Aller Voraussicht nach

aller voraussicht nach

werde im alter auch ich

milde werden, versöhnlich.

aller nachsicht voraus –

brülle ich heute für zwei.

Helmut Krausser: aller voraussicht nach

veröffentlicht in: „Altershalber – Gedichte aus acht Jahrhunderten“, herausgegeben von Helmut Zwanger und Henriette Herwig, Tübingen 2015

Erhalte mich liebenswert

„Oh Herr, Du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.

Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Lehre mich, nachdenklich (aber nicht grüblerisch), hilfreich (aber nicht diktatorisch) zu sein.

Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheit erscheint es mir ja schade, sie nicht weiterzugeben. Aber Du verstehst – oh Herr – dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zum Wesentlichen zu gelangen.

Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu – und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.

Erhalte mich so liebenswert wie möglich. Ich möchte kein Heiliger sein, mit ihnen lebt es sich so schwer, aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken und verleihe mir, oh Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.“

Ich mag kaum glauben, dass diese Zeilen bereits im 16. Jahrhundert geschrieben worden sein sollen, so modern klingen sie in meinen Ohren. Das „Gebet eines älteren Menschen“ wird Teresa von Ávila (1515 – 1582) zugeschrieben, einer spanischen Mystikerin und Karmelitin, die in der katholischen Kirche als Heilige verehrt wird. Ob es nun von ihr oder jemand anderem stammt oder zwar von ihr ist, aber im Laufe der Jahrhunderte sprachlich an die Zeitläufe „angepasst“ wurde, ist am Ende vielleicht zweitrangig. Alte Freunde meiner Eltern schenkten mir kürzlich eine Kopie der klugen Worte. Er ist inzwischen 87, sie unwesentlich jünger. Ab und zu, so erzählten die beiden, lese einer dem anderen das Gebet vor, um sich an seine Botschaft zu erinnern.

Ein bisschen verliebt

An irgendeinem Punkt habe ich mich eigentlich immer verliebt. Ich glaube, das hat mit Vertrauen zu tun. Mit dem Vertrauen meines Gegenüber, das ganz offen von sich erzählt. Von all dem Schönen und dem, was im Laufe eines Lebens gelang. Aber auch von den traurigen Momenten, von Verlusten und Erfahrungen des Scheiterns. Und es hat mit dem Wissen zu tun, das aus diesem Vertrauen erwächst. Da zeigt sich ein Mensch mit all seinen Stärken und Schwächen, mit seinen Träumen und dem, was ihm wichtig ist. Und da soll einem nicht das Herz aufgehen? Mich hat es, wie gesagt, noch jedes Mal erwischt. Und ein Mal besonders. Vielleicht, weil es das erste Mal war. Aber sicher auch, weil sie ist, wie sie ist.

Spröde. Herzlich. Und ganz und gar jammerfrei. Dabei hätte sie oft genug Grund zum Klagen gehabt. Aber das ist nicht ihre Art. Sie hat schon früh gelernt, dass das Leben nicht immer rosig ist. Dass andere ihre Bedürfnisse erfüllen sollen, war nie ihre Vorstellung. Darum kümmert sie sich schon selbst. Krieg und Flucht mit all ihren Schrecken hat sie überstanden, die Tochter allein großgezogen, die Enkel gleich mit, hat immer gearbeitet, nebenbei noch ein Vollzeit-Ehrenamt bekleidet. Aber sie kann sich auch abgrenzen. Blinde Aufopferung ist ihre Sache nicht. Der liebe Gott oder wer auch immer (sie als befreite Katholikin würde vermutlich Protest anmelden) hat ihr eine Extraportion Humor geschenkt. Gerade hat sie eine Reise nach Asien gebucht. „Werden Sie allein fliegen?“ wollte der Herr im Reisebüro von ihr wissen. „Na, ich hoffe doch, der Pilot und vielleicht noch der ein oder andere Fluggast werden dabei sein“, erwiderte sie und lachte.

Meine erste Biografiekundin. Vor acht Jahren habe ich ihre Geschichte aufgeschrieben. Knackige 93 ist sie inzwischen. Alt zu werden und dabei geistig und körperlich einigermaßen fit zu bleiben, ist ein Geschenk. Das kriegt nicht jeder. Leider. Aber lange nicht jeder macht etwas aus diesem Geschenk. Dafür, dass sie es tut, liebe ich diese alte Dame. Sie ist so etwas wie mein Role Model fürs Alter. Ich freue mich schon auf den Adventskaffee bei ihr heute Nachmittag.