Afrikanisches Erbe

Als sie von Äthiopien erzählte, wurde der alte Mann ganz aufmerksam. Vergessen waren die Klagen über den beschwerlich gewordenen Alltag. Als sei es gestern gewesen, fiel das faschistische Italien in das ostafrikanische Kaiserreich Abessinien ein. 1935 war das, der alte Mann noch ein Junge. Am Radio verfolgte er, wie die Ras, die abessinischen Fürsten, abgeschlachtet wurden. Hunderttausende sollten ihnen folgen, bis das Land endlich von britischen und abessinischen Truppen befreit wurde. Dem alten Mann blieb die Erinnerung an die Ras und eine Empörung, die in 80 Jahren nicht schwächer geworden zu sein scheint.

Von dort war es nur ein Sprung bis zu Afrika-Meyer. Den nannten sie so, um ihn von den anderen Meyer im Ort zu unterscheiden: Von Kanonen-Meyer, dessen Söhne ständig in irgendwelche Schlägereien verwickelt waren. Von Meyer 13, der so viel Pech hatte. Afrika-Meyer, erzählte der alte Mann, war unter Lettow-Vorbeck an der Niederschlagung des Herero-Aufstands im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika beteiligt gewesen, dem ersten Völkermord im noch jungen 20. Jahrhundert. Meyer sprach nicht über die Zeit. So viel weiß der alte Mann noch.

Der Ruf der Kalahari

P1090641Es wird Zeit für ein Geständnis, denke ich. Wer hier in den vergangenen Wochen mitgelesen hat, weiß, dass meine Reise nach Namibia, die zugleich meine erste Afrika-Reise überhaupt war, nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen hat. So viele Orte, an die ich gern noch einmal zurückkehren würde, so viele andere, die ich bei anderer Gelegenheit kennenlernen möchte. Und einer, von dem hier noch gar nicht die Rede war, an dem ich mein Herz verlor oder doch einen Teil davon. Nur wenige Tage waren wir dort und auch eher am Rand. Ein bisschen reingeschmeckt haben wir, mehr nicht. „Und es hat zoom gemacht…“ Dabei ist die Kalahari nicht mal eine richtige Wüste, auch wenn sie oft so bezeichnet wird. Mehr als eine Million Quadratkilometer zu beiden Seiten des südlichen Wendekreises, bummelig drei Mal Deutschland passt da hinein. Jetzt will ich auch noch nach Botswana… Aber vorher schreibe ich noch rasch auf, was mir im namibischen Teil dieser Dornbusch- und Trockensavanne durch den Kopf ging – ungeordnet und ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

P1090585Dieses Licht haut mich um – morgens, spätnachmittags, abends, eigentlich immer.

P1090626Hinter der nächsten Düne kommt noch eine und dahinter noch eine. Und so geht es weiter und immer weiter.

P1090717Ich möchte noch viel mehr über das Leben der Buschleute in der Kalahari erfahren.

P1090652Oryxantilopen sind wunderschön – und sehr auf Abstand bedacht.

P1090490Gnus gewinnen vielleicht keine Beauty Parade, sind aber deutlich zugänglicher.

P1090527Menschen hinterlassen größere Fußabdrücke als Leoparden.

P1090665Nicht jede Löwin, die sich die Lippen leckt, ist hungrig.

P1090577Es gibt viel Weisheit in der Wüste: „No matter how educated, talented, rich or cool you believe you are, how you treat people ultimately tells all. Integrity is everything.“

P1090451Und damit endet meine kleine Feature-Reihe  aus Namibia. Herzlichen Dank für dein und Ihr Interesse! Es hat mir viel Freude gemacht, in so netter Gesellschaft noch einmal virtuell durch dieses faszinierende Land zu reisen.

Ein Meer aus Sand

P1090141Tief versinkt der Fuß im feinen roten Sand. Schritt für Schritt füllen sich die dicken Socken, die wir an Stelle von Schuhen tragen. Bald schon fühlt es sich an wie auf Schaumgummi zu laufen – nur viel bewegter. Bei jedem Schritt den Dünenkamm hinauf gerät der lose Untergrund ins Rutschen. Mit jedem Meter Höhe, den wir gewinnen, scheint zugleich der Wind zuzulegen, der dieses Kunstwerk der Natur immer wieder neu erschafft.

