Das verlassene Dorf

Auf den ersten Blick scheint es, als könnte jeden Moment jemand aus einem der Holzhäuser am Hang treten. Könnte Wäsche an die Leine hängen, auf der noch die Klammern stecken. Oder Fischernetze über die hölzernen Gestelle an der Bucht werfen, die einen natürlichen Hafen zwischen Felsen und Eisbergen bildet.

Es braucht einen zweiten, manchmal auch einen dritten Blick um zu begreifen, dass einem auf der kleinen Insel im Eingang zum Sermilikfjord niemand begegnen wird. Kein Fischer, kein Kind, kein Hund. Nicht auf den Hügeln über der Bucht. Und auch nicht in der Kirche, deren roter Anstrich allmählich verblasst. Denn die Häuser von Ikkatteq stehen leer. Dabei, und das macht den Anblick so surreal, sind manche von ihnen voll bis unter das Dach. Voll mit Dingen, die es zum Leben braucht. Nur die Menschen, die dieses Leben einmal geführt haben, fehlen.

Das Kind, das mit der nackten Puppe gespielt hat, ebenso wie das andere, dem die kleine Gitarre gehörte. Die Erwachsenen, die auf den Sofas saßen und sich aus der Thermoskanne Kaffee einschenkten, als diese noch keinen Rost angesetzt hatte. All die, deren Stiefel, Jacken und Hosen in großen Haufen neben den Häusern liegen. Häusern, deren Dächer immer noch mit Tonnen voller Steine beschwert sind, damit sie bei Sturm nicht abheben, mögen die Steine auch bald durch das rostige Metall fallen.

Neugierig öffnen wir die Kirchentür, treten in einen kleinen Flur mit türkisfarbenen Wänden, in dem man sich kaum umdrehen kann. Zwei Türen gehen von ihm ab. Die rechte führt in einen freundlichen Raum in Hellblau und Weiß. An den Fenstern blättert die Farbe ab, der Rest sieht aus wie frisch gestrichen. Vor uns ein paar Bankreihen. Links hinten eine kleine Kanzel, in der Mitte das Taufbecken, rechts die Orgel. An der Wand stecken noch die Nummern der Lieder, die gesungen werden sollen. Die weiße Jesus-Figur auf dem Altar breitet wie zu einem Willkommensgruß die Arme aus. Flankiert wird sie von Vasen mit Plastikblumen und weißen Kerzen.

Durch die Tür zur Linken geht es in den ehemaligen Schulraum. Ein paar Schultische und Stühle stehen darin. Überall stapeln sich Schulbücher und Hefte, sogar auf dem Bollerofen in der Ecke. Ich stelle mir vor, wie der die Kinder und den Lehrer, der vermutlich zugleich der Pastor war, in den langen grönländischen Wintern warm gehalten hat. Die Tafel ist von oben bis unten vollgekritzelt. „LOVE“ hat einer geschrieben. In Großbuchstaben. An der Wand hängt ein Kalender aus den 1990er Jahren.

Die ersten Bewohner haben Ikkatteq schon in den 1980er Jahren verlassen, erzählt Viggo, der uns mit dem Motorboot auf die einsame Insel gebracht hat. Ich treffe ihn auf einer der Hügelkuppen wieder. Kein Wunder, Viggo ist Fischer. Von da, wo er sitzt, öffnet sich der Blick weit aufs Meer hinaus zur einen, tief in den Fjord hinein zur anderen Seite. Der Mittfünfziger macht nicht viele Worte. Buckelwal, sagt er und zeigt auf eine winzige dunkle Wölbung, die sich, für meine ungeübten Augen kaum wahrnehmbar, weit draußen zwischen den Eisbergen bewegt. Ich nicke, berichte kurz von den Walen, die wir am Vortag ein Stück weiter nördlich gesehen haben, kann nicht einmal sagen, was für welche es waren, und setze meinen Rundgang durch die verlassene Inuit-Siedlung fort.

Langsam schlendere ich den Hang hinauf zum Friedhof. Schief ragt eine Ansammlung weißer Kreuze aus dem felsig-moosigen Grund. Ein paar sind zerbrochen. Zwischen den Steinen leuchtet vereinzelt eine rote oder rosa Plastikrose. Ein friedlicher, ein schöner Ort.

