Gesichter einer Landschaft

Jede Landschaft hat ihre eigene, besondere Seele, wie ein Mensch, dem du gegenüber lebst.

Christian Morgenstern

Verliere dein Geheimnis nicht vor mir,
Ich bitte dich, verbirg mir deine Reize,
Und wenn ich sehnlich nach Erkenntnis geize,
So schweige sphinxhaft meiner Wissbegier.
Erkennen heisst, ich hab‘ es längst erkannt,
Die Welt in seine armen Grenzen pferchen;
Du lehre mich aus deinen hundert Lerchen,
Dass deine Schönheit kein Verstand umspannt.

Christian Morgenstern: An eine Landschaft

Sommerfäden über Land

Da fliegt, als wir im Felde gehen,
Ein Sommerfaden über Land,
Ein leicht und licht Gespinst der Feen,
Und knüpft von mir zu ihr ein Band.
Ich nehm ihn für ein günstig Zeichen,
Ein Zeichen, wie die Lieb es braucht.
O Hoffnungen der Hoffnungsreichen,
Aus Duft gewebt, von Luft zerhaucht!

Ludwig Uhland: Der Sommerfaden

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil’s wohltut, weil’s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen, als ein Grashüpferhupf.

Joachim Ringelnatz: Sommerfrische

Und blüht der Weizen, so reift er auch,
Das ist immer so – ein alter Brauch.
Und schlägt der Hagel die Ernte nieder,
Übers andere Jahr trägt der Boden wieder.

Johann Wolfgang von Goethe: Und blüht der Weizen

So schön, dass die Mais-Monokultur der vergangenen Jahre offenbar wieder Raum lässt für ausgedehnte Getreidefelder! Gerste und Weizen vor allem, so scheint es. Was ich in diesem Sommer zum ersten Mal sah, waren Trennwände zwischen minikleinen Ährenfeldern. Keine Ahnung, wovor die schützen sollen – und ob das besser in Weiß oder Braun klappt. Über sachdienliche Hinweise freue ich mich.

Wie Samt und Seide

p1160665Ein Wetter zum Mäusemelken hätte die Großmutter das genannt. Oder zum Heldenzeugen. Und dabei ein kleines bisschen gekichert. Über „so etwas“ sprach man schließlich nicht. Ganz bestimmt nicht vor den Kindern.

p1160637Schleierwolken zieren das blaue Himmelskleid. Noch einmal lockt die Sonne mit hochsommerlichen Temperaturen. Nebenan im Schatten, im leichten Wind, ist schon der Herbst zu spüren. Das macht die Wärme besonders kostbar.

p1160681Und die Menschen… irgendwie langsam. Beinahe kontemplativ spazieren und radeln sie durch das Moor, das an diesem Tag sogar vom allgegenwärtigen Flugverkehr verschont bleibt.

p1160649Ganz still ist es. Am Moorsee warten drei Libellen-Spotter mit dicken Ferngläsern und Teleobjektiven.

p1160646Als ich ein paar Stunden später wieder vorbei komme, sitzen und schauen sie immer noch.

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Das Blaue vom Himmel

P1100559Fahre mit der Eisenbahn,
fahre, Junge, fahre!
Auf dem Deck vom Wasserkahn
wehen deine Haare.

Tauch in fremde Städte ein,
lauf in fremden Gassen;
höre fremde Menschen schrein,
trink aus fremden Tassen.

Flieh Betrieb und Telefon,
grab in alten Schmökern,
sieh am Seinekai, mein Sohn,
Weisheit still verhökern.

Lauf in Afrika umher,
reite durch Oasen;
lausche auf ein blaues Meer,
hör den Mistral blasen!

Wie du auch die Welt durchflitzt
ohne Rast und Ruh –:
Hinten auf dem Puffer sitzt
du.

Kurt Tucholsky: Luftveränderung

P1100562So wunderbar blau war die Nordsee im August 2015. Will doch mal schauen, welche Farbe sie in diesem Sommer hat…

In Licht gebadet

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In Sommerbäder
Reist jetzt ein jeder
Und lebt famos.
Der arme Dokter,
Zu Hause hockt er
Patientenlos.

P1100006Von Winterszenen,
Von schrecklich schönen,
Träumt sein Gemüt,
Wenn, Dank der Götter,
Bei Hundewetter
Sein Weizen blüht…

Wilhelm Busch: Im Sommer

P1100007Eigentlich wollte ich von einer wunderbaren Fahrradtour durch Hamburgs grünen Osten erzählen – ich staune immer wieder, wie ländlich diese Großstadt sein kann -, aber dafür ist es viel zu heiß. Also nur schnell ein paar Licht-Blicke vom Steg ins Brack geworfen (so nennt der Norddeutsche einen See, der in einer bei einem Deichbruch gefluteten Vertiefung entstanden ist) und ab ins Sommerbad! Ich will ja nicht enden wie der „arme Dokter“…

Der Sommer war sehr groß

P1040138„Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

P1050080DSC_1347Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,

P1050300P1030926dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.“

P1040055Der Sommer ist zu Ende. Unverkennbar. Eine letzte Beschwörung will ich noch wagen – mit Bildern von warmen Tagen und ein paar Zeilen aus Rilkes „Herbsttag“.

Sommerregen

P1040188Mein Wochenende war ein klarer Fall von Landflucht. Nur mit umgekehrtem Vorzeichen: nicht weg, sondern hin aufs Land. Aber durchaus auch der besseren Lebensbedingungen wegen, in diesem Fall vor allem klimatisch. War das stickig in der Stadt! – Das Foto zeigt einen besonders schönen Moment: Es hatte geschüttet wie aus Eimern. Ich hockte unterdessen wohl behütet mit  alten Freunden in ihrem Gartenhäuschen. Regenwasser spritzte auf unsere nackten Füße, und jeder Atemzug wurde frischer. Plötzlich brach die Abendsonne durch die immer noch dräuenden Wolken…