Grönländischer Salat

Grönland ist an Naturwundern bestimmt nicht arm. Nichts freilich hat mich so überrascht, wie inmitten der felsigen Fjordlandschaften mit Blick auf Eis und Schnee die herrlichsten Zutaten für einen Salat zu finden. Beeren, ja, damit hatte ich irgendwie gerechnet. Leider waren die Krähenbeeren, die wir in höheren Lagen im Moos erspähten, nur schrumpelige Überlebende vom Vorjahr ohne nennenswerten Geschmack und auch die Blaubeeren noch nicht reif. Während der Sommer in Mitteleuropa in diesem Jahr besonders früh einsetzte, ließ er im hohen Norden besonders lange auf sich warten.

Wie gesagt: Mit Beeren rechnete ich. Aber Salat? Die meisten von uns hatten das Gewächs, von dem hier die Rede ist, zwar durchaus bemerkt, es aber nicht als essbar angesehen. Mit seinen dicken rosettenartig angeordneten Blättern ist der Rosenwurz unschwer als Verwandter des Hauswurz zu erkennen, den man bei uns gern in Steingärten antrifft. Und das sollten wir essen? Ja, sagte Marina, unser Guide: sehr lecker! Vor allem die jungen Stängel ohne Blüte. Mamakaiu! sagen die Grönländer. Gut! Und ich sage: Sie haben alle Recht. Leicht bitter ist der Geschmack, sehr knackig die Konsistenz. Manchmal brachten wir von unseren Wanderungen auch noch Sauerampfer und Löwenzahn mit zurück ins Küchenzelt. Mmmmh!

Die reichsten Vorkommen entdeckten wir in den Ruinen eines ehemaligen Inuit-Winterlagers, ungefähr dort, wo der Johan Petersens Fjord in den breiten Sermilikfjord mündet. Bis in die 1950er Jahre sollen dort Menschen überwintert haben. Viel erinnert nicht daran: Eine Mulde auf einer Anhöhe, die einmal ein geschützter Ausguck gewesen sein mag. Vielleicht auch eine Feuerstelle, um die sich alle sammelten. Oder beides. Ein kleiner Raum aus übereinander geschichteten Steinen. Ob darin einst Walfleisch fermentiert wurde? Drei Gräber zeugen von vergangenem Leben. Die weißen Holzkreuze sind gut erhalten. Womöglich hat man dort erst in jüngerer Zeit Menschen beerdigt, die früher mit dem Ort verbunden waren. Oder wurden alte verfallene Kreuze durch neue ersetzt? „AGE K“ steht auf dem einen. Mit einem Punkt auf dem „A“. Was mag das bedeuten? Ach, könnten die Steine sprechen!

Unseren Salat reicherten wir an diesem Abend mit Thunfisch aus der Dose an.

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Von Horizont zu Horizont

Sicher und ruhig steuern die Männer, die ihren Lebensunterhalt mit Jagen und Fischen verdienen, wenn sie nicht gerade Reisende wie uns mit dem Motorboot zu einem der abgelegeneren Fjorde transportieren, zwischen flachen Inseln hindurch, die aus nichts als Fels zu bestehen scheinen.

Eisberge bekommen wir heute kaum zu Gesicht, der Ikaasatsivaq-Fjord im Norden der Ammassalik-Insel an der Ostküste Grönlands, an dem wir unser nächstes Camp errichten wollen, ist um diese Jahreszeit eisfrei. Dafür sehen wir die schönsten Bergketten, die meisten gleich doppelt. Wie Scherenschnitte heben sich die schneebedeckten Höhen zu beiden Seiten des schmalen Fjords vom tiefblauen Wasser und dem nicht minder blauen Himmel ab.

Schon nähern wir uns dem Ufer. Auf den ersten Blick ist kaum mehr zu erkennen als Fels und halb gefrorenes Wasser, das sich träge seinen Weg zum Fjord bahnt. Bloß nicht auf die glitschigen Algen treten! Schon gar nicht, wenn man gerade eine von den unhandlichen schweren Proviantboxen über die kaum weniger rutschigen Steine auf festen Grund zu hieven versucht.

