Ein fernes Lied

Ganz still zuweilen wie ein Traum
klingt in dir auf ein fernes Lied.
Du weißt nicht, wie es plötzlich kam,
du weißt nicht, was es von dir will.
Und wie ein Traum ganz leis und still
verklingt es wieder, wie es kam.

Wie plötzlich mitten im Gewühl
der Straße, mitten oft im Winter
ein Hauch von Rosen dich umweht,
wie oder dann und wann ein Bild
aus längst vergessenen Kindertagen
mit fragenden Augen vor dir steht.

Ganz still und leise, wie ein Traum.
Du weißt nicht, wie es plötzlich kam,
du weißt nicht, was es von dir will,
und wie ein Traum ganz leis und still
verblasst es wieder, wie es kam.

Cäsar Otto Hugo Flaischlen (1864 – 1920): Ganz still zuweilen wie ein Traum

A kiss is still a kiss

Wie? du kannst nicht mehr küssen?
Mein Freund, so kurz von mir entfernt,
Und hast’s Küssen verlernt?
Warum wird mir an deinem Halse so bang?
Wenn sonst von deinen Worten, deinen Blicken
Ein ganzer Himmel mich überdrang,
Und du mich küsstest, als wolltest du mich ersticken.
Küsse mich!
Sonst küss‘ ich dich!

Johann Wolfgang von Goethe, „Faust“ (Der Tragödie erster Teil, Kerker, Margarete zu Faust)

In Zeiten wie diesen überkommen eine einsame Waldläuferin bisweilen gar seltsame Assoziationen…

Buddhas Bauch

„Happy Buddha! Happy Buddha!“ Die kleinen zarten Dao-Frauen im nordvietnamesischen Hochland wollten sich schier ausschütten vor Lachen. Feixend machten sie einander auf den großen Mann im roten T-Shirt aufmerksam. Der kramte gelassen weiter in seinem Rucksack. Als erfahrener Asien-Reisender war er es gewohnt, mit seiner Statur Aufmerksamkeit zu erregen. Nur über den Bauch streichen lassen wollte er sich partout nicht. Dabei kommt es genau darauf an…

Im alten China, vor mehr als tausend Jahren, war der „Laughing Buddha“ ein berühmter Mönch. Mit einem Lächeln auf den Lippen reiste er durchs Land und rief bei allen, denen er begegnete, Freude und Glück hervor. Schon seit Jahrhunderten ist es Brauch, einer Happy-Buddha-Figur über den Bauch zu streichen. Das bringt Glück und Erfolg. Probier es nur aus! Für das Prachtexemplar auf dem Foto unten musst du nicht einmal nach Asien reisen. Du findest es im Künstlerdorf Worpswede bei Bremen.

Komm gut ins neue Jahr!

 

Nicht fertig werden

Die Herzschläge nicht zählen
Delfine tanzen lassen
Länder aufstöbern
Aus Worten Welten rufen
horchen was Bach
zu sagen hat
Tolstoi bewundern
sich freuen
trauern
höher leben
tiefer leben
noch und noch
Nicht fertig werden

Rose Ausländer: Nicht fertig werden

Selten hat mich ein Gedicht so punktgenau erreicht wie diese Zeilen von Rose Ausländer. Ja, das wünsche ich mir für das neue Jahr: Die Herzschläge nicht zählen, überhaupt nicht so viel zählen und wägen, sondern leben, mit allen Fasern. Delfine habe ich schon mal tanzen lassen. Das war auf einer Kajaktour durch den Doubtful Sound im Süden Neuseelands. Wie aus dem Nichts sprang ein Dutzend der kecken Gesellen um und über unser Boot und forderte meinen Partner und mich zum Spiel. Wir paddelten wie die Verrrückten, um mitzuhalten. Eigentlich haben also nicht wir die Delfine sondern die Delfine uns tanzen lassen… Zwanzig Jahre ist das nun schon her, aber die pure Freude, die ich damals empfand, wird mich bis ans Ende aller Herzschläge begleiten. Irgendwann werde ich wieder Länder aufstöbern. Was für ein großartiges Bild! Und bis dahin rufe ich mir aus Worten Welten. Aus Büchern, aus Gesprächen. Ich werde lauschen, werde bewundern und staunen. Ich werde mich freuen, wenn es Zeit ist mich zu freuen, und trauern, wenn es Zeit ist zu trauern. Beides wird mir helfen, höher und zugleich tiefer zu leben. Aufrechter. Bewusster. Noch und noch. Und ich weiß, ich werde nicht fertig werden. Und das ist genau richtig so.

Fokus des Tages

Man sollte, sagte er, alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.

Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre

Okay, hier ist sie, meine Auswahl für diesen schon fortgeschrittenen Tag:

Das Lied, das in Wahrheit kein bisschen klein ist, singt und spielt die korsische Band I Muvrini. Es heißt Oghje sì tù“ (Aujourd‘hui c‘est toi“) und erzählt davon, wie alle Wege des Lebens an diesen Ort zurückführen, für einen Abend…

Die Musik hat mich zu Hilde Domin geführt und zu ihrem Gedicht „Nur eine Rose als Stütze“. Du kannst dir diese Perle der Lyrik von Dagmar Manzel vorlesen lassen und dazu zarten Klavierklängen lauschen und ebenso zarten Bildern folgen. Es schadet sicher nicht, mehr als ein Lied am Tag zu hören.

Das treffliche Gemälde eingangs dieses Beitrags heißt „Paar, die Köpfe voller Wolken“ und ist von Salvador Dalí (Öl auf Holz). Ich habe es vor ein paar Jahren in einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle fotografiert.

Last but not least: Die vernünftigen Worte des Tages spricht – für mich und vielleicht ja auch für dich – Robert Musil in „Der Mann ohne Eigenschaften“:

Es ist die Wirklichkeit, welche die Möglichkeiten weckt.

Krieg in Äthiopien

Fünf Jahre ist es her, dass ich den Norden Äthiopiens bereisen durfte. Die Bilder, die sich in den Geralta-Bergen und im Simien-Gebirge tief in meinen Kopf und mein Herz prägten, kann ich jederzeit vor das innere Auge rufen. Die vielen Begegnungen mit Menschen in den Regionen Tigray und Amhara, sie wirken bis heute nach. Heute… heute herrscht dort Krieg.

Seit Wochen spitzt sich der Kampf zwischen der Zentralregierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed und der Regierung der Region Tigray an der Grenze zu Eritrea zu. Am Wochenende meldete Abiy, dass die tigrinische Hauptstadt Mekele von der Armee erobert worden sei. Menschenrechtsorganisationen berichten von Massakern zwischen Angehörigen der Volksgruppen der Tigray und Amhara, bei denen es Hunderte zivile Opfer gegeben habe. Mehr als 40.000 Menschen sind bereits aus Tigray in den Sudan geflohen. Täglich werden es mehr. Telefon- und Internetverbindungen in der Region sind seit Wochen abgeschnitten. Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln wird immer kritischer.

Ein Land steht vor dem Zerfall. Dabei hatte es so viele Hoffnungen gegeben, als Abiy Ahmed 2018 die Regierung übernahm. Hoffnungen auf tiefgreifende Reformen, die in dem Vielvölkerstaat Äthiopien sehr lange niemand für möglich gehalten hatte. Anfang der 1990er Jahre hatten Rebellen aus Tigray das marxistische Militärregime gestürzt und waren danach für Jahrzehnte ins Zentrum der Macht gerückt, obwohl sie nur einen kleinen Teil der Bevölkerung stellen. Auch der verstorbene frühere Machthaber Meles Zenawi stammte aus der Region. Abiy hingegen gehört zum Volksstamm der Oromo, Äthiopiens größter ethnischer Gruppe. Er beendete den langjährigen Krieg mit dem Nachbarn Eritrea, er ließ mehr Offenheit zu, Dissidenten aus dem Ausland konnten zurückkehren. Erst vor einem Jahr erhielt Abiy den Friedensnobelpreis für seine Reformen am Horn von Afrika. Doch es gab auch schon früh Zweifel an seiner Fähigkeit, Frieden zu stiften. Gerade die Öffnungen, die Zerschlagung der alten repressiven Strukturen, sagen viele, hätten die schwelenden Konflikte zwischen den Ethnien noch befördert. Inzwischen, so scheint es, führt Abiy selbst ein zunehmend repressives Regiment. Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte die Verschiebung der für August anstehenden Wahlen wegen der Covid-19-Pandemie. Da sich Abiy der Wahl verweigert habe, sei seine Regierung verfassungswidrig, befand die Volksbefreiungsfront von Tigray und ließ selbst Regionalwahlen abhalten, was wiederum Vertreter des Zentralstaats als verfassungswidrig bezeichneten.

Und während am Horn von Afrika alte Rechnungen beglichen werden und die Katastrophe anscheinend unaufhaltsam ihren Lauf nimmt, denke ich an die Menschen, denen wir auf unserer Reise begegneten – und ich frage mich, wie es ihnen heute gehen mag. Den vielen Kindern und Jugendlichen, die schon so früh Verantwortung tragen, ganz buchstäblich. Den Priestern, oft im Nebenberuf Bauern (oder war es umgekehrt?), die uns mitnahmen in ihre Kirchen zwischen den Felsen. Und all den anderen…

Meine alten Reiseberichte aus Äthiopien findest du unter der Rubrik „Reiseschnipsel“.