Tief im Dschungel

Antoine Guilloppé, Tief im Dschungel, München 2013

Das großformatige Bilderbuch des französischen Illustrators Antoine Guilloppé zu betrachten, ist ein bisschen wie durch einen Dschungel zu gehen. Man weiß nie genau, was einen beim nächsten Schritt respektive Umblättern erwartet. Filigrane Scherenschnitt-Seiten führen den Blick wie durch dichtes Blattwerk. Geheimnisvolle Schatten fallen auf die Abbildungen dahinter. Diese ganz eigene Mach-Art zu fotografieren war herausfordernd. So richtig zufrieden mit dem Ergebnis bin ich immer noch nicht. Aber es wäre schade, euch dieses großartige Bilderbuch vorzuenthalten. – Ich mach dann mal Blogpause. Nicht im Dschungel, aber spannend wird es sicher ebenfalls. Und im Frühsommer geht es hier weiter.

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… noch mehr Katzen

Brendan Wenzel: Alle sehen eine Katze. Zürich 2018.

Dass ich an diesem Buch nicht vorbeigehen konnte, wird verstehen, wer meinen jüngsten Beitrag über die Begegnung mit Flensburgs Katzen gelesen hat.

Mit erhobenem Schwanz und lang gestrecktem Körper spaziert auf leisen Pfoten die Katze über das Cover und über die Seiten, die die Welt bedeuten. Genauer: ihre Welt. Und alle sehen die Katze. Genauer: Alle sehen EINE KATZE. Denn jede(r) sieht die Katze auf seine bzw. ihre ganz eigene Weise: das Kind, der Hund und der Fuchs, der Fisch, die Maus und die Biene, der Vogel, der Floh und die Schlange, das Stinktier, der Wurm und die Fledermaus.

Für den Hund ist die Katze ein langbeiniges hageres Wesen mit einer überdimensionalen Glocke um den Hals. Wie muss ihn das Gebimmel nerven! Der Fisch sieht praktisch nichts als leicht verschwommene Glubschaugen und Schnurrhaare, die Maus ein riesiges schwarz-rotes Monster mit spitzen Zähnen und scharfen Krallen. Die Biene umschwirrt ein psychedelisches flächiges Wesen aus Farbkreisen unterschiedlicher Größe. Wer die Welt so sieht, den dürfen wir uns als wahrhaft heiter vorstellen. Für den Vogel ist die Katze ganz Rücken, für den Floh ein haariger Dschungel und für den Wurm eine Erschütterung des Erdreichs. Alle sehen EINE KATZE.

„Und die Katze ging durch die Welt mit ihren Schnurrhaaren, Ohren und Pfoten.“ Je nach Perspektive mal kursiv, mal in Versalien. So schlicht, so klar, dass es eine Freude ist.

Zwischen den wenigen Sätzen hat der New Yorker Illustrator Brendan Wenzel ein wahres Feuerwerk an Bildern gezündet. Selbst im Druck ist zu erkennen, mit wie vielen verschiedenen Materialien und Techniken er gearbeitet, mit welcher Lust und Phantasie er gemalt, gezeichnet und geklebt hat. Entstanden ist nicht mehr und nicht weniger als ein Kunstwerk. Ein philosophisches noch dazu, das schon den Kleinsten eine Ahnung vermittelt, wie relativ jede Betrachtung ist.

Einen Eindruck von dem Buch gibt auch ein Trailer, den der NordSüd Verlag bei YouTube eingestellt hat.

Die Ankunft II

Shaun Tan: The Arrival, 2006

P1130623Ein Mann verlässt seine Heimat. Er lässt Frau und Tochter zurück, um in einem anderen Land ein neues Leben für sich und seine Familie aufzubauen. Es braucht nicht viele Worte, um die uralte immer neue Geschichte von Verzweiflung und Hoffnung, von Abschied und Aufbruch, von Fremde und Einsamkeit, aber auch von Begegnung und Neuanfang zu skizzieren, und sie ist ja auch schon viele Male erzählt worden. Shaun Tan braucht überhaupt keine Worte, und wie er die Geschichte eines jeden Migranten, eines jeden Flüchtlings, eines jeden Heimatlosen erzählt, das ist absolut einzigartig.