P1090163Hu, ist das hoch! Und der Grat so schmal, dass einem schwindelig werden kann. Zum Glück herrscht früh am Morgen noch nicht allzu viel Betrieb auf der Dune 45. Entgegenkommern auszuweichen ist jedes Mal ein bisschen wie in den Abgrund treten. Vor allem mental, denn tatsächlich bildet sich ja mit jedem Tritt zur Seite sogleich eine temporäre neue Standfläche.

P1090156Bis zu 300 Meter hoch sind viele der Sanddünen, die das Tal einschließen, Big Daddy schafft noch einige Meter mehr. Die Dune 45 ist zwar deutlich niedriger, aber hoch genug um zu erkennen, warum die Dünen rund um das Sossusvlei als Sterndünen bezeichnet werden: Von der Spitze aus verlaufen oft mehrere Kämme in verschiedene Richtungen – eine Folge der Winde, die hier ständig aus unterschiedlichen Richtungen wehen.

P1090146Die Dünen-Namib erstreckt sich auf einem bis zu 150 Kilometer breiten Streifen entlang der Küste Namibias zwischen dem Bett des Trockenflusses Kuiseb südlich von Swakopmund und dem Oranje-Fluss an der Grenze zu Südafrika. Auch die Wüste selbst wird von Trockenflüssen durchschnitten, die sich in den Sandmassen verlieren und dabei ebene Lehmpfannen bilden, die sogenannten Vleis.

P1090193Am weitesten reicht der Tsauchab-Trockenfluss in das Meer aus Sand hinein. Jahrhundertealte Kameldornbäume, die mit ihren langen Wurzeln das unter der trockenen Kruste gespeicherte Wasser erreichen können, verraten seinen Lauf. Nur selten führt der Tsauchab Wasser, noch seltener sind die Wassermassen stark genug, um das Sossusvlei zu erreichen. Sossus bedeutet in der Sprache der Nama „blinder Fluss“.

P1090176Das Dead Vlei ganz am Ende unserer Wanderung ist durch eine Düne sogar komplett vom Flussbett abgeschnitten.

P1090249Der bizarren Schönheit dieser Senke mit ihren abgestorbenen Bäumen auf hellockerfarbenem Lehmboden, eingerahmt von orangerotem Dünensand und einem strahlend blauen Himmel, tut das keinen Abbruch.

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Den Sternen so nah

P1080944Ocker. Bernstein. Honiggelb. Gold. Purpur. Rosa. Zimt. Orange. Ziegel- und Zinnoberrot… So viele Farben hat die Wüste. Und nur eine Stille.

Das warme Licht des Spätnachmittags, wenn die Hitze des Tages allmählich ihren Griff lockert. Der sanfte Wind, der über das silbrig-gelbe Savannengras streicht. Und ein Himmel in Azur.

Das Verlöschen des Tages und dieses einzigartige Licht, wenn die Sonne schon untergegangen ist, in dem sich noch einmal alle Farben der Wüste spiegeln. Langsam genug, dass sich die Bilder in die Seele einbrennen können.

Dann ist es dunkel. Aber doch nie ganz. Weit spannt der gigantische Sternenhimmel der Südhalbkugel sein Dach über die Dünen. Das Kreuz des Südens. Zum Greifen nah.

Eine Weile noch wispern zwei in ihren Schlafrollen unter dem Kameldornbaum. Endlich ist nichts mehr als Stille zu hören. Eine Stille, die ganz erfüllt. Stille.

„Es gibt ein Vergessen alles Daseins, ein Verstummen unseres Wesens, wo uns ist, als hätten wir alles gefunden.“ (Friedrich Hölderlin in: Hyperion oder der Eremit in Griechenland)

Der Zauber der frühen Stunde. „Morning has broken like the first morning…” Kein Amsel-Singen wie am ersten Tag, aber das riesige Gemeinschaftsnest der Siedelweber wird sicher auch an diesem Tag noch ein Stück größer werden.

