Fürchtet euch nicht!

„Hat einer das Jesuskind gesehen?“ – Während des Gottesdienstes am frühen Nachmittag war es noch da, erinnert sich einer der Aushilfsküster. Jetzt ist die Krippe leer.

„Und der Engel sprach zu den Hirten auf dem Feld“, liest der Pastor. Und dann fügt er ein paar Worte an, die man so nicht direkt in der Weihnachtsgeschichte nach dem Evangelisten Lukas findet: „Er sagte, was Engel immer als erstes sagen, wenn sie fremden Menschen begegnen: ‚Fürchtet euch nicht!‘“

Später singen wir „Es ist ein Ros` entsprungen“. Nie kann ich die zweite Strophe hören, ohne zu schmunzeln. Die Mutter erzählte gern, dass sie als Kind ein paar Weihnachten lang sang: „Marie, die reinemacht…“. Ein wenig staunend zwar, aber frei von Zweifeln. Unter einer „reinen Magd“ hätte sie sich nichts vorstellen können, ein Mädchen mit häuslichen Pflichten war ihr vertraut.

Auf dem überdimensionalen Fernsehbildschirm im Wohnzimmer der syrischen Freundin, die genauso heißt wie die Muttergottes, läuft eine Aufzeichnung aus einem kurdischen Dorf. In dem Dorf leben Verwandte, erzählt Maryam. Sie spult vor, bis zwischen flachen Lehmbauten eine alte Frau auftaucht, die vielleicht noch gar nicht so alt ist, wie sie aussieht. Eine Tante von Maryam. 14 Kinder hat sie geboren, neun Mädchen und fünf Jungen. Einige hat sie selbst entbunden. Hochschwanger ging sie morgens zur Feldarbeit aus dem Haus, mit einem Baby auf dem Arm kehrte sie später zurück. Und die Nabelschnur? Maryam klopft kurz und fest auf den Tisch. Mit einem scharfen Stein durchtrennt.

Das Jesuskind ist bis zur Mitternachtsmesse nicht wieder aufgetaucht. Das Krippenbild und die Engel in diesem Beitrag entdeckte ich bei einem Schaufensterbummel in Hamburg-Eppendorf. Leider weiß ich nicht, wer die Künstler sind. Ich hoffe, sie haben nichts dagegen, dass ich ihre Werke hier zeige.     

Am Fenster

Ein Haus bei Nacht durch Strauch und Baum
Ein Fenster leise schimmern ließ,
Und dort im unsichtbaren Raum
Ein Flötenspieler stand und blies.

Es war ein Lied so altbekannt,
Es floss so gütig in die Nacht,
Als wäre Heimat jedes Land,
Als wäre jeder Weg vollbracht.

Es war der Welt geheimer Sinn
In seinem Atem offenbart,
Und willig gab das Herz sich hin
Und alle Zeit ward Gegenwart.

Hermann Hesse (1877-1962): Flötenspiel

Hesses zartes Flötenspiel nehme ich mit in den Heiligen Abend. Und dann dreh ich die Anlage auf und höre ein, zwei Mal den Uralt-Titel „Am Fenster“ der Ostrock-Band City. Ganz laut. Habe ich tatsächlich erst vor kurzem entdeckt. Einen Live-Mitschnitt von 1978 findest du hier.

Das Lied basiert auf dem gleichnamigen Gedicht der Leipziger Autorin Hildegard Maria Rauchfuß (1918-2000), das ich auch nur unwesentlich länger kenne:

Einmal wissen dieses bleibt für immer
Ist nicht Rausch der schon die Nacht verklagt
Ist nicht Farbenschmelz noch Kerzenschimmer
Von dem Grau des Morgens längst verjagt

Frohe Weihnachten!

Winterwunderland

Etwas aus den nebelsatten
Lüften löste sich und wuchs
über Nacht als weißer Schatten
eng um Tanne, Baum und Buchs.

Und erglänzte wie das Weiche
Weiße, das aus Wolken fällt,
und erlöste stumm in bleiche
Schönheit eine dunkle Welt.

Gottfried Benn: Rauhreif (1912)

„Rauhreif“ ist vielleicht nicht Gottfried Benns stärkstes Gedicht, aber doch anrührend, finde ich. Und allemal passend zu der Punktlandung, die der Wettergott in Hamburg zur Wintersonnenwende hinlegte.