Der australische Autor und Illustrator, selbst Sohn von Einwanderern, hat mit seiner Graphic Novel „The Arrival“ eine Bilderwelt geschaffen, die die Grenzen des Statischen zu sprengen scheint und den Betrachter in eine Art Stummfilm aus schwarz-weißen und sepiafarbenen Zeichnungen zieht. Viele Bilder, zu Serien angeordnet, sind nur wenige Zentimeter groß: Gesichter, die wie Nahaufnahmen wirken, Details in einem Raum, Bild-gewordene Erzählungen von Menschen, denen der namenlose Mann auf seiner Reise begegnet. Andere füllen ganze Seiten oder auch mal zwei in dem großformatigen Buch: die Heimatstadt, durch deren wie ausgestorben wirkende Straßen sich dunkle Drachenschwänze winden, das winzige Auswandererschiff auf dem weiten Meer, die Ankunft in der fremden Stadt, deren Skyline entfernt an New York erinnert, die aber so surreal anders ist als alles, was wir kennen, dass sie ebenso gut auf einem anderen Planeten liegen könnte.

Seit das grandiose Bilderbuch bei mir eingezogen ist, habe ich wohl schon Dutzende Male darin „gelesen“. Immer noch schlüpfe ich jedes Mal in die Rolle des Einwanderers und fühle mich genauso fremd wie er – und so unendlich erleichtert, als andere Menschen, oft selbst Gestrandete, dem Neuankömmling ihre Hilfe anbieten. Mit jedem „Lesen“ entdecke ich Details, die der Aufmerksamkeit bisher entgangen waren, erscheint mir das Buch noch tiefer, noch phantastischer und anrührender. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es. Wie viele Worte müsste man sagen, um diesem Kunstwerk gerecht zu werden?

Auf jeden Fall noch diese: Es ist ein Buch für wirklich jeden, besonders in Zeiten wie diesen. Für Männer, Frauen und Kinder (ab etwa acht Jahren). Um andere zu beschenken oder um sich selbst ein Geschenk zu machen. Und am besten in der gebundenen englischen Originalausgabe, denn die kostet nur etwa die Häfte der (gebundenen) deutschen „Übersetzung“.

Erlbruch forever

Werner Holzwarth / Wolf Erlbruch: Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat. Wuppertal 2001

Wolf Erlbruch: Frau Meier, die Amsel. Wuppertal 2000

Gioconda Belli: Die Werkstatt der Schmetterlinge. Illustriert von Wolf Erlbruch. Wuppertal 2000

Jürg Schubiger / Wolf Erlbruch: Zwei, die sich lieben. Wuppertal 2012

Oren Lavie: Der Bär, der nicht da war. Illustrationen von Wolf Erlbruch. München 2014

maulwurfEs war Liebe auf den ersten Schiss. Oh, Gott, wie klingt das denn! Ich fang besser noch mal an: Meine Liebe zu Wolf Erlbruch begann mit einem Haufen unbekannter Provenienz. Auch nicht viel besser. Na, zumindest ist jetzt ein Hauch Wissenschaftlichkeit in diesem Beitrag. Um eine Art Wissen-schaf(f)t geht es nämlich auch in Werner Holzwarths Geschichte Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat. Ein sehr nachvollziehbares Anliegen, wie ich finde. Der kleine Maulwurf ist stinksauer und er ruht und rastet nicht, bis er endlich den Übeltäter ausfindig gemacht hat und ihm sein eigenes kleines Häuflein verpassen kann. Herrlich! Da werden gleich mehrere Tabu-Latten gerissen („Scheiße sagt man nicht!“, „Rache ist bäh!“), was kindlichen Gemütern erfahrungsgemäß großen Spaß bereitet.

Ja, ich glaube, das war das erste Mal, dass mir Kinderbuch-Illustrationen des Grafik-Designers Wolf Erlbruch in die Hände fielen, der sein Geld zunächst in der Werbebranche verdient hatte. Seither habe ich nicht mehr aufgehört, die Hände aufzuhalten. Hier eine Auswahl meiner Erlbruch-Favoriten:

71ZE18PV0MLFrau Meier, die Amsel. Frau Meier macht sich ständig Sorgen, man könnte sagen, sie ist leicht depressiv. Zum Glück gibt es den stoischen Herrn Meier, der Frau Meier dann erstmal einen Pfefferminztee kocht. Ja, und eines Tages findet Frau Meier in ihrem Garten ein Amseljunges, dessen Aufzucht sich als Vollzeitaufgabe entpuppt. Richtig komisch wird es, als die kleine Amsel eines Morgens beim Frühstück vom Küchentisch fällt und Frau Meier erkennt, dass sie Piepchen das Fliegen beibringen muss. Frau Meier in Kittelschürze auf dem dicken Ast des alten Kirschbaums, wild mit den Armen rudernd oder direkt nach dem Abflug, während die Kühe auf der Weide unter ihr entsetzt in alle Richtungen davonstieben – das sind Bilder von unglaublichem Charme.

