Geschichten erzählen

Jutta Reichelt: Wiederholte Verdächtigungen. Roman. Tübingen 2015

KLM_151_LAY_Reichelt.inddNeun Feststellungen und Gedanken nach der Lektüre von „Wiederholte Verdächtigungen“ in dem Bemühen, einen Einblick zu geben ohne allzuviel zu verraten von diesem „Familien- und Seelenkrimi“:

1. Ist das spannend! Ich habe schon eine Weile kein Buch mehr so atemlos gefressen.

2. Welch ein Vergnügen, wenn wirklich kein Wort überflüssig ist! Da verzeiht man glatt, dass das Vergnügen nur 182 Seiten währt.

3. Nicht immer ist das Ende der Geschichte das Problem. Auf Seite 98 finde ich den Satz: „Katharina hatte nicht ernsthaft damit gerechnet, dass dieses Gespräch ihr weiterhelfen könnte, doch jetzt kommt es ihr so vor, als wenn der Frau nur eine Vergangenheit fehlte, die weiter zurückreicht.“

4. Das stellt auch Christoph fest, der verschwindet und irgendwann wieder auftaucht. Und alles gerät ins Wanken.

5. Es ist gut, wenn alte Familiengeschichten ans Licht kommen. Weiterwirken tun sie ohnehin.

6. Wieviele Häute hat eigentlich eine Zwiebel? Und wieviele Kurven eine Achterbahn?

7. Jutta Reichelt ist eine verdammt gute Beobachterin.

8. Und Romane sind doch – auch – autobiografisch. Guck mal hier und lies, was die Autorin zum Beispiel über Werder Bremen zu sagen hat. Und über das Schreiben natürlich.

9. Es geht immer darum, Geschichten zu erzählen. That is what it’s all about.

Ein ganzes Leben

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben. Roman. München 2014

278x453x978-3-446-24645-4_9783446246454.jpg.pagespeed.ic.XaLw0wqeEt„Einmal, während einer kurzen Rast am Zwanzigerkogel, packte ihn ein vor Ergriffenheit bebender junger Mann an den Schultern und schrie ihn an: ‚Sehen Sie denn nicht, wie wunderschön das alles hier ist!‘ Egger blickte in das von Glückseligkeit verzerrte Gesicht und sagte: ‚Schon, aber gleich wird es regnen, und wenn die Erde zu rutschen anfängt, ist es vorbei mit der ganzen Schönheit.'“ (S. 119)

Ich musste lachen. Das hätte der Karl auch gesagt haben können. Klein und drahtig, das Gesicht vom Draußensein bei jedem Wetter ledrigbraun und voller Furchen, ein Mann undefinierbaren Alters mit rauem festem Händedruck – so erwartete er uns auf einem Parkplatz am Rande des Stubaitals. Unser Bergführer für die kommende Woche. Eigentlich kam der Karl aus dem Ötztal. Er erwähnte das, als läge eine Reise um die halbe Welt zwischen den benachbarten Alpentälern. Auch der Karl gestand uns nur kurze Rasten zu. Gucken, fand er, könnten wir noch, wenn wir den Gipfel erreicht hätten. Der Karl sprach wenig. Waren es einmal drei Sätze am Stück, ging es vermutlich um die Formation von Cirrus- und anderen Wolken. Für meine bergberauschten Sinne mochte sich das wie Poesie anhören – der Karl war mit seinen Gedanken ganz unsentimental bei der Tiefdruckzone, die sich über dem Gletscher bildete.

„Er hatte seine Kindheit, einen Krieg und eine Lawine überlebt. Er war sich nie zu schade für die Arbeit gewesen, hatte eine unübersichtliche Anzahl von Löchern in den Fels gesprengt und wahrscheinlich genug Bäume geschlagen, um mit ihrem Holz einen Winter lang die Öfen einer ganzen Kleinstadt zu befeuern. Er hatte oft und oft sein Leben an einen Faden zwischen Himmel und Erde gehängt und in seinen letzten Jahren als Fremdenführer hatte er mehr über die Menschen erfahren, als er begreifen konnte. Soweit er wusste, hatte er keine nennenswerte Schuld auf sich geladen, und er war den Verlockungen der Welt, der Sauferei, der Hurerei und der Völlerei, nie verfallen. Er hatte ein Haus gebaut, hatte in unzähligen Betten, in Ställen, auf Laderampen und ein paar Nächte sogar in einer russischen Holzkiste geschlafen. Er hatte geliebt. Und er hatte eine Ahnung davon bekommen, wohin die Liebe führen konnte. Er hatte gesehen, wie ein paar Männer auf dem Mond herumspazierten. Er war nie in die Verlegenheit gekommen, an Gott zu glauben, und der Tod machte ihm keine Angst. Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde. Doch auf die Zeit dazwischen, auf sein Leben, konnte er ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen, großen Staunen.“ (S. 146 f)

Nein, religiös war dieser Andreas Egger sicher nicht. Und doch ließe sich sein Leben mit dem bekannten Psalm umschreiben: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“ Es ist ein hartes Leben, das der Österreicher Robert Seethaler in seinem fünften Roman auf gerade einmal 150 Seiten ruhig, unpathetisch, auf das Wesentliche reduziert erzählt. Das Glück ist darin nicht mehr als ein flüchtiger Gast. Der Hilfsknecht, Seilbahnbauer, Kriegsgefangene und Bergführer Andreas Egger nimmt das eine wie das andere hin. Er begehrt nicht auf, zerbricht aber auch nicht – nicht an den brutalen Misshandlungen des Pflegevaters und nicht an den Schlägen, die das Schicksal ein Leben lang für ihn bereithält. Genügsam erfüllt er seine Pflicht. Es zieht ihn nicht an andere Orte und er träumt auch nicht von einem anderen Leben, wie wir modernen (Stadt-)Menschen dies so gerne tun.

