Tulpen-Kräfte

Dass Tulpen eine wunderbare Projektionsfläche für Gefühle abgeben können, spürte ich, als ich einmal eingeladen wurde, wie eine Tulpe zu tanzen. Ich habe hier schon davon erzählt.

Einen Reigen ganz eigener Art führte ein Strauß der leuchtenden Frühlingsboten jetzt in meinem Arbeitszimmer auf. Kaum hatte ich die Stängel beschnitten und in einer frisch mit Wasser gefüllten Vase drapiert, schienen sie auch schon wie von unsichtbaren Kräften angetrieben nach außen zu streben. Den Sitzen eines Kettenkarussells gleich schwebten die Blüten um den Rand der Vase.

Am nächsten Tag hatten die leuchtenden Gefährte ihren Radius noch einmal merklich vergrößert und begannen – den Gesetzen der Schwerkraft folgend – Stück für Stück Richtung Boden zu sinken. Ich griff erneut zum Messer, doch die Tulpen ließen sich nicht von ihrem Weg abbringen. Auch mit gekürzten Stängeln wollten sie partout nicht in die Höhe wachsen, nur immer nach außen. Weiter. Und weiter.

Sie spielten mit Licht und Schatten. Sie übten Landeanflüge.

Und immer noch suchten sie die Weite. Noch im Verblühen, als sie schon einen Großteil ihrer Farbe und Spannkraft eingebüßt hatten, gaben sie nicht einen Zentimeter Raum auf. Die Sehnsucht, sie schien nicht kleiner geworden zu sein.

Fietsen und Plastiken

Was im niederländischen Groningen sofort ins norddeutsche Auge springt, sind die Massen an Fahrrädern, die in Affenzahn vor, hinter, links und rechts neben einem vorbeisausen. Ungefähr eine Stunde lang sprang ich munter hin und her und dabei auch immer mal wieder einem Radler in den Weg, dann hatte ich mich eingegroovt. Erklären könnte ich das System der Kollisionsvermeidung nicht. Es ist ein bisschen so, wie eine der vielbefahrenen Straßen in Saigon oder Hanoi zu queren. Nur ganz anders. Während ich in Vietnam mit einer Art intuitivem Reißverschlussprinzip ohne direkten Augenkontakt zu den anderen Verkehrsteilnehmern gut fuhr respektive ging, empfehle ich, in Groningen unbedingt die Augen offen zu halten.

In erstaunlicher Parallelität zu meiner eigenen Gewöhnung sah ich gleich in den ersten zehn Minuten meines mehrtägigen Aufenthalts in der Stadt zwei Unfälle, bei denen zum Glück kein größerer Schaden entstand, danach keinen mehr: Nummer eins zwischen zwei fietsen und Nummer zwei zwischen einem fiets und einem bromfiets, oder wie immer der Singular von Fahrrädern und Motorrädern in diesem wunderbar bildhaften Niederländisch gebildet wird. Herzlich lachen musste ich über die von mir so getaufte Plastik „Vater bringt Sohn das Fahrradfahren bei“. Das scheint mir ähnlich überflüssig zu sein wie Tanzunterricht für Erwachsene in Andalusien, wo schon die Allerjüngsten ihren Windelpopo gekonnt zu den Klängen der Flamenco-Gitarren drehen.

Noch ganz in Gedanken an die kleinen Sevillanas-Prinzessinnen fiel mein Blick am Zuiderhaven gleich auf das nächste Hinterteil. Mächtig wölbt es sich neben dem Apartmenthochhaus De Regentes an der Emmasingel in die Luft und enthält auf den zweiten Blick doch vor allem selbst: viel Luft. Tatsächlich wirkt der Körper der Dame in dem ausladenden metallenen Kleid beinahe schmächtig, scheint sie der meterlangen Stützen in Verlängerung der Arme zu bedürfen, um Haltung zu bewahren. Ihr Gesicht mit den überdimensionalen Wimpern indes verrät keine Schwäche. Vielleicht, weil die Künstlerin Silvia B. auch an die Regentin Emma dachte, als sie die Plastik Ultra schuf? Die zweite Frau des 41 Jahre älteren Wilhelm III., König der Niederlande, eine Geborene zu Waldeck und Pyrmont, übernahm nach dessen Tod die Regentschaft für ihre Tochter Wilhelmina, bis diese 1898 achtzehn Jahre alt geworden war und verfassungsmäßig selbst den Thron besteigen konnte.

Nur wenige hundert Meter weiter – ich denke mir das wirklich nicht aus! – streckte mir ein weißes Pferd den Allerwertesten entgegen, während es ungerührt auf der schiefen Ebene vor dem Hauptbahnhof graste. Dabei ist der wirklich wunderschön. Aber Pferde haben bekanntlich andere Prioritäten als Menschen…

Wobei: Essen müssen auch Menschen. Eine Portion superleckere superfrische friet zum Beispiel. In Groningen empfehle ich die Einnahme im Frietwinkel – auch weil man die Frittentüte in diese superpraktische Halterung vor sich stellen kann, während man beim Futtern schaut, wer so alles vorbeispaziert oder -radelt.

