Zum Meer. Zur Ruh.

Woher?
Vom Meer.
Wohin?
Zum Sinn.
Wozu?
Zur Ruh.
Warum?
Bin stumm.

Klabund (1890 – 1928)

Ohne Regung liegt die Bucht. Himmel und Meer scheinen untrennbar miteinander verbunden zu sein. Jeder Atemlaut übertönt den Wind.

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Stille. Und. Weite.

Beim Aufräumen stieß sie auf längst vergessene Kinogutscheine. Ein Geschenk des allerbesten guten Freundes, der nun schon so lange fehlte. Die junge Frau an der Kasse lächelte: „Kein Problem. Bei uns verfallen die Gutscheine nicht.“ Als sie den großen Saal betrat, war sie allein. Um sie herum ein Meer aus rotem Samt. Es kamen dann noch vier andere. Schauten sich um. Wählten ruhig und bestimmt ihren Platz. Kein Husten. Kein Rascheln. Kein Popcorn. „Zeit für Stille“. Eineinhalb Stunden lang.

Anderntags tauschte sie einen weiteren vergessenen Gutschein ein. Für Weite dieses Mal: „Die Geschichte von einem Weg um die Welt“. Seltsamerweise fühlte sich das kleine Kino kein bisschen eng an. Dreieinhalb Jahre war das sympathische Paar aus dem Schwarzwald unter-weg-s. Dreieinhalb Jahre Begegnungen mit anderen Menschen und Kulturen. Dreieinhalb Jahre Begegnungen mit sich selbst und der eigenen Herkunft.

Während sie durch die gar nicht stille regennasse Stadt nach Hause stapfte, dachte sie an eigene Wege, an eigene Begegnungen in der Welt. Dachte an den allerbesten guten Freund. Und an den alten Kämpfer und die alte Königin in ihrem Exil, die immer da gewesen waren, wenn auch zuletzt immer weniger. In letzter Zeit hatte sie nicht oft das Gefühl, dass alles gut war, wie es war. Für einen Moment war so ein Moment.

Am Rande der Unendlichkeit

p1170405Die Welt tötet uns durch Betriebsamkeit, die Wüste belebt uns durch Stille.

Ibrahim al-Koni: Meine Wüste

p1170509Unser Blick beruhigt sich an den einfachen Formen von Sand, Felsen und Himmel. Wir durchwandern einen Raum, dessen karge Einfachheit mit keinem der uns vertrauten Lebensräume vergleichbar ist. Nichts, was den Blick ablenkt, keine flackernden Bilder, keine hektisch wechselnden Szenarien, niemand, der etwas von uns fordert, außer wir von uns selbst. Nur das grell strahlende Blau des Himmels über uns, nur Sand oder Stein unter unseren Füßen. Nur die gleichförmige Weite, deren überwältigende Schönheit in ihrer Einfachheit begründet ist. Eine Einfachheit, deren Erhabenheit uns in staunendes Schweigen versetzt. Und unser Schweigen entspricht dem Atem der Wüste. Die Stille umfängt uns – anfangs vielleicht bedrohlich, dann aber sickert sie ein in unsere Seele und lässt sie schließlich im Gleichklang schwingen mit der Weite und Ruhe der Landschaft.

Jürgen Werner: Wüstenwandern

p1170512Vollkommenheit entsteht so offensichtlich nicht dann, wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann.

Antoine de Saint-Exupéry: Wind, Sand und Sterne

p1170573Kein Mensch kann in der Wüste leben und davon unberührt bleiben. Er wird fortan, wenn vielleicht auch kaum merklich, das Zeichen der Wüste, das Zeichen des Nomaden tragen; und er wird immer, je nach Veranlagung, leises oder brennendes Heimweh nach jenem Leben verspüren. Denn dieses unerbittliche Land übt einen Zauber aus, dem ein gemäßigtes Klima nichts entgegenzusetzen hat.

Wilfred Thesinger: Die Brunnen der Wüste

p1170570Für die Grübler in den Städten ist der Drang in die Öde stets unwiderstehlich gewesen, wohl nicht, weil sie dort Gott fanden, sondern weil sie in der Einsamkeit mit größerer Klarheit die lebendige Stimme hörten, die sie in sich trugen.

T.E. Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit

p1170547Von Zeit zu Zeit braucht jeder Mensch ein Stück Wüste.

