Aller Voraussicht nach

aller voraussicht nach

werde im alter auch ich

milde werden, versöhnlich.

aller nachsicht voraus –

brülle ich heute für zwei.

Helmut Krausser: aller voraussicht nach

veröffentlicht in: „Altershalber – Gedichte aus acht Jahrhunderten“, herausgegeben von Helmut Zwanger und Henriette Herwig, Tübingen 2015

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Von Dichtern und Elchen

Blau war die Stunde. Blau das zarte Band, das der Vorfrühling durch die überraschend lauen Lüfte über der Lübecker Bucht flattern ließ. Umso mehr staunten all die Grauhimmel-Müden, die an diesem Wochenende über die Travemünder Promenade spazierten, als sie auf eine Tierfamilie trafen, die um diese Jahreszeit so niemand mehr (respektive: noch niemand) erwartet hätte, schon gar nicht am Ostseestrand. Die Flaneure reagierten mit Staunen, Lachen und den unvermeidlichen Selfies. Und aus dem Himmelsblau ertönte die Stimme des im Dezember verstorbenen Dichters und Zeichners F.W. Bernstein: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche…“

Grinsend bummelten wir durch das Travestädtchen. Als wir uns nach einer großen Portion Pannfisch auf den Weg zurück zum Strandbahnhof machten, war die Sonne schon eine Weile untergegangen. „Dunkel war’s, der Mond schien helle…“

Nicht minder strahlend empfing uns zu unserem Entzücken die nun schon vertraute Tierfamilie.

Jetzt hielt es auch den unvergleichlichen Robert Gernhardt nicht mehr. Sogleich begann er ein „Gespräch mit dem Engel“, vielleicht dem auf der Nachbarwolke:

Ein Geräusch in der Luft, / wie von großen Maschinen:

„Sagn Sie mal – lässt sich das nicht abstellen?“

„Damit kann ich leider nicht dienen. / Das ist das Stöhnen Gottes / beim Betrachten seiner Welten. / Das heißt: Manchmal lacht er auch über sie. / Aber selten.“

Einer dieser Tage

Unter fallenden Kastanien / den Garten umarmen

Durch Zeitgeräusch wandern / von Stimme zu Stimme

Herzliche Briefe / lieben

Sich an allen Ecken / wundstoßen / und ganz bleiben

Rose Ausländer: Ganz bleiben

Die Fotos habe ich von einem Spaziergang an der verwunschenen Ostseite des Schaalsees mitgebracht. Es war einer dieser Tage dazwischen: nicht mehr ganz Sommer, noch nicht ganz Herbst und gerade eben warm genug, um am Abend den frisch geräucherten Saibling auf einer Bank direkt am See zu verspeisen.

Für immer Rosalía

Als ich zeitgleich mit der Señora Castro die Anhöhe erreichte, hockte der Bauer Iglesias Castro schon dort. Auf einem Stein, neben seinem Pferdefuhrwerk, als kennte er weder Woher noch Wohin. Auch das Pferd verspürte offenbar keine Eile. Mit halb geschlossenen Augen döste es in den nordspanischen Frühlingstag. Dann und wann schlug es mit dem Schweif eine lästige Fliege fort. Als die Señora und ich das Stillleben aus Mann und Ross erreichten, hatten wir noch kaum ein Wort gewechselt. Nicht viel mehr als „Buen camino!“, „Guten Weg!“, den Standardgruß aller Jakobspilger. Eine Anhöhe ist ein guter Ort, um einen Moment innezuhalten, sich umzuschauen – und ein paar Worte zu wechseln, wenn es sich gerade so ergibt.