Gegenüber wirbt ein anderer winkel für französische Wurstwaren. Und zwischen den beiden Geschäften erstreckt sich eine Straße mit lauter rosafarbenen Häusern, in denen Frischfleisch ganz anderer Art angeboten wird. Den Männern, die mir begegneten, als ich neugierig hindurchschlenderte, schien es nicht im Mindesten peinlich zu sein, gesehen zu werden.

Ich hatte inzwischen die straaten und straatjes mit ihren verschachtelten Höfen südlich vom Grote Markt erreicht. In den hofjes fanden früher Witwen, Kranke, Arme, Waisen und Pilger eine Bleibe. Jedes hofje hat seine eigene Geschichte. In dem 1405 gegründeten St. Geertruids Gasthuis in der Peperstraat zum Beispiel konnte man, wie ich auf der Website von Geo Reisen nachlas, einst am Sonntag Gekken kieken: Gegen Bezahlung durften Besucher durch das Gitter die „Irren“ begaffen, die hier untergebracht waren. Heute sind die Häuser begehrte Mietobjekte. Und wenn nicht gerade Touristen zum „Kieken“ kommen, ist der grüne Hof eine Oase der Ruhe.

Auf der anderen Seite der Mauer, die zum Ältesten zählt, was Groningen zu bieten hat, fand gerade ein Fotoshooting statt, das viel Sinn für Humor verriet und natürlich ebenfalls zum Kieken und zu einem kleinen Schwätzchen einlud.

Gleich um die Ecke fesselte ein Grafitto mit einem nackten Mann und einer nackten Frau, die zwei Busse zur Seite schieben, meine Aufmerksamkeit. Ich hatte die Szene kaum erfasst, als sich auch schon ein Lastenfahrrad ins Bild schob. Wenn es noch eines Belegs bedurft hätte, dass ich mich in einer der fahrradfreundlichsten Städte dieser Erde befand: hier war er.

Strangers in the night

Der harte Kern rückte an einem Tisch zusammen. Jemand stellte halbleere Flaschen Sekt und Schnaps in die Mitte. Prost! Und noch einmal: Prost! Jemand drehte noch einmal die Anlage hoch. Ein paar Je-mann-de und Je-frauen fanden sich noch einmal zum Tanz, schon nicht mehr ganz sicher in den Kurven. Da drehten und lachten zwei, die nichts voneinander wussten, als dass sie gern tanzten und beide gern führten. Bis keiner mehr führte und zwei sich wiegten wie ein Leib. „If you leave me now“. Da wiegten sich zwei und lachten nicht mehr, die nichts voneinander wussten. Aber ihre Körper erinnerten sich.

Tanz der Tulpen

P1070013Hast du dich schon einmal wie eine Tulpe gefühlt? T. blickt in die Runde, bevor er fortfährt: Ich liebe Tulpen! Tulpen sind meine absoluten Lieblingsblumen! Es sind die einzigen, die noch in der Vase weiterwachsen, also, wenn sie eigentlich schon tot sind. Ein kurzes Zögern, dann: Jedenfalls die einzigen, von denen ich das weiß. Und wie sie wachsen… ahhh! Und dann erzählt uns T. von den beiden Tulpen seiner beiden kleinen Töchter. Die eine (Tulpe) zwar weit über den Vasenrand gebeugt, aber in ihrer raumgreifenden Haltung doch unverkennbar aufrecht und knatsch-frisch, der Kopf der anderen (Tulpe) schlaff bis auf den Tisch gebeugt. So tot, wie eine Schnittblume tot sein kann. Eine kurze Untersuchung ergab, dass Vase eins Wasser führte, Vase zwei hingegen nicht. T. tat, was ein liebender Vater in so einer Situation tut: Er verpasste Tulpenstiel zwei einen ordentlichen Schnitt, steckte ihn in die dieses Mal gefüllte Vase – und wartete auf ein Wunder. Und tatsächlich, das Wunder geschah. Innerhalb von 25 oder 30 Minuten, sagt T., richtete sich die Tulpe, die eigentlich vollkommen hinüber war, wieder auf. Wahnsinn! T. kann gar nicht wieder aufhören zu schwärmen. Und während ich noch über die Vorzüge von Tulpen gegenüber zum Beispiel Goldfischen in Kinderhänden nachdenke, sagt T.: So sollt ihr tanzen! Wie die Tulpe, die wächst und sich entfaltet, als gäbe es kein Morgen. Die sich hingibt und noch in der letzten Stunde ihre Schönheit verschwendet, nicht wie die Rose, die in Bitterkeit welkt. – Was soll ich sagen: Wir tanzten um unser Tulpenleben.