Sven Hedin: Durch Asiens Wüsten

p1170621und weil einem in der wüste nichts gehört, gehört einem alles.

otl aicher: gehen in der wüste

p1170627

Aus Schweigen gesponnen

p1060011Mein schönstes Gedicht?
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.

Mascha Kaléko: Mein schönstes Gedicht

p1060039Halten
dein Haar mit zwei Fingern
deine Schultern – dein Knie – deinen Fuß
Sonst nichts mehr halten
keinen Trumpf – keine Reden
keinen Stecken und Stab und keine Münze im Mund

Erich Fried: Halten (Auszug)

p1050990Wenn dir das noch nicht still genug ist, folgst du vielleicht für einen Moment dem berühmtem Stück 4’33 des amerikanischen Komponisten John Cage. Spürst all den Geräuschen nach, die plötzlich hörbar werden, weil die Musik fehlt. Lauschst dem stillen Lied, das jederzeit Form annehmen könnte. Es ist ja alles bereit.

Momente der Einkehr

P1120973Suche die Stille – in der Natur, in einer Bibliothek oder einer Kirche.

(unbekannter Verfasser)

P1120914Horche auf das, was man hört,
wenn man nichts mehr vernimmt.

(Paul Valéry)

P1120926Es gibt eine Stille, in der man meint, man müsse die einzelnen Minuten hören, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen.

(Adalbert Stifter)

P1120956Wer die Stille ertragen kann, ist niemals allein.

(unbekannter Verfasser)

P1120700Die Fotos, mit Ausnahme des letzten, sind in den Felsenkirchen im äthiopischen Lalibela entstanden, von denen ich hier schon erzählt habe.

Allen, die hier vorbeischauen, lesen, Bilder betrachten und ihre Gedanken dalassen, ein herzliches Dankeschön für euer und Ihr Interesse, schöne Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr – möge es uns immer wieder Momente der Stille und inneren Einkehr schenken!

Den Sternen so nah

P1080944Ocker. Bernstein. Honiggelb. Gold. Purpur. Rosa. Zimt. Orange. Ziegel- und Zinnoberrot… So viele Farben hat die Wüste. Und nur eine Stille.

Das warme Licht des Spätnachmittags, wenn die Hitze des Tages allmählich ihren Griff lockert. Der sanfte Wind, der über das silbrig-gelbe Savannengras streicht. Und ein Himmel in Azur.

Das Verlöschen des Tages und dieses einzigartige Licht, wenn die Sonne schon untergegangen ist, in dem sich noch einmal alle Farben der Wüste spiegeln. Langsam genug, dass sich die Bilder in die Seele einbrennen können.

Dann ist es dunkel. Aber doch nie ganz. Weit spannt der gigantische Sternenhimmel der Südhalbkugel sein Dach über die Dünen. Das Kreuz des Südens. Zum Greifen nah.

Eine Weile noch wispern zwei in ihren Schlafrollen unter dem Kameldornbaum. Endlich ist nichts mehr als Stille zu hören. Eine Stille, die ganz erfüllt. Stille.

„Es gibt ein Vergessen alles Daseins, ein Verstummen unseres Wesens, wo uns ist, als hätten wir alles gefunden.“ (Friedrich Hölderlin in: Hyperion oder der Eremit in Griechenland)

Der Zauber der frühen Stunde. „Morning has broken like the first morning…” Kein Amsel-Singen wie am ersten Tag, aber das riesige Gemeinschaftsnest der Siedelweber wird sicher auch an diesem Tag noch ein Stück größer werden.

Spuren im Sand. Von einem Gecko vielleicht. Oder dem klopfenden Schwarzkäfer Tok-Tokkie. Ein Kreis, den ein vom Wind bewegter Grashalm in den Untergrund spurte. Riesenameisen auf ihrem Weg zum körnigen Grat. „Mine is the sunlight, mine is the morning…“

Impressionen aus der Namib-Wüste, irgendwo zwischen Sesriem und Solitaire am Rande der Naukluft-Berge.

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Berlin-Schnipsel (4)

Manchmal scheint, beinahe überraschend, für einen Moment die Zeit still zu stehen:

P1050678wenn die Oberbaumbrücke in spätherbstliches Gegenlicht getaucht ist zum Beispiel,

P1050679wenn auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof Grabsteine mit Birken verschmelzen,

P1050718P1050729wenn zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals gerade einmal niemand Verstecken spielt

P1050733und sich auch auf dem Gendarmenmarkt die allgegenwärtigen Unterschriftensammler trollen.

