Stille. Und. Weite.

Beim Aufräumen stieß sie auf längst vergessene Kinogutscheine. Ein Geschenk des allerbesten guten Freundes, der nun schon so lange fehlte. Die junge Frau an der Kasse lächelte: „Kein Problem. Bei uns verfallen die Gutscheine nicht.“ Als sie den großen Saal betrat, war sie allein. Um sie herum ein Meer aus rotem Samt. Es kamen dann noch vier andere. Schauten sich um. Wählten ruhig und bestimmt ihren Platz. Kein Husten. Kein Rascheln. Kein Popcorn. „Zeit für Stille“. Eineinhalb Stunden lang.

Anderntags tauschte sie einen weiteren vergessenen Gutschein ein. Für Weite dieses Mal: „Die Geschichte von einem Weg um die Welt“. Seltsamerweise fühlte sich das kleine Kino kein bisschen eng an. Dreieinhalb Jahre war das sympathische Paar aus dem Schwarzwald unter-weg-s. Dreieinhalb Jahre Begegnungen mit anderen Menschen und Kulturen. Dreieinhalb Jahre Begegnungen mit sich selbst und der eigenen Herkunft.

Während sie durch die gar nicht stille regennasse Stadt nach Hause stapfte, dachte sie an eigene Wege, an eigene Begegnungen in der Welt. Dachte an den allerbesten guten Freund. Und an den alten Kämpfer und die alte Königin in ihrem Exil, die immer da gewesen waren, wenn auch zuletzt immer weniger. In letzter Zeit hatte sie nicht oft das Gefühl, dass alles gut war, wie es war. Für einen Moment war so ein Moment.

Träume der anderen

Kann ein Mensch für einen anderen, der dazu selbst nicht mehr in der Lage ist, dessen großen Traum verwirklichen? Und was bedeutet das? Für den ursprünglichen Träumer, für den Übernehmer, aber auch für den Traum selbst?

Diese Fragen beschäftigen mich, seit ich vor ein paar Tagen im Fernsehen das großartige taiwanesisch-chinesische Roadmovie „One Mile Above“ sah. Nach dem Tod seines älteren Bruders Shu-Wei unternimmt der frischgebackene taiwanesische Uni-Absolvent Shu-Hao eine Reise, die Shu-Wei geplant, aber nie realisiert hat: mit dem Rad auf dem Sichuan-Tibet-Highway quer durch den Himalaya bis nach Lhasa. Gebannt folge ich den atemberaubenden Bildern dieses Höhen- und Höllentrips, der Shu-Hao körperlich, geistig und seelisch bis an die äußerste Grenze seiner Kräfte fordert. Am Ende tanzt er vor dem Potala-Palast. „Jetzt kannst du in Frieden ruhen“, sagt er zu seinem toten Bruder.

Das hatte ich doch schon einmal gehört! 14 Jahre ist das jetzt her. Wir waren mit Kajaks im Doubtful Sound unterwegs, einem der schönsten Fjorde Neuseelands. Sechs NeuseeländerInnen, ein Amerikaner, ein Japaner und ich. Ito, der Japaner, teilte das Boot mit Justine. Sein Glück, denn Justine war eine sehr erfahrene und dazu äußerst gutmütige Paddlerin und brachte das Kajak gegen Wind und Wellen notfalls auch allein ans Ufer, wenn Ito wieder einmal nur dasaß und unbestimmt in die Ferne schaute. Ich erinnere mich, dass ich mich fragte, was ihn wohl zu dieser Reise bewogen hatte. Oder was es mit dem Feuer auf sich hatte, das er eines Abends allein am Strand entzündete. Ito zu fragen traute ich mich nicht. Ganz am Ende der Tour erfuhren wir, dass seine Freundin, eine begeisterte Kajakfahrerin, die irgendwo in japanischen Gewässern zusammen mit ihrem Guide ums Leben gekommen war, davon geträumt hatte, einmal im Doubtful Sound zu paddeln. Am Strand hatte Ito ein Foto der Freundin verbrannt. „Jetzt ist sie glücklich“, sagte er, „jetzt ist sie angekommen.“

Ja, vielleicht war die tote Freundin jetzt angekommen, vielleicht kann der tote Bruder in Frieden ruhen. Aber mehr noch scheinen mir diese beiden Reisen eine wunderbare Möglichkeit zu sein, von dem geliebten Menschen Abschied zu nehmen und selbst Frieden zu finden. Der Traum ist, soweit ich das beurteilen kann, in beiden Fällen der Traum des Toten geblieben.

doubtful sound 1 001„It was one of those days so clear, so still, so silent you almost feel the earth itself has stopped in astonishment at its own beauty.“ (Katherine Mansfield)