Wasserspiele

Ein Kommentar von Ulli vom Café Weltenall zu meinem Beitrag über eine Wanderung durch einen sonnenbeschienenen Zauberwald blieb haften: „Schön, dass alles mitgespielt hat“, schrieb sie. Das stimmt. Selten genug ist es, irgendwas ist ja meist. Vor ein paar Wochen zum Beispiel Regen.

Mit großer Vorfreude hatte ich mich auf den Weg ins Allgäu gemacht, wo ich vor Jahren einen herrlichen Sommer verbracht hatte – so lang, so sonnig, so heiß, dass ich heuer nicht einen Gedanken ans Wetter verschwendete, sondern mit größter Selbstverständlichkeit Bergtour um Bergtour plante. Sogar eine Alpenquerung hatte ich im Kopf, auf alten Schmugglerpfaden von Oberstdorf nach Holzgau in Tirol. Im vergangenen Jahr hatte ich mich in diese „Perle des Lechtals“ verliebt.

Was soll ich sagen: Aus keiner der geplanten Gipfeltouren wurde etwas, von der Wanderung übers Mädelejoch ganz zu schweigen. Am Nachmittag meiner Anreise strahlte die Sonne, am Morgen der Abreise strahlte sie ein weiteres Mal. Dazwischen regnete es. Mal sanft und stetig, mal schüttete es aus Eimern, nachts blitzte und donnerte es, dass es eine perverse Lust war. Eine Woche lang. Die Wolken, die anfänglich luftig über den Hängen schwebten, sanken immer schwerer ins Tal. Bis sie den Boden berührten. Ein Wunder, dass sie niemanden erschlugen.

Das entsprach so gar nicht dem, wofür ich gekommen war. Und ich brauche so viel Nass von allen Seiten auch bestimmt nicht so bald wieder. Aber ganz allmählich – ich war selbst erstaunt – begann ich, dem Reiz der Wasserspiele zu erliegen. Im Tal, in der Klamm, im Tobel. Am steinernen Hang, der zum Wasserfall wurde. Wenn schon der Sommer streikte – ich habe mitgespielt.

Stadt, Land, Fluss

p1160053Die Stadt habe ich verlassen, die Grenze überschritten, um dem Fluss zurück ins eigene Land zu folgen. Von seinem Ursprung im österreichischen Vorarlberg bis zum Fall nach Füssen. Ich weiß nicht, was größer war, die Sehnsucht nach den Bergen oder der Wunsch, tagelang geradeaus zu gehen. Für beides jedenfalls schien mir der Lechweg perfekt geeignet zu sein: runde 125 Kilometer Fernwandern durch eine der letzten Wildflusslandschaften Europas, zur Linken die Allgäuer und zur Rechten die Lechtaler Alpen.

p1160006Vor der ersten Tagesetappe lasse ich die Herrlichkeit erstmal von oben auf mich wirken, vom 2350 Meter hohen Rüfikopf, den man vom Dorf Lech aus bequem mit der Seilbahn erreicht. Das ist, da nicht ganz schwindelfrei, eigentlich nicht so meins, aber den Blick fest auf den Berg gerichtet, nehme ich diese erste kleine Hürde – und werde mit einem spektakulären 360-Grad-Panorama belohnt.

p1160005Steine scheinen in den Himmel zu wachsen. So viele Berge, die nur darauf warten, bei anderer nächster Gelegenheit bestiegen zu werden! Die Kraft, die von dieser Landschaft ausgeht, überträgt sich ganz unmittelbar.

p1160087Eine Pizza und zwei Weinschorlen lang lausche ich später unten im Tal der Geschichte von Geja, die so heißt wie die Erdgöttin aus der griechischen Mythologie. Geboren in Rotterdam als Tochter eines Flussschiffers, verheiratet mit einem Flussschiffer – und seit Jahren sesshaft im bayerischen Alpenland. Aber vielleicht nicht mehr lange. Zuerst, erzählt Geja, habe sie sich von den Bergen im Rücken beschützt gefühlt, inzwischen seien sie ihr ein bisschen eng geworden.

p1160044Das ginge mir vermutlich nicht anders. Und ich denke daran, wie der geschätzte Bloggerkollege Holger („Zeilentiger“), den es, wie ich auf seinem neuen Blog Zwischen zwei Flügelschlägen lese, gerade wieder zurück in die Berge zog, umgekehrt von seinem Empfinden sprach, dass einem der weite norddeutsche Himmel in seiner Grenzenlosigkeit auf den Kopf fallen könne.