Marina, unser Guide, läuft bereits den steinigen Hang hinauf. Irgendwo weiter oben muss Platz für unsere Zelte sein. Und siehe da, es ist: Zwischen den Felsen öffnet sich eine schiefe Ebene mit deutlich weniger Steinen. Gleich nebenan versorgt uns ein reißender Schmelzwasserfluss mit Süßwasser. Der Sand, den er mit sich führt, ist so fein, dass man ihn zwar sieht, aber beim Trinken kaum spürt. Der traumhafte Weitblick über den Fjord lässt die Schlepperei durch das unwegsame Gelände sofort vergessen.

In unserem Rücken erheben sich eine Kuppel und eine Pyramide, an deren markanter Gestalt sich auch die Bootsführer orientiert hatten. Sie sind unsere Ziele für die kommenden Tage.

Die Kuppel ist eine Art Hochplateau, allerdings eines mit vielen Einschnitten, so dass unsere Wanderung ein fortwährendes Auf und Ab ist. Das ist typisch für die Berglandschaft Ostgrönlands, in die die Gletscher tiefe Einschnitte und Täler gefräst haben. Wir verlassen das Plateau schließlich über eine steile Rinne, zur Sicherheit einzeln, damit niemand von losen Steinen und Felsbrocken getroffen wird.

Der Weg zum Sattel der Pyramide führt anderntags vor allem in eine Richtung: aufwärts. Über Schotter und Steine zunächst, steiler dann über Felsbrocken, zwischendurch über wunderbar weiche Hochwiesen voller Moos und Flechten, zuletzt über ein langes steiles Schneefeld, das die Kondition noch einmal ordentlich fordert.

Aber auch für diese Anstrengung bietet die Landschaft reiche Entschädigung. Weit unter uns zu unserer Linken schlängelt sich der Schmelzwasserfluss wie ein schmales silbernes Band. Das Camp ist längst nicht mehr zu sehen. Nach rechts schweift der Blick bis zum Horizont. Der mit Eisbergen und kleinen Meereisfeldern gesprenkelte Sermilikfjord gleich darunter mutet wie ein zweiter Himmel an. Über ihm zeichnet sich zartweiß das Landesinnere ab – das mächtige Inlandeis. Gut und gerne 15 Kilometer mögen es bis dahin sein, aber die Luft ist so klar, dass die Distanz viel kürzer erscheint.

Das Abenteuer beginnt

Ich wusste, dass eine Trekking-Reise nach Ostgrönland ein Abenteuer sein würde. Aber ich hatte nur sehr ungefähre Vorstellungen davon, was das bedeutete. In dem Infoheftchen des Reiseveranstalters hatte ich zum Beispiel gelesen, dass in den Sommermonaten vereinzelt Eisbären durch den Distrikt Ammassalik streifen würden, an dessen Fjorden wir unsere Zelte aufschlagen wollten.

„Die einheimischen Jäger sind in dieser Jahreszeit nahezu rund um die Uhr unterwegs, so dass Eisbären in den meisten Fällen frühzeitig gesichtet werden. Für den seltenen Fall, dass sich ein Tier tatsächlich in der Gegend aufhält, halten wir abwechselnd Nachtwachen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ein Eisbär sich über einen längeren Zeitraum in einem Gebiet aufhält, verändern wir unsere Trekkingroute kurzfristig, um dem Tier entsprechend Freiraum zu lassen und eine für beide Seiten kritische Begegnung zu vermeiden. Unsere Reiseleiter tragen aus Sicherheitsgründen während des gesamten Trekkings ein Gewehr bei sich und wurden zuvor mit der Nutzung im Ernstfall vertraut gemacht.“

Das hatte ich vor der Reise gelesen – und trotzdem irgendwie angenommen, ich könnte in einem der Camps in der Wildnis notfalls auch mal einen Tag pausieren, sollten die Knie streiken nach tagelangem Auf und vor allem Ab im Geröll. Dass diese Annahme wenig durchdacht war, machte uns Marina gleich bei der ersten Lagebesprechung deutlich. Die sportliche Russin, in Tadschikistan aufgewachsen und schon als Kind auf Expeditionen im Pamirgebirge unterwegs, lebt inzwischen in München. Wenn sie nicht gerade Gruppen durch die Berge dieser Welt führt, klettert sie, mit Vorliebe in vereisten Wasserfällen. Natürlich dürfe niemand allein im Camp zurückbleiben, sagte Marina. Da hätte der Eisbär ja gegebenenfalls leichte Beute.

