Dialog mit dem Raum

Eines der vielen hundert Kunstwerke, die auf der diesjährigen NordArt im schleswig-holsteinischen Büdelsdorf zu sehen sind, habe ich euch hier schon vorgestellt. Aber das größte Kunstwerk von allen ist nicht das eine Bild, die eine Skulptur oder Installation, sondern das einzigartige Zusammenspiel von Exponaten und Ausstellungsräumen.

Die Kulisse bildet die ehemalige Eisengießerei der Carlshütte, 1827 gegründet und 1997 stillgelegt. Bespielt wird das, was von dem ersten Industrieunternehmen der Herzogtümer Schleswig und Holstein blieb, Sommer für Sommer von ausgewählten Künstlern aus aller Welt.

Dabei entsteht ein Dialog ganz eigener Art, ein Mit- und manchmal auch ein Gegeneinander, das die Besucher beschenkt und zugleich fordert.

Mit jedem Schritt verändern sich Stand-Punkte.

Jede Drehung des Kopfes eröffnet neue Blick-Winkel.

NordArt 2017: Noch bis zum 8. Oktober.

Auf den zweiten Blick

Es ist nicht wichtig, was du betrachtest, sondern was du siehst.

Henry David Thoreau

Du stehst in einer Halle. Durch Reihen von Deckenfenstern fällt Licht. Zwischen zwei Fensterreihen hängt ein graues Gebilde bis auf Bauchhöhe herab. Im Näherkommen erkennst du, dass das Gebilde Löcher hat. Eine Frau mit leuchtend orangen Haaren schaut hinein. Oder schaut sie hindurch? Was sieht sie?

Sieht sie die Reihen quadratischer Bilder, deren gelbe Flecken mit der Jacke der Frau harmonieren, die für einen Moment in der Maueröffnung verharrt?

Schon ist die gelbe Jacke fort, die Maueröffnung nicht mehr als ein quergestreifter Schemen. Ein Mann in Ausstellungsschwarz blickt, die Hände in den Taschen, auf die quadratischen Bilder, deren Farbtupfer durch das Lochwerk rund erscheinen. Der linke Fuß des Mannes ist leicht erhoben, gleich wird er weitergehen.

Im Zurücktreten gleiten deine Finger über die löchrige Struktur. Der schwere metallene Tropfen antwortet mit einem sachten Schwingen, kaum mehr als ein Hauch. Vielleicht staunst du, wieviel Tiefe gerade durch die große Öffnung entsteht, die dich vage an reppelnde Maschen in einer alten Strickjacke erinnert.

Die Frau mit den Feuerhaaren ist immer noch in der Nähe. Du könntest sie fragen, ob du sie durch all die Löcher betrachten darfst. Und wenn du Glück hast, schenkt sie dir ein Lächeln dazu.

Bestimmt willst du nun auch wissen, was du siehst, wenn du einfach mal von der anderen Seite durch die Löcher schaust…

Das graue Gebilde aus geflammtem Edelstahl heißt „Dark Matter“ und stammt von dem südkoreanischen Künstler Jang Yongsun. Du findest es auf der NordArt 2017 im schleswig-holsteinischen Büdelsdorf. Ein bisschen beeilen musst du dich allerdings: Die phantastische Ausstellung im Kunstwerk Carlshütte, einer ehemaligen Eisengießerei, schließt am 8. Oktober ihre Pforten – bis zum nächsten Sommer.

Talking about Art

Wer diesem Blog schon eine Weile folgt, weiß, dass ich Kunstausstellungen – natürlich – um ihrer selbst willen besuche, aber immer wieder auch einfach hingerissen bin von den Menschen, die sich zwischen und in einem natürlichen Dialog mit den Exponaten bewegen, als seien sie von den Kuratoren eigens zu diesem Zweck engagiert worden.

Ganz zu schweigen von den Räumlichkeiten, die Bilder, Plastiken und Betrachter in den Rang eines Gesamtkunstwerks heben können. Selten habe ich dieses raum-zeitliche Zusammentreffen stärker empfunden, nie stärker genossen als kürzlich während der Eröffnung der Henry-Moore-Ausstellung „Vision.Creation.Obsession“ im Hans-Arp-Museum in Remagen-Rolandseck.