P1050572Mit diesen Impressionen endet meine kleine Berlin-Reihe. Eine schöne neue Woche euch allen!

Stille

P1020823Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen – :

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

Rainer Maria Rilke

Die Kraft der Stille

Ein Gespräch mit Harriet Oerkwitz

Harriet Oerkwitz (33) lebt in Hamburg und in Klein Jasedow unweit der Insel Usedom.  Sie ist mit Leib und Seele Musikerin. Ihren Lebensunterhalt verdient sie vor allem als Werbetexterin. Sie läuft Marathon, wandert und reist. Vor ein paar Jahren gründete sie das Online-Magazin „Konzert der Stille“. „Stille“, sagt Harriet, „ist der Urgrund unseres Seins“. Das Erste, was mir an ihr auffiel und meine Neugier weckte, war ein großes „Sowohl als auch“: Zart wirkt diese junge Frau und dabei selbstbewusst, rational und zugleich spirituell. Sie selbst hat das Wort Ambivalenz erst vor ein paar Wochen für sich entdeckt. Bisher hatte sie Spannungsfeld dazu gesagt, aber das war eben auch spannungsgeladen. Jetzt hat das Kind einen anderen Namen bekommen – und eine eigene Improvisation auf dem Klavier: „Ambivalencia“. „Ich habe am Flügel gesessen, und es hat mich geschaudert, wie schön es ist, dass man das sagen kann und sich dafür nicht verstecken und es auch nicht versöhnen muss.“

_MG_7257-2 kleinFrühe Stille

Stille ist eine Komponente in meinem Leben, die immer schon da war, auch als ich sie noch nicht so in meiner Aufmerksamkeit hatte. Mit vier, fünf, sechs Jahren habe ich viel auf der Schaukel in Nachbars Garten gesessen, habe mich rausgezogen bei uns zu Hause, bin meiner eigenen Stille gefolgt und habe gesungen. Ich denke, das hat viel mit der Scheidung meiner Eltern zu tun. In der Zeit wurde wenig gesprochen, und ich machte mir meine eigenen Gedanken. Meiner Mutter ging es nicht so gut. Ich kümmerte mich um meine kleine Schwester und habe mich wohl auch ein bisschen erholt in diesen stillen Phasen auf der Schaukel. Ich habe auch schon früh Musik gemacht und selber Gedichte geschrieben und schnell entdeckt, dass es gut ist, vorher in die Stille zu gehen. Dass man nicht so drauflos schreibt, sondern besser zuerst ins Lauschen geht. Das habe ich schon früh erkannt. Natürlich nicht so bewusst. Jetzt in der Reflexion merke ich: Das hast du eigentlich schon immer gemacht. Du hast viel geschwiegen. Mit 17, 18 hatte ich zum Beispiel einen ganz tollen Freund. Der konnte so würdevoll schweigen. Am Wochenende sind wir häufig mit seinem Auto durch Mecklenburg-Vorpommern gefahren. Wir haben bei offenem Fenster Musik gehört und zusammen geschwiegen. Da waren diese goldenen Felder, der Mais, die Birken, dieser Duft, der Sommer, den ich schmecken konnte, riechen konnte, hören konnte. Ja, Stille ist mir sehr wichtig und definitiv etwas Vertrautes. Ich betone das so, weil ich ganz häufig Menschen begegne, die sagen: Wie jetzt – Stille? Da hätte ich aber Angst!

Allein, gemeinsam, einsam

Ich kann tagelang für mich sein und Freitagabend den ersten offiziellen Termin haben und das erste Wort sprechen. Das gelingt mir ohne besondere Anstrengung, ein ganz selbstverständliches Alleinsein. Aber ich bin auch gern in Gesellschaft. Mit 18, 19 habe ich in meine Bewerbungen geschrieben: „Ich liebe die Stille, ich bin gern allein. Aber ich bin auch gern in Gesellschaft.“ Ich gehe auch allein auf Reisen. Vor ein paar Jahren war ich in Nepal auf dem Mount Everest, bis auf 4.200 Meter Höhe. Da war noch mein Sherpa, aber der lief zwei, drei Kilometer vor oder hinter mir. Und dann gibt es Phasen, da bin ich nicht gern allein. Wie in diesem Frühling. In diesem Frühling hätte ich mir gewünscht, einen Partner zu haben. Oder bin bewusst abends zum Fußballgucken rausgegangen in die Kneipen und habe mich mitten hineingesetzt. Oder ich laufe im Stadtpark zu Zeiten, wo auch andere dort laufen, und nicht morgens um sechs, wo ich weiß, ich bin allein. Schaukeln gehe ich übrigens immer noch gern, allein und mit anderen.

