Gesichter einer Landschaft

Jede Landschaft hat ihre eigene, besondere Seele, wie ein Mensch, dem du gegenüber lebst.

Christian Morgenstern

Verliere dein Geheimnis nicht vor mir,
Ich bitte dich, verbirg mir deine Reize,
Und wenn ich sehnlich nach Erkenntnis geize,
So schweige sphinxhaft meiner Wissbegier.
Erkennen heisst, ich hab‘ es längst erkannt,
Die Welt in seine armen Grenzen pferchen;
Du lehre mich aus deinen hundert Lerchen,
Dass deine Schönheit kein Verstand umspannt.

Christian Morgenstern: An eine Landschaft

Advertisements

Einer neben dem anderen

Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit. Bezwingung seiner selbst, Verstandesgemäßheit, Wirksamkeit in seinem Kreise, Bewunderung des Schönen, verbunden mit einem heiteren, gelassenen Sterben, halte ich für groß; mächtige Bewegungen des Gemütes, furchtbar einherrollenden Zorn, die Begier nach Rache, den entzündeten Geist, der nach Tätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört und in der Erregung oft das eigene Leben hinwirft, halte ich nicht für größer, sondern für kleiner, da diese Dinge so gut nur Hervorbringungen einzelner und einseitiger Kräfte sind wie Stürme, feuerspeiende Berge, Erdbeben.

Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird. Es gibt Kräfte, die nach dem Bestehen des einzelnen zielen. Sie nehmen alles und verwenden es, was zum Bestehen und zum Entwickeln desselben notwendig ist. Sie sichern den Bestand des einen und dadurch den aller. Wenn aber jemand jedes Ding unbedingt an sich reißt, was sein Wesen braucht, wenn er die Bedingungen des Daseins eines anderen zerstört, so ergrimmt etwas Höheres in uns, wir helfen dem Schwachen und Unterdrückten, wir stellen den Stand wieder her, daß ein Mensch neben dem anderen bestehe und seine menschliche Bahn gehen könne, und wenn wir das getan haben, so fühlen wir uns befriedigt, wir fühlen uns noch viel höher und inniger, als wir uns als einzelne fühlen, wir fühlen uns als ganze Menschheit. Es gibt daher Kräfte, die nach dem Bestehen der gesamten Menschheit hinwirken, die durch die Einzelkräfte nicht beschränkt werden dürfen, ja im Gegenteil beschränkend auf sie selber einwirken. Es ist das Gesetz dieser Kräfte, das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, daß jeder geachtet, geehrt, ungefährdet neben dem anderen bestehe, daß er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, daß er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle anderen Menschen sein soll.

Adalbert Stifter (1805 – 1868): Das sanfte Gesetz

Die Bilder dieses Beitrags sind an einem der Seen im Norden von Hamburg entstanden. Der Baum, der, halb noch im Wald, seine Äste über das Wasser streckt, diente mir als Kulisse für ein Fotoshooting. Ein inspirierender Ort. Einer, an dem „die Liebe zum Leben und allem Lebendigen“ (Erich Fromm) gedeiht und man an „sanfte Gesetze“ glauben möchte.

Zwischen Himmel und Erde

p1160798wo Räume weit werden

p1160793und Grenzen verschwimmen

p1160797Fürchte nie, zu überraschen.
Das „harmonische Gesetz“
ist ein Netz mit güldnen Maschen.
Du sei wider jedes Netz.

Denn allein das einzig Deine,
Deines Wesens letzter Schluss,
ist das unersetzlich Eine,
was ich von dir fordern muss.

Christian Morgenstern: Suprema Lex

… und uns anlehnen

P1120757Man muss weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir stünden fest.
Man muss den Atem anhalten,
bis der Wind nachlässt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau
die alten Muster zeigt
und wir zu Hause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen
als sei es das Grab
unserer Mutter.

Hilde Domin: Ziehende Landschaft

P1120772Die Bäume, deren Wurzeln ich auslieh, um Hilde Domins Betrachtungen über Heimat und Fremde ein Gesicht zu geben, stehen etwas außerhalb der äthiopischen Kaiserstadt Gondar in einem Garten, der von einer starken Mauer umgeben ist. Mitten darin befindet sich ein Bassin und in dem Bassin ein Wasserschloss aus dem 17. Jahrhundert: das Bad von Kaiser Fasilidas. Das Bassin ist das ganze Jahr über leer. Nur zum Timkat-Fest, dem äthiopisch-orthodoxen Fest der Taufe Jesu im Januar, wird es gefüllt. Sobald der Bischof das Wasser geweiht hat, stürzen sich Kinder von den Bäumen am Rand hinein. Manchmal, so hörte ich, würde dabei auch ein neugieriger Japaner samt Kamera mitgerissen. Und dann ist wieder Ruhe.

P1120768

Entwurzelt

Halb schien sie sich an den mächtigen Stamm der Buche zu lehnen, halb den Baum zu umarmen. Wie ein Kind, dachte ich, das mit seinen dünnen kurzen Ärmchen nur einen kleinen Ausschnitt von so einem alten Riesen zu fassen kriegt. Unter dem Tuch, das sie zu einer Art Turban um den Kopf geschlungen hatte, schauten mir zwei dunkle Augen unverwandt entgegen. Vielleicht erwiderte sie auch nur meinen ebenfalls sehr direkten Blick.

Unter den Bäumen habe ich mit meinen Enkeln getanzt, sagte sie, als ich auf gleicher Höhe angekommen war.

Wie schön!

Nein, widersprach sie bestimmt. Meine Tochter hat alle Wurzeln von den Bäumen abgehackt.