Was mich immer wieder fasziniert, in der Literatur ebenso wie im wirklichen Leben, ist, dass weder das eine noch das andere Modell ein Garant für Glück oder Zufriedenheit ist. Eine erste Ahnung davon, dass auch ein Leben, das mir selbst eng erschiene, sehr erfüllt sein kann, erhielt ich, als ich in einem anderen Jahrhundert im Norden Griechenlands eine sehr alte Frau kennenlernte, die bis auf einige wenige Ausflüge in die nahe Kleinstadt nie aus ihrem Dorf herausgekommen war. Mit einer Mischung aus Schaudern und Entzücken verfolgte sie „Raumschiff Enterprise“ im Fernsehen und wenn Mr. Spock auf dem Bildschirm auftauchte, staunte sie darüber nicht weniger als Andreas Egger über die Männer, die auf dem Mond herumspazierten. Aber selbst der Weg vom Ötztal ins Stubaital kann weit sein.

Und so, wie die Begegnung mit einem Menschen gut tut, dessen Leben sich auf die eine oder andere Weise erfüllt, so tut auch die Lektüre dieses Romans gut. „Wer seiner Seele eine Freude machen will“, sagte Christine Westermann im WDR, „der lese dieses Buch.“ Der Aufforderung kann ich mich nur anschließen.

Quirlender Stillstand

Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling. Roman. Berlin 2014

42421Wenn ein Buch einem viel zu sagen hat, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass es einem leicht fallen müsste, über das Buch zu schreiben. „Panischer Frühling“ von Gertrud Leutenegger ist für mich so ein Buch. Die Bekanntschaft (und ein Leseexemplar) verdanke ich Claudia vom Grauen Sofa im Rahmen des Bloggerprojekts LongListLesen 2014. Inzwischen steht der Roman auf der Shortlist für den diesjährigen Buchpreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Darüber freue ich mich.

Die äußeren Ereignisse sind rasch erzählt: Eine Frau (die Ich-Erzählerin) streift durch London. Durch Parks und das Vielvölkergemisch im East End, wo sie wohnt. Und immer wieder zur Themse, deren bald träges, bald eiliges Fließen sie magisch anzieht: „Nie hat ein Fluss mich mehr verwirrt als die Themse. Wenn die Gezeiten wechselten, entstand ein quirlender Stillstand.“ Die Frau ist alt genug für eine erwachsene Tochter, irgendwo in den Regenwäldern des Amazonas. „Allem fern sein, um allem nah zu sein“: Das ist die Aufgabe, die sie sich selbst gestellt hat. Eine Art Auszeit also.

Es ist Frühling. Jener Frühling, in dem der isländische Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen den Flugverkehr über Europa lahmlegte. Die Erzählerin treibt durch die Stadt und nimmt wahr. All ihre Antennen sind auf Empfang gestellt. Sie läuft und assoziiert, läuft und erinnert sich. Die Grenzen von Zeit und Raum verschwimmen, auch in dem Kopf der Frau herrscht „quirlender Stillstand“. Alles ist zugleich da: Die Aschewolke auf dem Bildschirm des kleinen Fernsehers auf dem Mikrowellenherd in dem pakistanischen Lokal und der strahlendblaue Londoner Himmel darüber. Die Aschewolke des Vulkans und die geweihte Asche, die der Frau aufs Haar gestreut wurde, als sie noch ein Kind war, in jenen längst vergangenen Sommern auf dem Pfarrhof des Onkels in der Schweiz. Die Massen an prallen Jackfruits, die sich Tag für Tag auf der Auslage des Ladens im East End türmen, während im Gewächshaus in den königlichen Kew Gardens im Westen „eine einzige kümmerliche Jackfruit, grün und mager, gelehrt beschriftet, mit Schnüren und Bambusstecken gestützt“ wird. Die Schönheit dieser flugverkehrsfreien Tage und die Bilder des Terroranschlags auf die Londoner U-Bahn ein paar Jahre zuvor … Und die zwei Gesichtshälften des Zeitungsverkäufers, dem die Erzählerin bei einem ihrer Streifzüge auf der London Bridge begegnet: „wie auf einem Renaissancebildnis“ die eine, von einem schrecklichen Feuermal entstellt die andere.

Die beiden kommen miteinander ins Gespräch. „Und der junge Mann begann von seinen Sommern in Penzance zu erzählen, als würden wir die ganze Nacht auf dieser Brücke sitzen bleiben, ich auf seinem Zeitungspacken, sein Freund aus Jamaica leise trommelnd neben uns.“ Die Sommer bei der Großmutter, die den Jungen mit dem mißgestalteten Gesicht davor schützen wollte, womöglich in einer finsteren Nacht von den Klippen gestoßen zu werden. „Nicht wahr, sagte er, ich rede so viel, viel zuviel! Meine Großmutter sagte oft, das hätte ich von ihr, das wäre den Iren und den Menschen an den Küsten Cornwalls gemeinsam, dass sie ununterbrochen schweigen oder ununterbrochen erzählen würden, aber Schweigen und Erzählen sei ein und dasselbe, nichts anderes als das Rauschen des Meers.“ Da ist es wieder, dieses Sowohl-als-auch, dieses Zugleich, das das Buch durchströmt wie ein langer Fluss.

