Auf die Mütze

Gestern war in meiner Mütze
Mir mal wieder was nicht recht;
Die Natur schien mir nichts nütze
Und der Mensch erbärmlich schlecht.

Meine Ehgemahlin hab‘ ich
Ganz gehörig angeblärrt,
Drauf aus purem Zorn begab ich
Mich ins Symphoniekonzert.

Doch auch dies war nicht so labend,
Wie ich eigentlich gedacht,
Weil man da den ganzen Abend
Wieder mal Musik gemacht.

Wilhelm Busch (1832 – 1908): Gestern war in meiner Mütze

Ob es daran lag, dass das Konzert nur gestreamt war?

Im wilden Osten

Galloway- und Highlandrinder ziehen durchs hohe Gras, während sich Neuntöter zwischen Bäumen und Büschen verborgen halten. Oberhalb der sumpfigen Bachtäler steht eine Ansammlung Wigwams. Von ihren Bewohnern keine Spur. Nur wenige Kilometer entfernt stoße ich auf einen Bären und einen einäugigen Banditen. – Impressionen aus Hamburgs wildem Nordosten, wo sich der Höltigbaum und das Stellmoorer und das Ahrensburger Tunneltal zu einem Natur- und Kulturraum ganz eigener Art verbinden.

Geologisch gehören die drei Gebiete zusammen. Sie bilden ein reich gegliedertes Endmoränengebiet der Weichseleiszeit. Seine zentrale Formation, das Tunneltal, erstreckt sich vom südlichen Ahrensburg in Schleswig-Holstein bis nach Hamburg-Rahlstedt. Entstanden ist es, als in der jüngsten Eiszeit Wasser von den Gletschern abtaute und sich unter dem Eis in die Landschaft grub. Die Täler der Wandse und des Stellmoorer Quellflusses sind die Schmelzwasserrinnen von einst.

Um landwirtschaftlich nutzbares Grünland zu schaffen, begradigte man die Flüsschen in den 1930er Jahren und entwässerte die angrenzenden Feuchtgebiete. Viele Tiere und Pflanzen verloren so ihren natürlichen Lebensraum. Erst im Zuge der Renaturierung in den 1980er Jahren siedelten sich wieder Amphibien, Reptilien, Insekten und Vögel in den Uferbereichen und den feuchten Niederungen an. Ähnlich rustikal war man auch mit dem Höltigbaum umgegangen, der ebenfalls lange landwirtschaftlich genutzt wurde, bevor die Wehrmacht dort 1937 einen Exerzierplatz anlegte. Nach dem Krieg hielten die Britischen Besatzungstruppen auf einem Teil des Geländes Schießübungen ab. 1958 übernahm die Bundeswehr. Sie blieb fast vier Jahrzehnte.

Die Nutzung als Truppenübungsplatz hat die Vegetation auf dem Höltigbaum entscheidend geprägt. Die Flächen wurden kaum gedüngt, die Vegetationsdecke immer wieder zerstört. Dadurch konnten sich vor allem kurzlebige Pionierpflanzen etablieren. Auf dem sandigen Boden wachsen bis heute trockene Magerrasen. Besonders typisch sind die savannenartigen Grasfluren mit Rot-Schwingel und Rotem Straußgras. Eingestreut in die Landschaft finden sich Reste von Sand- und Lehmheiden. Auch die alten Panzerstraßen und Markierungen aus Beton sind noch erhalten.

Als Ausgangspunkt für eine Wanderung durch das heutige Naturschutzgebiet bietet sich das Haus der Wilden Weiden am Rahlstedter Eichberg an. Der Name ist Programm: Um das offene Grasland zu erhalten, weiden ganzjährig Galloway- und Highland-Rinder sowie Schafe auf den sogenannten Wilden Weiden des Höltigbaums. Die Tiere verhindern, dass höhere Pflanzen die Oberhand gewinnen und sich die natürliche Vegetation mit Eichen- und Buchenwäldern ausbreiten kann. Über die Entstehung des Gebiets, das Konzept der Beweidung und die Artenvielfalt informiert – zurzeit nur freitags und samstags – eine Ausstellung im Haus der Wilden Weiden.