Spuren im Sand. Von einem Gecko vielleicht. Oder dem klopfenden Schwarzkäfer Tok-Tokkie. Ein Kreis, den ein vom Wind bewegter Grashalm in den Untergrund spurte. Riesenameisen auf ihrem Weg zum körnigen Grat. „Mine is the sunlight, mine is the morning…“

Impressionen aus der Namib-Wüste, irgendwo zwischen Sesriem und Solitaire am Rande der Naukluft-Berge.

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Zaunkönige wecken

P1080776Ein bisschen surreal fühlt es sich an, als wir uns der Stadt durch die Wüste nähern, die hier bis ans Meer reicht. Noch wabert ein Rest Morgennebel über dem endlosen Gelb. Fast jede Nacht, lese ich später, treibt der Wind Nebelbänke, die sich über dem kalten Benguelastrom weit draußen auf dem Atlantik bilden, über die Dünen ins Landesinnere. Manchmal bis zu 80 Kilometer weit. Meist lösen sich die Nebelschwaden im Laufe des Vormittags wieder auf.

P1080796Als wir gegen Mittag die Altstadt von Swakopmund erreichen, ficht gleißendes Sonnenlicht die letzte Schlacht des Tages gegen den Dunst, der sich bereits aufs Meer zurückgezogen hat. Das Gefühl des Unwirklichen will dennoch nicht weichen. All die wilhelminischen Giebel, all die Walmdächer, Jugendstilfassaden und Fachwerkbauten unter Palmen… unglaublich!

P1080790Altes Amtsgericht, Am Zoll, Schlachterei, Deutsche Oberschule lese ich auf den Gebäuden. Hundert Jahre ist die ehemalige kaiserliche Kolonie Deutsch-Südwestafrika nun schon Geschichte, aber in der vielleicht deutschesten Stadt südlich des Äquators pflegt man das Erbe.

P1080803Die alte Kaiser-Wilhelm-Straße wurde vor ein paar Jahren nach dem langjährigen Präsidenten und Gründungsvater der Republik Namibia in Sam Nujoma Avenue umbenannt, aber die Bismarckstraße gibt es bis heute. Dort steht eines der Wahrzeichen von Swakopmund: das Woermannhaus, Sitz der bedeutendsten Im- und Exportgesellschaft in Südwestafrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Schifffahrtslinie des Hamburger Kaufmanns und Reeders Adolph Woermann hatte schon 1894 den regelmäßigen Schiffsverkehr zwischen Europa und Afrika aufgenommen. Zwei Jahre zuvor hatte das deutsche Kanonenboot „SMS Hyäne“ nördlich der Mündung des Swakop eine mögliche Landestelle für die kaiserlichen Schiffe markiert – das 30 Kilometer weiter südlich gelegene Walvis Bay befand sich bereits in britischer Hand –, Swakopmund wurde gegründet. Nur einen Steinwurf vom Woermannhaus entfernt, an der ehemaligen Moltkestraße, steht das Hohenzollernhaus, das mit seiner neobarocken Fassade vielen als das prachtvollste Gebäude der Stadt gilt.

P1080793Im Café Anton an der Strandpromenade wird Apfelstrudel und Käsekuchen serviert. Beim Bäcker um die Ecke gibt es Schwarzbrot zu kaufen und in der Swakopmunder Buchhandlung deutschsprachige Bücher. Die Hansa Brauerei, die auf eine mehr als hundertjährige Tradition zurückblicken konnte, musste zwar 2005 ihre Pforten schließen, aber bis heute wird in Namibia nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut.

P1080815Zwischen ehemaliger Brauerei und Alter Kaserne springt mir die Fassade eines Gebäudes ins Auge, das ich kenne. Nicht in natura, ich war noch nie zuvor in Afrika, aber von Fotos und aus Erzählungen. „Es war Nacht, es war dunkel. Wer mich dorthin gebracht hat, weiß ich nicht mehr…“ Ursprünglich war das Prinzessin-Rupprecht-Heim als Lazarett für die Kaiserliche Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika errichtet worden. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde es zum Erholungsheim umgebaut und erhielt seinen Namen zu Ehren von Marie Gabriele, Ehefrau des Prinzen Rupprecht von Bayern. Außer als Erholungsheim wurde das Gebäude in den folgenden Jahrzehnten auch als Entbindungsheim sowie als Kinder- und Schülerheim genutzt.