Eine tolle Location ist dieses Ensemble aus historischem Bahnhof und modernem Neubau mit weitem Blick über den Rhein bis hinüber zum Siebengebirge. 40 Meter liegt der Neubau des amerikanischen Architekten Richard Meier über dem Bahnhof. Ein Tunnel führt tief in den Berg hinein. Die schlichte Betonröhre wird durch ein Lichtobjekt der Künstlerin Barbara Trautmann erhellt. Am Ende öffnet sich der Raum mit Aufzug und Treppe zu einem lichtdurchfluteten Turm.

Auf drei großzügigen Ausstellungsebenen werden einige von Henry Moores Monumentalskulpturen erstmals im Innenraum präsentiert – und kongenial ergänzt von biomorphen Arbeiten des Gastgebers Hans Arp. Ich will gar nicht viel schreiben über dieses „Rendez-vous des amis“, das noch bis zum 7. Januar 2018 zu sehen ist, nicht viel mehr als: Geht hin, es lohnt sich. Mögen Bilder von der Vernissage sprechen. Und Sätze der beiden Künstler, die ich von den Wänden abschrieb.

Alles, was ich mache, ist dafür bestimmt, groß zu sein.

Henry Moore

Die Wolkenpumpe pumpt unter Freuden die Wolken aus den Röcken. Die Wolkenpumpe pumpt gegen den Kunstrock der Nymphe.

Hans Arp

Ich wanderte durch viele Dinge, Geschöpfe, Welten, und die Welt der Erscheinung begann zu gleiten, zu ziehen und sich zu verwandeln wie in den Märchen.

Hans Arp

Beim Erwachen fand ich auf meinem Modellierblock eine kleine schalkhafte, aufgeweckte Leibhaftigkeit mit dem Bauch einer Laute.

Hans Arp

Wie gesagt: Inspirierende Arbeiten an einem inspirierenden Ort. Befreundet wäre ich vielleicht lieber mit Hans Arp gewesen. Und wie hübsch sich die BesucherInnen gemacht hatten!

Surrealismus, ganz real

20161216_132445„Mir fiel zuerst das schwarz-weiße Maul auf“, sagt der ältere Mann zu meiner Linken. Seine Begleiterin sucht gerade die Fliege, also antworte ich an ihrer Stelle: „Für mich ist das ganz klar ein Fuchs.“ Er lacht und nickt. „Ein Fuchs, ja, genau.“ Die Begleiterin liest laut: „Junger Mann beunruhigt durch den Flug einer nicht-euklidischen Fliege.“ Pause. Dann, nachdenklich: „Sind junge Männer Füchse?“ Der ältere Mann zeigt mit dem Finger auf das Maul, in dem eine weitere Betrachterin soeben das Holstentor in Lübeck erkannt hat. Was euklidisch ist, wissen wir natürlich alle.

Ich kann nicht sagen, an wie vielen solcher Dia-, Tria-, Quattro-Loge ich gestern in der Hamburger Kunsthalle teilgenommen habe. Was ich sicher weiß: Ich war noch nie in einer Ausstellung, in der so oft Alarm ausgelöst wurde, weil sich wieder einmal jemandes Nase oder Zeigefinger irgendeinem Exponat bedenklich genähert hatte: Hast du/haben Sie das schon gesehen? Dalí, Ernst, Miró, Magritte…, sie hätten ihre Freude gehabt.

Noch bis zum 22. Januar 2017 in der Galerie der Gegenwart: Surreale Begegnungen aus den Sammlungen Roland Penrose, Edward James, Gabrielle Keiller sowie Ulla und Heiner Pietzsch. Dicke fette Empfehlung! (Der junge Mann mit der Fliege ist von Max Ernst.)

Alles ganz einfach

p1160938In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige.

 Karl Kraus

Den Satz von Karl Kraus las ich gestern Nachmittag, kurz nachdem ich die Ausstellung „Entscheiden“ im Hamburger Museum der Arbeit verlassen hatte. Der Hund, den treue Leser dieses Blogs schon kennen, lief mir heute Nachmittag nach langer Zeit mal wieder über den Weg, zur Abwechslung eine orange Rose im Maul und ein Saison-typisches Mützchen auf dem breiten Schädel. Ob zwischen dem Satz und dem Hund ein Zusammenhang besteht, brauche ich zum Glück nicht zu entscheiden. Die Ausstellung „über das Leben im Supermarkt der Möglichkeiten“ immerhin empfehle ich nachdrücklich zum Besuch. Nähere Informationen findest du hier.