Erzählen schafft Nähe, auch zu den Abwesenden. Und wenn es gut läuft, wird auch der Zuhörer dabei seiner selbst und der eigenen Geschichte inne. Für die Frau läuft es gut. „Und um das großmütterliche Haus des jungen Mannes, verborgen hinter einem Lorbeerbaum nahe am Meer in Penzance, das er erst als eine flüchtige Zeichnung in die Nacht hinein entworfen hatte, nicht zu verlieren, fügte ich im morgendlichen Wachschlaf mein eigenes längst entschwundenes Sommerhaus mit seinem Waldzimmer, dem roten Saal, dem blauen Kabinett hinzu, und so daraus eines der englischen Doppelhäuser bildend, mutete ich diesem zu, sich wie ein Lichtkeil in die unnachgiebig verrinnende Zeit hineinzutreiben.“ „Und alle Zeit ward Gegenwart“, wie es in einem Gedicht von Hermann Hesse heißt. Jedenfalls für den Augenblick.

Nachdem der junge Mann der Frau das dunkelste Kapitel seines Lebens erzählt hat, taucht er plötzlich nicht mehr auf der Brücke auf. Dabei wusste die Frau doch schon, was sie ihm als Gegengabe für seine Geschichte erzählen und was sie ihm sagen wollte: „Nichts kann für immer verschwinden! würde ich ihn bestürmen, sagte nicht sie (die Großmutter) ihm einmal, was die Ebbe nimmt, bringt die Flut wieder?“ Die Frau ist verzweifelt. Alles um sie herum erscheint ihr plötzlich unwirklich: „Hatte denn nur die Aussicht, Jonathan zu sehen und ihm davon zu erzählen, allem Leben und Glanz verliehen? Selbst das Sommerhaus entglitt mir wieder ohne ihn.“ An einem der letzten Tage dieses lauen Frühlings erkennt die Frau schließlich, wohin für sie die Reise geht. Da ist der Himmel über London längst wieder voller Flugzeuge.

Äußerlich passiert nicht viel in diesem Roman, aber innen drin, da arbeiten Vulkane. Das muss man mögen, um das Buch zu mögen. Ich mag es. Vielleicht, weil mir diese Art des assoziierenden Herumstreifens selbst sehr vertraut ist, bei dem sich Momentaufnahmen der Umgebung mit Bildern, Geräuschen und Gerüchen von anderen Orten verbinden, mit Erinnerungen an andere Menschen und an vergangene Zeiten, mit dem Wissen auch um die Geschichte eines Ortes. Nach der Lektüre verspüre ich große Lust, mich mit den Skizzen von Gudrun Leutenegger im Kopf sofort auf den Weg nach London und ins kornische Penzance zu machen. Und ich freue mich schon darauf, zukünftig mit noch mehr Aufmerksamkeit herumzustreifen, wo auch immer.

Ich glaube übrigens nicht, dass es darauf ankommt, der Erzählerin (Autorin) zu allen Bildern und durch all ihre Assoziationen zu folgen. Nicht jeder ihrer Vergleiche überzeugt mich: „Dass uns ein Fremder in sein Inneres einlässt, ist erregend, von solcher Wärme und ebenso unbegreiflich, wie von ihm umgebracht zu werden.“ Also, ich weiß nicht… Und dass nicht nur unter dem Kirchturmdach auf dem Pfarrhof des Onkels Schleiereulen wohnten, sondern eine auch auf das Kissen gestickt war, an das sich der junge Mann „in der kalten Kirche lehnte, die mitten in einem dieser Friedhöfe über dem Meer steht, welche meine Großmutter oft mit mir aufsuchte,“ das ist mir, ehrlich gesagt, ein bisschen viel. Aber es ist auch nichts daran gelegen. Der besondere Reiz dieses Romans liegt für mich am Ende darin, dass er Erinnerungen und Assoziationen weckt. An eigene Streifzüge. An Orte der eigenen Kindheit. An Momente, in denen die Zeit still zu stehen schien beim Erzählen. Und an andere, in denen es schien, als sei wirkliche Nähe überhaupt nur in der Distanz möglich. Und die Sprache: Ahhhh…!

Weitere Besprechungen zu dem Roman im Rahmen des LongListLesens 2014 gibt es bei Claudia auf dem Grauen Sofa und bei Annas Buchpost.

Wie Donnerhall

George Saunders: Zehnter Dezember. Stories. München 2014

042_87427_141960_xlDa ist der Ehemann und Vater, der seine Familie drangsaliert. Schon lange kommuniziert er nur noch über ein Kruzifix-ähnliches Gestell im Garten, das er immer wieder umdekoriert. Zuletzt hängt er Zettel daran. „Liebe“ steht auf dem einen, „Vergebung?“ auf einem anderen.

Da ist der Junge, der zufällig Zeuge wird, wie das Nachbarmädchen entführt zu werden droht. „Kyles Herz sang. Er hatte immer geglaubt, das wäre nur eine Phrase. Alison war wie ein Nationalheiligtum. Im Lexikon sollte unter ‚Schönheit’ ein Foto von ihr in diesem Jeansrock sein. Obwohl sie ihn in letzter Zeit anscheinend nicht so richtig mochte. Jetzt ging sie ein Stück über ihre Terrasse, damit der Zählerableser ihr etwas zeigen konnte. Irgendwas Elektrisches auf dem Dach nicht in Ordnung? Der Kerl schien ganz begierig zu sein, es ihr zu zeigen. Genauer gesagt, er hielt sie am Handgelenk. Und zerrte irgendwie so.“ Noch ist die Situation nicht ganz in Kyles Bewusstsein vorgedrungen. Vielleicht irrt er sich auch. Und außerdem sind da all die Gebote und Verbote der Eltern, die sich wie der Strick eines Henkers immer enger um seinen Hals legen und ihn am Eingreifen hindern…

