Die wollen nur spielen

Nächtlich auf der dunklen Weide
Grasen viele große Kühe,
Kauen,
Schauen,
Tun mir nichts zuleide,
Während ich mich durch sie durch bemühe.

Wenn sie wollten, könnten sie mich überrennen,
Doch sie werden nicht dran denken,
Da sie
Quasi
Gar kein Denken kennen.
Außerdem sind sie nicht abzulenken.

Und so geh’ ich lautlos durch die Herde
Auf dem Gras, daran sie kauen,
Eilig,
Weil ich
Plötzlich bange werde,
Dass sie meine schwache Position durchschauen.

Werner Finck: Gang durch die Kuhherde

Ob es am erhöhten Adrenalinspiegel in Folge der Almquerung lag oder daran, dass der Norddeutschen alles Maritime quasi im Blut liegt: Jedenfalls packte die Fotografin nach dem Anstieg das Gipfelkreuz, als gälte es, Segel für einen Törn durch die bewegten Himmelsfluten zu setzen.

Verträumte Kuh

Auf der saftig günen Wiese
weidet ausgerechnet diese
eine Kuh,
eine Kuh.

Ach, ihr Herz ist voller Sehnen
und im Auge schimmern Tränen
ab und zu,
ab und zu.

Was ihr schmeckt, das wiederkautse
mit der Schnauze, dann verdautse
und macht muh,
und macht muh.

Träumend und das Maul bewegend,
schautse dämlich in die Gegend
grad wie du,
grad wie du.

Heinz Erhardt: Die Kuh

Überwiegend kopflos

Man nehme den Deckel nur vom Topfe
Und sieh, wie froh der Dampf entweicht!
Wie lebt nach abgeschnittnem Kopfe
Das schwere Leben sich so leicht
Kein Schnupfen mehr, kein Nasentropfen,
Kein Zahnweh und kein Augenbrand
Noch Stirnkatarrh noch Schläfenklopfen,
Es ist wie im Schlaraffenland.
Zwar gibt es ohne Kopf kein Denken,
Doch ist es darum nicht so schad,
Man kann mit Wein die Kehle tränken,
Das ist das beste Gurgelbad.
Und ach, wie lebt es sich so stille:
Kein Wort, kein Lärm, kein grelles Licht!
Und nie mehr sucht man seine Brille
Und nie mehr macht man ein Gedicht.

Hermann Hesse: Kopflos

Ich schick dann mal den Kopf (und alles andere) in die Blogpause. Wir lesen uns im Spätsommer wieder. Lass es dir gut gehen!

Gesichter einer Landschaft

Jede Landschaft hat ihre eigene, besondere Seele, wie ein Mensch, dem du gegenüber lebst.

Christian Morgenstern

Verliere dein Geheimnis nicht vor mir,
Ich bitte dich, verbirg mir deine Reize,
Und wenn ich sehnlich nach Erkenntnis geize,
So schweige sphinxhaft meiner Wissbegier.
Erkennen heisst, ich hab‘ es längst erkannt,
Die Welt in seine armen Grenzen pferchen;
Du lehre mich aus deinen hundert Lerchen,
Dass deine Schönheit kein Verstand umspannt.

Christian Morgenstern: An eine Landschaft

Sommerfäden über Land

Da fliegt, als wir im Felde gehen,
Ein Sommerfaden über Land,
Ein leicht und licht Gespinst der Feen,
Und knüpft von mir zu ihr ein Band.
Ich nehm ihn für ein günstig Zeichen,
Ein Zeichen, wie die Lieb es braucht.
O Hoffnungen der Hoffnungsreichen,
Aus Duft gewebt, von Luft zerhaucht!

Ludwig Uhland: Der Sommerfaden

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil’s wohltut, weil’s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen, als ein Grashüpferhupf.

Joachim Ringelnatz: Sommerfrische

Und blüht der Weizen, so reift er auch,
Das ist immer so – ein alter Brauch.
Und schlägt der Hagel die Ernte nieder,
Übers andere Jahr trägt der Boden wieder.

Johann Wolfgang von Goethe: Und blüht der Weizen

So schön, dass die Mais-Monokultur der vergangenen Jahre offenbar wieder Raum lässt für ausgedehnte Getreidefelder! Gerste und Weizen vor allem, so scheint es. Was ich in diesem Sommer zum ersten Mal sah, waren Trennwände zwischen minikleinen Ährenfeldern. Keine Ahnung, wovor die schützen sollen – und ob das besser in Weiß oder Braun klappt. Über sachdienliche Hinweise freue ich mich.

