Wabi Sabi in Brandenburg

Der weite Himmel über sanft rollenden Hügeln.
Dräuend bisweilen, kurz vor dem Regen, den das trockene Land so dringend braucht.

Die backsteinernen Kirchlein in den Dörfern. Die vielen Kopfsteinpflasterstraßen.
Steinreich sind sie in der Gegend.

Der Obstbaum hinter dem Haus.
Die Birnen des Herrn von Ribbeck sind nur einen Steinwurf entfernt.

Altes landwirtschaftliches Gerät.
Zu nichts mehr zu gebrauchen als dazu uns zu erinnern.

Gärten so wild.

Häuser so verlassen.

Wälder so still.

Wie ich die herbe Schlichtheit mag, das Unvollkommene, manchmal auch halb Verfallene, in denen so viel Schönheit liegt!

Augen-Blicke

Die Besucherin betrachtet die Kussszene vor sich. Was sie denkt, ist hinter der Maske, die einen Großteil ihres Gesichts bedeckt, nicht zu erkennen. Ob ihr bewusst ist, dass der Dritte im Bilde wiederum sie zu beobachten scheint? Und die Fotografin sie und den Dritten und die Kussszene? Wie geschlossen (und frei von Voyeurismus) wirkt dagegen das Geschehen in der zweiten Aufnahme: Maskenträgerinnen unter sich, beinahe schon eine Begegnung auf Augenhöhe.

Das erste Foto ist ein Schnappschuss aus der Jubiläumsschau zum 100. Geburtstag von Helmut Newton, die noch bis zum 29. November im Ernst Barlach Museum im schleswig-holsteinischen Wedel gezeigt wird. Das zweite Foto entstand, ebenso rasch und intuitiv wie das erste, im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, wo noch bis zum 1. November „Untold Stories“ zu sehen ist (sind) – die erste und zugleich letzte von ihm selbst kuratierte Ausstellung mit Werken von Peter Lindbergh.

Newton und Lindbergh – zwei Jahrhundertfotografen, die am liebsten Frauen fotografierten und mit Mode, Porträt und Akt noch dazu ähnliche Themenschwerpunkte setzten. Und doch liegen Welten zwischen ihren Arbeiten. Wo der ältere Newton Weiblichkeit, das Spiel der Geschlechter kühl, immer wieder auch verstörend inszenierte, feierte Lindbergh, für den auch in der Modefotografie der Mensch mit seiner Persönlichkeit im Vordergrund stand, mit erkennbarer Wertschätzung die natürliche Schönheit der Porträtierten. „Ein Mann der Lifestyle-Magazine“, urteilte Frank Hajasch für NDR Kultur über Newton: „Individualität spielt selten eine Rolle, Mimik gar nicht“. „Der Mann, der die Frauen verstand“, schrieb Tanja Rest in der Süddeutschen Zeitung über Lindbergh: Die Frauen „zeigen etwas von sich, aber sie liefern sich nicht aus“, es geht um „eine Nacktheit, die nichts mit dem Ablegen von Kleidung zu tun hat, sondern selbst gewählt, selbstbestimmt ist“. Besonders augenfällig werden die Unterschiede, wenn man sich beide Ausstellungen nacheinander ansieht. Erst Newton, dann Lindbergh, aus dessen Werkschau ich auch die folgende Foto-Szene mitgebracht habe.

Momente des Innehaltens

„Schönheit ist ja nicht das, worauf sich alle einigen können. Sondern der Moment, in dem jemand nicht anders kann, als innezuhalten.“

Auf diese wunderbaren Sätze der Korrespondentin Andrea Böhm stieß ich in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT. Böhm und ihre Kollegin Alice Bota, die normalerweise über die Kriege dieser Welt schreiben, tauschen sich in einem Briefwechsel über die Schönheit aus. Sie sind sich einig, dass Menschen auch in größter Not nicht auf Schönheit verzichten können, ja, dass sie Schönheit brauchen, um zu überleben. Ein sehr berührender Gedankenaustausch, wie ich finde. Die zitierten Sätze habe ich mir angestrichen – und mich an einige meiner Momente des Innehaltens erinnert.

African Queens

P1090919“Beauty, to me, is about being comfortable in your own skin. That, or a kick-ass red lipstick.”
Gwyneth Paltrow

P1080166Es gibt viele Wege, um sich der Schönheit und Vielfalt Namibias anzunähern: die Formen und Farben der Landschaften zum Beispiel, die Sonnenauf- und -untergänge, denen diese einzigartigen Dämmerlichtphasen vorausgehen beziehungsweise nachfolgen, wilde und weniger wilde Tiere, die so nah sind, dass man die Hand nach ihnen ausstrecken möchte, Bäume, Gräser und Sträucher, die den Wüsten, Savannen und Bergen ihr je eigenes Gepräge geben, die Klänge der vielen Sprachen und die Stille, die einem schier den Atem raubt.

P1090070Von all dem wird hier noch die Rede sein. Heute sollen erst einmal die afrikanischen Königinnen und Prinzessinnen zu „Wort“ kommen. Dicke und dünne, traditionsbewusste und moderne, junge, ganz junge und ältere. Nicht, dass die keinen supertollen roten Lippenstift tragen könnten, aber nötig im Sinne der Paltrow’schen Schönheitsdefinition ist das nicht. Schönheit, so wäre vielleicht zu ergänzen, ist auch eine Frage der Haltung.

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