Oh… Tochter und Enkel. Wurzeln. Baumstämme. Stammbäume… Als ich noch überlegte, von welchen Wurzeln die alte Frau wohl sprach, huschte ein Lächeln über ihr kleines Gesicht. Überraschend kraftvoll packte sie meine Hand: 1960 war ich mit meinem Mann auf dem Weg nach Istanbul. Er trug mich auf Händen, auch noch nach der Fehlgeburt… 1971 wurde meine Tochter geboren… Aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun… Habe ich nicht Recht?

Wenn ich das wüsste. Womöglich ist das auch gar nicht die entscheidende Frage, dachte ich, ganz plötzlich hineinkatapultiert in eigene familiäre Verstrickungen. Da war sie wieder, diese alte Sehnsucht:

„Jenseits von Richtig und Falsch gibt es einen Ort. Dort treffen wir uns.“ Zwei kurze Sätze des persischen Mystikers und Dichters Rumi (1207-1273).

Laut sagte ich: Da braucht man Geduld…

Urlaub im Urwald

P1070318Es gibt Orte, die sind voller Magie. Der Urwald Sababurg im nordhessischen Reinhardswald ist für mich so ein Ort. Mit seinen nicht einmal 100 Hektar ist er ziemlich überschaubar und doch – ganz besonders.

P1070357Aus dem federnden Boden sprießen bizarre Blüten, kriechen hölzerne Spinnen und Schlangen. Über unseren Köpfen meinen wir das Trompeten von Elefanten zu vernehmen.

P1070324Angenehm unaufgeräumt ist es in diesem Zauberwald und gleichzeitig schön hell. Das liegt daran, dass der Urwald ein alter Hutewald ist. Über Jahrhunderte trieb man Schweine, Ziegen und anderes Nutzvieh zum Weiden hierher.

P1070362Die Tiere taten sich an Eicheln und Bucheckern, an Pilzen, Kräutern und Wildobst, aber auch an den Trieben der nachwachsenden Bäume gütlich. So entstand mit der Zeit ein lichter Wald mit wenig Unterwuchs unter großkronigen Hutebäumen.

P1070325Seit gut 100 Jahren steht der Urwald Sababurg unter Naturschutz und ist seither weitgehend sich selbst überlassen.

P1070354Zwischen malerischen alten Eichen und Buchen und einem wild nachwachsenden Wald aus Buchen, Birken und meterhohem Farn liegen umgestürzte Stämme und abgebrochene Äste.

P1070331Aufrecht rotten abgestorbene Bäume vor sich hin, verfallen ganz allmählich zu Staub, bilden ihrerseits den Urgrund für neues Leben. Ein steter Kreislauf aus Wachsen und Vergehen.

P1070336Zwei Wochen ist der Ausflug in den Urwald nun schon her. Das ist eine lange Zeit, besonders im Frühjahr. Das auf den Bildern fehlende Laub liefert Heinz Erhardt nach:

Urlaub im Urwald

Ich geh‘ im Urwald für mich hin…
Wie schön, dass ich im Urwald bin:
man kann hier noch so lange wandern,
ein Urbaum steht neben dem andern.
Und an den Bäumen, Blatt für Blatt,
hängt Urlaub. Schön, dass man ihn hat!

Licht und Schatten

P1030689Wenn sich der Äther erhebt in hoher heiliger Klarheit,
wenn sich ein fließendes Gold über die Erde ergießt,
und vor dem strahlenden Gott die Schatten leise zerrinnen,
freu’t sich der blendende Glanz und das allmächtige Licht.
Aber bezaubernder, Freund, erscheint dir die liebliche Gegend –
denn dich freut der Contrast und der gemäßigte Glanz –
wenn die Wolke sich hebt und wechselnd auf Thäler und Dörfchen,
Tannenwälder und Seen dunkle Schattirungen streut,
oder der silberne Mond am Berge freundlich hervorsteigt,
und der Schatten des Berg’s tief in die Thäler sich senkt.

P1030696O, wie die Höhen sich dann in heiligem Schimmer verklären;
wie das freundliche Licht heller den Schatten besäumt! –
Und doch klagtest du jüngst, dein trauriges Schicksal beweinend,
wie des Lebens Gefild‘ oft, ach! so dunkel dir sey;
wie auf der Stellen geliebtester dämmernd ein Schatten sich lagre,
oft, nach dem lieblichsten Tag, schwarz dich umgebe die Nacht.
Wechsel vergnügt dein Gemüth; es freuet der Wechsel uns alle:
freue dich, Glücklicher, doch, daß du nicht glücklicher bist.

Sophie Mereau (1770-1806)

P1030695Ich hatte noch nie von Sophie Mereau gehört, als ich zufällig ihr Gedicht Licht und Schatten in die Hände bekam. Jetzt weiß ich ein bisschen mehr: Über ihren Ehemann, den  Jenaer Juraprofessor Friedrich Ernst Carl Mereau, lernte Sophie Friedrich Schiller kennen. Schiller erkannte ihr Talent, lobte es altväterlich-gönnerhaft („Ich muß mich doch wirklich darüber wundern, wie unsere Weiber jetzt, auf bloß dilettantischem Wege, eine gewisse Schreibgeschicklichkeit sich zu verschaffen wissen, die der Kunst nahe kommt.“) und veröffentlichte ihre Gedichte. Privat war Sophie Mereau weniger glücklich. Sie hatte mehrere Affären, ließ sich schließlich scheiden und heiratete den Schriftsteller Clemens Brentano, mit dem sie zuvor eine Affäre gehabt hatte. Mit 36 Jahren starb sie bei der Geburt des dritten Kindes.