81C2VMELEiLDie Werkstatt der Schmetterlinge. Ein Traum von einem Bilderbuch zu Texten der nicaraguanischen Autorin Gioconda Belli. „Vor langer Zeit gab es keine Schmetterlinge. Und viele andere Pflanzen und Tiere nicht, die alle noch darauf warteten, erschaffen zu werden. Das war die Arbeit der Gestalter Aller Dinge. Für die Gestalter Aller Dinge gab es ein strenges Gesetz: Sie hatten die Tiere für das Tierreich zu erschaffen und für das Pflanzenreich die Pflanzen. An diese Regel mussten sich alle halten. Dies durften sie auf gar keinen Fall durcheinanderbringen.“ Unnötig zu erwähnen, dass einer der Gestalter nicht gewillt ist, sich an die Regeln zu halten. Er träumt von einem Wesen, das wie ein Vogel und gleichzeitig wie eine Blume sein soll…

5128fQ08eQL._SX258_BO1,204,203,200_Zwei, die sich lieben. Das ultimative Geschenkbuch für den Herzallerliebsten, für die Herzallerliebste. Die entzückenden Bilder mit den unglaublichsten Kuss-Szenen begeistern auch Kinder, einige der Gedichte des Schweizers Jürg Schubiger wird vielleicht erst der etwas ältere Nachwuchs verstehen. Die Zeilen über die Kunst des Küssens aber bestimmt: „Zwei, die sich liebten, wollten sich küssen, / doch sie wussten nicht, wie man das macht. / So blieb es denn lange beim freundlichen Grüßen. / Als die Münder sich fanden, was wurde gelacht: / So einfach hatten sie sich’s nicht gedacht.“

Hier muss ich mal eben kurz abschweifen: Ich habe nämlich den Verdacht, dass dieser Jürg Schubiger ein großer Kuss-Fan ist. Sicher bin ich mir nicht, aber wenn ich an sein Buch Als die Welt noch jung war denke… Das kenne ich allerdings nur auf Spanisch, ein Geschenk spanischer Freunde. Egal, jedenfalls gibt es darin diese Szene, in der sich Adam und Eva im Paradies treffen. Eva weist Adam darauf hin, dass sie die einzigen Menschen weit und breit seien und deswegen heiraten sollten. Adam hat keine Ahnung, was heiraten bedeutet und reagiert fast ein bisschen feindselig. Eva schlägt vor, sich zunächst mal zu lieben. Davon hat Adam auch noch nie gehört. Aber als Eva ihn küsst, findet er das mit der Liebe gar nicht so schlecht. Irgendwie gefällt es ihm sogar.

9783888979705Und damit noch einmal zurück zu Wolf Erlbruch und zu einer von ihm illustrierten Welt, in der alles schon da ist, aber auch gerade erst entsteht – Der Bär, der nicht da war, aus einem Juckreiz und der farb- und formenreiche Wald und seine Bewohner praktisch aus dem Nichts. Geschrieben hat die poetisch-philosophisch-phantastische Geschichte der israelische Komponist und Musiker Oren Lavie, die Übersetzung besorgte sprachgewaltig der wunderbare Harry Rowohlt, der ja in den 1990ern bereits Alan Milnes Pu der Bär zu neuem deutschem Leben erweckt hat. Lavies Bär zieht auf der Suche nach dem eigenen Ich durch einen wundersamen Wald, in dem es keine vier, sondern acht Richtungen gibt: Norden, Süden, Osten, Westen, Falsch, Richtig, Mittagessen und Frühstück. Unterwegs begegnen ihm das Bequeme Bergrind, der Saumselige Salamander, der Vorletzte Vorzeige-Pinguin und das Träge Schildkröten-Taxi, mit dem er sehr langsam geradeaus fährt, um endlich an dem Haus anzukommen, in dem er wohnt. „Und er trat leise ein, um sich nicht aufzuwecken.“ Der Bär mit der grauen Nase und den roten Lippen weiß jetzt, dass er ein sehr netter, glücklicher und hübscher Bär ist. Für Erwachsene und größere Kinder sehr zu empfehlen.

