Stairway to Heaven

Neugierig steige ich die moosige Leiter hinauf und linse in das signalgelb umrandete Astloch der alten Eiche. Ganz oben klebt ein Stück Papier am nassen Holz. Soll ich? Mit spitzen Fingern löse ich den lappigen Bogen. „Er weiß von nichts“, lese ich. Das ist ja ein Ding! „Mein Bruder ist 53 Jahre, 2 Meter groß und schlank…“. Sogar eine Anschrift für die Kontaktaufnahme hat die fürsorgliche Schwester angegeben. Vorsichtig lege ich das Papier zurück ins „Postfach“, streiche die wellige Oberfläche glatt. Weiter drinnen im Stamm, eine geschätzte halbe Armlänge tief, liegt noch ein Blatt, augenscheinlich mehrfach gefaltet. Das Angebot an diesem klammen Spätnachmittag im Februar ist nicht groß. Ich greife in den Leib des Jahrhunderte alten Baums. Zögernd. Einmal, weil ich den Grund nur schemenhaft erkennen kann, aber mehr noch, weil ich mir wie eine Voyeurin vorkomme. Dabei gilt das Postgeheimnis an diesem Ort gerade nicht.

Die Bräutigamseiche im Dodauer Forst in der Nähe des schleswig-holsteinischen Eutin ist nämlich ein öffentlicher Briefkasten für Heiratswillige und andere Kontaktsuchende, eine Partnerbörse des Waldes sozusagen. Was im Postfach respektive Astloch liegt, darf jede(r) lesen. Gefällt einem ein Brief, nimmt man ihn mit, sonst legt man ihn wieder zurück, für die, die nach einem des Weges kommen. Sogar eine eigene Anschrift hat der Baum: Bräutigamseiche, Dodauer Forst, 23701 Eutin. Die Post stellt werktäglich zu, was an Kontaktgesuchen aus Nah und Fern eingeht. Und das soll, ganz besonders im Frühjahr, eine Menge sein.

Ach, könnte die alte Eiche erzählen…! 600 Jahre soll sie bereits auf ihrem knorrigen Buckel haben. Es heißt, sie sei einst von einem keltischen Fürstensohn gepflanzt worden. Das kann aber auch eine Sage sein. Ebenso wie womöglich die Prognose, dass ein Mädchen, das bei Vollmond schweigend und ohne zu lachen dreimal um den Baum geht und dabei an den Geliebten denkt, innerhalb eines Jahres heiraten werde. Zu seinem Namen – soviel immerhin ist verbürgt – kam der Baum tatsächlich aufgrund einer Eheschließung: Am 2. Juni 1891 gaben sich die Tochter des Dodauer Oberforstmeisters und ein Schokoladenfabrikant unter den Ästen der Eiche das Jawort. Der Vater der Braut war zunächst gegen die Verbindung gewesen und hatte den beiden Liebenden jeden Kontakt verboten. Die tauschten daraufhin über ein Astloch des Baums heimlich Briefe aus. Als der Förster einsehen musste, dass er gegen die Liebe machtlos war, gab er seinen Widerstand schließlich auf.

Als ich gehe, springt ein junges Paar kichernd um den Baum. Die beiden sind ganz offensichtlich nicht (mehr) auf der Suche.