Afrikanisches Erbe

Als sie von Äthiopien erzählte, wurde der alte Mann ganz aufmerksam. Vergessen waren die Klagen über den beschwerlich gewordenen Alltag. Als sei es gestern gewesen, fiel das faschistische Italien in das ostafrikanische Kaiserreich Abessinien ein. 1935 war das, der alte Mann noch ein Junge. Am Radio verfolgte er, wie die Ras, die abessinischen Fürsten, abgeschlachtet wurden. Hunderttausende sollten ihnen folgen, bis das Land endlich von britischen und abessinischen Truppen befreit wurde. Dem alten Mann blieb die Erinnerung an die Ras und eine Empörung, die in 80 Jahren nicht schwächer geworden zu sein scheint.

Von dort war es nur ein Sprung bis zu Afrika-Meyer. Den nannten sie so, um ihn von den anderen Meyer im Ort zu unterscheiden: Von Kanonen-Meyer, dessen Söhne ständig in irgendwelche Schlägereien verwickelt waren. Von Meyer 13, der so viel Pech hatte. Afrika-Meyer, erzählte der alte Mann, war unter Lettow-Vorbeck an der Niederschlagung des Herero-Aufstands im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika beteiligt gewesen, dem ersten Völkermord im noch jungen 20. Jahrhundert. Meyer sprach nicht über die Zeit. So viel weiß der alte Mann noch.

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Zaunkönige wecken

P1080776Ein bisschen surreal fühlt es sich an, als wir uns der Stadt durch die Wüste nähern, die hier bis ans Meer reicht. Noch wabert ein Rest Morgennebel über dem endlosen Gelb. Fast jede Nacht, lese ich später, treibt der Wind Nebelbänke, die sich über dem kalten Benguelastrom weit draußen auf dem Atlantik bilden, über die Dünen ins Landesinnere. Manchmal bis zu 80 Kilometer weit. Meist lösen sich die Nebelschwaden im Laufe des Vormittags wieder auf.

P1080796Als wir gegen Mittag die Altstadt von Swakopmund erreichen, ficht gleißendes Sonnenlicht die letzte Schlacht des Tages gegen den Dunst, der sich bereits aufs Meer zurückgezogen hat. Das Gefühl des Unwirklichen will dennoch nicht weichen. All die wilhelminischen Giebel, all die Walmdächer, Jugendstilfassaden und Fachwerkbauten unter Palmen… unglaublich!

P1080790Altes Amtsgericht, Am Zoll, Schlachterei, Deutsche Oberschule lese ich auf den Gebäuden. Hundert Jahre ist die ehemalige kaiserliche Kolonie Deutsch-Südwestafrika nun schon Geschichte, aber in der vielleicht deutschesten Stadt südlich des Äquators pflegt man das Erbe.

P1080803Die alte Kaiser-Wilhelm-Straße wurde vor ein paar Jahren nach dem langjährigen Präsidenten und Gründungsvater der Republik Namibia in Sam Nujoma Avenue umbenannt, aber die Bismarckstraße gibt es bis heute. Dort steht eines der Wahrzeichen von Swakopmund: das Woermannhaus, Sitz der bedeutendsten Im- und Exportgesellschaft in Südwestafrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Schifffahrtslinie des Hamburger Kaufmanns und Reeders Adolph Woermann hatte schon 1894 den regelmäßigen Schiffsverkehr zwischen Europa und Afrika aufgenommen. Zwei Jahre zuvor hatte das deutsche Kanonenboot „SMS Hyäne“ nördlich der Mündung des Swakop eine mögliche Landestelle für die kaiserlichen Schiffe markiert – das 30 Kilometer weiter südlich gelegene Walvis Bay befand sich bereits in britischer Hand –, Swakopmund wurde gegründet. Nur einen Steinwurf vom Woermannhaus entfernt, an der ehemaligen Moltkestraße, steht das Hohenzollernhaus, das mit seiner neobarocken Fassade vielen als das prachtvollste Gebäude der Stadt gilt.

