Touch me now

Am 8. März habe ich zuletzt jemandem die Hand geschüttelt. Ich erinnere mich, dass es sich schon da nicht mehr selbstverständlich anfühlte, aber auch noch weit entfernt von leichtfertig. Das Thema Corona streiften mein Gesprächspartner und ich nur kurz.

Einen Tag später war ich mit den Töchtern einer befreundeten Familie zum Kino verabredet. Wir wollten endlich die „Eiskönigin 2“ sehen, bevor sie abgesetzt würde. Wie schnell das gehen sollte, ahnte zu dem Zeitpunkt kaum jemand. Die Mutter der Mädchen war sehr besorgt. Lieber keine Umarmung heute! Vielleicht besser nicht, erwiderte ich und merkte, dass ich selbst noch keinen klaren Standpunkt zu Körperkontakten in Zeiten von Corona hatte. Den Besuch im Kino stellte die Mutter ebenso wenig in Frage wie die Fahrt im mutmaßlich vollen Bus dorthin. Als wir zurückkehrten, stand das Essen auf dem Tisch, der ungnädige Säugling wurde von Arm zu Arm gereicht, auch in meinen, damit abwechselnd alle in Ruhe essen konnten. Fazit 1: Menschen verhalten sich nicht immer widerspruchsfrei. Fazit 2: Auch Abstandhalten muss man erst lernen.

Der 9. März war im Rückblick der Tag, an dem ich nicht nur zwei Schlüsse zog, sondern außerdem zwei Dinge zum vorerst letzten Mal tat: ins Kino gehen und Freunde in ihrer Wohnung besuchen. Am 11. März traf ich eine Freundin zum gemeinsamen Spaziergang an der Elbe. Zur Begrüßung klackten wir – noch etwas ungelenk, aber in stillschweigender Übereinkunft – die bemäntelten Ellbogen gegeneinander. Das neue Virus bestimmte große Teile unseres Gesprächs. Ins Parkcafé kehrten wir trotzdem ein. Es sollte mein vorerst letzter Besuch in geschlossenen gastronomischen Räumen sein.

Die Kontaktsperre war mir, als sie am 22. März von der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten beschlossen wurde, längst in Fleisch und Blut übergegangen.

Harte Zeiten für Alleinlebende? Ich würde lügen, wollte ich behaupten, dass ich mich nicht schon jetzt darauf freue, zwischenmenschliche Kontakte wieder durch leibhaftige Berührungen bereichern zu können. Auch wir ziemlich nackten Wesen brauchen Fellpflege, wie ich mal irgendwo las. Aber ich finde, es ist auch eine spannende Herausforderung zu lernen, uns nah zu sein, ohne uns physisch nah zu sein. Uns mit Worten zu berühren, gesprochenen und geschriebenen. Oder mit Blicken. Auf jedem Spaziergang ist dazu Gelegenheit, bei jedem Einkauf im Supermarkt, auch auf Distanz. Unser Fingerspitzengefühl, unser gutes Händchen auf ganz neue Weise zu trainieren, werden wir in nächster Zeit reichlich Gelegenheit haben.