Sommerfäden über Land

Da fliegt, als wir im Felde gehen,
Ein Sommerfaden über Land,
Ein leicht und licht Gespinst der Feen,
Und knüpft von mir zu ihr ein Band.
Ich nehm ihn für ein günstig Zeichen,
Ein Zeichen, wie die Lieb es braucht.
O Hoffnungen der Hoffnungsreichen,
Aus Duft gewebt, von Luft zerhaucht!

Ludwig Uhland: Der Sommerfaden

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil’s wohltut, weil’s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen, als ein Grashüpferhupf.

Joachim Ringelnatz: Sommerfrische

Und blüht der Weizen, so reift er auch,
Das ist immer so – ein alter Brauch.
Und schlägt der Hagel die Ernte nieder,
Übers andere Jahr trägt der Boden wieder.

Johann Wolfgang von Goethe: Und blüht der Weizen

So schön, dass die Mais-Monokultur der vergangenen Jahre offenbar wieder Raum lässt für ausgedehnte Getreidefelder! Gerste und Weizen vor allem, so scheint es. Was ich in diesem Sommer zum ersten Mal sah, waren Trennwände zwischen minikleinen Ährenfeldern. Keine Ahnung, wovor die schützen sollen – und ob das besser in Weiß oder Braun klappt. Über sachdienliche Hinweise freue ich mich.

Rehe sind auch toll

P1050032Wer diesem Blog in den vergangenen Wochen gefolgt ist, weiß, dass ich mich neuerdings für Rothirsche interessiere. Ich habe hier und hier davon erzählt. Leider ist das Interesse bisher ganz einseitig. Die Geweihträger röhrten zwar mächtig, hielten sich ansonsten aber bedeckt. Umso größer war meine Freude, als ich jüngst – noch ganz in Gedanken und vollkommen absichtslos (ich vermute, darin besteht das Geheimnis) – das anmutige Reh am Waldrand erblickte. So still stand es, dass ich mich fragte, ob es wohl der Feder von Joachim Ringelnatz entsprungen sei:

Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
Still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –
Gegen den Wind an den Baum,
Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.

P1050033Noch bevor ich schleichen und stipsen konnte, überkam das ganz kleine Reh ein ganz reales Bedürfnis. Doch nicht aus Gips…

P1050007Ich vermute, die meisten von euch (Ihnen) kennen die Zeichnung, in der ein Betrachter spontan und ganz sicher eine alte Frau und ein anderer Betrachter ebenso spontan und sicher eine junge Frau erkennt. So erging es mir, kurz nachdem ich das ganz kleine Reh seinen Geschäften überlassen hatte. Ich erblickte ein Schaf-Pferd, mitten im Wald. Ganz sicher. Ich machte ein Foto, betrachtete es später auf dem Computer-Bildschirm – und erkannte, dass man das auch anders sehen kann. Womöglich ist das intensive Hirsche-Spotten doch nicht ohne Auswirkungen geblieben…

Sehleute

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Chor der Seeleute:

Wir Fahrensleute
Lieben die See.
Die Seemannsbräute
Gelten für heute,
Sind nur für to-day.

Die Mädchen, die weinen,
Sind schwach auf den Beinen.
Was schert uns ihr Weh!
Das Weh, ach das legt sich.
Unsre Heimat bewegt sich
Und trägt uns in See,
Far-away.

Chor der Mädchen:

Wir, die Bräute
Der Fahrensleute,
Lieben und küssen,
Doch wissen, sie müssen
Zur Seefahrt zurück.

Und wenn sie ertrinken,
Dann – wissen wir – winken
Uns andre zum Glück.

Joachim Ringelnatz: Abschied der Seeleute