Petra zur geheimnisvollen „Schlucht des sichelförmigen Mondes“, und das Schatzhaus weist den Weg in die Welt des heiligen Grals. Seinen Namen erhielt das gut 40 Meter hohe und fast 30 Meter breite Bauwerk von Beduinen, die glaubten, den Schatz eines Pharao vor sich zu haben. Tatsächlich wurde es als Grabmal eines nabatäischen Königs errichtet und später wohl auch als Tempel genutzt.

P1010225Vom Schatzhaus führt der Weg weiter und immer weiter durch die Felsenstadt, die so alt ist wie unsere Zeitrechnung: vorbei an prachtvollen Fassaden von Grabkammern nabatäischer Könige und Edelleute zu einem Theater, das 7.000 Zuschauern Platz bot, von dort entlang einer Säulenstraße mit umfangreichen Resten antiker Tempel, mit Souvenirläden und Teestuben bis in das ehemalige Stadtzentrum von Petra.

P1010247P1010381Wir befinden uns inzwischen auf einem weitläufigen Plateau, umgeben von grandiosen Felsformationen, auf denen weitere Sehenswürdigkeiten locken. Ad-Deir zum Beispiel, das „Kloster“, ebenfalls ein Grabmal oder Tempel – schlichter als das Schatzhaus, aber (oder vielleicht auch gerade deswegen) nicht weniger schön. Oder der Große Opferplatz, an dem religiöse Zeremonien zu Ehren nabatäischer Gottheiten abgehalten wurden. Von dort oben eröffnen sich weite Blicke auf das UNESCO-Weltkulturerbe, das seit ein paar Jahren außerdem zu den Neuen Sieben Weltwundern zählt, in einer Reihe mit dem Kolosseum in Rom, Chichen Itza in Mexiko, der Chinesischen Mauer, der Christusstatue in Rio, Machu Picchu in Peru und dem Taj Mahal in Agra.

P10102932014-02-15 11.59.30Doch vor den Ausblick haben die Götter den Schweiß gesetzt. Hunderte von in den Fels geschlagenen Stufen wollen bewältigt werden, zu Fuß oder auf dem Rücken eines Esels. Ein Vergnügen, das ich mir als begeisterte Reiterin nicht entgehen lassen kann: Nach vorne beugen, und ab geht die Post! Für Tempo sorgt von hinten der Eseltreiber. Okay, ich gebe zu, ich habe gelegentlich ein wenig in den Abgrund geschaut – das muntere Tier hatte sehr viel Freude am Überholen, und großartig lenken ließ es sich mangels Zügeln auch nicht -, aber alles in allem sieht so ein Eselritt auf nacktem Stein den Berg hinauf vermutlich abenteuerlicher aus, als er sich anfühlt.

P1010285Drei Tage Laufen, Laufen, Laufen in Petra, um Petra und um Petra herum. Ich kann mich kaum satt sehen am Farbenreichtum des Sandsteins und an der Architektur der Felsen. Die durch tektonische Verschiebungen und gelegentliche Hochwasser im Siq entstandene beeindruckt mich nicht weniger als die von den nabatäischen Steinmetzen geschaffene.

P1010386Gleichzeitig versuche ich, mir das Leben in der Felsenstadt vor 2.000 Jahren vorzustellen. Damals kontrollierten die Nabatäer, eigentlich ein Nomadenvolk von der Arabischen Halbinsel, von Petra aus den gesamten Karawanenhandel zwischen Damaskus und dem heutigen Medina. Die Stadt lag strategisch günstig am Knotenpunkt mehrerer Handelswege, auf denen Weihrauch, Gewürze und Seide transportiert wurden. Inmitten von Felsgebirgen war sie von außen praktisch uneinnehmbar. Und – unbezahlbar in der Region – sie verfügte über eine eigene Quelle. Brauch- und Trinkwasser leiteten die Nabatäer über eine in die Felswand des Siq gehauene Wasserleitung in die Stadt.

P1010441Fels und Wasser so nah beieinander? Das konnte nur eines bedeuten: Petra musste der Ort gewesen sein, an dem Moses beim Auszug des Volkes Israel aus Ägypten mit dem Schlag seines Stabes eine Quelle aus dem Stein hatte sprudeln lassen. Der Legende folgt auch der heutige Name Wadi Musa, Mosestal.

