Wolkenweben

Manchmal, wenn ein Vogel ruft
Oder ein Wind geht in den Zweigen
Oder ein Hund bellt im fernsten Gehöft,
Dann muss ich lange lauschen und schweigen.

Meine Seele flieht zurück,
Bis wo vor tausend vergessenen Jahren
Der Vogel und der wehende Wind
Mir ähnlich und meine Brüder waren.

Meine Seele wird ein Baum
Und ein Tier und ein Wolkenweben.
Verwandelt und fremd kehrt sie zurück
Und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben?

Hermann Hesse: Manchmal

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Gedankenverloren

Gesunken ist Selenna, / sind die Plejaden. Mitter- / nacht, vorüber die Stunde. / Und ich schlafe allein.

Aus: Sappho „Und ich schlafe allein“, neu übersetzt von Albert von Schirnding, München 2013

Mit diesen wunderbar rhythmischen Zeilen der vielleicht bekanntesten Dichterin des Altertums ziehe ich mich in eine kleine Blogpause zurück. Bis bald, lasst es euch gut gehen!

Manchmal noch

Manchmal noch empfind ich völlig jenen
Kinder-Jubel, ihn:
da ein Laufen von den Hügellehnen
schon wie Neigung schien.

Da Geliebt-Sein noch nicht band und mühte,
und beim Nachtlicht-Schein
sich das Aug schloss wie die blaue Blüte
von dem blauen Lein.

Und da Lieben noch ein blindes Breiten
halber Arme war -,
nie so ganz um Einen, um den Zweiten:
offen, arm und klar.

Rainer Maria Rilke: Aus dem Nachlass des Grafen C. W. (Auszug)

Kurz mal himmelwärts

Bist du schon auf der Sonne gewesen?
Nein? – Dann brich dir aus einem Besen
Ein kleines Stück Spazierstock heraus
Und schleiche dich heimlich aus dem Haus
Und wandere langsam in aller Ruh
Immer direkt auf die Sonne zu.

So lange, bis es ganz dunkel geworden.
Dann öffne leise dein Taschenmesser,
Damit dich keine Mörder ermorden.
Und wenn du die Sonne nicht mehr erreichst,
Dann ist es fürs erstemal schon besser,
Daß du dich wieder nach Hause schleichst.

Joachim Ringelnatz: Bist du schon auf der Sonne gewesen?

Himmel und Erde

I am the daughter of earth and water,

And the nursling of the sky;

I pass through the pores of the ocean and shores;

I change, but I cannot die.

For after the rain when with never a stain

The pavilion of heaven is bare,

And the winds and sunbeams with their convex gleams

Build up the blue dome of air,

I silently laugh at my own cenotaph,

And out of the caverns of rain,

Like a child from the womb, like a ghost from the tomb,

I arise and unbuild it again.

Aus: Percy Bysshe Shelley „The Cloud“

Die wollen nur spielen

Nächtlich auf der dunklen Weide
Grasen viele große Kühe,
Kauen,
Schauen,
Tun mir nichts zuleide,
Während ich mich durch sie durch bemühe.

Wenn sie wollten, könnten sie mich überrennen,
Doch sie werden nicht dran denken,
Da sie
Quasi
Gar kein Denken kennen.
Außerdem sind sie nicht abzulenken.

Und so geh’ ich lautlos durch die Herde
Auf dem Gras, daran sie kauen,
Eilig,
Weil ich
Plötzlich bange werde,
Dass sie meine schwache Position durchschauen.

Werner Finck: Gang durch die Kuhherde

Ob es am erhöhten Adrenalinspiegel in Folge der Almquerung lag oder daran, dass der Norddeutschen alles Maritime quasi im Blut liegt: Jedenfalls packte die Fotografin nach dem Anstieg das Gipfelkreuz, als gälte es, Segel für einen Törn durch die bewegten Himmelsfluten zu setzen.

Verträumte Kuh

Auf der saftig günen Wiese
weidet ausgerechnet diese
eine Kuh,
eine Kuh.

Ach, ihr Herz ist voller Sehnen
und im Auge schimmern Tränen
ab und zu,
ab und zu.

Was ihr schmeckt, das wiederkautse
mit der Schnauze, dann verdautse
und macht muh,
und macht muh.

Träumend und das Maul bewegend,
schautse dämlich in die Gegend
grad wie du,
grad wie du.

Heinz Erhardt: Die Kuh

Überwiegend kopflos

Man nehme den Deckel nur vom Topfe
Und sieh, wie froh der Dampf entweicht!
Wie lebt nach abgeschnittnem Kopfe
Das schwere Leben sich so leicht
Kein Schnupfen mehr, kein Nasentropfen,
Kein Zahnweh und kein Augenbrand
Noch Stirnkatarrh noch Schläfenklopfen,
Es ist wie im Schlaraffenland.
Zwar gibt es ohne Kopf kein Denken,
Doch ist es darum nicht so schad,
Man kann mit Wein die Kehle tränken,
Das ist das beste Gurgelbad.
Und ach, wie lebt es sich so stille:
Kein Wort, kein Lärm, kein grelles Licht!
Und nie mehr sucht man seine Brille
Und nie mehr macht man ein Gedicht.

Hermann Hesse: Kopflos

Ich schick dann mal den Kopf (und alles andere) in die Blogpause. Wir lesen uns im Spätsommer wieder. Lass es dir gut gehen!