Ich will nicht zu viel vom Inhalt der Geschichten verraten. Denn es macht einen großen Teil ihrer Faszination aus, dass sie immer wieder überraschende Wendungen nehmen. Manches ist nicht, was es auf den ersten Blick zu sein scheint. Oft schwingt ein leises Grauen mit, auch Brave New World lässt grüßen. Menschen haben viele Schichten. Was wir zu sehen bekommen, sind Facetten, nie das Ganze, und es sind auch immer wieder andere Facetten. Menschen sind unvollkommen, und sie leben in einer unvollkommenen Welt. Sind schwach, machen Fehler, manchmal furchtbar schlimme. Aber sie können auch über sich hinauswachsen, über die Umstände und über die Vergangenheit. Man kann sich entscheiden, so oder so. Und man trägt die Konsequenzen, so oder so. Nur selten lautet ja die Wahl: „reich und glücklich“ oder „arm und unglücklich“. Gut, dass auch die anderen immer wieder über sich hinauswachsen. „Vergebung?“ Brauchen wir die nicht alle?

Gerade habe ich die zehn Stories des Amerikaners George Saunders ausgelesen, die vor ein paar Monaten unter dem Titel „Zehnter Dezember“ in der Übersetzung von Frank Heibert erschienen sind. Sie wirken nach wie Donnerhall! Es sind ganz und gar außergewöhnliche Psychogramme von eher „gewöhnlichen“ Menschen und Lebenswelten. Als Leser taucht man tief hinein in die Köpfe der Protagonisten. Mal ist der Ton knapp, beinahe schon karg, ein anderes Mal von unbändiger Lust am Fabulieren gekennzeichnet. Immer wieder umgangssprachlich, aber nicht flach. Temporeich. Voller Zärtlichkeit. Auch komisch bisweilen, wenngleich ich dieses leichte Grauen stärker empfand, nicht nur in den Science-Fiction-Passagen.

Für die sprachliche Brillanz der Erzählungen gebührt auch dem Übersetzer ein dickes fettes Lob. Eine kurze Sequenz über einen Mann, der in Folge eines Gehirntumors Schwierigkeiten mit der Artikulation hat, mag dies illustrieren: „Jeder Schritt war ein Sieg. Das durfte er nicht vergessen. Mit jedem Schritt floh er veiter und veiter. Veiter veg von den Vätern. Stiefveiter. Welch einen Sieg entrang er. Dem klaffenden Schlund darniederlag. Hinten in seiner Kehle spürte er ein Bedürfnis, es richtig zu sagen. Dem klaffenden Schlund der Niederlage. Dem klaffenden Schlund der Niederlage.“

Mit meiner Begeisterung für den jüngsten Saunders stehe ich nicht allein da. „Das beste Buch, das Sie in diesem Jahr lesen werden.“ So urteilte das New York Times Magazine nach Erscheinen der Originalausgabe 2013. Einen kurzen Verriss gibt es im Literaturblog von Günter Keil zu lesen.

Wüsten(ver)führer

Otl Aicher: Gehen in der Wüste. Frankfurt 2005 (TB)

Jürgen Werner: Wüstenwandern. Unterwegs am Rande der Unendlichkeit. Stuttgart 2005

Das ohnehin schon gefährlich spannende Blog Sätze&Schätze ist für mich jüngst noch um einiges gefährlicher geworden. Seit es seiner Betreiberin Birgit gefiel, die neue Kategorie Reiseliteratur ins Leben zu rufen, um genau zu sein. Und nun schickt sie ihre Leser auch noch in die Wüste. Ausgerechnet. Wie soll man denn da ruhig am Schreibtisch sitzen bleiben? Aber wer weiß, vielleicht soll man das ja gar nicht.

P1030322Zumindest in Gedanken nehme ich mir jetzt einfach eine Auszeit und blättere in zwei großformatigen Wüsten(ver)führern, auf die ich hier schon längst einmal hinweisen wollte. Vom Gehen in der Wüste erzählen beide, in wunderbar klugen Texten und mit Bildern, die einem die Tränen in die Augen steigen lassen, so schön sind sie. Ach, ich könnte schwärmen ohne Ende. Und Zitat an Zitat reihen:

P1030302„die wüste ist eine denklandschaft. man geht nicht nur zwischen dünen, man geht auch in seinem eigenen denken umher, man macht gedankengänge. im gehen verändert sich die landschaft von bild zu bild. es verändert sich auch der gedankenhorizont. das auge zieht es mal hier, mal dort hin, auch die gedanken wildern umher. man wirft sie hinaus, als entwürfe. so ist ein nicht eigentlich geschriebenes buch entstanden. es hat keinen anfang, kein ende, keinen roten faden. man mag deshalb auch nachsichtig sein einer typographie gegenüber, die verschlungen ist wie ein gang durch dünen.“

 

P1030314Der das schrieb, war Grafiker durch und durch: Otl Aicher (1922-1991), Mitbegründer der Hochschule für Gestaltung in Ulm und einer der bedeutendsten Kommunikationsdesigner des 20. Jahrhunderts. Den Wüstengänger Aicher zog es wiederholt in die Sahara, allein oder in Begleitung seines jüngsten Sohnes und eines befreundeten Architekten. Was von diesen Reisen blieb, ist nicht mehr und nicht weniger als ein grafisches Gesamtkunstwerk, das in der Tat dazu einlädt, es mäandernd zu genießen. Zu blättern, spontan dem Sog eines Bildes nachzugeben, ein paar Zeilen oder auch Seiten zu lesen, erneut und mit noch mehr Tiefe in die Bilder einzutauchen oder auch mal in eigene Gedanken und Erinnerungen, irgendwann weiterzublättern, um an anderer Stelle erneut zu verweilen.