P1010222Rund 100 Jahre nach Christus ging das Reich der Nabatäer in der römischen Provinz Arabia auf. Gerasa, das heutige Jerash nördlich von Amman, lief Petra mehr und mehr den Rang ab. Keine Sorge: Ich mache an dieser Stelle nicht auch noch das Fass der großartigen Relikte aus der Römerzeit auf jordanischem Boden auf! Mir schwirrt selbst der Kopf von so viel Historie auf engstem Raum. Und dazu noch all die biblischen Bezüge… Jedenfalls: Nach Petra krähte ein paar hundert Jahre später kein Hahn mehr – bis Anfang des 19. Jahrhunderts ein Schweizer, angeblich als Scheich verkleidet, die geheimnisvolle Stätte „wiederentdeckte“. Beduinen nutzten die kühlen, schattenspendenden Grabbauten inzwischen als Wohnungen. In den 60er, 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden sie umgesiedelt, um die Felsenstadt besser für den Tourismus nutzen zu können. Irgendwie schade. Heute wohnen die Beduinen in den umliegenden Dörfern, vor allem in Wadi Musa. Ein Großteil von ihnen lebt vom Petra-Tourismus.

P1010128Einige der ehemaligen Felswohnungen sind jetzt Souvenirläden. In einer anderen verbringen wir unseren Picknick-Stopp. Mein Fotoapparat stellt automatisch scharf auf das Porträt von König Abdullah II an der Wand. Gegenüber hängt das Bild seines 1999 verstorbenen Vaters, König Hussein, der bis heute hohes Ansehen im Land genießt. Könige unter sich.

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Datteln in Nahost

P1010516P1010553Von der Geschichte, die uns Ali, unser Reiseleiter, im Beduinencamp am Lagerfeuer erzählte, ist mir vor allem in Erinnerung, dass einem nach dem Verzehr von roten Datteln Hörner wachsen können. Vielleicht muss man dazu aber auch eine Prinzessin sein. Um deren Gunst wirbt in einer endlosen Abfolge von Szenen der schlaue Hassan, bis er die Angebetete durch die Gabe von gelben Datteln schließlich von dem störenden Stirnschmuck befreien und ihr Herz erobern kann. Aber das ist am Ende gar nicht so wichtig. Die Szenen folgen ersichtlich keiner festen Dramaturgie, werden im Lauf der Erzählung immer bunter. Je gebannter die Zuhörer lauschen, je mehr sie über die Abenteuer des schlauen Hassan lachen, desto größer ist auch die Lust des Erzählers: Ali amüsiert sich nicht weniger als wir und schenkt uns Schleife um Schleife. Der Weg ist das Ziel. Ich folge fasziniert der eigenwilligen Spannung der Geschichte.

P1010291So ähnlich erzählt auch Salim Alafenisch, ein deutsch schreibender palästinensischer Autor mit israelischer Staatsbürgerschaft („Die acht Frauen des Großvaters“). Der hat sogar noch ein paar mehr Lebensjahre im schwarzen Ziegenhaarzelt in der Wüste verbracht als Ali, nur eben auf der anderen Seite der Grenze. Und beide hat es irgendwann nach Deutschland verschlagen… Wie nah im Nahen Osten alles beieinander liegt! Als ich am Toten Meer, dem tiefsten Punkt der Erde, 400 Meter unter dem Meeresspiegel fest auf dem Boden des Haschemitischen Königreichs Jordanien stehend, mein Handy einschaltete, erhielt ich die Mitteilung „Willkommen in Israel“. Irre, aber auch wieder nicht. Schließlich ist das Tote Meer, in dem man wegen des hohen Salzgehalts nicht untergehen kann, nur 18 Kilometer breit, und die Grenze verläuft mittendrin. Was das Schwimmgefühl angeht, bevorzuge ich übrigens das Rote Meer ganz im Süden, auf dem man nicht wie ein Korken herumdümpelt, aber immer noch (oder schon wieder) ganz nah an den Nachbarn dran ist. Links Saudi-Arabien, rechts das israelische Elat und dahinter der Sinai.P1000995

Aus Saudi-Arabien kommen auch Alis Vorfahren. Irgendwann war im Zuge irgendwelcher Auseinandersetzungen für den Stamm und seine Mitglieder kein Platz mehr im Nachbarland. Jordanien scheint immer Platz für Flüchtlinge zu haben. Über die Hälfte der rund 6,5 Millionen Einwohner stammen von Palästinensern ab, die als Flüchtlinge und Vertriebene ins Land kamen: nach dem Palästinakrieg 1948/49, nach dem Sechstagekrieg 1967 und in der Folge des Irakkriegs 1990/91. Etwa 350.000 der insgesamt 1,9 Millionen registrierten Flüchtlinge, denen Jordanien als einziges arabisches Land die Staatsbürgerschaft gewährt hat, leben nach wie vor in Flüchtlingslagern, hoffen darauf, eines Tages zurückkehren zu können. Seit 2012 schwemmt der Bürgerkrieg in Syrien einen weiteren Strom von Flüchtlingen ins Land. Ich muss zugeben: Die Zahlen beeindrucken mich zutiefst – und noch mehr, wie es gelingt, inmitten von so viel Instabilität selbst stabil zu bleiben.

