Wie Fiktion entsteht

Philip Roth: Die Tatsachen, übersetzt von Jörg Trobitius, 2000 (TB)

Die durchgehend in der ersten Person Singular geschriebene „Autobiographie eines Schriftstellers“, die mir gerade noch einmal in die Hände fiel, fasziniert durch ihren Aufbau und durch das Spiel mit Realität und Fiktion, die ja nur theoretisch sauber voneinander zu trennen sind. Roth schreibt seinem Alter Ego aus verschiedenen Romanen, Nathan Zuckerman, im Alter von 55 Jahren einen „Brief“ und bittet ihn, das „Manuskript“ seiner Autobiografie zu lesen und ihm zu sagen, ob er es veröffentlichen soll. Das „Manuskript“ selbst – es umfasst die ersten 35 Lebensjahre des Autors – gliedert sich in fünf Abschnitte:

Den Prolog mit Reflexionen über den Vater – über dessen beinahe tödlich verlaufene Operation, als Roth elf Jahre alt und der Tod der Eltern noch ganz fernliegend war, und über den inzwischen alten Mann, dessen „Aufgabe“ es nun ist, zu sterben – und am Ende auch kurz über die Mutter, in deren Robbenfellmantel Roth als Kleinkind gerne hineinkroch.

Die kleinbürgerliche jüdische Kindheit in New Jersey. Trotz des alltäglichen Antisemitismus hat Roth ein Gefühl von großer Selbstverständlichkeit: „… als amerikanischer Jude aufzuwachsen, wie ich es tat, und als Amerikaner aufzuwachsen, das ließ sich für mich gar nicht trennen.“

Die Studienjahre – ein für meinen Geschmack recht langatmiges Kapitel. Zuckermans Ehefrau Maria, die dieser am Ende seines „Antwortbriefs“ an Roth „zitiert“, scheint auch dieser Ansicht zu sein: „Bestimmt“, sagte sie, „muss einmal ein Punkt kommen, wo sogar er von seiner eigenen Lebensgeschichte gelangweilt ist.“

Die fatale Beziehung mit Josie, „prototypische Verkörperung der arischen und nichtjüdischen Amerikanerin“. Was fast noch wichtiger ist: Josie stammt aus einem kaputten Elternhaus und ist damit das Gegenbild zu Roths eigener behüteter Herkunft und zugleich ultimative Herausforderung für den Mann wie auch den angehenden Schriftsteller: „Zweifellos war sie der schlimmste Feind, den ich je hatte, doch ach, sie war auch nichts Geringeres als der allergrößte Lehrer für schöpferische Prosa …“

Und schließlich: die Beziehung  mit einer sanftmütigen Amerikanerin und die persönliche wie literarische Befreiung durch Josies Tod – ein Kapitel, das ich erneut als etwas langatmig empfand.

In seinem „Antwortbrief“ rät Nathan Zuckerman Roth davon ab, die „Autobiografie“ zu veröffentlichen. Er geht hart mit dem „Gelesenen“ ins Gericht: „Wenn man Fiktion schreibt, kann man einfach viel wahrheitsgetreuer sein, und man braucht sich nicht die ganze Zeit Sorgen zu machen, dass man jemandem direkt Schmerzen bereitet. … Ich sage nicht, dass es sich hier um eine konventionelle, selbst belobigende Prominentenautobiographie handelt. … Aber nichtsdestoweniger bleibt es im Großen und Ganzen doch das, was man bekommt, wenn man Roth ohne Zuckerman bekommt – es ist das, was man praktisch bei jedem Künstler ohne seine Vorstellungskraft bekommt. Ihr Medium für die wirklich gnadenlose Selbstausweidung, Ihr Medium für echte Selbstkonfrontation bin ich.“

Roth „selbst“ hatte schon in seinem „Brief“ an Zuckerman geschrieben: „Mir ist bewusst, dass ich das Wort ‚Tatsachen’ hier in diesem Brief in idealisierter Form verwende und in sehr viel schlichterem Sinne, als es im Titel gemeint ist. Es liegt auf der Hand, dass die Tatsachen einem niemals einfach so entgegentreten, sondern durchdrungen sind von einem Vorstellungsvermögen, das durch frühere Erfahrung geprägt ist. Erinnerungen an die Vergangenheit sind keine Erinnerungen an Tatsachen, sondern Erinnerungen an die Vorstellungen, die man sich von den Tatsachen gemacht hat.“

Aber das gilt ja auch für Nicht-Schriftsteller. Wie formulierte Max Frisch so unnachahmlich in seinem Roman „Mein Name sei Gantenbein“: „Jeder Mensch erfindet früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“

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