Orte der Stille

Im Stadtpark gibt es ein kleines Séparée mit einer Statue der Jagdgöttin Diana. Das ist mein Kraftort in Hamburg. Wenn es mir mal nicht gut geht, laufe ich morgens gezielt dort vorbei und hole ein bisschen Luft. Dann ist da die Zeit, die ich in Klein Jasedow mit meinem Aufbaustudium Musiktherapie verbringe, im Schnitt alle fünf, sechs Wochen eine Woche. Da bin ich in einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Musikern. Die Akademie der Heilenden Künste ist in dem kleinen Dorf verankert, sie liegt direkt am See, umringt von Feldern und Wald. Da ist es sehr still. Es gibt schlechten Handyempfang. Das heißt, ich muss vorher wirklich alles abgearbeitet haben und den Schreibtisch relativ entspannt verlassen. Auch meine Wohnung ist ein stiller Ort, abgesehen von ein paar Nachbarn. Ich habe zwar einen Fernseher, aber den schalte ich ganz gezielt ein. Ein Radio habe ich gar nicht. Für eine Musikerin ist das wahrscheinlich merkwürdig, aber ich höre nicht mehr so entspannt zu, seit ich mal beim Radio gearbeitet habe. Seither höre ich jeden falschen Schnitt, jede falsche Tastatur, jede falsche Blende.

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Stille und Resonanz

Es gibt viele Brücken und Tricks, um in einen kreativen Flow zu kommen, egal ob bei der musikalischen Improvisation oder beim Schreiben. Aber das, was mir am meisten hilft, ist immer noch die absolute Stille, die Rückbesinnung. Ich bleibe so lange vor dem Klavier sitzen und lausche, bis etwas gesagt werden will. Ich sitze auf dem Hocker und nehme Kontakt auf. Und bei jedem Anschlag bekomme ich eine Antwort, bekomme ich eine Resonanz. Manchmal stellt sich der Kontakt nicht ein. Dann klappe ich den Deckel wieder zu. Wenn ich merke, dass es körperlich Kraft kostet zu üben. Das ist so, als wenn du joggen gehst und feststellst, das ist mir zu anstrengend heute, jetzt höre ich lieber wieder auf. Auch wenn ich mit einem Menschen im Gespräch bin und merke, da ist kein heißer Draht, müssen wir das Gespräch nicht weiterführen. Ich gehe dann aus dem Gespräch und versuche in möglichst klarer Haltung zu sagen, warum es nicht geht. Es tut uns allen gut, in dieser Wahrheit zu sein. Und es ist auch nur eine Momentaufnahme. Das heißt ja nicht, dass ich zehn Minuten später nicht viel besser mit einer bestimmten Stimmung oder einer bestimmten Spiegelung oder Geste umgehen kann. Oder besser: anders. Ich will das gar nicht bewerten. Anders in Resonanz komme. Ich bin natürlich manchmal mit einem Kunden im Gespräch und weiß, ich möchte dieses Gespräch nicht führen, aber es scheint jetzt einfach sinnvoll zu sein, dem anderen zuzuhören, auch wenn er sich gerade bei mir ablädt. Aber es ist mir wichtig, das zumindest zu bemerken und zu reflektieren. Man muss sich selbst gut kennen, sich schon gut zugehört haben, um anderen zuhören zu können, ob das nun ein Baum ist, ein Klavier oder ein anderer Mensch. Da mache ich keinen Unterschied.

Aufmerksamkeit und Stille

Ich wünsche mir Frieden. Frieden in mir und Frieden miteinander. Dazu braucht es Aufmerksamkeit. Ich glaube, Aufmerksamkeit ist, eine Sekunde für sich zu sein, bevor man aus der Haustür geht, bevor man sich anderen Menschen zeigt. Selbstpflege zu betreiben und zu gucken: Kann ich so gehen, bin ich im Frieden? Und wenn ich es nicht bin, noch einmal tief Luft zu holen und zumindest wahrzunehmen: Es geht mir heute nicht so gut, aber ich muss rausgehen, weil ich das und das erledigen muss, was auch immer. Wenn ich mir dessen bewusst bin, schaffe ich eine Haltung und gehe verantwortungsbewusst in Beziehungen. Viele wirtschaftliche, soziale, politische Entscheidungen würden aus dieser Haltung heraus anders getroffen werden.