Vor diesem Hintergrund diente die Tageswanderung auf den Hausberg von Tasiilaq von unserem Basislager am Rande des 2000-Seelen-Orts aus sicher auch dazu herauszufinden, ob wir alle fit genug sind für die vor uns liegenden Tage in der Wildnis. Über Moos und Flechten, über Geröll und Schotter führte der Weg. Vorbei an Gletscherseen und rauschenden Bächen, einmal auch mittendurch. Von Gipfel zu Sattel zu Gipfel.

Staunend und tief berührt schaute ich auf die Eisberge mit ihren türkisfarbenen Röckchen im Meer weit unter uns. Ganz allmählich begann der aufsteigende Nebel die von den Gletschern geformten Täler zu füllen.

P.S. Den „Fitness-Test“ bestanden wir alle. Ich beschloss dennoch, fortan die Kniebandagen anzulegen. An Entlastung mitnehmen, was geht!

Wie ein ruhiger See

Einmal pro Tag fliegt Air Iceland von Reykjavik aus die kurze Landebahn zwischen Felsen, Eis und Wasser an – immer vorausgesetzt, tief hängender Nebel oder andere widrige Wetterverhältnisse verhindern dies nicht. Wir haben Glück und landen bei strahlendem Sonnenschein auf dem winzigen Flughafen von Kulusuk, dem einzigen in Ostgrönland. Sonst gibt es dort nur noch Heliports.

Kurze Zeit später düsen wir bereits in offenen Motorbooten über den Nordatlantik, vorbei an Kirchen und Kathedralen, an Zauberschlössern und verfallenen Burgen in Weiß-Blau-Türkis.

So weich und beinahe cremig wie überdimensionale Baisers treiben die Eisberge im gleißenden Licht. Da muss einer sehr viel Eiweiß und Zucker aufgeschlagen haben, denke ich, als mir der Wind unter die Daunenjacke fährt und mich daran erinnert, dass wir uns nicht in der Backstube des Schlaraffenlandes sondern bei wenigen Grad über Null auf dem Meer befinden.

Unser Ziel ist Tasiilaq im Süden der Ammassalik-Insel am Kong Oscars Havn, einem als besonders still geltenden Fjord. Daher der Name „Tasiilaq“, was „wie ein ruhiger See“ bedeutet. An diesem „See“ 100 Kilometer unterhalb des Polarkreises werden wir unser Basislager errichten.

Nur etwa 2500 bis 3000 Menschen leben insgesamt in Ostgrönland, allein 2000 von ihnen in Tasiilaq. Zu dem Städtchen wiederum gehören fünf Inuit-Dörfer in den umliegenden Fjorden, darunter auch Kulusuk, das die Verbindung zum Rest der Welt hält.

Tasiilaq auf den ersten Blick, das sind: eine ungeteerte Piste, die von der Bootsanlegestelle Richtung Ortszentrum führt, linker Hand Müllkippe und Hubschrauberlandeplatz, rechts der Campground, weiter hinten rote, blaue und grüne Häuser, vereinzelt auch gelbe, die wie eine Sammlung Bauklötze an den felsigen Hängen kleben.

Im Ort gibt es ein Postamt, zwei Supermärkte – den bemerkenswert gut sortierten kleinen am einen und den noch viel besser sortierten großen am anderen Ende –, die alte Kirche, die inzwischen das Museum beherbergt, und die neue Kirche weiter oben, die eher an ein Zelt erinnert, Gemeindeverwaltung, Touristeninformation, Schule, Krankenhaus, Friedhof und Polizei, einen kleinen Hafen natürlich. Was man so braucht. Und – last but not least – das Servicehaus, in dem ganz am Ende eine heiße Dusche auf uns wartet. Aber jetzt warten erstmal eineinhalb Wochen Trekking auf uns…

Stippvisite im Eis

Grönland ist mit über zwei Millionen Quadratkilometern die größte Insel der Welt. Die Küste hat eine Gesamtlänge von 40.000 Kilometern. Würde man diese Strecke am Äquator zurücklegen, hätte man die Erde genau einmal umrundet.

Mehr als 80 Prozent der Fläche Grönlands sind von einer gigantischen Schicht Inlandeis überzogen, die an manchen Stellen über 3000 Meter dick ist. Nur die Antarktis besitzt gewaltigere Eismassen.

Die Gletscher des Inlandeises schieben sich unaufhaltsam durch die unberührte Landschaft Richtung Küste. Riesige Eisbrocken lösen sich von den Gletscherzungen und treiben fortan als frostige Berge und Schollen durch den Nordatlantik. In den vergangenen Jahren hat der Klimawandel diesen Prozess noch beschleunigt.

