Vagabundenleben

„Und ich war alleingelassen, am lauen Nachmittag, unbekümmert um meine Kleidung und zufrieden in meiner Haut, unvollkommen und ohne Aussicht auf Vervollkommnung. Da schien mir, Lucille würde sich ewig weiter berufen fühlen, mich zu schubsen, schieben, überreden, als könnte sie mir den mangelnden Willen ersetzen, mich in eine geziemende Form zu pressen und durch die weiten Grenzgebiete in jene andere Welt zu gelangen, von der ich den Eindruck hatte, sie könnte niemals mein Ziel sein. Denn mir schien, dass dort nichts von dem zu finden war, was ich verloren hatte oder verlieren könnte…“

Aus: Marilynne Robinson, Haus ohne Halt

Wie Spitzwegs „Armer Poet“ hockte der Mann unter seinem Schirm am Elbufer. Die bloßen Füße im frühlingskalten Sand, brachte er mit ruhigen Bewegungen Wasser in einer Thermoskanne zum Kochen. In meinem Rucksack trug ich Marilynne Robinsons frühen Roman, im Herzen die verstörend-schöne Stimme der jugendlichen Erzählerin Ruthie. Es gibt so Zufälle…

Zarte Annäherung

p11309061Sie sagte, „Ich weiß nicht, was ich hier will. Lässt sich nicht anders sagen.“ Er zog die Schultern hoch. „Da Sie aber schon mal hier sind, könnten Sie mir doch vielleicht ein bisschen was von sich erzählen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Darüber red ich nicht. Ich frage mich bloß in letzter Zeit, warum passiert, was so passiert.“ „Oho!“, sagte er. „Da ist es nur gut, dass Sie es nicht eilig haben. Denn das frage ich mich mehr oder weniger schon mein ganzes Leben.“ Er führte sie in die Küche und ließ sie am Tisch Platz nehmen, und als er Kaffee gekocht hatte, saßen sie dort ein Weilchen zusammen und sagten fast nichts. (S. 35)

Seine Stimme war tief und gütig. Nach kurzem Zögern machte sie einen Schritt auf ihn zu. Manchmal tut’s einfach gut, einen Mann zu drücken, kommt nicht so drauf an, wer’s ist. Sie hatte sich das sehr schön vorgestellt, den Kopf an seine Schulter zu legen. Und das war es. Sie würde den verdammten Ort sowieso bald verlassen. „Nun“, sagte er. Er tätschelte ihr den Rücken. Sie sagte, „Schätze, ich bin müde.“ „Ja, nun …“ – und er nahm sie in den Arm, sehr behutsam, sehr sanft. Mit dem Kopf an seiner Schulter sagte sie, „Bloß kann ich Ihnen rein gar nicht vertrauen.“ Er lachte, ein weiches Geräusch an ihrem Ohr, ein Hauch. Sie wollte sich lösen, aber er legte ihr eine Hand aufs Haar, also bettete sie ihren Kopf wieder hin. Er sagte, „Kann ich da irgendwas tun?“ Und sie sagte, „Nicht, dass ich wüsste. Ich traue niemand.“ Er sagte, „Kein Wunder, dass Sie müde sind.“ (S. 66 f)

Aus: Marilynne Robinson. Lila. Übersetzt von Uda Strätling. TB Frankfurt 2016

Ein ganz wunderbarer Roman über Einsamkeit, über Elend und Schuld. Voller Empathie und Güte. Archaisch, mit Happy End und ganz ohne Kitsch.

Die Ewigkeit hatte mehr Wohnungen aller Art als diese ganze Welt zusammengenommen. (S. 285)

Wenn das nicht hoffen lässt.