Im Laufe unserer kurzen Unterhaltung stellte sich heraus, dass die Señora und der Bauer denselben Namen tragen: Castro. Dass der Bauer so heißt, ist nicht weiter verwunderlich. Der Name ist in Nordspanien ungefähr so verbreitet wie Müller oder Meier in Norddeutschland. Die Señora dagegen hatte schon die halbe Welt durchmessen, um einem der vielen Pilgerwege ins galicische Santiago de Compostela zu folgen. Ihre Reise begann im fernen Uruguay. Dort ist die alte Dame mit dem flotten grauen Bubikopf zu Hause. Und gleichzeitig begann die Reise praktisch um die Ecke, denn drei ihrer Großeltern stammen aus Galicien, der vierte aus dem Baskenland. Als junge Menschen hatten sie wie so viele andere das Land verlassen, um in Südamerika ihr Glück zu suchen.

Nur wenige Kilometer weiter, in dem Städtchen Padrón, sollte ich der nächsten Señora Castro begegnen, die allerdings wohl nur ich so nenne. Und das auch nur in Gedanken, denn die Señora ist schon eine Weile tot. Aber eigentlich stimmt auch das nicht. In den Herzen ihrer Landsleute ist sie nämlich sehr lebendig. Ebenso wie der Apostel Jakobus, dessen Leichnam der Legende zufolge per Schiff von Jerusalem nach Padrón befördert wurde, bevor er in der Kathedrale von Santiago 25 Kilometer weiter nördlich seine letzte Ruhe fand. In Padrón, das ansonsten vor allem für seine megaleckeren in Öl gebratenen grünen Paprika (Pimientos de Padrón) bekannt ist, verbrachte die Dichterin Rosalía de Castro (1837-1885) ihre letzten Lebensjahre. Später lebte dort außerdem noch der Nobelpreisträger Camilo José Cela (1916-2002), einer der bekanntesten spanischen Schriftsteller. Der steinerne Cela markiert das eine Ende des mit wunderschönen alten Platanen bestandenen Paseo de Espolon am Ufer des Sar, die steinerne Rosalía das andere. In ihrem Rücken, unter dem Altar der Iglesia de Santiago, befindet sich der Stein, an dem einst das Boot mit dem enthaupteten Apostel an Bord am Flussufer festgemacht haben soll und nach dem die Stadt ihren Namen erhielt.

All die steinernen Zeugen vor Augen, all die Geschichten im Kopf, die historisch belegten ebenso wie die anderen, erreichte ich die nächste Anhöhe. Zeit, für einen Moment innezuhalten. Ein Mann auf dem Feld am Wegesrand hörte bereitwillig auf zu graben, stützte sich auf seinen Spaten und begann, kaum hatte ich Padrón erwähnt, von Rosalía zu schwärmen, wie sie dort alle nennen, und von ihren wunderbaren Texten. Er gab mir auch gleich eine Kostprobe, auf gallego natürlich. Denn das ist ja gerade das Tolle an Rosalía, dass sie einen Teil ihres Werks in der galicischen Landessprache verfasste und dieser damit zu literarischer Bedeutung verhalf – allen voran die „Cantares Gallegos“, die galicischen Lieder. Für mich übersetzte er die Zeilen freundlicherweise noch ins kastilische Spanisch. Ich weiß noch, dass es um die Landschaft ging und diese Mischung aus Melancholie und Sehnsucht, die den Menschen in diesem Teil der Welt eingeboren zu sein scheint. Kurz sprach ich den Mann auf den zweiten berühmten Autor Padróns an: Camilo José Cela. Den mochte er offenbar nicht, ein „bruto“ sei das gewesen, das wüssten alle in der Gegend. Und schon war er wieder bei Rosalía, der Vielgeliebten. Mit leuchtenden Augen nahm er mir das Versprechen ab, etwas von ihr zu lesen, in welcher Sprache auch immer. Die deutsch-spanische Ausgabe des Lyrikbandes „An den Ufern des Sar“ habe ich inzwischen bestellt. Beim Herumschmökern im Internet stellte ich im Übrigen fest, dass auch der Kollege Cela offenbar große Stücke auf Rosalía de Castro hielt (siehe dazu die interessante Website „Rosalía auf Deutsch“ von Christian Switek).