P1030305Dem Sprach- und Kulturwissenschaftler Jürgen Werner folgt man am besten chronologisch durch sein ebenso praktisches wie spirituell-philosophisches Wüstenwanderbuch. Werner hat immer wieder Zeit mit und bei den Beduinen auf dem Sinai und im Süden Jordaniens verbracht, in deren Kultur ich selbst erst vor wenigen Monaten allererste zarte Einblicke gewann. Ein paar Bilder genügen, und sofort ist es zurück, dieses Gefühl von Stille und unendlicher Weite. Ah… bittersüßes Fernweh!

P1030295„Keine Wüste lädt uns zum Verweilen ein. Sie ist ein atemberaubend schöner, aber auch ein unwirtlicher Ort. Kein Platz, an dem man heimisch werden und sich niederlassen kann. Die Wüste ist ein Ort, den man durchquert. … In der Wüste sein heißt unterwegs sein, nicht nur in einer räumlichen, sondern auch einer seelischen Dimension. Wanderer in der Wüste sein heißt auch Wanderer zu sich selbst sein, das eigene Seelengepäck auf dem Rücken.“ Jürgen Werner empfiehlt Wüstenreisenden, sich eine Frage mitzunehmen, die beantwortet, ein Problem, das gelöst, eine Entscheidung, die getroffen werden will. Er weiß: „Entscheidungen, die du auf einem Wüstenweg triffst, können nicht falsch sein, denn sie kommen aus deinem tiefsten Inneren. Du musst nichts anderes tun, als die Empfehlungen der Wüste zu befolgen.“

Aneignung der Welt

Hanns-Josef Ortheil: Die Moselreise. Roman eines Kindes. München 2012 (TB)

34502097nClaudia hat beim Surfen auf dem Grauen Sofa festgestellt, dass in der vergangenen Woche offenbar viele Blogger den Impuls verspürt haben, (literarisch) auf Reisen zu gehen. Ich nutze die Gunst der Stunde, um noch eine kleine Perle hinterher zu rollen, die mir vor kurzem in die Hände fiel: Die Moselreise von Hanns-Josef Ortheil.

Wenn ich nur eine Textpassage zitieren dürfte, um einen Eindruck von dem Buch zu vermitteln, dann wäre es vielleicht diese:
„Ein Privatquartier ist eine richtige Wohnung, in der eine Familie wohnt. Im Zimmer des Privatquartiers hört man die Familie wohnen, direkt nebenan. Will man im Privatquartier auf die Toilette, muss man durch den Flur der Wohnung. Dann spricht die Familie, die in der Wohnung wohnt, einen an und sagt einem, wo die Toilette ist. Kommt man von der Toilette zurück, spricht einen die Familie wieder an. Das ist anstrengend.“

Man merkt, da beschreibt ein Kind eine ihm noch ziemlich fremde Welt. Dieses Kind beobachtet sehr genau und es bringt minutiös zu Papier, was es beobachtet. Das ist bisweilen irritierend, manchmal unfreiwillig komisch – und sehr anrührend. Ganz besonders, wenn man sich die Hintergründe dieses Romans eines Kindes vergegenwärtigt. Die Moselreise ist ein Reisetagebuch, es ist die Erzählung einer fast zweiwöchigen Wanderung, die der damals elfjährige Hanns-Josef Ortheil im Sommer 1963 zusammen mit seinem Vater unternommen hat. Ortheil war es damals schon ein paar Jahre gewohnt, täglich zu notieren, was er sah und hörte. Darüber, wie dieses „manische Schreiben“ entstanden ist, ja, wie das Kind seit seinem siebten Lebensjahr buchstäblich um sein Leben schrieb, davon erzählt Ortheil in seinem 2009 erschienenen autobiografischen Roman Die Erfindung des Lebens. Ein Meisterwerk, wie ich finde, aber eben auch ein ausgewachsener Ortheil, was unter anderem bedeutet: 400 Seiten dicker als die Moselreise des Elfjährigen, die, ergänzt um Essays des Autors zu Entstehung und Weiterwirken, erstmals 2010 veröffentlicht wurde.

In beiden Büchern geht es um Ortheils Aneignung der Welt durch die erst spät gefundene Sprache und um die wichtige Rolle, die der Vater bei dieser Selbstbefreiung gespielt hat. Ein Vater, wie man ihn sich klüger und einfühlsamer kaum wünschen könnte. Durch die allmähliche Annäherung an die Welt, in der der Vater zu Hause ist, verliert die Fremde auch für den Jungen Stück für Stück ihre Bedrohlichkeit. Ich kann darüber nur Vermutungen anstellen, aber den Gang zur Toilette in einem Privatquartier wird er am Ende der Moselreise kaum noch anstrengend gefunden haben. Denn dank des Vaters hatte er inzwischen auch gelernt, mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen.

Was für ein Buch!

John Williams: Stoner. Roman. München 2013

P1060849Vor fast fünfzig Jahren erschien der Roman des Amerikaners John Williams zum ersten Mal, bekam auf Anhieb gute Kritiken, blieb trotzdem ein Geheimtipp unter Literaten und wurde nach Williams Tod 1994 nicht mehr aufgelegt. Der irische Schriftsteller Colum McCann will allein mindestens 50 Exemplare des Buchs antiquarisch erworben und verschenkt haben, um es vor dem Vergessen zu bewahren. 2006 brachte ein New Yorker Klassiker-Verlag „Stoner“ schließlich neu heraus. Seither wurde der Roman in zahlreiche Sprachen übersetzt, 2013 zum ersten Mal auch ins Deutsche – und erobert Land für Land die Bestsellerlisten.