Die von schneebedeckten Bergketten gesäumten Fjorde Ostgrönlands, in denen ich gerade wandern war, sind die meiste Zeit des Jahres durch Treibeis versperrt, das der kalte Ostgrönlandstrom aus dem Polarmeer heranspült. Vor allem anderen aber sind sie von einer Schönheit, die nicht von dieser Welt zu sein scheint.

„Die Natur, stark und wild, ist wie eine alte, in Schnee gemeißelte Sage, die manchmal in so feiner und zarter Stimmung ist wie ein Gedicht. Aber die Natur ist auch wie kalter Stahl, in dem sich das Licht der Farben im Licht der Sonne spiegelt.“ (Fridtjof Nansen, 1861 – 1930, norwegischer Polarforscher)

Juans fliegende Fische

Ich ging dann doch noch weiter: vom Ende der Welt nach Norden, die Costa da Morte zur Linken. Wie liebe ich Raúls eigenwillige Erklärung für den Namen des Küstenstreifens im äußersten Nordwesten der iberischen Halbinsel. „Todesküste“ habe man ihn nicht etwa wegen der vielen Seefahrer genannt, die in der rauen See und an den Klippen ihr Leben ließen. Ach, staunte ich zwischen zwei Bissen Toastbrot. Sondern? Na, weil doch Abend für Abend die Sonne über dem Meer starb… Irgendwo in Raúls Genen muss ein Rest des Sonnenkults überlebt haben, der in der Gegend unter Kelten wie Römern so viele Anhänger hatte. Heilige Steine wie der Ara Solis, der „Sonnenaltar“ auf dem Monte Facho oberhalb des Leuchtturms von Kap Finisterre erinnern bis heute daran.

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Nur noch ein paar Kilometer sind es bis Muxía. Wie verlockend der kleine Pfad aussieht. Bloß weg von der Straße! Hinein in die Büsche, bis es gar keinen Weg mehr gibt. Zuletzt folge ich Hufspuren in der Annahme, dass die Pferde einen Reiter getragen haben, aber die Tiere sind offenbar frei herumgelaufen. Die Spuren enden an einem kleinen Wasserlauf. Egal. Das Meer und die Straße sind ja weiterhin zu hören, geben Orientierung. Der alte Mann in den Dünen staunt nicht schlecht, als ich aus dem Dickicht breche. Meine Frage, ob ich wohl nach Belieben zur Straße hinaufklettern könne, bejaht er grinsend. Wir seien schließlich nicht in Nordkorea. Immer vorausgesetzt natürlich, ich könne. Steil ist es, da hat er Recht, aber kein wirkliches Hindernis für eine, die gerade eine mehrwöchige Wanderung hinter sich hat.

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Muxía ist ein Ort mit viel Wetter. An diesem Tag bläst der Wind aus Leibeskräften. Tanzend, rollend, schnaubend bahnt sich die See ihren Weg ans Ufer. An den vorgelagerten Felsen ruft sie die tollsten Explosionen hervor. Welch eine Kraft! Eine vorwitzige Passantin reißt es um ein Haar in die Fluten.

Von Bö zu Bö arbeite ich mich zum Heiligtum Nosa Señora da Barca am sturmgepeitschten äußersten Ende der Stadt vor. Nach Muxía war der Apostel Jakobus der Legende zufolge von Finisterre aus gereist, um sich zu erholen – überzeugt davon, dass er mit seinem Anliegen gescheitert war, die Einheimischen vom Sonnenkult ab- und ihnen die christliche Botschaft nahezubringen. In ein Gebet vertieft, so heißt es, weilte der Apostel am Meer, als sich die Jungfrau Maria in einem steinernen Boot näherte und ihm versicherte, seine Mission sei durchaus erfolgreich gewesen, er solle nur nach Jerusalem zurückkehren. Ein Rat, der sich am Ende als tödlich erwies.

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Wie weit können fliegende Fische wohl fliegen? Diese nicht so weit, sagt Juan und lacht. Seit seinem 14. Lebensjahr verarbeitet der 88-Jährige Congrio (Meeraal) zu den schönsten Kunstwerken. Mit dem Messer schneidet er in regelmäßigen Abständen Löcher in die Tierleiber, damit sie auf den hölzernen Gestellen am Meer besser trocknen. Die Konservierungsmethode haben einst die Katalanen nach Muxía gebracht. Anders als der in Galicien (und Portugal) stärker verbreitete Bacalao (Stockfisch) wird Congrio nicht gesalzen. Trotzdem muss man ihn vor dem Verzehr 48 Stunden wässern, sagt Juan, der Konsistenz wegen. Am besten schmecke er mit Kicherebsen.