So idyllisch die Gegend auf den ersten Blick wirkt, so fragil ist sie zugleich. Der Mensch ist ja nie wirklich weit weg. Das wird im Stellmoorer Tunneltal am deutlichsten, das bis unmittelbar an die Bebauung in Rahlstedt reicht und zudem auf ganzer Länge von der Bahnstrecke Hamburg-Lübeck durchzogen wird. Auch im Tunneltal selbst gibt es Siedlungen, die nicht Bestandteil des Naturschutzgebiets sind. Man erreicht sie über die futuristisch anmutende Tunneltalbrücke über die Gleise.

Nur einen Katzensprung entfernt trifft man wieder auf sumpfige Wiesen und Wald – und mit Glück auch auf einen Bären.

Die eingangs erwähnten Wigwams stehen übrigens oberhalb des Wandseteichs, der eigentlich ein Rückhaltebecken ist und das größte Gewässer im Stellmoorer Tunneltal. In den 1950er Jahren legte man einen Damm an, der die unregelmäßigen Wasserfrachten des Flüsschens staut und sie nur langsam an den Unterlauf abgibt. Der führt so länger Wasser als unter natürlichen Bedingungen. Der Nachteil ist, dass das Wasser im Rückhaltebecken sich stark erwärmt, was wiederum das Leben typischer Fließgewässer-Lebewesen im Unterlauf erschwert. Aber schön ist er, der Teich. Ganz besonders im weichen Spätnachmittagslicht, mag der Himmel auch noch so dräuen. Die Bewohner der Wigwams könnten, so vermute ich, zum Stamm der Corona zählen, die in den vergangenen Wochen und Monaten auch andernorts ihre Ast-Zelte aufschlugen – im Hamburger Stadtpark zum Beispiel in großer Zahl.

Von Wegen und Wörtern

„Die früheste Form des Weges ist der Trampelpfad. Ein Pfad ist seinem Wesen nach nicht planvoll angelegt, sondern das Resultat regelmäßiger Verwendung: Wege zeichnen also einerseits mögliche Routen vor – und andererseits verdanken sie ihre Existenz der Tatsache, dass sie beschritten und instand gehalten werden. Darin ähneln sie der Sprache, die ebenfalls gangbare Äußerungs- und Denkmöglichkeiten vorzeichnet, dabei aber auf kontinuierlichen Gebrauch angewiesen ist. Wege wie Wörter sind ständigem Wandel unterworfen: Ihre Zielrichtung kann sich ändern, sie können sich verengen oder verbreitern – und wenn sie nicht mehr verwendet werden, verschwinden sie allmählich und geraten schließlich in Vergessenheit.“

Aus: Florian Werner „Auf Wanderschaft. Ein Streifzug durch Natur und Sprache“, Berlin 2019

Forever Moor

Die Seelen der Menschen fühlen sich vielleicht in immer innigerer Übereinstimmung mit einer Außenwelt von jener Schwermut, die unserem Geschlecht, als es noch jung war, einfach häßlich vorkam. Die Zeit scheint nahe, da einzig der herbe Adel eines Moors und des Meeres oder eines Gebirges das in der Natur ist, was mit der Gemütsverfassung des nachdenklicheren Teils der Menschheit völlig im Einklang steht.

Thomas Hardy (1840 – 1928), britischer Schriftsteller

Erste Zärtlichkeiten

Ich liebe jene ersten bangen Zärtlichkeiten,
die halb noch Frage sind und halb schon Anvertraun,
weil hinter ihnen schon die wilden Stunden schreiten,
die sich wie Pfeiler wuchtend in das Leben baun.

Ein Duft sind sie; des Blutes flüchtigste Berührung,
ein rascher Blick, ein Lächeln, eine leise Hand –
sie knistern schon wie rote Funken der Verführung
und stürzen Feuergarben in der Nächte Brand.

Und sind doch seltsam süß, weil sie im Spiel gegeben
noch sanft und absichtslos und leise nur verwirrt,
wie Bäume, die dem Frühlingswind entgegenbeben,
der sie in seiner harten Faust zerbrechen wird.