P1080804Anfang der 1940er Jahre kam die damals vierjährige Frau L., die mir 70 Jahre später aus ihrem Leben in Südwestafrika erzählen sollte, in das Haus. Ihr Vater war, wie auch zahlreiche andere deutsche Südwester, in einem Lager zwischen Johannesburg und der Diamantenstadt Kimberley interniert worden, nachdem sich die Mandatsmacht Südafrika im September 1939 gegen die Neutralität des Landes und für die Teilnahme am Zweiten Weltkrieg auf der Seite Großbritanniens entschieden hatte.

P1080809Heute ist das ehemalige Kinderheim ein Hotel. Natürlich dürfe ich mich umsehen, sagt die freundliche Dame an der Rezeption. Die Zimmer hinter den schweren Holztüren tragen die Namen süddeutscher Städte. Besonders schön ist es in dem großen innenhofartigen Garten hinter dem Haus. So grün. So still. Ganz hinten lächelt mich eine alte Dame im Rollstuhl an und fragt, ob ich mit zu den anderen kommen und die Zaunkönige füttern wolle. Und da sitzen sie, lauter alte Menschen in ihrer Welt. Für einen Moment schauen sie irritiert, als mit unserem Erscheinen die Vögel zu ihren Füßen auffliegen. Macht nichts, sagt die alte Dame, die kommen wieder.

P1080861Am nächsten Morgen ist die Stadt am Rande der Wüste abermals in atlantische Nebelschwaden gehüllt und ich frage mich, ob ich von der Begegnung mit den „Zaunkönigen“ womöglich nur geträumt habe. Später erfahre ich, dass das Hotel vorn und das Alten- und Pflegeheim im hinteren Trakt zusammen gehören.

P1080872Da haben wir Swakopmund bereits wieder verlassen, haben den Flamingos am Meer einen Besuch abgestattet und nur kurze Zeit später eine Kamel-Karawane getroffen…

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Bei den Buschmännern

P1080609Die Erongo-Berge im Westen Namibias sind eine dieser Landschaften, in denen es aussieht, als seien Riesen mitten im Murmelspiel unterbrochen worden.

P1080543Man kann das auch mit ihrer vulkanischen Entstehung erklären, ich weiß. Das Gebirge ist der Überrest eines riesigen Vulkans, der vor Jahrmillionen unter der Erdoberfläche ausbrach. Auf Satellitenaufnahmen lässt sich der gewaltige Ring noch heute erahnen.

P1080550Aber so genau will ich es an diesem Tag gar nicht wissen. Ich will einfach nur gehen. Gehen und schauen.

P1080527In diesem eher sinnlichen Modus bin ich auch noch, als wir nach unserer Morgenwanderung auf zwei Buschmänner treffen, die uns zeigen wollen, wie ihre Vorfahren einst als Jäger und Sammler in dieser karg-schönen Gebirgs- und Steppenlandschaft lebten und überlebten.

P1080570Mit nichts als einem Lendenschurz bekleidet, mit dem kleinen Jagdbogen in der Hand und dem Köcher voller Pfeile über der Schulter spazieren sie mit uns durch den Busch. Sehr schmal, sehr geschmeidig.

P1080575Pirschen sich an das imaginäre Wild an, legen den Pfeil auf die Sehne des Bogens, spannen – und Schuss. Nun bräuchte man nur noch der Spur des getroffenen Tiers zu folgen, bis das Pfeilgift seine Wirkung getan hätte…

P1080576Buschmänner (San) sind die Ureinwohner im südlichen Afrika. Mit dem Vordringen der Bantu aus dem Norden und der Landung der ersten Europäer begann ihre Vertreibung aus den angestammten Lebensräumen bis in die Wüstenregionen der Kalahari an der Grenze zu und in Botswana. In Namibia machen sie als kleinste ethnische Gruppe gerade noch zwei Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Die meisten können heute nicht mehr als Jäger und Sammler leben. Die Arbeitslosigkeit unter den San ist ziemlich hoch. Ein Teil arbeitet auf Farmen oder als touristische Fährtenleser für Lodges. Einige wenige versuchen, die alten Traditionen aufrecht zu erhalten.