Die jungen Leute, die mit einer Bierdose in der Hand an dem sonnenbeschienenen Mäuerchen ein paar Meter weiter lehnen, verstehen nicht so recht, was ich an dem Fisch so besonders und an der Art, wie er da hängt, so schön finde. Aber schmecken tue er, das ja. Oft kommt das Grüppchen allerdings wohl nicht in den Genuss. Der Großteil der Fische ist nämlich für auswärtige Abnehmer bestimmt. Nicht einmal gefangen wird er an der Costa da Morte sondern irgendwo vor dem französischen La Rochelle, erzählt Juan, der nun schon so lange für den galicischen Schliff sorgt.

Mit diesem Beitrag endet die kleine Reihe über meinen ersten Jakobsweg. Danke für euer Interesse!

The best is yet to come

Alle Jakobswege führen nach Santiago de Compostela, zum Grab des Apostels. Den letzten Teil des Wegs zum Kap von Finisterre an der Westküste Galiciens hat die katholische Kirche nie offiziell anerkannt. Dort, am Ende einer kleinen Halbinsel aus Granitgestein, enden wirklich alle Wege. Jenseits der schroffen Felslandschaft gibt es nur noch das weite Meer. Zu Fuß geht es nirgends mehr hin.

Für mich sind die knapp 90 Kilometer von Santiago nach Finisterre der schönste Teil des Camino, eigentlich weniger eine Fortsetzung des alten als ein eigener neuer Weg.

Zwei Tage lang fällt ununterbrochen ein wunderbar leichter Regen aus grauen Wolken auf Moore und sanft rollende Hügel. Aus den Flechtenbärten knorriger Bäume am Wegesrand tropft es so rhythmisch, dass man sofort weiß: Diese Landschaft, dieses Wetter sind einander sehr vertraut.

Ein Denkmal am Ortsausgang von Negreira rührt mich zu Tränen. Ein Mann, in Bronze gegossen, das kleine Bündel am Stock über der Schulter, die ernste Miene, der forsche Schritt – so wird er gehen in alle Ewigkeit.

Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass da einer zieht an seinem festen Bein. Ein Junge. Sein Junge. Noch hält er den Vater. Gleich wird er sich resigniert umwenden zur Mutter, die still auf der anderen Seite sitzt, das jüngere Kind auf den Knien. Auch das ist Teil dieses Stücks Welt.

Regen passt gut zu Tränen. Ich lasse sie fließen. Die lieben Verstorbenen der vergangenen Jahre sind ganz nah. Wie gut der stille Weg von Santiago nach Finisterre tut! „Ein Ort ist beim Reisen niemals nur ein Ort, er ist der Schnittpunkt von Raum, Zeit und dem eigenen augenblicklichen Selbst“, schreibt die Hamburger Autorin Tina Uebel in ihrem Reisebericht über die Nordwestpassage.

Viele Kilometer später blitzt unter inzwischen wolkenlosem Himmel der Atlantik durch Ginster, Eukalyptus und Pinien. So britisch die Landschaft zu Beginn anmutete, so griechisch erscheint sie mir jetzt und so griechisch werden auch meine Erinnerungen. Alles war schon einmal da.

Weit führt mich der Weg nach Westen, dorthin, wo Tag für Tag die Sonne im Meer versinkt. Finis terrae, Ende der Erde, sagten die Römer. Finisterre bzw. Fisterra sagen die Spanier.

Es ist nicht der westlichste Punkt des europäischen Festlands – der befindet sich in Portugal – und noch nicht einmal der westlichste Punkt des spanischen Festlands – der liegt ein Stück weiter nördlich auf dem Weg nach Muxía – aber das tut seiner Magie nicht den mindesten Abbruch.

Ein Silberstreif am Horizont markiert die Grenze zum Meer. Wenn ein Schiff bis dorthin gefahren ist, fällt es ins Bodenlose, ganz klar. An diesem Ort erstaunt es kein bisschen, dass Menschen sich die Erde einst als Scheibe vorstellten.