Jordanien 371Als ich Freunden von meinen Reiseplänen erzählte, wurde ich mehr als einmal gefragt, ob das nicht zu gefährlich sei. Das hat sicher viel damit zu tun, dass Amman in den Medien vor allem als Stützpunkt für die Krisenberichterstattung aus den Nachbarländern wahrgenommen wird. Meine Antwort lautete und lautet: Nein, ist es nicht. Die Menschen in Jordanien habe ich als extrem freundlich und hilfsbereit erlebt, und auch dem Staat liegt die Sicherheit seiner Besucher offensichtlich am Herzen: An allen touristisch wichtigen Orten patrouilliert unauffällig die Tourist Police, wir hatten sogar die ganze Zeit unseren eigenen Polizisten dabei. Von seinem Revolver brauchte Fayez zum Glück keinen Gebrauch zu machen, aber er stand immer bereit, wenn jemand Hilfe bei steileren Auf- oder Abstiegen oder eine Hand bei der Flussquerung im Canyon brauchte.

Mir wird dieser feine junge Mann vor allem als Beispiel dafür in Erinnerung bleiben, welch hohen Stellenwert die Familie in Jordanien hat. Über die Nachricht, dass seine Schwester das Abitur bestanden hatte, war der große Bruder so glücklich, dass ihm die Tränen kamen. Ihm war das ein bisschen peinlich, wir waren entzückt – und vielleicht auch eine Spur neidisch. Ganz am Ende der Tour verriet mir Fayez noch, dass er eigentlich gern Lehrer geworden wäre, das Studium aber nicht drin sei, weil die Eltern und die sieben jüngeren Geschwister auf sein Gehalt angewiesen seien. In ein, zwei Jahren, sagte er, würde er gern heiraten und selbst eine Familie gründen. Inschallah.

P1010061Der etwas ältere Malik, unser Local Guide auf dem Trail von dem malerisch auf einem Felsplateau gelegenen Dörfchen Dana tief hinab in die gleichnamige grüne Schlucht, hat erklärtermaßen Größeres vor. Am liebsten, behauptete der Biologe, der früher in der Gegend die Schafe und Ziegen seines Vaters gehütet hat und heute Wandergruppen auf Tages- und Mehrtagestouren durch die grandiose Felslandschaft des Biosphärenreservats führt (so groß sind die Unterschiede wahrscheinlich nicht), würde er gleich vier Frauen heiraten. Aha, sagte ich. Du musst dir das wie einen Obstteller vorstellen, meinte Malik und grinste charmant: An einem Tag hast du vielleicht Lust auf einen Apfel, am nächsten eher auf eine Banane… Ja, klar. Wir lachten herzlich.

P1010076Leider hatte ich keine Gelegenheit, das Thema Obstsalat mit Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts im Land zu erörtern. Irgendwann wurde mir klar, dass ich auf dieser Reise überhaupt nur mit Männern Gespräche führte. Die Frauen bleiben im Hintergrund. Selbst in den Hotels sind die Zimmermädchen Boys – oder sie kommen von den Philippinen. Ich glaube, das würde mich reizen: Wiederzukommen und zu schauen, dass ich mehr Kontakt auch zu Frauen kriege. Aber jetzt esse ich erst einmal ein paar Datteln. Gelbe natürlich. You never know. Und demnächst erzähle ich noch ein bisschen über besondere Orte in Jordanien.

Salam aleikum

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Der Körper ist zurück in Hamburg, die Seele noch unterwegs, irgendwo zwischen dem Toten Meer und dem Wüstenreich des Lawrence von Arabien. Knapp zwei Wochen zu Fuß durch Jordanien – was für ein Fest für die Sinne! Noch immer spüre ich den Geschmack des süßen Minzetees auf der Zunge. In der Nase hält sich der Duft von auf dem offenen Feuer geröstetem Brot. Von fern ruft der Muezzin zum Gebet. Dazu ein Feuerwerk an Farben und Formen: eine rosarote direkt in gewaltige Felswände gemeißelte antike Stadt, der Berg, von dem Moses ins Gelobte Land schaute, gut erhaltene Relikte der Römer und Landschaften, die süchtig machen können. Noch widersetzen sich die Worte. Mögen an ihrer Stelle Bilder sprechen. Vor allem anderen: Gesichter. Und Musik.

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