Zwiegespräche

Doctor Schein und Doctor Sinn
gingen ins Café;
Schein bestellte Doppel-Gin,
Sinn bestellte Tee.

Seitlich von dem Plauderzweck
Nahmen sie dabei:
Schein – verlognes Schaumgebäck;
Sinn – verlornes Ei.

Dialog ward Zaubertext,
Nekromantenspiel;
Zwieseits wurde hingehext,
Was dem Geist gefiel,

Was dem Sinn Erscheinung schien,
Was der Schein ersann.
Schein gab Sinn, und dieser ihn,
Und die Zeit verrann.

Und die Stunde kam herein
Leis’ des Dämmerlichts.
Schein verging zu Lampenschein
Sinn verging zu Nichts.

Ferdinand Hardekopf (1876-1954): Zwiegespräch

Ferdinand Hardekopfs wundervolles „Zwiegespräch“ fand ich in dem leider nur noch antiquarisch erhältlichen schmalen Band „Wir Gespenster“, das der Arche-Verlag 2004 zum 50. Todestag des expressionistischen Dichters herausbrachte. Ich habe mir erlaubt, die Begegnung von Doctor Schein und Doctor Sinn vom Café in die Carlshütte im schleswig-holsteinischen Büdelsdorf zu verlegen. In der alten Eisengießerei und draußen im Park lädt noch bis zum 10. Oktober die diesjährige NordArt zum phantasievollen Zwiegespräch mit allerlei zeitgenössischer Kunst, in dem gelegentlich ebenfalls die engen Grenzen von Schein und Sinn zerfließen. Anfassen (meistens) erlaubt.

Frühnebel im Spätsommer

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
Im warmen Golde fließen.

Eduard Mörike: Septembermorgen

Noch ist Sommer, kalendarisch und auch meteorologisch. Aber früh am Morgen riecht und schmeckt die Luft unverkennbar nach Herbst. Nebel wabert über dem See, bis zarte Sonnenstrahlen die „Elfenschleier“ an den Geländern der Bootsstege zum Glitzern bringen. Noch ist Sommer, eine kleine Weile lang…

Perspektivwechsel

Unter allem, was Poseidon aus der Tiefe gesehen hat, muss das wohl das Merkwürdigste gewesen sein: die Fußsohlen des Sohnes jenes anderen Gottes, auf der falschen Seite des Wasserspiegels.

Cees Nooteboom: Briefe an Poseidon

Auf meiner Wanderung durch die Holsteinische Schweiz traf ich den Meeresgott mit seinem Dreizack auf einer Wiese sitzend an. Das fand ich auch ziemlich merkwürdig. Beinah so merkwürdig wie die Kühe, die unter einer Herde Schäfchenwolken friedlich im See grasten.

Jetzt einen Tag mehr

Wie müde ich bin, merkte ich erst unterwegs. Ich merkte es vor allem daran, wie wenig ich sah. Die Landschaft war durchaus hübsch, aber sie ordnete sich nicht wie sonst, sie drang nicht durch durch diesen zähen Schleier aus Pandemie, aus kleinen Blasen und immer tieferen Gräben, aus Sintflut und apokalyptischem Feuer. Schon so lang… Und nun auch noch Afghanistan… ach, es ist eine Schande! – Normalerweise reicht mir ein Tag in der Natur, um den unruhigen erschöpften Geist zu erden und wiederzubeleben, um die Verbindung zu spüren, die ja immer da ist, auch wenn man sie gerade nicht wahrnimmt. Inzwischen sind es wohl besser zwei.

Am zweiten Tag dräute der Himmel immer noch, aber er fiel mir nicht mehr auf den Kopf.

Stattdessen erzählten die Bäume von Zuneigung und das Rind auf der Weide von Ruhe und Kraft.

Manche Wege führten gut geschützt und licht geradeaus, andere scheinbar im Kreis und wieder andere ins Dickicht, ganz wie im wahren Leben.

Ich erfuhr, dass es mitten im Brachland Kultur gibt, sogar mit Beleuchtung, und schmunzelte über das Bedürfnis mancher Menschen, eine Idylle noch ein bisschen idyllischer zu machen.

Und während die Füße Kilometer um Kilometer dem Lauf der Schwentine und dem sanften Rollen der Hügel durch die Holsteinische Schweiz folgten, wurde ganz allmählich auch der Blick wieder weicher und weiter.

Die Fotos entstanden auf dem Fernwanderwegs E 1 zwischen Kiel und Plön.