P1080599Unsere Begleiter sind Teil des Projekts „Lebendes Museum“ der Ju’Hoansi-San auf der Farm Omandumba. Sie leben dort eine Weile mit ihrer Familie, geben Besuchern Einblicke in die uralte Kultur und Lebensweise der San, dann kehren sie in ihr altes Leben zurück, andere Buschleute kommen und leben eine Weile im Museum. Verschiedene Programme werden angeboten, unter anderem so eine Buschwanderung, wie wir sie gemacht haben. Ist das jetzt Traditionspflege oder Folklore für Touristen?

P1080588Ein bisschen komisch – präziser: voyeuristisch – fühlte sich die Begegnung schon an. Aber letzten Endes hat mich das Projekt überzeugt. Es bietet den beteiligten San ja nicht nur eine Einnahmequelle sondern außerdem die Möglichkeit, in traditionellen Familienstrukturen zusammenzuleben und ihr Wissen und Können außer an uns Besucher auch an ihre Kinder weiterzugeben. Vier von ihnen waren bei unserem Bushwalk dabei und haben nicht nur beim Feuermachen sehr genau zugehört und zugesehen, was die Älteren sagten und taten.

P1080596Apropos sagten: Besonders viele Informationen drangen an diesem Tag nicht bis zu meinem Gehirn vor. Zu sehr war ich damit beschäftigt zu schauen und mehr noch – den vielen Klick- und Schnalzlauten zu lauschen, die die Rede des älteren der beiden Männer durchströmten wie ein Fluss ganz eigener Art. Dass man eine Khoisan-Sprache – außer den San gehören auch die in früheren Beiträgen bereits erwähnten Damara und Nama zu dieser Sprachfamilie – angeblich entweder im Kindesalter oder aber nie mehr lernt, will ich gern glauben. Hörprobe gefällig?

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Sprechende Steine

P1080376Wie es sich anfühlt, auf einem viele Millionen Jahre alten Baumstamm zu sitzen und geradeaus zu schauen? Ziemlich gut! Nicht dass ich mir auch nur ein einziges Jahrtausend auch nur annähernd vorstellen könnte, aber dieses entspannte Gefühl eigener Bedeutungslosigkeit, gepaart mit so etwas wie Eingebundensein in einen größeren Kontext von Raum und Zeit, das mich im Angesicht alles „Ewigen“ zuverlässig befällt, stellte sich für einen Moment auch bei unserem Besuch im Versteinerten Wald in der Nähe der Stadt Khorixas ein.

P1080363Mehr als 50 fossile Stämme sind dort zu bestaunen, die vor sagenhaften 250 Millionen Jahren von einer gewaltigen Flut entwurzelt und dorthin gespült worden sein sollen. Sand und Schlamm schlossen die Bäume luftdicht ab, so dass sie nicht vermodern konnten, eindringendes kieselsäurehaltiges Wasser ließ sie versteinern. Die darüberliegenden Gesteinsmassen wurden durch Erosion im Laufe von Jahrmillionen abgetragen, bis die Stämme wieder sichtbar wurden: fürs Auge auch heute noch eindeutig Holz (einmal sehen können, was sie einst sahen!), für die prüfende Hand – hart wie Granit.

P1080441Noch ganz jung sind im Vergleich dazu die Felsbilder von Twyfelfontein weiter südlich, aber absolut betrachtet ebenfalls unfassbar alt. Die ältesten sollen vor 6000 Jahren entstanden sein. Ganz überwiegend handelt es sich um Gravuren, die mit harten Quarzsteinen mehrere Millimeter tief in die weicheren Sandsteinplatten geritzt wurden: Giraffen, Strauße, Zebras, Antilopen, Nashörner, Elefanten und andere Tiere der Savanne. Aber auch Gestalten mit Pfeil und Bogen und menschliche Fußabdrücke sind zu sehen.

P1080452Was wohl der lange, hoch aufgerichtete Schwanz des Löwen zu bedeuten hat?