Stefan Zweig: Die Zärtlichkeiten

Friederike im Lavendel

P1140879Was ist  d a s  denn? Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen. Lavendelblüte im frühen Juni? Und das nicht etwa in Südfrankreich sondern an Hamburgs Süderelbe, gleich hinter dem Deich? Vielleicht Klee? improvisierte die Freundin beim Anblick des wogenden violetten Blütenmeers. Nee, Klee ist doch viel rötlicher! Und auch längst nicht so hoch.

Kein Lavendel, nein, aber olfaktorisch ein ähnlich starkes Erlebnis. Tief in den Ackerfurchen, auf der Suche nach dem schönsten Foto, schlug die Erkenntnis mit der Wucht eines Hammers zu: Schnittlauch! Fehlte eigentlich nur noch das Rührei…

P1070739Das gibt es in dem vermutlich köstlichsten Schnittlauch-Gedicht deutscher Sprache:

Wenn der holde Frühling lenzt
Und man sich mit Veilchen kränzt
Wenn man sich mit festem Mut
Schnittlauch in das Rührei tut
Kreisen durch des Menschen Säfte
Neue ungeahnte Kräfte –
Jegliche Verstopfung weicht,
Alle Herzen werden leicht,
Und das meine fragt sich still:
„Ob mich dies Jahr einer will?“

Von wem das Gedicht ist, wollt ihr wissen? Tja, wenn man das so genau wüsste. Oft wird es Friederike Kempner (1836–1904) zugeschrieben, der Tochter eines schlesischen Rittergutsbesitzers, über deren lyrisches Werk DIE ZEIT am 29. Oktober 1953 einen höchst amüsanten Artikel veröffentlichte. Ich zitiere:

„Ein Leben lang blieb sie unvermählt und lebte nur ihrer unglücklichen Liebe zur Dichtkunst. Als ihre ersten Verse erschienen, dachte man, dies sei bloß eine schlechte Dichtung wie so vieles andere auch. Aber bald witterten die Kenner, dass da ein wahres Genie der unfreiwilligen Komik am Werk war. Man begann, jedes neue Werk der Friederike Kempner zu kaufen, prustete los, wenn ihr wieder einmal ein prächtiger Fauxpas geglückt war, und reichte die Bände einander weiter. Die ehrbare Rittergutsfamilie war verzweifelt. Sie suchte der Bücher Friederikens habhaft zu werden, ehe sie noch zum Käufer gelangten. Aber je größere Auflagen die Familie still aufkaufte, umso mehr fühlte sich der ‚schlesische Schwan’ in seinem Beginnen bestärkt. Friederike dichtete immer eifriger, und bald vermochte die reiche Familie den Wettlauf mit dem missratenen dichtenden Fräulein nicht mehr durchzuhalten. Ein neues Genie des Humors, wenn auch des unfreiwilligen, war der Welt geschenkt.“

So groß war die Begeisterung der „Welt“, dass seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts auch immer mehr Parodien auf Gedichte Kempners veröffentlicht wurden, über die es bei Wikipedia heißt:

„Diese zahlreichen, oft täuschend echt geratenen Parodien haben seit spätestens der Mitte des 20. Jahrhunderts eine literaturgeschichtlich vielleicht einzigartige Karriere gemacht. Denn in zum Beispiel der von Herrmann Mostar herausgegebenen Ausgabe Friederike Kempner, der schlesische Schwan (zuerst 1953), der von Walter Meckauer ab 1953 verantworteten Edition Die Nachtigall im Tintenfass und auch in Horst Dreschers Ausgabe Das Leben ist ein Gedichte (ab 1971) erschienen diese Parodien nun als vermeintlich originale Gedichte Friederike Kempners, die seither vor allem für jene Texte berühmt geworden ist, die sie nicht geschrieben hat.“

Auch das zitierte Gedicht über Rührei mit Schnittlauch und des Menschen Säfte ist wohl eine dieser Parodien. Wie vieles ist nicht das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint…

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