Rosalía blieb mir treu auf meinem Weg durch Galicien. An den Ufern des Lires, nur einen Steinwurf vom tosenden Atlantik entfernt, stehen sogar Tafeln mit Versen der Dichterin – am Fluss, vor dem Friedhof, neben der Kirche. Idyllisch sieht das aus. Kaum mag man glauben, wie arm auch das Dorf Lires mit seinen hübschen alten Steinhäusern noch vor gar nicht langer Zeit gewesen sein muss. Oder ist es Zufall, dass in praktisch jedem Gespräch von Familienangehörigen die Rede ist, die bis in die 1960er Jahre nach Südamerika auswanderten? Nach Argentinien vor allem, aber auch nach Uruguay, wie die Großeltern der anderen Señora Castro. Der Vater von Raúl ebenso wie die Vettern von José. Die Vettern waren zum Teil erst 15, als sie die lange Reise ins Ungewisse antraten. José dagegen war mit 12 Jahren zum ersten Mal in der Stadt, im nur neun Kilometer entfernten Cee. Für die kurze Reise hatte zuvor einfach keine Notwendigkeit bestanden. Es ist wohl so, wie der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano schreibt: „Das Beste der Welt liegt in den vielen Welten, die die Welt enthält, den ganz verschiedenen Melodien des Lebens, seinen Schmerzen und vielerlei Schattierungen: den tausendundeinen Arten, zu leben und zu lieben, zu glauben und zu schaffen, zu essen, zu arbeiten, zu tanzen, zu spielen, zu reden, zu leiden und zu feiern, die wir im Laufe von Tausenden und Abertausenden von Jahren entdeckt haben.“

Manchmal spricht ein Baum

Manchmal spricht ein Baum
durch das Fenster mir Mut zu
Manchmal leuchtet ein Buch
als Stern auf meinem Himmel
manchmal ein Mensch,
den ich nicht kenne,
der meine Worte erkennt.

Rose Ausländer

P.S. Auf meinem Bücherhimmel leuchteten in den vergangenen Wochen diese beiden Sterne: Mariana Leky „Was man von hier aus sehen kann“ und Michela Murgia „Accabadora“.

Synchronfliegen

Wir haben zu großen Respekt vor dem, / Was menschlich über uns himmelt. / Wir sind zu feig oder sind zu bequem, / Zu schauen, was unter uns wimmelt.

Wir trauen zu wenig dem Nebenuns. / Wir träumen zu wenig im Wachen. / Und könnten so leicht das Leben uns / Einander leichter machen.

Wir dürften viel egoistischer sein / Aus tierisch frommem Gemüte. – / In dem pompösesten Leichenstein / Liegt soviel dauernde Güte.

Ich habe nicht die geringste Lust, / Dies Thema weiter zu breiten. / Wir tragen alle in unsrer Brust / Lösung und Schwierigkeiten.

Joachim Ringelnatz: Wie machen wir uns gegenseitig das Leben leichter?

Der Dichter machte sich „Flugzeuggedanken“, die Fotografin beobachtete Vögel im Synchronballett über der Elbe. Mal zeigten sie den dunklen Rücken, mal den hellen Bauch. M.C. Escher hätte seine (helldunkle und leicht surreale) Freude gehabt. Irgendeiner rief: Schwarmintelligenz! – Gemeinsam sind wir klüger. Oder dümmer?

Zarte Geflechte

häng deine luft an die ohrringe der häuser
oder an die reste der preisungen
du bist beladen mit meer
deine tiefe ist blau
deine feuchte hand
ist rausch
oder
ist nicht

Mohammed Bennis: Ohrringe

Aus: „Die Farbe der Ferne“, Moderne arabische Dichtung, herausgegeben und übersetzt von Stefan Weidner, München 2000

„Auf Reisen gleichen wir einem Film, der belichtet wird. Entwickeln wird ihn die Erinnerung“, schrieb Max Frisch. Meine Erinnerung hat gerade offenbar das Bedürfnis zu ordnen: im vergangenen Beitrag geometrische Formen, in diesem allerlei Filigranes – Altes und Neues, von drinnen und draußen, immer noch aus Marokko. Kommt gut ins neue Jahr!