Mütterchen Dämmerung

Eine runzelige Alte,
schleicht die Abenddämmerung,
gebückten Ganges
durchs Gefild
und sammelt und sammelt
das letzte Licht
in ihre Schürze.

Vom Wiesenrain,
von den Hüttendächern,
von den Stämmen des Walds,
nimmt sie es fort.
Und dann
humpelt sie mühsam
den Berg hinauf
und sammelt und sammelt
die letzte Sonne
in ihre Schürze.

Droben umschlingt ihr
mit Halsen und Küssen
ihr Töchterchen Nacht
den Nacken
und greift begierig
ins ängstlich verschlossene
Schurztuch.

Als es sein Händchen
wieder herauszieht,
ist es schneeweiß,
als wär es mit Mehl
rings überpudert.

Und die Kleine,
längst gewitzt,
tupft mit dem
niedlichen Zeigefinger
den ganzen Himmel voll
und jauchzt laut auf
in kindlicher Freude.
Ganz unten aber
macht sie einen großen,
runden Tupfen –
das ist der Mond.

Mütterchen Dämmerung
sieht ihr mit mildem
Lächeln zu.
Und dann geht es
langsam
zu Bette.

Christian Morgenstern: In Phanta’s Schloss – Abenddämmerung

Komm gut in die neue Woche!

Sommer, herbstfarben

Kurzen Sommer blüht die Blume,
Denn das Schöne währt nicht lang,
Schwach Gedächtnis bleibt vom Ruhme,
Jubel schwindet und Gesang.

Blumen welken, Mädchen altern,
Folgsam ewigem Gesetz,
Jugend bannt man nicht mit Psaltern,
Und die Dauer bleibt Geschwätz.

Deshalb wollen wir zur Neige
Schlürfen jeden Augenblick;
Blau der Himmel, grün die Zweige,
Sei nicht dumm und preis das Glück!

Ferdinand Sauter (1804-1854), österreichischer Dichter: Sei nicht dumm

Der Abend ist mein Buch

Der Abend ist mein Buch. Ihm prangen
die Deckel purpurn in Damast.
Ich löse seine goldnen Spangen
mit kühlen Händen, ohne Hast.

Und lese seine erste Seite,
beglückt durch den vertrauten Ton, –
und lese leiser seine zweite,
und seine dritte träum ich schon…

Rainer Maria Rilke: Der Abend ist mein Buch

An diesem stillen See in der brandenburgischen Schorfheide nahe des Klosters Chorin nahm ich für ein paar Tage Quartier. Viel erholsamer kann man seine Zeit kaum zubringen als morgens und abends in den Großen Heiligen See (oder einen der vielen anderen Seen in dem Biosphärenreservat) zu tauchen und dazwischen endlos durch beinahe menschenleere Felder und Wälder zu streifen. Dass ich Abendbilder poste, ist kein Zufall. Dann ist alles noch weicher: das Licht, das Wasser. Und tiefer Friede durchströmt die Seele.

Zupf dir ein Wölkchen

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil’s wohltut, weil’s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.

Joachim Ringelnatz: Sommerfrische

Viel weiter geht meiner Erfahrung nach gerade ohnehin nicht. Komm gut durch die nächsten heißen Tage!

Gedanken im Sommer

Im Sommer / nachts / in der Hütte / am Meer / roch ich im Luftzug vom Fenster / plötzlich / den Schnee

und ich hatte Angst / das Meer könnte sich / bis zum Morgen verwandeln / in eine Wüste aus Eis

Im Sommer / nachts / in der Hütte / am Meer / schreckte ich hoch / und hatte Angst / das Morgenlicht / könnte ausbleiben / die Nacht bliebe Nacht

und dieses Jahr ginge zu Ende / mit Kälte und Dunkelheit

Paul Kersten: Im Sommer

Es sind wohl die (wieder) steigenden Zahlen von Corona-Kranken und -Toten, die mich beunruhigen. Dass Urlauber am Mittelmeer, wo man gerade noch Leichen stapelte, fröhlich Massenbesäufnisse feiern, dass auch in deutschen Städten Tausende auf Tuchfühlung cornern, als gäbe es kein Morgen, macht mich… nein, wütend trifft es nicht. Dafür bin ich zu müde. Aber fassungslos macht mich, wie leichtfertig wir das zarte Pflänzchen zu zerstören beginnen, das wir in den vergangenen Monaten mit so viel Liebe gepflegt, für das wir auf so viel verzichtet haben. Den nächsten Winter mag ich mir gerade gar nicht ausmalen.

Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit Paul Kersten. Das war Ende der 1970er Jahre. Kersten las aus seinem Erstling „Der alltägliche Tod meines Vaters“. Ich besuchte die Lesung als junge Volontärin einer niedersächsischen Regionalzeitung. Am selben Tag hatte ich den VW Käfer des Verlags auf regennassem Kopfsteinpflaster zu Schrott gefahren und am eigenen Leib erlebt, wie schnell ein Leben am seidenen Faden hängen kann. Ich erinnere mich nicht mehr an jedes Detail, aber ich weiß noch, dass der Text mich, vielleicht auch aufgrund der Begleitumstände, damals sehr erreicht hat. Durch das Buch habe ich zum ersten Mal gefühlt, dass eine Beziehung, die zu Lebzeiten eines Menschen nicht existiert hat, nach dessen Tod nicht mehr hergestellt werden kann.

Das Foto in diesem Beitrag ist ein Archivbild. Ich habe es vor Jahren an einem besonders schönen Morgen am Strand von Usedom aufgenommen. Vielleicht sind meine Sorgen ja ganz unbegründet…

Im Erlengrund

Wo hier aus den felsichten Grüften
Das silberne Bächelchen rinnt,
Umflattert von scherzenden Lüften
Des Maies die Reize gewinnt,

Um welche mein Mädchen es liebt
Das Mädchen so rosicht und froh
Und oft mir ihr Herzchen hier gibt,
Wenn städtisches Wimmeln sie floh;

Da wachsen auch Erlen, sie schatten
Uns beide in seliger Ruh,
Wenn wir von der Hitze ermatten
Und sehen uns Fröhlichen zu.

Aus ihren belaubeten Zweigen
Ertönet der Vögel Gesang
Wir sehen die Vögelchen steigen
Und flattern am Bache entlang.

O Erlen, o wachset und blühet
Mit unserer Liebe doch nur
Ich wette, in kurzer Zeit siehet
Man euch als die Höchsten der Flur.

Und kommet ein anderes Pärchen,
Das herzlich sich liebet wie wir
Ich und mein goldlockiges Klärchen,
So schatte ihm Ruhe auch hier.

Novalis (1772 – 1801): Die Erlen

Kein Mai mehr, keine „felsichten Grüfte“, aber die Erlen „am silbernen Bächelchen“, sie „schatten“ wohl auch im Sommer…

Töne aus der Ferne

Töne aus der Ferne.
Ein Freund früh am Morgen
hinter dem Berg,
Hörnerklang,
Smaragden.

Es ruft mich Gedankengruß,
Kuss sich ahnender Seelen verheißend.

Es verband uns ein Stern,
sein Auge fand uns:
Zwei Ich als Gehalt,
mehr denn als Gefäß.

Heilige Steine gestern,
heute rätsellos,
heute Sinn!:

„Ein Freund früh am Morgen
hinter dem Berg.“

Paul Klee: Töne aus der Ferne (1914)

Spielerei im Wald

Meine fröhliche Liebe hat mich verlassen.
Ich suchte sie wieder in allen Gassen,
Sie aber lag schon weit von mir
In einem hellen Birkenwald
Und freute sich ihrer Wohlgestalt
Und reckte die Glieder lang und zier.

Dort spielt sie nun mit Elf und Nick,
Läßt über ihr schneeweiß Genick
Die langen Ringelhaare fließen,
Pflückt Enzian zum Zeitvertreib
Und läßt sich nachts den blanken Leib
Mit Mondenschein begießen.

Ich aber warte nun in Ruh,
Schließ Tür und Laden sorglich zu
Und leg mich in die kühlen Kissen.
Wenn sie der grünen Tage satt
Den Weg zurück gefunden hat,
Soll sie erst klopfen müssen.

Hermann Hesse: Meine fröhliche Liebe

In meinem vorherigen Beitrag hatte ich bereits ein bisschen mit dem Fotomaterial gespielt, hatte ein hochformatiges Bild einfach mittendurch geteilt – aus eins mach zwei. Ulrike vom Blog watt&meer, die davon nichts wusste, fragte sich und mich, wie die Fotos wohl auf den Kopf gestellt aussehen. Besonders das erste (die obere Bildhälfte also) gefiel mir so verdreht. Und obwohl darauf gar keine Birken zu sehen sind, dachte ich sofort an Hesses fröhliche Liebe.

Diese kleinen Dinge

Deine kleine Schwester
Hat ihre offenen Haare
Wie einen lebendigen Schleier,
Wie eine duftende Hecke
Vornüberfallen lassen
Und schaut, mit solchen Augen!
Durch einen duftenden Schleier,
Durch eine dunkle Hecke …
Wie süß ists, nur zu denken
An diese kleinen Dinge.

An allen sehnsüchtigen Zweigen
In deinem nächtigen Garten
Sind Früchte aufgegangen,
Lampions wie rote Früchte,
Und wiegen sich und leuchten
An den sehnsüchtigen Zweigen,
Darin der Nachtwind raschelt,
In deinem kleinen Garten …

Wie süß ists, nur zu denken
An diese kleinen Dinge …

Hugo von Hofmannsthal: Kleine Erinnerungen