Tulpen-Kräfte

Dass Tulpen eine wunderbare Projektionsfläche für Gefühle abgeben können, spürte ich, als ich einmal eingeladen wurde, wie eine Tulpe zu tanzen. Ich habe hier schon davon erzählt.

Einen Reigen ganz eigener Art führte ein Strauß der leuchtenden Frühlingsboten jetzt in meinem Arbeitszimmer auf. Kaum hatte ich die Stängel beschnitten und in einer frisch mit Wasser gefüllten Vase drapiert, schienen sie auch schon wie von unsichtbaren Kräften angetrieben nach außen zu streben. Den Sitzen eines Kettenkarussells gleich schwebten die Blüten um den Rand der Vase.

Am nächsten Tag hatten die leuchtenden Gefährte ihren Radius noch einmal merklich vergrößert und begannen – den Gesetzen der Schwerkraft folgend – Stück für Stück Richtung Boden zu sinken. Ich griff erneut zum Messer, doch die Tulpen ließen sich nicht von ihrem Weg abbringen. Auch mit gekürzten Stängeln wollten sie partout nicht in die Höhe wachsen, nur immer nach außen. Weiter. Und weiter.

Sie spielten mit Licht und Schatten. Sie übten Landeanflüge.

Und immer noch suchten sie die Weite. Noch im Verblühen, als sie schon einen Großteil ihrer Farbe und Spannkraft eingebüßt hatten, gaben sie nicht einen Zentimeter Raum auf. Die Sehnsucht, sie schien nicht kleiner geworden zu sein.

Waldeigen

Will dir den Frühling zeigen,
der hundert Wunder hat.
Der Frühling ist waldeigen
und kommt nicht in die Stadt.

Nur die weit aus den kalten
Gassen zu zweien gehn
und sich bei den Händen halten –
dürfen ihn einmal sehn.

Rainer Maria Rilke: Will dir den Frühling zeigen

The best is yet to come

Ich ging im Stadtpark so für mich hin, Körper und Geist zu lüften, ein paar Quadrate zu knipsen, das war mein Sinn…

In Decken gehüllt, koste ein Paar auf der Bank. Auf mancher Wiese qualmte der Grill. Der Hamburger ist hart im Nehmen. Die Hamburgerin auch.

Bei den Rhododendren und Azaleen formte psychedelischer Beat die Schritte der Mai-Gänger. Auf der anderen Seite wetteiferten Stimmen mit traurigen griechischen Weisen. Der Wettstreit unter den Eichen lief ohne Ton. Die Gebärdenden jagten ein weißes Tuch, mehr habe ich nicht verstanden.

Ein paar Sonnentage noch, und der Stadtpark wird explodieren. Die Vorbereitungen laufen an allen Zweigen.

Sechs, sieben Sachen

Einer lässt seine Habseligkeiten von einem Gerippe bewachen. Um den Hals trägt es eine Schlinge.

Ein anderer schlägt sein Bett im Park auf. Die Laken sind so grün wie die Büsche drumherum.

Einer stellt Schuhe in einer Plastiktüte neben eine Bank. Vielleicht kann sie ein anderer gebrauchen.

Einer hat zu viele Weihnachtsmänner. Besonders jetzt zu Ostern.

Ein anderer greift nach seinen Siebensachen und geht.

Nachschlag in Farbe

Vor ein paar Tagen habe ich Fotos von meinem jüngsten Ausflug ins Professormoor gezeigt, die ich nachträglich der Farbe beraubt hatte, weil die Schwarz-weiß-Perspektive dem tatsächlich Gesehenen bzw. Empfundenen stärker entsprach. Zwei Motive sparte ich aus, weil mir die Farbvariante hier „wahrhaftiger“ zu sein scheint. Ich bitte, das große Wort zu entschuldigen, du weißt vielleicht, was ich meine…

Die zarten Birken entfalten ihren vollen Zauber aus meiner Sicht erst beim Blick in den blauen Milchglasspiegel. Und der geborstene Ast im Himmelsblau ist der lustige Geselle, dem ich auf meinem Spaziergang begegnete, und kein Stämme fressendes Monster wie in Schwarz-Weiß.

Und was meinst du?

 

Lichtspiele im Moor

An manchen Tagen, an manchen Orten sehe ich bunt. An anderen eher schwarz-weiß. Dann fokussiert mein Auge ganz von allein auf Linien und Strukturen. So wie vergangenen Sonntag im Professormoor, einem meiner Lieblingsorte hier im Norden.

Wenn du mehr über diesen Flecken Erde wissen möchtest oder wie es dort (in einer anderen Jahreszeit) in Farbe aussieht, wirst du zum Beispiel hier fündig.

Von Dichtern und Elchen

Blau war die Stunde. Blau das zarte Band, das der Vorfrühling durch die überraschend lauen Lüfte über der Lübecker Bucht flattern ließ. Umso mehr staunten all die Grauhimmel-Müden, die an diesem Wochenende über die Travemünder Promenade spazierten, als sie auf eine Tierfamilie trafen, die um diese Jahreszeit so niemand mehr (respektive: noch niemand) erwartet hätte, schon gar nicht am Ostseestrand. Die Flaneure reagierten mit Staunen, Lachen und den unvermeidlichen Selfies. Und aus dem Himmelsblau ertönte die Stimme des im Dezember verstorbenen Dichters und Zeichners F.W. Bernstein: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche…“

Grinsend bummelten wir durch das Travestädtchen. Als wir uns nach einer großen Portion Pannfisch auf den Weg zurück zum Strandbahnhof machten, war die Sonne schon eine Weile untergegangen. „Dunkel war’s, der Mond schien helle…“

Nicht minder strahlend empfing uns zu unserem Entzücken die nun schon vertraute Tierfamilie.

Jetzt hielt es auch den unvergleichlichen Robert Gernhardt nicht mehr. Sogleich begann er ein „Gespräch mit dem Engel“, vielleicht dem auf der Nachbarwolke:

Ein Geräusch in der Luft, / wie von großen Maschinen:

„Sagn Sie mal – lässt sich das nicht abstellen?“

„Damit kann ich leider nicht dienen. / Das ist das Stöhnen Gottes / beim Betrachten seiner Welten. / Das heißt: Manchmal lacht er auch über sie. / Aber selten.“

Hollywood in der Heide

Immer sind es Bäume
die mich verzaubern

Aus ihrem Wurzelwerk schöpfe ich
die Kraft für mein Lied

Ihr Laub flüstert mir
grüne Geschichten

Jeder Baum ein Gebet
das den Himmel beschwört

Grün die Farbe der Gnade
Grün die Farbe des Glücks

Rose Ausländer: Die Bäume

Die Eichen im Ilex-Dickicht findest du zwischen Schneverdingen und Niederhaverbeck in der Lüneburger Heide. Immer wieder zieht es mich in diesem Frühling dorthin. Gerade habe ich gelernt, dass Ilex auf Englisch „holly“ heißt. Hollywood in der Heide – eine Traumfabrik eigener Art, auch ohne Walk of Fame.