Wie ein ruhiger See

Einmal pro Tag fliegt Air Iceland von Reykjavik aus die kurze Landebahn zwischen Felsen, Eis und Wasser an – immer vorausgesetzt, tief hängender Nebel oder andere widrige Wetterverhältnisse verhindern dies nicht. Wir haben Glück und landen bei strahlendem Sonnenschein auf dem winzigen Flughafen von Kulusuk, dem einzigen in Ostgrönland. Sonst gibt es dort nur noch Heliports.

Kurze Zeit später düsen wir bereits in offenen Motorbooten über den Nordatlantik, vorbei an Kirchen und Kathedralen, an Zauberschlössern und verfallenen Burgen in Weiß-Blau-Türkis.

So weich und beinahe cremig wie überdimensionale Baisers treiben die Eisberge im gleißenden Licht. Da muss einer sehr viel Eiweiß und Zucker aufgeschlagen haben, denke ich, als mir der Wind unter die Daunenjacke fährt und mich daran erinnert, dass wir uns nicht in der Backstube des Schlaraffenlandes sondern bei wenigen Grad über Null auf dem Meer befinden.

Unser Ziel ist Tasiilaq im Süden der Ammassalik-Insel am Kong Oscars Havn, einem als besonders still geltenden Fjord. Daher der Name „Tasiilaq“, was „wie ein ruhiger See“ bedeutet. An diesem „See“ 100 Kilometer unterhalb des Polarkreises werden wir unser Basislager errichten.

Nur etwa 2500 bis 3000 Menschen leben insgesamt in Ostgrönland, allein 2000 von ihnen in Tasiilaq. Zu dem Städtchen wiederum gehören fünf Inuit-Dörfer in den umliegenden Fjorden, darunter auch Kulusuk, das die Verbindung zum Rest der Welt hält.

Tasiilaq auf den ersten Blick, das sind: eine ungeteerte Piste, die von der Bootsanlegestelle Richtung Ortszentrum führt, linker Hand Müllkippe und Hubschrauberlandeplatz, rechts der Campground, weiter hinten rote, blaue und grüne Häuser, vereinzelt auch gelbe, die wie eine Sammlung Bauklötze an den felsigen Hängen kleben.

Im Ort gibt es ein Postamt, zwei Supermärkte – den bemerkenswert gut sortierten kleinen am einen und den noch viel besser sortierten großen am anderen Ende –, die alte Kirche, die inzwischen das Museum beherbergt, und die neue Kirche weiter oben, die eher an ein Zelt erinnert, Gemeindeverwaltung, Touristeninformation, Schule, Krankenhaus, Friedhof und Polizei, einen kleinen Hafen natürlich. Was man so braucht. Und – last but not least – das Servicehaus, in dem ganz am Ende eine heiße Dusche auf uns wartet. Aber jetzt warten erstmal eineinhalb Wochen Trekking auf uns…