Dabei ist „Stoner“ auf den ersten Blick alles andere als spektakulär. Es ist die Geschichte eines unauffälligen, stillen, genügsamen Lebens, eines, das nicht viele Spuren hinterlassen hat: „Der ein oder andere Student, der den Namen William Stoner liest, mag sich fragen, wer er war, doch geht die Neugier selten über müßige Spekulationen hinaus. Stoners Kollegen, die ihn zu seinen Lebzeiten nicht besonders schätzten, erwähnen ihn heutzutage nur noch selten: Den Älteren bedeutet sein Name eine Erinnerung an das Ende, das sie alle erwartet, für die Jüngeren ist er bloß ein Klang, der ihnen weder die Vergangenheit näherbringt noch eine Person, die sich mit ihnen oder ihrer Karriere verbinden ließe.“

William Stoner wird 1891 als Sohn armer Farmer im tiefsten Missouri geboren. Ein Leben voller Entbehrungen und harter körperlicher Arbeit ist vorgezeichnet, als die Eltern, stumm und vor der Zeit gealtert, den inzwischen 19-Jährigen zum Studium der Agrarwirtschaft auf die Universität von Columbia schicken. Der Sohn soll es einmal besser haben als sie selbst. Doch lange hält es den jungen William nicht an der landwirtschaftlichen Fakultät: In einem Einführungskurs in englischer Literatur erfasst ihn bei der Lektüre von Shakespeares Sonett 73 eine heftige Leidenschaft, die ihn nie mehr loslassen wird. Stoner wechselt den Studiengang, bleibt auch nach dem Magisterabschluss an der Universität. Durch die Literatur lernt er zu sehen, auch wenn es lange dauern soll, bis er das Wahrgenommene und Gefühlte selbst in Worte fassen kann – „die Epiphanie, durch Worte etwas zu erkennen, was sich in Worte nicht fassen ließ“. Ein brillanter Lehrer wird er nie werden, über eine Assistenzprofessur kommt er Zeit seines Lebens nicht hinaus.

Ebenso eruptiv wie zuvor in die Literatur verliebt sich Stoner in Edith, einzige Tochter einer wohlhabenden Familie aus St. Louis, und heiratet sie nach kurzer Werbezeit. Die Ehe wird nicht glücklich. Natürlich nicht. Edith war „mit einem zarten Talent für die vornehmeren Künste“ aufgewachsen. Sie „besaß keinerlei Kenntnis von den Zwängen des alltäglichen Lebens. Ihre Stickarbeiten waren delikat und nutzlos; sie malte neblige Landschaften in verwaschenen Aquarelltönen, spielte Klavier mit präzisem, doch kraftlosem Anschlag und besaß nicht die geringste Kenntnis ihrer eigenen Körperfunktionen, hatte sie sich doch nie auch nur einen Tag ihres Lebens allein um sich selbst kümmern müssen, noch wäre ihr je in den Sinn gekommen, sie könne einmal für das Wohlergehen eines anderen Menschen verantwortlich sein.“ Edith piesackt Stoner, wo sie nur kann, er weicht klaglos immer weiter zurück, konzentriert sich auf die Arbeit und auf die Aufzucht der Tochter, bis ihm Edith auch diese entfremdet.

An der Universität kommt es zum Showdown mit Professor Lomax, dessen Assistenten Stoner durch eine Prüfung fallen ließ. Stoner ist zu einer Revision seiner  Entscheidung nicht bereit und wird in der Folge von Lomax kaltgestellt, der inzwischen den Posten des Fachbereichsleiters innehat. Statt anspruchsvoller Seminare über die Literatur der Renaissance stehen für Stoner fortan Einführungskurse für Erstsemester in Serie auf dem Lehrplan. Er „hatte jene Phase in seinem Leben erreicht, in der sich ihm mit wachsender Dringlichkeit eine Frage von solch überwältigender Einfachheit stellte, dass er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Er begann sich nämlich zu fragen, ob sein Leben lebenswert sei, ob es das je gewesen war. … Er war zweiundvierzig Jahre alt; vor sich sah er nichts, auf das er sich zu freuen wünschte, und hinter sich nur wenig, woran er sich gern erinnerte.“

Noch einmal scheint ein Licht auf, als sich Stoner in die junge Dozentin Katherine verliebt. Die beiden verbindet neben der körperlichen eine tiefe geistige Liebe. Edith scheint kein Problem mit der „Affäre“ ihres Mannes zu haben, aber Professor Lomax gibt in seinem Hass keine Ruhe, bis Katherine die Universität verlassen muss. Stoner wird seine Seelenfreundin nicht wiedersehen, nur einmal hört er noch von ihr: Sie hat ihm ihre Dissertation gewidmet.

Stoner ist schwer getroffen, erträgt am Ende aber auch diesen Schlag. „Tief drinnen, tiefer als sein Gedächtnis reichte, war das Wissen um Hunger und Not, Ausdauer und Schmerz verborgen. Und obwohl er nur selten an seine frühen Jahre auf der Farm in Booneville dachte, war seinem Bewusstsein jenes Wissen doch nie fern, das ihm von Vorfahren vererbt war, die ihr unbeachtetes, hartes Leben stoisch ertragen und es sich zur Devise gemacht hatten, einer erdrückenden Welt ein ausdrucksloses, hartes, düsteres Gesicht zu zeigen.“ Er kehrt zur Literatur zurück, „dem einzigen Leben …, das ihn nie enttäuscht hatte. Und er stellte fest, dass er sich von diesem Leben trotz aller Verzweiflung nicht allzu weit entfernt hatte.“ Am Ende stirbt Stoner einsam, aber in Frieden.

