Dableibsel

Auf dem kleinen Rastplatz im Wald steht eine überdachte Rundbank. Auf der Bank ein silberfarbenes Tablett mit einer rubinroten Glaskaraffe und zwei dazu passenden Gläsern. Ein Stück entfernt ein drittes Glas, orangerot und kleingemusterter als das Trio auf dem Tablett. Die Karaffe und die Gläser sind leer und vollkommen trocken. Auf dem aufgespannten blauen Müllbeutel neben der Bank ruht ein schwarzer Filzhut. Der Hut ist von einer dünnen Staubschicht bedeckt. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Unwillkürlich beginne ich mir auszumalen, wer all die Dinge zurückließ, als er oder sie diesen Ort verließ. Ein Paar vielleicht, das auf etwas Besonderes anstoßen wollte? Er hatte den Hut abgenommen, weil ihm irgendwie feierlich zumute war. Vielleicht war ihm auch einfach nur heiß. Am spannendsten finde ich das dritte Glas ein wenig abseits. Ich stelle mir vor, dass es für eine Person aufgestellt wurde, die gar nicht anwesend war, aber doch irgendwie dazu gehörte. Aber warum blieben die Dinge zurück, wenn sie doch einen so wichtigen Moment bezeugen?

Ganz tief hinauf

Ich schaute tief hinauf in die Wasser der Au.

Ich rastete auf einer Bank, die schon lange wartete

und staunte, wie gut Blätter und Borke ganz unterschiedlicher Bäume miteinander harmonieren.

Ich entdeckte, dass ich auch Maisfelder mag, wenn sie nur Raum lassen.

Am See schenkte mir ein alter Mann seine liebste Badebucht und ich kam für eine Weile zur Ruhe.

Zupf dir ein Wölkchen

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil’s wohltut, weil’s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.

Joachim Ringelnatz: Sommerfrische

Viel weiter geht meiner Erfahrung nach gerade ohnehin nicht. Komm gut durch die nächsten heißen Tage!

Einer geht noch!

In der Lübecker Bucht sprangen die Strandampeln auf der Internetseite strandticker.de reihenweise auf Rot. In einigen Badeorten mussten schon am Freitag Zugänge an die Ostsee wegen Überfüllung gesperrt werden. Zeitweilig ging nichts mehr an diesem knallheißen Wochenende in Timmendorfer Strand, Scharbeutz & Co. Warum nur, frage ich mich nicht zum ersten Mal, wollen die Menschen eigentlich immer genau dort hin, wo alle anderen auch hin wollen bzw. schon sind?

Wo es doch so wunderbare Alternativen gibt. Die vielen Seen im Herzogtum Lauenburg im Südosten von Schleswig-Holstein zum Beispiel. In der eiszeitlich geformten Hügellandschaft konnten sich Flora und Fauna im Schatten der innerdeutschen Grenze nahezu ungestört entwickeln.

So ein bisschen unter dem Radar geblieben ist die Gegend bis heute. Auch ich hatte fast vergessen, wie schön es dort ist – bis mich Stefanie mit einem Beitrag auf ihrem Blog „In der Nähe bleiben“ daran erinnerte. Danke Stefanie! In aller Ruhe lässt es sich in der Region wandern, baden oder einfach nur sein – selbst an einem Hochsommerwochenende im August.

Ich habe vom Waldparkplatz an der Nordseite des Schmalsees, also praktisch von der Eulenspiegel-Stadt Mölln aus eine große Runde um Schmalsee, Lütauer See, Drüsensee und das Hellbachtal mit Krebssee, Lottsee und Schwarzsee gedreht. Einer geht noch, dachte ich ein ums andere Mal, zumal die Bäume reichlich Schatten spendeten und an kühlem Nass für die qualmenden Füße ja auch kein Mangel bestand.

Den Badeanzug hatte ich blöderweise im Auto gelassen, so dass ich leider keinen Badevergleich zwischen den verschiedenen Seen bieten kann. Der Schmalsee am Spätnachmittag, so viel immerhin kann ich sagen, ist ein Gedicht, das Wasser so weich wie das Licht, das allmählich die Strenge des Tages verliert.

Die Blumen des Altbauern

“Das meiste ist Unkraut. Was weiß ist, ist Unkraut”, sagt der alte Mann und steigt neben mir vom Rad. Ich sehe viel Weiß und dazwischen viel blauen Himmel. „Aber schön ist‘s“, sage ich und knipse weiter. „Na ja…“, meint er. „Mit den Lupinen hat es nicht so geklappt. Und die Sonnenblumen mickern auch. Wenn Sie was richtig Schönes sehen wollen, müssen Sie sich die Wiese am Ende des Ackers ansehen.“ Spricht‘s und schwingt sich wieder auf sein Rad. Ich schwinge und radele hinterher, den sanften Deichhang hinab und dann immer den Löwenzahn-bewachsenen Weg entlang. Am Ende: Was für eine Pracht!

„Die habe ich gesät“, sagt, mit einem Hauch väterlichem Stolz, der alte Mann. „Ich habe ja das Land.“ Und mit Land macht man was. Jedenfalls, wenn man Bauer ist. Oder war, wie der alte Mann. Früher hat er Blumen zum Verkauf gezogen. Dafür sind die Vier- und Marschlande in Hamburgs Südosten bekannt. Für die Blumenzucht und für den Obst- und Gemüseanbau. Jetzt hat der alte Mann nur noch ein paar Reihen Kartoffeln und zwei, drei Apfel- und Birnbäume für den Eigenverbrauch. Und die Wildblumen.

„Man will ja auch mal was anderes sehen“, sagt er. Und fügt, beinah schon philosophisch, hinzu: „Die Zeiten ändern sich. Selbst das Unkraut ist nicht mehr dasselbe wie früher. Hühnerschwarm zum Beispiel habe ich ewig nicht gesehen.“ Kenne ich nicht, denke ich spontan. Kenne ich doch, stelle ich ein paar Stunden später im Internet fest – nur unter anderem Namen: Vogelmiere. Wunderschön, die kleinen sternförmigen Blüten! Weiß natürlich.

Die Idee mit den Wildblumenwiesen hat der Altbauer übrigens von einem Nachbarn: „Das machen jetzt viele hier. Einer fängt an, und dann machen‘s die anderen auch.“

Tatsächlich. So herrlich „wild“ wie auf dieser Tour habe ich Hamburgs großen Garten im Dreistromland zwischen der Elbe und ihren Nebenflüssen Dove- und Gose-Elbe wohl noch nie erlebt.

Selbst in den Vorgärten herrscht vereinzelt fröhliche Anarchie.

In ihrer ganzen Fülle

Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.

Franz Kafka, Tagebücher, 18. Oktober 1921

Picknick mit Queen

Seit Tagen liegt unverkennbar Herbst in der Luft. Aber gestern warf der Sommer noch einmal den Turbo an. Ein Tag zum Helden-Zeugen, wie meine Großmutter zu sagen pflegte. Kurz entschlossen bestiegen die Freundin und ich (und noch zwei, drei andere) nach Feierabend die Fähre Richtung Elbstrand.

Andere müssen für vergleichbare Ausblicke deutlich längere Wege zurücklegen. Dafür haben sie vermutlich mehr Platz an Bord – wie die Passagiere der Queen Mary 2, die an allerlei Picknickdecken vorbei in den Sonnenuntergang schipperte.

Jaha, ein bisschen schneller als ein Hamburger Jung ist so ein Kreuzfahrer auch… Aber wer ist schon in Eile an einem Abend wie diesem?