Nicht nur für Fischköppe

Peter Schössow: Baby Dronte. München 2008

23321164zHimmel, jetzt ist es schon wieder Wochen her, dass ich Selma und Josef Schaf ausgegraben habe. Bevor sie und die anderen sutsche (norddeutsch für: langsam, gemächlich, ruhig) wieder zustauben, will ich wenigstens noch von Baby Dronte erzählen, einem meiner allerallerliebsten Bilderbücher, und das bestimmt nicht nur, weil die Geschichte im Hamburger Hafen spielt.

Jahrelang hatten Käpt’n Horatio Lüttich und seine Crew, bestehend aus Paul Zausenke, dem Smutje, und Hans-Ulrich Krittel, dem Maschinisten, „dem keiner das Schmieröl reichen  konnte“, mit der Krautsand (benannt nach der gleichnamigen Elbinsel) die großen Pötte in den Hafen gezogen, als ihr Schlepper eines Tages in einem Sturm leck schlug. 50.000 Mark soll die Reparatur kosten (das Buch wurde im vergangenen Jahrtausend zum ersten Mal aufgelegt), das gibt wenig Anlass zu Hoffnungen.

Während Käpt’n Lüttich noch über die Zukunft des Kahns und der Jungs grübelt, findet er im feuchten Elbsand ein gesprenkeltes Ei. Mitten in der Nacht schlüpft daraus ein Küken, pliert den Käpt’n an (die Duden-Definition des norddeutschen  Anplierens ist einfach genial: „jemanden mit verschleiertem Blick, blinzelnd und etwas dümmlich ansehen“) und krächzt: „Mama“.

Das Küken erweist sich als Angehöriger der seit dreihundert Jahren ausgestorben geglaubten Dronten, einem flugunfähigen Vogel aus dem Indischen Ozean. Käpt’n Lüttich, der von dem „Mama“-Gekrächze ohnehin ziemlich genervt ist, verkauft die ornithologische Rarität und lässt von dem Erlös seinen Schlepper reparieren. Aber natürlich haben er und die Jungs auch ein Herz. Schon bald vermissen sie ihr „Baby“, befreien es aus dem Zoo und nehmen auf der Krautsand Kurs Richtung Mauritius…

So ungefähr geht die Geschichte – witzig, handfest, voller Gefühl, aber kein bisschen kitschig. Und die Bilder dazu – die Krautsand im Sturm zum Beispiel und später auf der Flucht vor der Wasserschutzpolizei – sowas von klasse! Ich kann nur warnen: Wer einmal anfängt mit dem Lesen und Gucken, kommt nicht mehr von dem Buch los, egal ob Fischkopp oder nicht. Und auch egal, wie alt er oder sie ist. Ich habe mit diesem wunderbaren Buch Vierjährige ebenso erreicht wie demente alte Menschen. Irgendwie scheint sich jeder genau das daraus zu nehmen, was für ihn passt.

Schafe zum Verlieben

Jutta Bauer. Selma. Oldenburg 1999

Kirsten Boie. Josef Schaf will auch einen Menschen. Illustriert von Philip Waechter. Hamburg 2002

Staubwischen macht reich. Jedenfalls innerlich. Jedenfalls, wenn unter der Staubschicht die allerliebsten Bilderbücher zum Vorschein kommen. Das innere Kind jubelt und beginnt zu blättern…

SelmaUnd findet vielleicht Selma, die jeden Morgen bei Sonnenaufgang etwas Gras frißt, vormittags mit den Kindern spricht, nachmittags ein bisschen Sport treibt, dann wieder etwas Gras frißt, abends mit Frau Meier plaudert und danach tief und fest schläft – und genau das auch tun würde, wenn sie mehr Zeit hätte oder im Lotto gewinnen würde.

Selma ist ein Schaf, und sie weiß, was Glück ist. Ihre „Mutter“ heißt Jutta Bauer. Das ist die, die auch die megatolle Königin der Farben gemalt hat – und noch zwei, drei andere Bücher, die ich niemals wieder hergeben würde. Davon erzähle ich ein anderes Mal.

Ich glaube, Selma ist irgendwie verwandt mit dem Fischer in Heinrich Bölls Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral. Darin will ein Tourist den Fischer überzeugen, dass man jetzt viel arbeiten muss, um später einmal nicht mehr arbeiten zu müssen. Der Fischer hält nicht so viel von diesem Gedanken, denn er genießt schon jetzt sein Leben und ist zufrieden mit dem, was er hat.

