Wasserspiele

Ein Kommentar von Ulli vom Café Weltenall zu meinem Beitrag über eine Wanderung durch einen sonnenbeschienenen Zauberwald blieb haften: „Schön, dass alles mitgespielt hat“, schrieb sie. Das stimmt. Selten genug ist es, irgendwas ist ja meist. Vor ein paar Wochen zum Beispiel Regen.

Mit großer Vorfreude hatte ich mich auf den Weg ins Allgäu gemacht, wo ich vor Jahren einen herrlichen Sommer verbracht hatte – so lang, so sonnig, so heiß, dass ich heuer nicht einen Gedanken ans Wetter verschwendete, sondern mit größter Selbstverständlichkeit Bergtour um Bergtour plante. Sogar eine Alpenquerung hatte ich im Kopf, auf alten Schmugglerpfaden von Oberstdorf nach Holzgau in Tirol. Im vergangenen Jahr hatte ich mich in diese „Perle des Lechtals“ verliebt.

Was soll ich sagen: Aus keiner der geplanten Gipfeltouren wurde etwas, von der Wanderung übers Mädelejoch ganz zu schweigen. Am Nachmittag meiner Anreise strahlte die Sonne, am Morgen der Abreise strahlte sie ein weiteres Mal. Dazwischen regnete es. Mal sanft und stetig, mal schüttete es aus Eimern, nachts blitzte und donnerte es, dass es eine perverse Lust war. Eine Woche lang. Die Wolken, die anfänglich luftig über den Hängen schwebten, sanken immer schwerer ins Tal. Bis sie den Boden berührten. Ein Wunder, dass sie niemanden erschlugen.

Das entsprach so gar nicht dem, wofür ich gekommen war. Und ich brauche so viel Nass von allen Seiten auch bestimmt nicht so bald wieder. Aber ganz allmählich – ich war selbst erstaunt – begann ich, dem Reiz der Wasserspiele zu erliegen. Im Tal, in der Klamm, im Tobel. Am steinernen Hang, der zum Wasserfall wurde. Wenn schon der Sommer streikte – ich habe mitgespielt.

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Singing in the rain

P1050389Und der Regenriese,
Der Blauhimmelhasser,
Silbertropfenprasser,
Niesend faßt er in der Bäume Mähnen,
Lustvoll schnaubend in dem herrlich vielen Wasser.

Und er lacht mit fröhlich weißen Zähnen
Und mit kugelrunden, nassen Freudentränen.

Aus: Clemens Brentano „Fröhlicher Regen“

Ich kann die meiste Zeit gut auf Regen verzichten, aber diese Zeilen von Clemens Brentano mag ich sehr. Zusammen mit den tanzenden Stühlen zauberten sie mir für einen Augenblick den lustvoll Regen-steppenden Gene Kelly vors innere Auge.

Jogging in the rain

P1000638… mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen:

It rained and rained and rained
The average fall was well maintained
And when the tracks were sloppy bogs
It started raining cats and dogs.
After a drought of half an hour
We had a most refreshing shower
And then, most curious of all
A gentle rain began to fall.
Next day but one was fairly dry
Save for one deluge from the sky
Which wetted the party to the skin
And then at last – the rain set in.

P1000641 (2)

Das „Regenlied“ fand ich vor Jahren im Gästebuch eines neuseeländischen backpackers. Wir hatten gerade eine mehrtägige Wanderung auf halber Strecke abgebrochen, nachdem eine Sintflut von oben die Wege in sloppy bogs verwandelt hatte. In diesen feuchten Maitagen denke ich oft an unsere Rutschpartie am anderen Ende der Welt und daran, wie der Regenwald immer näher rückte, während wir auf der überdachten Veranda der Herberge hockten und Tag um Tag vergeblich auf Sonne warteten. Sehr viel anders sieht es auch nicht aus, wenn ich heute von meinem Balkon in die tropfnassen Bäume blicke: ein Gefühl wie Hundert Jahre Einsamkeit.