P1080423Geschaffen wurden die Bilder vermutlich von den Ureinwohnern des heutigen Namibia: Buschleuten (San) und Damara, die in dem Gebiet auf Jagd gingen. Eine Quelle, die im 20. Jahrhundert nur noch spärlich sprudelte – das trug ihr den Namen „Twyfelfontein“ (Zweifelsquelle) ein –, zog in alten Zeiten viel Wild an. Auf einer geschützten Steinterrasse vielleicht 50 Meter weiter oben ließ es sich gut auf Beute warten. Und Gravuren erstellen, ob nun zur Beschwörung des Jagdglücks oder einfach, um die Wartezeit zu verkürzen.

P1080438Im Brandbergmassiv, wo wir anderntags eine kleine Wanderung unternahmen, sind noch zehntausende Felsbilder erhalten, die meisten in mehr oder weniger unzugänglichem Gelände. Auch sie werden den San zugeschrieben. Wir besuchten die berühmte White Lady, die in Wahrheit allerdings wohl einen Krieger, vielleicht auch einen Schamanen darstellt. Die „Lady“ hat keinen Busen, dafür aber Pfeil und Bogen, Kopf und Oberkörper sind mit Schmuck behängt. Ihr Alter wird auf 2000 bis 4000 Jahre geschätzt.

P1080663Die Figur ist Teil einer Jagdszene mit vielen weiteren kunst- und liebevoll ausgearbeiteten Menschen und Tieren und, obwohl nur noch schwach zu erkennen, von berührender Anmut. Einen schönen Platz hat sie obendrein: verborgen in einer Felsspalte, hinter der sich weit der Blick auf den Königstein öffnet, mit 2573 Metern über dem Meeresspiegel die höchste Erhebung des Landes.

P1080666Und während uns unser Guide auf Brandberg-Akazien, Shepherd’s Trees und allerlei Eidechsen aufmerksam macht, träume ich davon, den geröllig-felsigen Weg durch die Tsisab-Schlucht einfach immer weiter zu gehen.

P1080648Drei Tage dauert die geführte Tour auf die Höhen des Granitmassivs, das die umliegende Wüste um beinahe 2000 Meter überragt. Zwei Tage rauf und einen wieder runter. Durch unwegsames Gelände und mit viel Wasser auf dem Rücken – der Brandberg macht seinem Namen selbst im Südwinter alle Ehre – und einem guten Schlafsack für die kühlen Nächte.

P1080631Von da oben, stelle ich mir vor, muss die Weite noch weiter, noch grenzenloser sein.

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Ein jeder zu seiner Zeit

P1080089Kurz nach Sonnenaufgang schauten wir vom Jeep aus einer Meute Schabrackenschakale dabei zu, wie sie nach allen Regeln der Kunst ein Stück Wild zerlegte. Eines der hübschen rehbraunen Springböckchen, um genau zu sein. Das hüpfte nun nicht mehr wie ein Flummiball durch die Savanne. Stattdessen balgte sich ein gutes Dutzend rotbrauner Fellknäuel mit dem charakteristischen schwarz-weiß gefleckten „Sattel“ auf dem Rücken um die besten Stücke.

P1070905Ab und an tauchte schemenhaft der Kopf oder der Leib eines einzelnen Schakals aus der Staubwolke auf, die sich über dem Spektakel gebildet hatte. Ein erstaunlich lautloses Spektakel übrigens. Selbst Elefanten bewegen sich ja oft nicht wie der Elefant im Porzellanladen, sondern leiser als ein Mäuschen. Vor allem Zebras und Paviane machen da schon mal mehr Lärm.

P1070907In vollem Lauf hielt einer der Schakale auf unseren Jeep zu, seinen Teil der Beute im blutigen Maul. „Das ist die Wirbelsäule“, konstatierte Reiseleiter Sebastian auf dem Sitz neben mir mit Kennerblick. Ich glaube, das war der Beginn einer Reihe wunderbarer Gespräche gerade auch über solche Tiere, die nicht jeden Betrachter automatisch zu Begeisterungsstürmen hinreißen: Schakale zum Beispiel – oder Hyänen. Weiß doch jeder, der Walt Disney’s „Der König der Löwen“ gesehen hat, dass die so richtig fies und verschlagen sind. Nee, stimmt gar nicht! Besonders das Sozialverhalten der Tüpfelhyänen, die in größeren Clans zusammenleben, in denen die Weibchen das Sagen haben, sei richtig klasse, versichert Sebastian. Inzwischen bin ich so neugierig geworden, dass ich mir gleich nach der Heimkehr passenden Wildlife-Lesestoff bestellt habe.