Hanseatin, kunstbeflissen II

P1130569Na bitte, geht doch! Ein Top in lebhaftem Moosgrün zur mausgrauen Röhre…

P1130602… ein Schal in verträumtem Bordeaux…

P1130603… Totenköpfe und Raubtiermuster, unter denen keck ein farbiger Gürtel hervorblitzt.

Und das sind nur einige Beispiele von vielen. Nach umfangreichen Studien am Wochenende stelle ich richtig: Es trifft nicht zu, wie kürzlich insinuiert, dass die kunstbeflissene Hanseatin durchweg Schwarz in Schwarz gewandet durch Ausstellungen spaziert.

Wie bitte? Wie ich selbst aussah, wollen Sie wissen? Also, mein Halstuch war beinahe schon regenbogenfarben.

Schwarz, Weiß, wenig Rot

P1060161Manche Ausstellungsbesucher sollte man dafür bezahlen, dass sie sich tagelang vor ein bestimmtes Bild setzen, lässig an einer Wand lehnen, immer wieder dieselben Gänge entlang laufen, so sehr scheinen sie Teil des Präsentierten zu sein oder diesem doch eine besondere Note zu verleihen.

P1060170Das muss nicht unbedingt ein durchgestylter Künstlertyp in Dunkelanthrazit sein, ein älterer Herr in Wetterjacke, der wie hypnotisiert ins Auge der Monsterwelle blickt, ist nicht minder wirkungsvoll.P1100817

Die sehr empfehlenswerte Foto- und Gemälde-Ausstellung „Über Wasser“, auf der das letzte Bild entstanden ist, ist noch bis zum 20. September im Bucerius Kunst Forum gleich neben dem Hamburger Rathaus zu sehen. Mit oder ohne „Models“ und am besten mit Audio Guide.

Aus einer anderen Zeit

P1060141So hübsch hatten sich die Mädels gemacht. Gebannt studierten sie die Liste der ankommenden Schiffe in den Aushang-Kästen. Bestimmt war der Herzallerliebste an Bord. A. grinste über die Söckchen der Damen zur Linken. C. meinte sich zu erinnern, dass seine Mutter damals kürzere Kleider getragen hatte. Schuhe wie die der Frau ganz rechts verband er ohnehin eher mit der Großmutter. Mir waren die Schuhe noch nicht einmal aufgefallen. Fasziniert starrte ich auf die Naht und die hochgezogene Ferse in den Seidenstrümpfen darüber…

Die Aufnahme ist eine meiner liebsten in der Ausstellung „Das photographische Werk“ von Franz Hubmann. Noch bis zum 7. Februar 2015 sind die Fotografien des österreichischen Bildjournalisten in der Flo Peters Gallery im Hamburger Chilehaus zu sehen. Die Schwarzweiß-Bilder aus den 1950er Jahren zeigen zum Großteil Szenen aus dem Hamburger Hafen.

P1060142Nach dem Besuch der Ausstellung gingen wir essen, was hier weiter nichts zur Sache tut. Anders als die Schaufenster, die uns unterwegs begegneten. Die hätten auch aus den Fünfzigern sein können, wären die angebotenen Waren in D-Mark statt in Euro ausgezeichnet gewesen. Wer malt heute noch solche Preisschilder! freute sich C. Unterstreichungen mit dem Lineal, die nur bedingt zur Linie der Schrift darüber passen, signalrote Ecken, ebenfalls mit dem Lineal gezogen und von Hand ausgemalt. Jede Ecke ein Unikat. Und dazu diese entzückende Weihnachtsdeko…

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Begegnungen

IMG_0957In einem großen Raum stand eine schöne Frau ganz in Blau. Sie hatte die Augen geschlossen. Aus ihrem Rock schaute ein Kaninchen. „Was wollen denn all die Leute hier?“ wunderte sich das Kaninchen.

IMG_0974Zwei Räume weiter entdeckte ich eine andere schöne Frau. Auch sie hatte die Augen geschlossen. Es sah aus, als machte sie gerade Sport. Besonders bequem wirkte das nicht. Und es ist auch nicht bequem: Ich habe zu Hause ausprobiert, die Füße hinter dem Rücken zu falten.

Wahrscheinlich ist das Kunst.

P.S. Ich weiß nicht, wo die schönen Frauen gerade sind. Vor einer Weile sah ich sie im Groninger Museum und jetzt wieder beim Kruscheln in alten Bildern.