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P1140850„Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.

Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden. Loch ist immer gut. …

Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs … festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne. …“

Soweit Kurt Tucholsky in seinem famosen Aufsatz „Zur soziologischen Psychologie der Löcher“. Ich empfehle unbedingt die vollständige Lektüre, beschränke mich hier aber auf die auszugsweise Wiedergabe, weil es mir gerade um das Spiel zwischen Etwas und Nichts geht. Kann es, so fragte ich mich unlängst, wohl sein, dass der wunderbare Tucho bei seinen Studien zwar in manches Loch hinein, aber nicht wirklich durch ein Loch hindurch gesehen hat? Dass das einen Riesenunterschied macht, erschließt sich jedem, der sich alternativ einen Blick in eine Grube und durch ein Schlüsselloch vorstellt. Im zuletzt genannten Fall ist das Etwas so etwas wie ein Rahmen und das Nichts keinesfalls nichts sondern ein Etwas im Rahmen und ein veränderliches noch dazu, je nachdem, ob sich der Betrachter zum Beispiel ein bisschen nach links oder nach rechts bewegt, ganz dicht mit dem Auge an das Loch herangeht oder mit mehr Abstand hindurchsieht.

P1140852Und was, wenn sich Loch an Loch reiht? Zu welchem Etwas gehört dann der Rahmen? Eine ähnlich vertrackte Frage, scheint mir, wie die der sich vermählenden Löcher, mit der sich Kurt Tucholsky beschäftigte:

„Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der sonderbarsten Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen. Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der rechte Rand zum linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide zu beiden?“

P1140859„Meine Sorgen möcht ich haben“,  stoßseufzte einst der Dichter. Dem schließe ich mich ohne Zögern an und empfehle zum Philosophieren über das Loch und für den ein oder anderen Perspektivwechsel einen Besuch des goldenen Pavillons auf dem Ponton am Ufer der Halbinsel Entenwerder in der Hamburger Norderelbe. Die begehbare Skulptur aus gelochtem Messing bietet herrliche Blicke auf die Billwerder Bucht zur einen und die Norderelbbrücken auf der anderen Seite. Und wenn du von all den kleinen Löchern genug hast, legst du in der oberen Etage vielleicht für einen Moment deinen Kopf in den Nacken – und schaust durch das große Loch über dir direkt in den Himmel.

P1140857Natürlich kannst du auf dem Ponton auch ungelocht Kaffee oder Wein trinken und aufs ungerahmte Wasser gucken. Und wenn dir das immer noch nicht genug ist, findest du hier Anregungen, was es in Hamburg-Rothenburgsort noch alles zu entdecken gibt.

Übrigens: Nicht alles, was einen Rahmen hat, ist ein Loch. Manchmal ist es zum Beispiel auch ein Spiegel, wie am Finkenwerder Kutterhafen. Sprengt das jetzt den Rahmen?

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