P1070933Aber zurück in den Etosha Nationalpark: Kaum waren der Kampf der Schakale und der Springbock einigermaßen verdaut, wartete auch schon das nächste Schauspiel auf uns: ein Elefantenbulle, dem die Hormone aus allen Körperöffnungen tropften, allein am Wasserloch. Unruhig machte er einen Schritt nach vorn, dann einen zurück.

P1080054Eine Gruppe Springböcke verharrte in sicherer Entfernung. Oryxantilopen mit ihren Spieß-förmigen Hörnern und den ausdrucksvollen schwarzen Gesichtsmasken bildeten, stummen Wächtern gleich, einen zweiten Beobachtergürtel weiter außen. In der Ferne ein paar Gnus, ein Strauß, auch sie vollkommen bewegungslos.

P1070937Der Elefant trank, der Elefant pullerte, der Elefant schlackerte mit dem Rüssel. Ein, zwei Ausfallschritte, doch statt der ersehnten Elefantendame näherten sich gemessenen Schritts zwei männliche Junglöwen. Die Springböcke wichen geringfügig aus und behielten das Geschehen im Auge. Die Raubkatzen schienen nicht hungrig zu sein. Inzwischen hatten sie das Wasserloch auf der dem Elefanten gegenüberliegenden Seite erreicht und begannen zu trinken.

P1070946Doch sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der Elefant begann erneut zu pendeln, markierte noch einmal sein Revier – und marschierte Richtung Eindringlinge.

P1070953P1070956P1070964P1070973P1070975In Etappen scheuchte er die beiden Löwen einmal rund um das Wasserloch. Dann hatte er genug und verschwand mit langen ruhigen Schritten in der Steppe.

P1070978Die Löwen tranken noch eine Weile, dann legten sie sich in die Sonne. Jetzt waren die Springböcke und Oryxe an der Reihe. Zu wissen, wann man an der Reihe ist, kann für das Überleben sehr förderlich sein.

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Ewalds Story

P1080225Eine Reise nach Namibia, das ist auch eine Reise in die Geschichte des eigenen Landes. Auf unserer Fahrt von der Hauptstadt Windhoek zum Etosha Nationalpark im Norden kamen wir an dem Städtchen Okahandja vorbei. Dort hatte Anfang 1904 der Herero-Häuptling Samuel Maharero zum Aufstand gegen die kaiserlichen „Schutztruppen“ in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika aufgerufen und dort befindet sich auch sein Grab, an dem jedes Jahr an den Aufstand erinnert wird. Dass die Deutschen kamen und Handel trieben, dass sie Minenrechte erwarben und mit dem Bergbau begannen, hatten die schwarzen Einwohner des heutigen Namibia noch hingenommen. Dass sich jedoch auch immer mehr weiße Farmer ansiedelten, ließ die Herero, die traditionell von der Rinderzucht leben, um ihre eigenen Weiden und Wasserstellen fürchten. Die Spannungen mit der Kolonialmacht wuchsen von Tag zu Tag. Das Deutsche Reich entsandte schließlich ein Expeditionskorps unter Generalleutnant Lothar von Trotha, um den Aufstand niederzuschlagen.

P1080754Am 11. August 1904 kam es auf dem Waterberg, wo sich Chief Maharero mit seinem Volk verschanzt hatte, zur entscheidenden Schlacht. Lange hielten die zahlenmäßig überlegenen Herero dem waffentechnischen Übergewicht der Deutschen nicht stand: Wer nicht im Artilleriefeuer ums Leben kam, dem blieb nur die Flucht nach Osten in die Omaheke-Wüste. Für die meisten Herero gab es von dort kein Zurück. Monatelang ließ General von Trotha das riesige wasserlose Sandfeld von berittenen Patrouillen abriegeln und in der Wüste herumirrende Herero erschießen. Weiter im Süden führten die Nama, deren Führer Hendrik Witbooi sich stets geweigert hatte, mit den Deutschen „Schutzverträge“ abzuschließen, noch ein paar Jahre lang einen Guerillakrieg gegen die Kolonialherren. Zu einer zentralen Figur an dieser Front wurde der „Hottentotten-Bastard“ Jakob Morenga, nach dem Uwe Timm seinen lesenswerten historischen Roman über den Aufstand der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika benannt hat.

