Fietsen und Plastiken

Was im niederländischen Groningen sofort ins norddeutsche Auge springt, sind die Massen an Fahrrädern, die in Affenzahn vor, hinter, links und rechts neben einem vorbeisausen. Ungefähr eine Stunde lang sprang ich munter hin und her und dabei auch immer mal wieder einem Radler in den Weg, dann hatte ich mich eingegroovt. Erklären könnte ich das System der Kollisionsvermeidung nicht. Es ist ein bisschen so, wie eine der vielbefahrenen Straßen in Saigon oder Hanoi zu queren. Nur ganz anders. Während ich in Vietnam mit einer Art intuitivem Reißverschlussprinzip ohne direkten Augenkontakt zu den anderen Verkehrsteilnehmern gut fuhr respektive ging, empfehle ich, in Groningen unbedingt die Augen offen zu halten.

In erstaunlicher Parallelität zu meiner eigenen Gewöhnung sah ich gleich in den ersten zehn Minuten meines mehrtägigen Aufenthalts in der Stadt zwei Unfälle, bei denen zum Glück kein größerer Schaden entstand, danach keinen mehr: Nummer eins zwischen zwei fietsen und Nummer zwei zwischen einem fiets und einem bromfiets, oder wie immer der Singular von Fahrrädern und Motorrädern in diesem wunderbar bildhaften Niederländisch gebildet wird. Herzlich lachen musste ich über die von mir so getaufte Plastik „Vater bringt Sohn das Fahrradfahren bei“. Das scheint mir ähnlich überflüssig zu sein wie Tanzunterricht für Erwachsene in Andalusien, wo schon die Allerjüngsten ihren Windelpopo gekonnt zu den Klängen der Flamenco-Gitarren drehen.

Noch ganz in Gedanken an die kleinen Sevillanas-Prinzessinnen fiel mein Blick am Zuiderhaven gleich auf das nächste Hinterteil. Mächtig wölbt es sich neben dem Apartmenthochhaus De Regentes an der Emmasingel in die Luft und enthält auf den zweiten Blick doch vor allem selbst: viel Luft. Tatsächlich wirkt der Körper der Dame in dem ausladenden metallenen Kleid beinahe schmächtig, scheint sie der meterlangen Stützen in Verlängerung der Arme zu bedürfen, um Haltung zu bewahren. Ihr Gesicht mit den überdimensionalen Wimpern indes verrät keine Schwäche. Vielleicht, weil die Künstlerin Silvia B. auch an die Regentin Emma dachte, als sie die Plastik Ultra schuf? Die zweite Frau des 41 Jahre älteren Wilhelm III., König der Niederlande, eine Geborene zu Waldeck und Pyrmont, übernahm nach dessen Tod die Regentschaft für ihre Tochter Wilhelmina, bis diese 1898 achtzehn Jahre alt geworden war und verfassungsmäßig selbst den Thron besteigen konnte.

Nur wenige hundert Meter weiter – ich denke mir das wirklich nicht aus! – streckte mir ein weißes Pferd den Allerwertesten entgegen, während es ungerührt auf der schiefen Ebene vor dem Hauptbahnhof graste. Dabei ist der wirklich wunderschön. Aber Pferde haben bekanntlich andere Prioritäten als Menschen…

Wobei: Essen müssen auch Menschen. Eine Portion superleckere superfrische friet zum Beispiel. In Groningen empfehle ich die Einnahme im Frietwinkel – auch weil man die Frittentüte in diese superpraktische Halterung vor sich stellen kann, während man beim Futtern schaut, wer so alles vorbeispaziert oder -radelt.

Gegenüber wirbt ein anderer winkel für französische Wurstwaren. Und zwischen den beiden Geschäften erstreckt sich eine Straße mit lauter rosafarbenen Häusern, in denen Frischfleisch ganz anderer Art angeboten wird. Den Männern, die mir begegneten, als ich neugierig hindurchschlenderte, schien es nicht im Mindesten peinlich zu sein, gesehen zu werden.

Ich hatte inzwischen die straaten und straatjes mit ihren verschachtelten Höfen südlich vom Grote Markt erreicht. In den hofjes fanden früher Witwen, Kranke, Arme, Waisen und Pilger eine Bleibe. Jedes hofje hat seine eigene Geschichte. In dem 1405 gegründeten St. Geertruids Gasthuis in der Peperstraat zum Beispiel konnte man, wie ich auf der Website von Geo Reisen nachlas, einst am Sonntag Gekken kieken: Gegen Bezahlung durften Besucher durch das Gitter die „Irren“ begaffen, die hier untergebracht waren. Heute sind die Häuser begehrte Mietobjekte. Und wenn nicht gerade Touristen zum „Kieken“ kommen, ist der grüne Hof eine Oase der Ruhe.

Auf der anderen Seite der Mauer, die zum Ältesten zählt, was Groningen zu bieten hat, fand gerade ein Fotoshooting statt, das viel Sinn für Humor verriet und natürlich ebenfalls zum Kieken und zu einem kleinen Schwätzchen einlud.

Gleich um die Ecke fesselte ein Grafitto mit einem nackten Mann und einer nackten Frau, die zwei Busse zur Seite schieben, meine Aufmerksamkeit. Ich hatte die Szene kaum erfasst, als sich auch schon ein Lastenfahrrad ins Bild schob. Wenn es noch eines Belegs bedurft hätte, dass ich mich in einer der fahrradfreundlichsten Städte dieser Erde befand: hier war er.

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Ich sehe Katzen…

Nicht so, wie andere Leute weiße Mäuse, nein, nein. Aber in letzter Zeit doch ziemlich oft und manchmal auch eine ganze Menge.

Neulich in Flensburg zum Beispiel. Kein Lichtstrahl schaffte es durch die einheitsgraue Wolkendecke, aus der pausenlos nur leicht angefrorener Schnee graupelte. Keinen Hund würde man bei so einem Wetter vor die Tür jagen. Aber Katzen brauchen es offenbar nicht so „hyggelig“, um mit den Experten in Sachen Gemütlichkeit von der anderen Seite der Grenze zu sprechen.

Mindestens zehn Samtpfoten (genauer: deren Träger) zählte ich allein in der Norderstraße. Die ist eigentlich nicht für ihre Katzen sondern für ihren Reichtum an ausgelatschten Schuhen bekannt, die an Drähten über den Häuptern der Passanten baumeln.

Olle Sneakers über die Straße zu schleudern, bis sie hängen bleiben, ist in der Flensburger Innenstadt Kult. Angefangen hat der Spaß einst nach feuchtfröhlichen Disco-Nächten. Die Disco gibt es längst nicht mehr, das Event ist geblieben.

Und jetzt ziehen (respektive streifen) auch noch Katzen um die Häuser. In Durchgängen, an Hausecken, auf Treppen drücken sie sich herum und lassen nicht nur Kinderherzen höher schlagen. Immer mal wieder setzt „N.M.“ ein neues Kätzchen aus, vermeldet der Flensburger Straßenfunk – mit Vorliebe nachts, wenn alles schläft…