Facetten der Stille

Wirkliche Klarheit darüber, was Stille für mich bedeutet, habe ich vor drei Jahren aus einer privaten Situation heraus gefunden. Mein bisheriges Leben war von heute auf morgen komplett zusammengebrochen. Ich fühlte eine unglaubliche Erschöpfung, eine unglaubliche Traurigkeit auch. Ich rief alte Freunde an und fragte sie: Was hat mir Freude gemacht? Wie war ich mit mir? Was hat mich ausgemacht, bevor ich nach Hamburg ging? Und ich spürte selbst nach: Was ist das Fundament all der Dinge, die mir Spaß machen? Woher hole ich meine Kraft, meine Energie? Dabei kam ich immer wieder auf die Stille. Auf die Ruhe, den leiblichen Aspekt der Stille, den ich als Sportlerin entdeckte. Auf das Schweigen, mit dem ich als Texterin Kontakt hatte. Und auf die Pausen, die ich als Musikerin so gerne aufsuchte. Das kam wie eine Sehnsucht auf mich zu, gerade weil ich ein kleiner Workaholic bin und oft über meine Grenzen gegangen bin. Ich war mit 25 Jahren Managerin für PR und Werbung eines 5-Sterne-Hotels, bin schon immer zielstrebig auf bestimmte Extreme zugegangen, bin bis heute viel unterwegs und in Bewegung. Ich begriff: Um mich gesund zu halten, muss ich mein Schweigen verstehen, muss ich meine leibliche Ruhe verstehen und aushalten können, muss ich Pausen machen.

Konzert der Stille

Festzustellen, da gibt es etwas Gemeinsames, das vielleicht eine Art Lebenselixier sein kann, diese Erfahrung zu machen und zu sagen: Ich kann das jetzt benennen, es stärkt mich und ich komme wieder in Resonanz, das brauchte Raum und Ausdruck. Das wollte ich nicht für mich behalten. Aus diesem Prozess entstand nach und nach das Online-Magazin „Konzert der Stille“. Dort schreibe ich über das Leben, Arbeiten und Heilen mit Musik im Spannungsfeld von Wissenschaft und Spiritualität und immer wieder über Stille. Ich wurde mal hier und mal da eingeladen und gefragt: Kannst du uns sagen, was du da machst? Kannst du mal ein „Konzert der Stille“ mit uns machen? Ein „Essen in Stille“? Also machte ich mir Gedanken darüber, wie ich so einen Abend gestalte. Manche Menschen kommen mit vielen Fragen. Wir haben ja nicht so viel Stille in unserer Gesellschaft. Da muss geklärt werden: Was bedeutet Stille für dich? Und was bedeutet sie für dich? Welche Erfahrungen hast du damit gemacht? Und wie klingt deine Stille? So einen Austausch finde ich unglaublich spannend. Man begegnet sich als Mensch so nah bei diesem Thema. Das „Konzert der Stille“ ist ein Herzprojekt. Ich verstehe es als ein Geschenk an die Welt. Als Onlineplattform kann es sich nicht erschöpfen, weil Stille in so vielen Zusammenhängen spannend ist: in pädagogischen, künstlerischen, therapeutischen, politischen, zwischenmenschlichen. Ich wünsche mir, dass das „Konzert der Stille“ noch viel mehr zum Marktplatz wird und alle dort schreiben, was sie mit Stille erfahren.

Haus der Stille

Schön wäre es auch, ein „Haus der Stille“ zu haben, wo ich therapeutisch-künstlerisch arbeiten und auch anderen eine Plattform für ihre Seminare, Workshops, ihre Arbeit geben kann. Ich weiß, dass ich das unter den altbewährten Regeln der Betriebswirtschaft wahrscheinlich nicht hinkriege. Aber ich weiß auch, dass die Gesellschaft sich gerade für alternative Möglichkeiten öffnet. Ich will so ein Haus auch gar nicht besitzen und Schlüsselwart sein, sondern einen Ort haben, den ich mit beleben kann. Viele Dinge machen keinen Sinn, wenn man sie nicht teilt.

Fotos: Heike Rössing