P1080793Im Café Anton an der Strandpromenade wird Apfelstrudel und Käsekuchen serviert. Beim Bäcker um die Ecke gibt es Schwarzbrot zu kaufen und in der Swakopmunder Buchhandlung deutschsprachige Bücher. Die Hansa Brauerei, die auf eine mehr als hundertjährige Tradition zurückblicken konnte, musste zwar 2005 ihre Pforten schließen, aber bis heute wird in Namibia nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut.

P1080815Zwischen ehemaliger Brauerei und Alter Kaserne springt mir die Fassade eines Gebäudes ins Auge, das ich kenne. Nicht in natura, ich war noch nie zuvor in Afrika, aber von Fotos und aus Erzählungen. „Es war Nacht, es war dunkel. Wer mich dorthin gebracht hat, weiß ich nicht mehr…“ Ursprünglich war das Prinzessin-Rupprecht-Heim als Lazarett für die Kaiserliche Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika errichtet worden. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde es zum Erholungsheim umgebaut und erhielt seinen Namen zu Ehren von Marie Gabriele, Ehefrau des Prinzen Rupprecht von Bayern. Außer als Erholungsheim wurde das Gebäude in den folgenden Jahrzehnten auch als Entbindungsheim sowie als Kinder- und Schülerheim genutzt.

P1080804Anfang der 1940er Jahre kam die damals vierjährige Frau L., die mir 70 Jahre später aus ihrem Leben in Südwestafrika erzählen sollte, in das Haus. Ihr Vater war, wie auch zahlreiche andere deutsche Südwester, in einem Lager zwischen Johannesburg und der Diamantenstadt Kimberley interniert worden, nachdem sich die Mandatsmacht Südafrika im September 1939 gegen die Neutralität des Landes und für die Teilnahme am Zweiten Weltkrieg auf der Seite Großbritanniens entschieden hatte.

P1080809Heute ist das ehemalige Kinderheim ein Hotel. Natürlich dürfe ich mich umsehen, sagt die freundliche Dame an der Rezeption. Die Zimmer hinter den schweren Holztüren tragen die Namen süddeutscher Städte. Besonders schön ist es in dem großen innenhofartigen Garten hinter dem Haus. So grün. So still. Ganz hinten lächelt mich eine alte Dame im Rollstuhl an und fragt, ob ich mit zu den anderen kommen und die Zaunkönige füttern wolle. Und da sitzen sie, lauter alte Menschen in ihrer Welt. Für einen Moment schauen sie irritiert, als mit unserem Erscheinen die Vögel zu ihren Füßen auffliegen. Macht nichts, sagt die alte Dame, die kommen wieder.

P1080861Am nächsten Morgen ist die Stadt am Rande der Wüste abermals in atlantische Nebelschwaden gehüllt und ich frage mich, ob ich von der Begegnung mit den „Zaunkönigen“ womöglich nur geträumt habe. Später erfahre ich, dass das Hotel vorn und das Alten- und Pflegeheim im hinteren Trakt zusammen gehören.

P1080872Da haben wir Swakopmund bereits wieder verlassen, haben den Flamingos am Meer einen Besuch abgestattet und nur kurze Zeit später eine Kamel-Karawane getroffen…

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Ewalds Story

P1080225Eine Reise nach Namibia, das ist auch eine Reise in die Geschichte des eigenen Landes. Auf unserer Fahrt von der Hauptstadt Windhoek zum Etosha Nationalpark im Norden kamen wir an dem Städtchen Okahandja vorbei. Dort hatte Anfang 1904 der Herero-Häuptling Samuel Maharero zum Aufstand gegen die kaiserlichen „Schutztruppen“ in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika aufgerufen und dort befindet sich auch sein Grab, an dem jedes Jahr an den Aufstand erinnert wird. Dass die Deutschen kamen und Handel trieben, dass sie Minenrechte erwarben und mit dem Bergbau begannen, hatten die schwarzen Einwohner des heutigen Namibia noch hingenommen. Dass sich jedoch auch immer mehr weiße Farmer ansiedelten, ließ die Herero, die traditionell von der Rinderzucht leben, um ihre eigenen Weiden und Wasserstellen fürchten. Die Spannungen mit der Kolonialmacht wuchsen von Tag zu Tag. Das Deutsche Reich entsandte schließlich ein Expeditionskorps unter Generalleutnant Lothar von Trotha, um den Aufstand niederzuschlagen.