P1090074Am Ende des Kriegs waren mindestens zwei Drittel der Herero-Bevölkerung ausgelöscht und die Hälfte der Nama getötet. Bis zu 100.000 schwarze Afrikaner kamen insgesamt ums Leben. Überlebende wurden in Reservate deportiert. Historiker werten die Ereignisse als den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Mit dem Ersten Weltkrieg endete nach gut dreißig Jahren die deutsche Kolonialzeit. Die südafrikanische Mandatsmacht übernahm von den Deutschen das System der Rassentrennung, die Reservate wurden zu „Homelands“. Ihre Bewohner waren vor allem eines: billige Arbeitskräfte für die Diamanten- und Kupferminen, auf den Farmen und im Eisenbahnbau. Seit einem Vierteljahrhundert ist das Land nun auch von Südafrika unabhängig.

P1080761Der erste Herero, den ich auf unserer Reise durch den südwestafrikanischen Vielvölkerstaat kennenlernte, war unser Busfahrer. Rabenschwarz – und getauft auf den Namen Ewald. Ausgerechnet. Natürlich nimmt heute noch jedes Kind den Herero-Aufstand in der Schule durch, aber ansonsten scheint der Blick nicht sehr rückwärtsgewandt zu sein. Den urdeutschen Namen hat die Großmutter mütterlicherseits ausgesucht. Sie hatte lange auf einer dieser endlos großen Farmen gelebt und gearbeitet. Ihre Tochter, Ewalds Mutter, war dort zur Welt gekommen. Und Ewald, so hieß der Farmer. Offenbar ein guter Patron. Ewald selbst findet seinen christlichen Namen nicht sonderlich bemerkenswert. Außer diesem hat er noch einen Herero-Namen: Tjireke, was soviel wie „süßer Junge“ bedeute.

P1090851Um die Wende zum 20. Jahrhundert herum entstand übrigens auch die traditionelle Tracht der Herero-Frauen: lange Gewänder im viktorianischen und wilhelminischen Stil, die der damaligen Kleidung der Missionarsfrauen nachempfunden sind, inzwischen nicht mehr ganz so hoch geschlossen wie die Originale und auch deutlich farbenfroher. Angeblich hatten die Missionarsfrauen den Herero-Frauen das Schneidern beigebracht, weil sie sich darüber ärgerten, dass ihre Männer immer den halbnackten schwarzen Schönheiten hinterherblickten. Die ausladende Kopfbedeckung, die zu den voluminösen Röcken getragen wird, soll an die Hörner eines Stiers erinnern. Eine Kombination, die mich bis zum Ende der Reise immer wieder in Erstaunen versetzte.

African Queens

P1090919“Beauty, to me, is about being comfortable in your own skin. That, or a kick-ass red lipstick.”
Gwyneth Paltrow

P1080166Es gibt viele Wege, um sich der Schönheit und Vielfalt Namibias anzunähern: die Formen und Farben der Landschaften zum Beispiel, die Sonnenauf- und -untergänge, denen diese einzigartigen Dämmerlichtphasen vorausgehen beziehungsweise nachfolgen, wilde und weniger wilde Tiere, die so nah sind, dass man die Hand nach ihnen ausstrecken möchte, Bäume, Gräser und Sträucher, die den Wüsten, Savannen und Bergen ihr je eigenes Gepräge geben, die Klänge der vielen Sprachen und die Stille, die einem schier den Atem raubt.

P1090070Von all dem wird hier noch die Rede sein. Heute sollen erst einmal die afrikanischen Königinnen und Prinzessinnen zu „Wort“ kommen. Dicke und dünne, traditionsbewusste und moderne, junge, ganz junge und ältere. Nicht, dass die keinen supertollen roten Lippenstift tragen könnten, aber nötig im Sinne der Paltrow’schen Schönheitsdefinition ist das nicht. Schönheit, so wäre vielleicht zu ergänzen, ist auch eine Frage der Haltung.

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