Vom Ankommen

Ein letztes Mal muss ich mich entscheiden: links oder rechts herum? Bis zur Kathedrale von Santiago de Compostela ist es nicht mehr weit. Auf der Avenida Rosalía de Castro beginnt der Zieleinlauf der Pilger aus dem Süden in die Altstadt. Für immer Rosalía…

Ankommen bedeutet zuallererst: ein Ziel, einen Ort erreichen.

Für den Jakobspilger aus Portugal liegt dieser Ort an der Praza das Praterías, dem intimsten der vier Plätze, die die Kathedrale umgeben. Intim ist der Platz mit dem Pferdebrunnen darauf nicht etwa, weil er so abgeschieden wäre, sondern weil er mit seiner Geschlossenheit die größte Geborgenheit von allen ausstrahlt.

Auf den steinernen Stufen vor dem Südtor der Kathedrale und rund um die Wasser speienden Rösser stehen, sitzen, lagern Reisende aller Art. Zwischen ihnen tummeln sich Bettler und Animateure, die den Neuankömmlingen meist irgendein Lokal schmackhaft zu machen versuchen. Das ist viel auf einmal. Ich kann das bunte Treiben noch mehr genießen, als ich ein paar Stunden später wiederkomme.

In Santiago de Compostela ankommen ist ja mehr als einen Ort erreichen. Es ist auch: einen Moment innehalten, ganz bei sich sein.

Weggefährten umarmen.

An der Pilgermesse teilnehmen und dabei zusehen, wie der Weihrauchkessel hoch über den Köpfen der Anwesenden schwingt. Dem überirdischen Kyrie eleison der Nonne lauschen und sich eine Träne aus dem Auge wischen.

Fürs unvermeidliche Foto posieren. Ich fotografiere, also bin ich. Und feiern natürlich.

Gelassen blickt der Apostel Jakobus von seinem Ausguck hoch oben im zentralen Turm der Westfassade auf das Geschehen zu seinen Füßen. Auf einem Mäuerchen am Rande der Praza do Obradoiro, dieses größten und prachtvollsten der vier Plätze, fast direkt vor dem Eingang des teuersten Hotels der Stadt, sitzt eine alte Frau. Sie stützt sich auf ihren Stock. Für einen kurzen Moment belebt sich das müde Gesicht: „Hola peregrino“, ruft sie einem der letzten Neuankömmlinge zu, „suchst du einen Platz zum Schlafen?“ An diesem Tag wird die alte Frau allein nach Hause zurückkehren.

Von Wasser und Steinen

Wasser und Steine begleiten mich auf meinem Weg von Porto nach Santiago de Compostela. Es sind gute Wegbegleiter. Für Bewegung steht das eine. Es erquickt und trägt voran. Stille Zeugen der Zeit sind die anderen. Festigkeit und Ruhe wohnt in ihnen.

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In die Fluten des Lima sprengt ein römischer Legionär, genauer: dessen muskulöse Statue. Er und das kleine Heer auf der anderen Seite des Flusses erinnern an frühe Besatzungszeiten auf der Iberischen Halbinsel, als der römische Statthalter Decimus Junius Brutus seine Legionen über die Flüsse Lima und Minho führte, um das damalige Gallaecia einzunehmen. Dabei stieß er nach der Überlieferung auf heftigen Widerstand nicht nur der Einheimischen sondern auch der eigenen Soldaten, die glaubten, dass der Lima einen der Flüsse der Unterwelt repräsentierte – Lethe, den Fluss des Vergessens. Heute brüsten sich die Einwohner von Ponte de Lima, das der Römerbrücke seinen Namen verdankt, damit, in der ältesten Stadt Portugals zu leben. Funde belegen die Besiedlung der Gegend seit der Altsteinzeit. Von Vergessen keine Spur.

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Das kleine Landgut im nordportugiesischen Niemandsland, in dem ich die Nacht verbringe, ist schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts im Besitz von Iñes Familie. Die Weinstöcke zwischen den feldsteinernen Mauern der Gebäude scheinen nur unwesentlich jünger zu sein. Während wir in der traditionell blau gekachelten Küche ein Mahl aus portugiesischem Fisch, asiatischem Gemüse und marokkanischen Gewürzen zubereiten, erzählen wir einander Geschichten, die noch nicht ganz so alt sind.

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Viel Raum nimmt sich der Coura mit seinen dekorativen Fällen. Auch ich schreite kraftvoll aus.

