Sunny side up

Ein Besuch in einer Autowaschanlage ist nichts, worauf ich große Lust habe, aber er ist wirklich nötig. Unter Taubenscheiße und dem klebrigen Saft der Lindenbäume, die ich schon mag, wenn auch zu dieser Jahreszeit ein klitzekleines bisschen weniger als sonst, ist mein „Silberpfeil“ kaum noch zu erkennen. Zwischen Seitenscheiben und Gummidichtung sprießt das Moos, dass es eine perverse Lust ist. Der fortschreitenden Verbuschung, so viel ist klar, ist nur mit mehreren Runden mit dem Hochdruckreiniger beizukommen. Als ich die Anlage erreiche, zieht sich die Schlange wartender Autos über die halbe Tankstelle. Mist! Ich male mir schon mal aus, wie beliebt ich mich machen werde, wenn ich nachher die Zufahrt zur Waschhalle blockiere, während ich immer noch mit dem Hochdruckreiniger hantiere…

Jetzt übe erst mal ich mich in Geduld, steige aus, schlendere ein paar Schritte vor, ein paar Schritte zurück. Beiläufig streift mein Blick den Kleinwagen vor mir. Alle Türen stehen sperrangelweit offen, ebenso wie die Heckklappe. Eine blonde Frau taucht mal in die eine, mal in die andere Öffnung hinein und auch wieder heraus. Auf dem Beifahrersitz thront ein einzelnes Ei. Hä!?, denke ich und muss grinsen. Egg face fragt sich offenbar auch, wann es wohl weitergeht. Das Ei auf der Fußmatte im Fond fragt sich nichts mehr. Es ist schon Spiegelei, nur nicht gebraten. Die blonde Frau, die gerade mit einer Rolle Küchenkrepp Ei und Matte zu Leibe rückt, strahlt mich an: „Die habe ich echt blöd hingestellt für den Transport“, sagt sie. „Immerhin: sieben von zehn sind heil geblieben. Ich finde, das ist kein schlechter Schnitt.“ Ich strahle zurück angesichts solcher Lebensfreude. „Ich bin Sängerin und Schauspielerin“, sagt sie noch. Oh, denke ich, dann hat sie im Moment sicher wirklich andere Sorgen als ein paar kaputte Eier. Ich muss laut gedacht haben, denn sie erwidert: „Nein, nein, jetzt ist es gut. Ich kann wieder unterrichten.“ Und strahlt immer noch. Sunny side up, wie das Ei auf der Fußmatte.

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Heute las ich in einer Beilage des Hamburger Abendblatts, dass der amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle jeden Tag ein Ei fotografiert und auf seinem Twitter-Account postet. Das ist ein Spleen, den ich wirklich nachvollziehen kann.