40 Menschen lebten einst in Ikkatteq. Im Laufe der Jahre wurden es immer weniger. Einige starben, andere zogen fort. In die Stadt, nach Tasiilaq, 14 Bootskilometer weiter östlich gelegen, mit seinen 2000 Einwohnern der mit Abstand größte Ort Ostgrönlands. Die allerletzten Bewohner verließen die kleine Insel Anfang dieses Jahrtausends. „Abandoned village (2005)“ – so ist Ikkatteq in meiner Karte von der Region verzeichnet.

Aber so ganz stimmt auch das nicht. Ab und zu quartieren sich noch Jäger in einem der Holzhäuser ein, übernachten auf Sofas und Schaumgummimatten. Ich stelle mir vor, wie sie von draußen hereinkommen. Wie sie ihre Gewehre an die Wand lehnen. Wasser aufsetzen. Mit dem Becher in der Hand zu dem Tisch am Fenster gehen, auf dem zwei Ferngläser nur darauf warten, hinaus aufs Wasser gerichtet zu werden…

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Von Horizont zu Horizont

Sicher und ruhig steuern die Männer, die ihren Lebensunterhalt mit Jagen und Fischen verdienen, wenn sie nicht gerade Reisende wie uns mit dem Motorboot zu einem der abgelegeneren Fjorde transportieren, zwischen flachen Inseln hindurch, die aus nichts als Fels zu bestehen scheinen.

Eisberge bekommen wir heute kaum zu Gesicht, der Ikaasatsivaq-Fjord im Norden der Ammassalik-Insel an der Ostküste Grönlands, an dem wir unser nächstes Camp errichten wollen, ist um diese Jahreszeit eisfrei. Dafür sehen wir die schönsten Bergketten, die meisten gleich doppelt. Wie Scherenschnitte heben sich die schneebedeckten Höhen zu beiden Seiten des schmalen Fjords vom tiefblauen Wasser und dem nicht minder blauen Himmel ab.

Schon nähern wir uns dem Ufer. Auf den ersten Blick ist kaum mehr zu erkennen als Fels und halb gefrorenes Wasser, das sich träge seinen Weg zum Fjord bahnt. Bloß nicht auf die glitschigen Algen treten! Schon gar nicht, wenn man gerade eine von den unhandlichen schweren Proviantboxen über die kaum weniger rutschigen Steine auf festen Grund zu hieven versucht.

Marina, unser Guide, läuft bereits den steinigen Hang hinauf. Irgendwo weiter oben muss Platz für unsere Zelte sein. Und siehe da, es ist: Zwischen den Felsen öffnet sich eine schiefe Ebene mit deutlich weniger Steinen. Gleich nebenan versorgt uns ein reißender Schmelzwasserfluss mit Süßwasser. Der Sand, den er mit sich führt, ist so fein, dass man ihn zwar sieht, aber beim Trinken kaum spürt. Der traumhafte Weitblick über den Fjord lässt die Schlepperei durch das unwegsame Gelände sofort vergessen.

In unserem Rücken erheben sich eine Kuppel und eine Pyramide, an deren markanter Gestalt sich auch die Bootsführer orientiert hatten. Sie sind unsere Ziele für die kommenden Tage.

Die Kuppel ist eine Art Hochplateau, allerdings eines mit vielen Einschnitten, so dass unsere Wanderung ein fortwährendes Auf und Ab ist. Das ist typisch für die Berglandschaft Ostgrönlands, in die die Gletscher tiefe Einschnitte und Täler gefräst haben. Wir verlassen das Plateau schließlich über eine steile Rinne, zur Sicherheit einzeln, damit niemand von losen Steinen und Felsbrocken getroffen wird.

Der Weg zum Sattel der Pyramide führt anderntags vor allem in eine Richtung: aufwärts. Über Schotter und Steine zunächst, steiler dann über Felsbrocken, zwischendurch über wunderbar weiche Hochwiesen voller Moos und Flechten, zuletzt über ein langes steiles Schneefeld, das die Kondition noch einmal ordentlich fordert.

Aber auch für diese Anstrengung bietet die Landschaft reiche Entschädigung. Weit unter uns zu unserer Linken schlängelt sich der Schmelzwasserfluss wie ein schmales silbernes Band. Das Camp ist längst nicht mehr zu sehen. Nach rechts schweift der Blick bis zum Horizont. Der mit Eisbergen und kleinen Meereisfeldern gesprenkelte Sermilikfjord gleich darunter mutet wie ein zweiter Himmel an. Über ihm zeichnet sich zartweiß das Landesinnere ab – das mächtige Inlandeis. Gut und gerne 15 Kilometer mögen es bis dahin sein, aber die Luft ist so klar, dass die Distanz viel kürzer erscheint.