Das Buch hat mich mit seiner klaren, unsentimentalen, dabei lyrischen und aus heutiger Sicht fast ein wenig altmodischen Sprache von Anfang an magisch an- und immer weiter durch die Seiten gezogen. Aber ich habe rund ein Viertel des Gesamtumfangs gebraucht, um den Stoizismus des William Stoner einigermaßen aushalten zu können. Wie oft dachte ich: Lass das doch nicht mit dir machen, steig aus! wenn seine Frau wieder einmal einer Bösartigkeit eine weitere, noch perfidere hinzugefügt hatte. Ja, Stoner hätte vielleicht glücklicher sein können, wenn er gegangen wäre. Aber so war er eben nicht. Und als ich das endlich begriffen hatte, konnte ich mich ganz auf dieses großartige Seelenporträt eines Menschen einlassen, der ja bei allem Gleichmut, bei aller Duldsamkeit nichts Beliebiges an sich hat, der unbeirrt seinen Weg geht, ganz und gar unbestechlich und letzten Endes frei. Was für ein Buch!

Wie Perlen an einer Schnur

Sabine Peters: Narrengarten. Roman. Göttingen 2013

9783835313453l„Roman“ steht auf dem Cover. „Perlenkette“ hätte es gut getroffen, dachte ich beim Lesen, aber das ist ja keine literarische Kategorie. 26 Geschichten, aufgereiht wie Perlen an einer Schnur. Im Mittelpunkt jeweils eine Person, mal mehr, mal weniger stark verknüpft mit den Protagonisten der vorangegangenen und der nachfolgenden Episoden. Jede für sich komplett und zugleich mit den anderen verbunden und in dieser Verbindung auch noch facettenreicher als die einzelne Miniatur. Und der Titel? „Narrengarten“. Ja, vielleicht, im Sinne von: der ganz normale Wahnsinn. Obwohl mir das Treiben in dem neuen Buch von Sabine Peters im Grunde gar nicht so närrisch vorkommt. Ich selbst hätte mich jedenfalls mühelos an verschiedenen Stellen in den Reigen aus kleineren und größeren Träumen und Nöten einfädeln können: als Freundin, Kollegin, als Verwandte oder Zufallsbekanntschaft irgendwo auf der Straße… Und das keineswegs nur, weil sich all die Schicksale in Hamburg kreuzen und mir Orte und Mentalität(en) des Geschehens vertraut sind.

Um ein weiteres nicht-literarisches Bild zu bemühen: Das Buch ist auch eine Art Staffellauf durch die Stadt – quer durch alle Stadtteile und Bevölkerungsschichten. Seinen Anfang nimmt der Lauf in den öffentlichen Bücherhallen am Hühnerposten. Gerlinde, die selbst schon ein wenig in die Jahre gekommene Bibliothekarin, erinnert sich an Büchereibesuche in ihrer Kindheit, an „Willi Tu und Otto Schätterhand“, an den „glücklichen Löwen, der lacht, und seine Welt ist farbig, leuchtend rot und gold“ und an die strenge Frau Kaiser. „Das Schmatzen des Stempels, mit dem sie den Büchern den Segen gab, bevor man sie nach Haus mitnehmen durfte.“ Frau Kaiser wird der Leser im Laufe der Kapitel noch ein paar Mal begegnen: aus der Perspektive ihrer Pflegerin, in einem eigenen inneren Monolog („Frau Kaiser, Sie müssen sich etwas mehr Mühe geben. Wenn Sie das Hörgerät nicht regelmäßig tragen, bekommen Sie keine Übung damit. Manchmal wird man gescholten von der Putzfrau und dem Pflegedienst. Als wäre man ein Kind. Die große Zeit als Bibliothekarin und als Schatz. Ich war für viele viel, das wissen vor allem die Toten.“) und ein letztes Mal ganz am Ende des Buchs, als die kasachische Putzfrau der alten Bibliothekarin im feinen Othmarschen das eigene Leben Revue passieren lässt, während ihre Tochter in London studiert und von Shanghai träumt. („Wenn Asien die Zukunft ist, hätten wir in Almaty bleiben können, ein Katzensprung nur bis ins Reich der Mitte, Vogelflug dreihundert Kilometer.“)

Frau Kaiser ist nicht wichtiger als andere in Sabine Peters‘ „Narrengarten“. Ich hätte auch Rupert herausgreifen können, die personifizierte Heimat, zu dem viele der Personen in dem Buch in Beziehung stehen. Oder den ehemaligen Redakteur, der viel zu viel trinkt und das vor seiner Frau geheim zu halten versucht. Den promovierten Historiker, der immer noch von seinem übermächtigen Vater träumt. Oder den obdachlosen Verkäufer des Straßenmagazins, der sich schon mal in den Bücherhallen aufhält, wenn es draußen zu kalt ist. Die „Nur-Hausfrau“ aus der gehobenen Mittelschicht, die in und durch ihre Kinder lebt, während sich ihr Mann, ein erfolgreicher Rechtsanwalt, anderweitig vergnügt. („Eine einzige Nacht mit Dings, ein kurzer Seitensprung mit Bums.“) Oder oder oder. Frau Kaiser ist, wie gesagt, nicht wichtiger als andere. Sie steht hier stellvertretend für Aufbau und Erzählweise: In den jeweils nachfolgenden Geschichten werden zugleich die vorangegangenen vervollständigt. Bereits eingeführte Personen werden aus einem anderen Blickwinkel neu beleuchtet, mal aus dem eigenen, mal aus einer weiteren Außensicht. Selbst- und Fremdwahrnehmung sind ja oft zweierlei, und Menschen verändern sich mit dem jeweiligen Gegenüber. Diese Art zu schauen erinnert – ein letzter Vergleich, großes Indianerehrenwort! – an den Blick durch ein Kaleidoskop. Noch einmal gedreht, ein bisschen stärker oder schwächer geschüttelt… und schon entstehen neue Bilder und  Perspektiven. Momentaufnahmen allesamt, es gibt keine Interaktion zwischen den Personen, keine Entwicklung.