P1080754Am 11. August 1904 kam es auf dem Waterberg, wo sich Chief Maharero mit seinem Volk verschanzt hatte, zur entscheidenden Schlacht. Lange hielten die zahlenmäßig überlegenen Herero dem waffentechnischen Übergewicht der Deutschen nicht stand: Wer nicht im Artilleriefeuer ums Leben kam, dem blieb nur die Flucht nach Osten in die Omaheke-Wüste. Für die meisten Herero gab es von dort kein Zurück. Monatelang ließ General von Trotha das riesige wasserlose Sandfeld von berittenen Patrouillen abriegeln und in der Wüste herumirrende Herero erschießen. Weiter im Süden führten die Nama, deren Führer Hendrik Witbooi sich stets geweigert hatte, mit den Deutschen „Schutzverträge“ abzuschließen, noch ein paar Jahre lang einen Guerillakrieg gegen die Kolonialherren. Zu einer zentralen Figur an dieser Front wurde der „Hottentotten-Bastard“ Jakob Morenga, nach dem Uwe Timm seinen lesenswerten historischen Roman über den Aufstand der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika benannt hat.

P1090074Am Ende des Kriegs waren mindestens zwei Drittel der Herero-Bevölkerung ausgelöscht und die Hälfte der Nama getötet. Bis zu 100.000 schwarze Afrikaner kamen insgesamt ums Leben. Überlebende wurden in Reservate deportiert. Historiker werten die Ereignisse als den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Mit dem Ersten Weltkrieg endete nach gut dreißig Jahren die deutsche Kolonialzeit. Die südafrikanische Mandatsmacht übernahm von den Deutschen das System der Rassentrennung, die Reservate wurden zu „Homelands“. Ihre Bewohner waren vor allem eines: billige Arbeitskräfte für die Diamanten- und Kupferminen, auf den Farmen und im Eisenbahnbau. Seit einem Vierteljahrhundert ist das Land nun auch von Südafrika unabhängig.

P1080761Der erste Herero, den ich auf unserer Reise durch den südwestafrikanischen Vielvölkerstaat kennenlernte, war unser Busfahrer. Rabenschwarz – und getauft auf den Namen Ewald. Ausgerechnet. Natürlich nimmt heute noch jedes Kind den Herero-Aufstand in der Schule durch, aber ansonsten scheint der Blick nicht sehr rückwärtsgewandt zu sein. Den urdeutschen Namen hat die Großmutter mütterlicherseits ausgesucht. Sie hatte lange auf einer dieser endlos großen Farmen gelebt und gearbeitet. Ihre Tochter, Ewalds Mutter, war dort zur Welt gekommen. Und Ewald, so hieß der Farmer. Offenbar ein guter Patron. Ewald selbst findet seinen christlichen Namen nicht sonderlich bemerkenswert. Außer diesem hat er noch einen Herero-Namen: Tjireke, was soviel wie „süßer Junge“ bedeute.

P1090851Um die Wende zum 20. Jahrhundert herum entstand übrigens auch die traditionelle Tracht der Herero-Frauen: lange Gewänder im viktorianischen und wilhelminischen Stil, die der damaligen Kleidung der Missionarsfrauen nachempfunden sind, inzwischen nicht mehr ganz so hoch geschlossen wie die Originale und auch deutlich farbenfroher. Angeblich hatten die Missionarsfrauen den Herero-Frauen das Schneidern beigebracht, weil sie sich darüber ärgerten, dass ihre Männer immer den halbnackten schwarzen Schönheiten hinterherblickten. Die ausladende Kopfbedeckung, die zu den voluminösen Röcken getragen wird, soll an die Hörner eines Stiers erinnern. Eine Kombination, die mich bis zum Ende der Reise immer wieder in Erstaunen versetzte.