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Cruzeiros säumen den Weg. Pilger legen Steine auf oder unter den Kreuzen ab, manchmal auch Bilder und sogar Wanderschuhe. Die Steine bezeugen den Besuch. Oft verkörpern sie auch eine Last, die der Pilger auf seinem Weg zurücklassen möchte. Manch einer trägt seinen Stein schon von zu Hause mit sich. Er knüpft damit an alte Pilgertraditionen an und interpretiert sie zugleich neu: Im Mittelalter wurden Verbrecher zu einer Wallfahrt zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago verurteilt. Je nach Schwere der Tat gab der Richter ihnen auf, einen Stein als zusätzliche Buße zu tragen.

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An einem der steinernen Brunnen auf dem Weg ins spanische Redondela gibt es zum Trinkwasser gleich noch geistige Nahrung dazu: „Von den weitesten Enden der Welt bis zum Himmel / gibt es einen weißen Weg, der den Pilger führt / von den weitesten Enden der Welt bis nach Santiago.“ Darüber thront, mit einem Buch in der Hand, María Magdalena Domínguez, Stein gewordene poetista von Mos, das an diesem Tag allerdings weniger durch seine Dichterin als durch eine Ansammlung der tollsten Vogelscheuchen auf sich aufmerksam macht. Die Puppen sollen im Rahmen eines Festes prämiert werden, mit dem man an die Befreiung von den napoleonischen Truppen erinnert. Man frage mich bitte nicht nach dem Bezug zwischen historischem Ereignis und konkreter Ausgestaltung der Gedenkfeier.

Einen knappen Tagesmarsch weiter, an der Ponte Sampaio, brachte die Bevölkerung Napoleons Heer eine der empfindlichsten Niederlagen in Galicien bei. Ich genieße bei einem Glas Orangensaft den Blick auf die geschichtsträchtige Brücke.

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Irgendwo in der Gegend muss meine Liebe zu diesen wunderbaren Steinhäuschen begonnen haben, in denen traditionell Mais und andere Feldfrüchte getrocknet werden und die ich fortan in jeder nur denkbaren Machart, in jedem nur denkbaren Verfallszustand fotografiere.

Hórreos, wie sie im kastilischen Spanisch heißen, stehen frei. Das Charakteristische an ihnen ist der Unterbau: Auf meist steinernen Pfeilern liegen große Steinscheiben, auf denen der eigentliche Speicher ruht. In Galicien ist in der Regel auch der Speicher aus Stein. Er hat einen langgestreckt rechteckigen Grundriss. Die Wände sind mit Luftschlitzen versehen. Grund dafür ist das Wetter im Nordwesten der Iberischen Halbinsel: Häufige ergiebige Regenfälle und die daraus resultierende hohe Luftfeuchtigkeit lassen die Vorräte bei schlechter Durchlüftung verrotten. Gleichzeitig dürfen aber keine Mäuse und Ratten durch die Lüftungsöffnungen eindringen. Diese sind klein genug, um auch Vögel vom Lagergut fernzuhalten. Die Steinplatten auf den Pfeilern bilden einen Überhang, der von am Boden lebenden Tieren nur sehr schwer zu überwinden ist.

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So viele Quellen sprudeln am Wegesrand. Aus vielen kann man sogar trinken. Herrlich! Nie werde ich das weiche frische Wasser aus den Bergen vergessen, das ich an der Fonte Figueirido Salgueriño erst durch die trockene Kehle und dann in die leeren Wasserflaschen rinnen lasse. Und wie dankbar bin ich, als ich am Ende eines langen Wandertags kurz vor Caldas de Reis die müden Füße in die klirrkalte Tränke der Herberge halten darf, während ich den Wanderstab des alten Carlos bestaune, in den dieser sein Leben hineingeschnitzt hat.

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Bis Santiago ist es noch ein halber Tagesmarsch. Die krüppeligen Eichen, unter denen ich meine Notizen vervollständige, bieten kaum Schutz vor der stechenden Sonne. Die klein gebliebenen alten Bäume krallen ihre Wurzeln in einen Haufen moosbewachsener Steine. Sie sollen einmal zum Castro Lupario gehört haben, dem Sitz der legendären Königin Lupa, die über Galicien herrschte, als die Jünger mit dem toten Apostel Jakobus aus Jerusalem zurückkehrten und um einen würdigen Grabplatz baten. Die Königin suchte dies mit allerlei Listen zu verhindern, am Ende vergeblich. Ein neuer Wallfahrtsort war geboren.