Noch Baum? Schon Stein?

Anfassen leider verboten, aber auch so ahne ich, dass den Fingern hart erschiene, was die Augen doch so gerne weichzeichnen möchten.

Bummelig 27 bis 30 Millionen Jahre alt ist das verkieselte Stück Stamm einer Sumpfzypresse, das man im Botanischen Garten in Hamburg bestaunen kann. Un-fassbar, im Wortsinn. Was ist schon eine Million mehr oder weniger? Für einen Augenblick wehen mich die Erinnerungen und der Atem der Ewigkeit in einen versteinerten Wald im Südwesten Afrikas, in dem der Prozess des Steinwerdens bereits vor 250 Millionen Jahren begonnen haben soll.

Sprechende Steine

P1080376Wie es sich anfühlt, auf einem viele Millionen Jahre alten Baumstamm zu sitzen und geradeaus zu schauen? Ziemlich gut! Nicht dass ich mir auch nur ein einziges Jahrtausend auch nur annähernd vorstellen könnte, aber dieses entspannte Gefühl eigener Bedeutungslosigkeit, gepaart mit so etwas wie Eingebundensein in einen größeren Kontext von Raum und Zeit, das mich im Angesicht alles „Ewigen“ zuverlässig befällt, stellte sich für einen Moment auch bei unserem Besuch im Versteinerten Wald in der Nähe der Stadt Khorixas ein.

P1080363Mehr als 50 fossile Stämme sind dort zu bestaunen, die vor sagenhaften 250 Millionen Jahren von einer gewaltigen Flut entwurzelt und dorthin gespült worden sein sollen. Sand und Schlamm schlossen die Bäume luftdicht ab, so dass sie nicht vermodern konnten, eindringendes kieselsäurehaltiges Wasser ließ sie versteinern. Die darüberliegenden Gesteinsmassen wurden durch Erosion im Laufe von Jahrmillionen abgetragen, bis die Stämme wieder sichtbar wurden: fürs Auge auch heute noch eindeutig Holz (einmal sehen können, was sie einst sahen!), für die prüfende Hand – hart wie Granit.

P1080441Noch ganz jung sind im Vergleich dazu die Felsbilder von Twyfelfontein weiter südlich, aber absolut betrachtet ebenfalls unfassbar alt. Die ältesten sollen vor 6000 Jahren entstanden sein. Ganz überwiegend handelt es sich um Gravuren, die mit harten Quarzsteinen mehrere Millimeter tief in die weicheren Sandsteinplatten geritzt wurden: Giraffen, Strauße, Zebras, Antilopen, Nashörner, Elefanten und andere Tiere der Savanne. Aber auch Gestalten mit Pfeil und Bogen und menschliche Fußabdrücke sind zu sehen.

P1080452Was wohl der lange, hoch aufgerichtete Schwanz des Löwen zu bedeuten hat?

P1080423Geschaffen wurden die Bilder vermutlich von den Ureinwohnern des heutigen Namibia: Buschleuten (San) und Damara, die in dem Gebiet auf Jagd gingen. Eine Quelle, die im 20. Jahrhundert nur noch spärlich sprudelte – das trug ihr den Namen „Twyfelfontein“ (Zweifelsquelle) ein –, zog in alten Zeiten viel Wild an. Auf einer geschützten Steinterrasse vielleicht 50 Meter weiter oben ließ es sich gut auf Beute warten. Und Gravuren erstellen, ob nun zur Beschwörung des Jagdglücks oder einfach, um die Wartezeit zu verkürzen.

P1080438Im Brandbergmassiv, wo wir anderntags eine kleine Wanderung unternahmen, sind noch zehntausende Felsbilder erhalten, die meisten in mehr oder weniger unzugänglichem Gelände. Auch sie werden den San zugeschrieben. Wir besuchten die berühmte White Lady, die in Wahrheit allerdings wohl einen Krieger, vielleicht auch einen Schamanen darstellt. Die „Lady“ hat keinen Busen, dafür aber Pfeil und Bogen, Kopf und Oberkörper sind mit Schmuck behängt. Ihr Alter wird auf 2000 bis 4000 Jahre geschätzt.

P1080663Die Figur ist Teil einer Jagdszene mit vielen weiteren kunst- und liebevoll ausgearbeiteten Menschen und Tieren und, obwohl nur noch schwach zu erkennen, von berührender Anmut. Einen schönen Platz hat sie obendrein: verborgen in einer Felsspalte, hinter der sich weit der Blick auf den Königstein öffnet, mit 2573 Metern über dem Meeresspiegel die höchste Erhebung des Landes.

P1080666Und während uns unser Guide auf Brandberg-Akazien, Shepherd’s Trees und allerlei Eidechsen aufmerksam macht, träume ich davon, den geröllig-felsigen Weg durch die Tsisab-Schlucht einfach immer weiter zu gehen.

P1080648Drei Tage dauert die geführte Tour auf die Höhen des Granitmassivs, das die umliegende Wüste um beinahe 2000 Meter überragt. Zwei Tage rauf und einen wieder runter. Durch unwegsames Gelände und mit viel Wasser auf dem Rücken – der Brandberg macht seinem Namen selbst im Südwinter alle Ehre – und einem guten Schlafsack für die kühlen Nächte.

P1080631Von da oben, stelle ich mir vor, muss die Weite noch weiter, noch grenzenloser sein.

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