Und der Ton? Vielstimmig, nah dran an den Protagonisten, die oft im inneren Monolog zu Wort kommen, komisch, anrührend, lakonisch…  So wie diese Passage aus dem Titel-gebenden vorletzten Kapitel: „Ich dachte mal, sagt er, die Klinik kann ein Ort sein, wo wir nicht nur den Menschen mit seinen Defiziten untersuchen und ihn alltagstauglich flicken. Träume der siebziger, achtziger Jahre: offene Kliniken als Orte, wo wir die Krankheit als Teil einer Lebensgeschichte verstehen lernen, wo wir auch die je eigenartige Begabung sehen. Wo wir zu sprechen anfangen. Manchmal verschlägt es mir die Sprache. … Friedo wickelt eine Lakritzschnecke auf. Auch das Wort Liebe ist ihm zu groß. Er kann nur sagen, dass er seiner Frau morgens den Tee ans Bett bringt. Dass sie dem Einhorn auf seiner Jacke ein neues Auge gestickt hat. … Wie will man wissen, was Wirklichkeit ist und Bewusstsein? Bruchstücke. Er denkt sich oft, dass nur das Unfertige, Halbe, Kleine stimmt.“

Mit Musik

Martina Skala: Strado & Varius. Paris 2002

51ACZ6YC9QL._SX342_Ein paar Jahre schon hatte ich dieses bezaubernde Bilderbuch für Erwachsene nicht mehr in der Hand. Bis gestern, als ich im Bücherregal ein bisschen Platz schaffen wollte. Sehr weit bin ich damit nicht gekommen. Weißt du noch? riefen mir Strado & Varius zu. Sie waren nicht die einzigen, die da riefen. Aber das sind andere Geschichten. Strado & Varius lernte ich vor einem Jahrzehnt in Paris kennen, als ich dort eine Freundin und nebenbei die eine und andere wunderbare Buchhandlung besuchte.

„C’était un frais matin du mois de mars. Le vent balayait les dernières feuilles mortes de l’hiver. Le vieux violiniste, jadis célèbre sous le nom de Varius, se dirigeait comme d’habitude vers son café préféré. Il s’arrêta brusquement: il avait failli marcher sur un œuf! Un petit œuf blanc, au milieu de la route. Un œuf dans Paris ça n’a rien d’extraordinaire, me direz-vous. Ce qui était curieux, en revanche, c’était le bruit qui en sortait. Comme si quelqu’un, tout doucement, accordait un violon!“

Beinahe wäre der alte Geiger Varius an einem kalten Märzmorgen mitten in Paris auf ein Ei getreten. Seltsame Klänge entströmen diesem Ei, gerade so, als würde jemand leise eine Geige stimmen. Plötzlich bewegt sich das Ei, zerbricht schließlich. Heraus schlüpft eine kleine Violine, die sich als Strado vorstellt und dem verdutzten Varius verkündet: Ich werde bei dir bleiben und dich glücklich machen!

Doch schon bald werden die beiden wieder getrennt. Nach der ersten gemeinsamen Orchesterprobe und einer handfesten Auseinandersetzung mit dem eingebildeten Piano, dessen Großvater eng mit Chopin befreundet gewesen sein soll, verirrt sich der kleine Strado in der großen Stadt. Im Zirkus lernt er die Klarinette Rimski und Korsakov, das Saxophon, kennen. Er geht mit einer Rockband auf Tournee, aber das Heimweh wird mit der Zeit immer größer. Strado will nach Hause zu Varius. Und das gelingt ihm am Ende auch, nach einem Gespräch mit dem Mond, der mit Herzensangelegenheiten bekanntlich vertraut ist.

Autorin und Illustratorin dieser liebenswerten, frechen, poetischen kleinen Geschichte, in der noch die Noten Gesichter und Beine haben, ist die gebürtige Pragerin Martina Skala, die selbst viele Jahre in Paris gelebt und gearbeitet hat. Was das Bücherregal angeht: Natürlich behalte ich Strado & Varius. Wer weiß, vielleicht ist es ganz gut, dass ich irgendwann mal angefangen habe, Halsketten an Stelle von Büchern zur Erinnerung mit nach Hause zu bringen…

Ambrosisch

meistens_alles_sehr_schnell-9783423249010Christopher Kloeble: Meistens alles sehr schnell. Roman. München 2012

Viel Zeit bleibt Albert nicht um herauszufinden, wer seine Mutter ist. Der 19-Jährige ist im Heim aufgewachsen. Fred, zu dem er noch nie Vater gesagt hat, weil Albert sich selbst immer eher wie Freds Vater fühlte, ist todkrank. Fred ist inzwischen über Sechzig, riesengroß und geistig ein Kind. Seine Lieblingslektüre sind Lexika, er zählt mit Begeisterung grüne Autos, und wen oder was er so richtig gern mag, nennt er „ambrosisch“. Albert zieht zu Fred, um dessen letzte Monate gemeinsam zu verbringen und um endlich der eigenen Herkunft auf die Spur zu kommen.

Ohne Einzelheiten zu verraten: Die Geschichte hat es in sich. Sie beginnt in einer Hochsommernacht des Jahres 1912 in der oberbayrischen Provinz und umspannt mit allerlei Vor- und Rückblenden und rasanten Perspektivwechseln fast ein ganzes Jahrhundert. Düstere Geheimnisse, Tabubrüche und Schuld inklusive. Das Buch ist vieles in einem: Familiengeschichte, Dorfchronik und Heimatroman, Krimi und Lovestory. Toll geschrieben, extrem spannend, witzig, traurig, warmherzig. Sehr zu empfehlen!