P1060500Josef Schaf ist nicht zufrieden. Er will auch einen Menschen und nicht immer nur seine peinliche alte Stoffpuppe mit in die Schule bringen.

„Natürlich kriegst du keinen Menschen“, sagt Papa Schaf beim Mittagessen. „Das haben wir dir schon tausendmal gesagt. Aus, Punkt, Schluss.“

„In meiner Klasse haben alle einen!“, sagt Josef Schaf böse. „Alle! Immer darf nur ich nichts!“

„Man redet nicht mit vollem Mund“, sagt Mama Schaf ganz lieb. „Du weißt doch, dass Papa und ich nichts von Hausmenschen halten. Es ist Menschenquälerei!“

Die Geschichte von Josef Schaf hat Kirsten Boie geschrieben, die Illustrationen sind von Philip Waechter. Mag sein, es ist nicht hundertprozentig politisch korrekt, wenn Cara Kalb zum Kuschelmenschtag in der Schule einen echten schwarzen Menschen dabei hat, Sharon Schwein eine Chinesin und Heiko Hund sogar einen Eskimo – aber zum Kaputtlachen ist es allemal. Für Erwachsene wahrscheinlich noch mehr als für Kinder.

Das Staubwischen habe ich übrigens inzwischen eingestellt.

Mit Musik

Martina Skala: Strado & Varius. Paris 2002

51ACZ6YC9QL._SX342_Ein paar Jahre schon hatte ich dieses bezaubernde Bilderbuch für Erwachsene nicht mehr in der Hand. Bis gestern, als ich im Bücherregal ein bisschen Platz schaffen wollte. Sehr weit bin ich damit nicht gekommen. Weißt du noch? riefen mir Strado & Varius zu. Sie waren nicht die einzigen, die da riefen. Aber das sind andere Geschichten. Strado & Varius lernte ich vor einem Jahrzehnt in Paris kennen, als ich dort eine Freundin und nebenbei die eine und andere wunderbare Buchhandlung besuchte.

„C’était un frais matin du mois de mars. Le vent balayait les dernières feuilles mortes de l’hiver. Le vieux violiniste, jadis célèbre sous le nom de Varius, se dirigeait comme d’habitude vers son café préféré. Il s’arrêta brusquement: il avait failli marcher sur un œuf! Un petit œuf blanc, au milieu de la route. Un œuf dans Paris ça n’a rien d’extraordinaire, me direz-vous. Ce qui était curieux, en revanche, c’était le bruit qui en sortait. Comme si quelqu’un, tout doucement, accordait un violon!“

Beinahe wäre der alte Geiger Varius an einem kalten Märzmorgen mitten in Paris auf ein Ei getreten. Seltsame Klänge entströmen diesem Ei, gerade so, als würde jemand leise eine Geige stimmen. Plötzlich bewegt sich das Ei, zerbricht schließlich. Heraus schlüpft eine kleine Violine, die sich als Strado vorstellt und dem verdutzten Varius verkündet: Ich werde bei dir bleiben und dich glücklich machen!

Doch schon bald werden die beiden wieder getrennt. Nach der ersten gemeinsamen Orchesterprobe und einer handfesten Auseinandersetzung mit dem eingebildeten Piano, dessen Großvater eng mit Chopin befreundet gewesen sein soll, verirrt sich der kleine Strado in der großen Stadt. Im Zirkus lernt er die Klarinette Rimski und Korsakov, das Saxophon, kennen. Er geht mit einer Rockband auf Tournee, aber das Heimweh wird mit der Zeit immer größer. Strado will nach Hause zu Varius. Und das gelingt ihm am Ende auch, nach einem Gespräch mit dem Mond, der mit Herzensangelegenheiten bekanntlich vertraut ist.

Autorin und Illustratorin dieser liebenswerten, frechen, poetischen kleinen Geschichte, in der noch die Noten Gesichter und Beine haben, ist die gebürtige Pragerin Martina Skala, die selbst viele Jahre in Paris gelebt und gearbeitet hat. Was das Bücherregal angeht: Natürlich behalte ich Strado & Varius. Wer weiß, vielleicht ist es ganz gut, dass ich irgendwann mal angefangen habe, Halsketten an Stelle von Büchern zur Erinnerung mit nach Hause zu bringen…