Hollywood in der Heide

Immer sind es Bäume
die mich verzaubern

Aus ihrem Wurzelwerk schöpfe ich
die Kraft für mein Lied

Ihr Laub flüstert mir
grüne Geschichten

Jeder Baum ein Gebet
das den Himmel beschwört

Grün die Farbe der Gnade
Grün die Farbe des Glücks

Rose Ausländer: Die Bäume

Die Eichen im Ilex-Dickicht findest du zwischen Schneverdingen und Niederhaverbeck in der Lüneburger Heide. Immer wieder zieht es mich in diesem Frühling dorthin. Gerade habe ich gelernt, dass Ilex auf Englisch „holly“ heißt. Hollywood in der Heide – eine Traumfabrik eigener Art, auch ohne Walk of Fame.

Wishful thinking

Ach, Amor, lass doch Phyllis nicht so spröde, / rief Damon aus in seinem Schmerz; / ach, Amor, lass doch Damon nicht so blöde, / rief Phyllis aus, und gib ihm etwas Herz!

Friedrich Hebbel

Dem Blütenzauber(er) begegnete ich auf einer wunderbaren Wanderung durch die Ausläufer der Lüneburger Heide. Die erbaulichen Zeilen von Friedrich Hebbel fischte ich aus dem „Ewigen Brunnen“ deutscher Dichtung, gesammelt und herausgegeben von Ludwig Reiners. Ich selbst wäre ja schon froh, wenn es mal ein paar Tage am Stück trocken und leidlich warm wäre. In diesem Sinne: Ein sonniges Wochenende!

Erste Zärtlichkeiten

Ich liebe jene ersten bangen Zärtlichkeiten,
die halb noch Frage sind und halb schon Anvertraun,
weil hinter ihnen schon die wilden Stunden schreiten,
die sich wie Pfeiler wuchtend in das Leben baun.

Ein Duft sind sie; des Blutes flüchtigste Berührung,
ein rascher Blick, ein Lächeln, eine leise Hand –
sie knistern schon wie rote Funken der Verführung
und stürzen Feuergarben in der Nächte Brand.

Und sind doch seltsam süß, weil sie im Spiel gegeben
noch sanft und absichtslos und leise nur verwirrt,
wie Bäume, die dem Frühlingswind entgegenbeben,
der sie in seiner harten Faust zerbrechen wird.

Stefan Zweig: Die Zärtlichkeiten

In wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang,
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke

Schon so lange begleitet mich Rilkes Dichtkunst. Wenn ich nur drei Bücher auf die berühmte einsame Insel mitnehmen dürfte, die Dünndruck-Gesamtausgabe seines lyrischen Schaffens aus dem Insel Verlag wäre mit Sicherheit dabei. Einmal in vielen Jahren wurde ich dieser Liebe überdrüssig. Da hatte ich Klaus Modicks klugen Roman Konzert ohne Dichter gelesen, eine Innenansicht der legendären Künstlerkolonie Worpswede, zu der auch Rilke gehörte. Immer hatte ich es vermieden, mich allzu intensiv mit dem Dichter „als Mensch“ zu beschäftigen. Ich wusste ja, dass es da „Defizite“ gab, die sich in seinen Gedichten seltsamerweise nicht spiegelten. Dann las ich den Modick – und mochte nicht mehr lieben, den Dichter nicht mehr lieben. Jetzt begegneten mir zufällig die zitierten Zeilen aus seinem Stunden-Buch und der alte Zauber war wieder da. Es scheint, als könne ich plötzlich trennen zwischen dem Werk und seinem Schöpfer.

Zartes Vertrauen

Daß da abends plötzlich / ein Gewitterregen runterkommt / daß ich / nach draußen lauschend / am Küchenfenster steh / und den letzten Schluck / aus der Flasche trinke / daß du hereinkommst / weil du dich fürchtest / vor Donner und Blitz / daß du mir die Hand / auf die Schulter legst / und sagst: / „Du säufst dich nochmal tot!“

– das alles: / der Platzregen / vor dem wir geschützt sind / der Korkengeschmack im Mund / der Wein im Blut / deine Hand / und deine Stimme

das alles / könnte mich / dazu verlocken / einen Augenblick lang / meine Angst / mit dir zu teilen

Paul Kersten: Gewitter

(Aus: Die Verwechslung der Jahreszeiten. 1983)