Durch alle Zeiten

Einer japanischen Legende zufolge lebt der Kranich tausend Jahre und ist ein Symbol für Glück und Gesundheit. Wer im Land der Kirschblüten einen gefalteten Kranich verschenkt, wünscht dem Beschenkten damit tausend Jahre Glück und Gesundheit. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich fühle mich jedes Mal ein kleines bisschen glücklicher, wenn ich den heiseren Ruf der Kraniche über mir höre. Gestern begleiteten mich die Glücksvögel im Nienwohlder Moor nahe dem schleswig-holsteinischen Itzstedt auf einer Wanderung durch die Zeiten.

Bei strahlendem Sonnenschein war ich in Hamburg aufgebrochen. Das Moor und die angrenzenden Felder und Wiesen lagen noch am Mittag unter einer wattigen Nebeldecke.

Äcker mündeten ins Leere. Kahle Äste verloren sich im Unendlichen.

Ganz zaghaft begann die Sonne, sich ihren Weg durch die feuchten Schleier zu bahnen. Die eroberten das verlorene Terrain Mal um Mal zurück, doch auch die Sonne gab nicht auf.

Endlich war kein Halten mehr. Gleißendes Licht ergoss sich über die Flur. Die Rohrkolben in ihrem dicken „Pelz“ kamen ordentlich ins Schwitzen.

Auch die Galloways auf der Weide juckte erkennbar das Fell.

Ein letzter Rausch

Ich weiß nicht, wie viele bunte Blätter du in diesem Herbst schon zu sehen bekommen hast – in der Blogosphäre und im wirklich wahren Leben. Falls es schon (mehr als) genug waren, klick einfach weiter. Wenn nicht: herzlich willkommen zu einem virtuellen Spaziergang am Hohen Elbufer, wo es die Natur am Sonntag noch einmal so richtig krachen ließ!

Bewaldete, steil ansteigende Hänge mit zahlreichen Einschnitten und Tälern prägen diesen Teil des Biosphärenreservats Flusslandschaft Elbe. Entsprechend führt der Weg von Geesthacht-Tesperhude ins zehn Kilometer entfernte Lauenburg munter hügelauf und hügelab. Mal bieten sich von oben weite Blicke auf den Strom, mal begegnet man ihm auf Augenhöhe, nur durch einen Schilfgürtel getrennt.

Es erlt und pappelt, es (brenn-)nesselt und raschelt so licht- und farbtrunken, man mag kaum glauben, dass bereits der halbe November vergangen ist.

In der weihnachtlich geschmückten alten Schifferstadt Lauenburg wartet am Dampferanlegeplatz der unermüdliche bronzene Rufer. An seiner Mütze ist er unschwer als Elbschiffer zu erkennen.

Und weil der Tag so unfassbar herrlich ist, mache ich mich mit der vielleicht allerletzten Eiswaffel dieses Jahres in der Hand gleich wieder auf den Weg zurück nach Tesperhude.

Kaum ist die Sonne hinter den Wolken verschwunden, spürt man: Es ist doch kein Sommer mehr.

Der Schönheit der Landschaft tut das keinen Abbruch.

Wabi Sabi in Brandenburg

Der weite Himmel über sanft rollenden Hügeln.
Dräuend bisweilen, kurz vor dem Regen, den das trockene Land so dringend braucht.

Die backsteinernen Kirchlein in den Dörfern. Die vielen Kopfsteinpflasterstraßen.
Steinreich sind sie in der Gegend.

Der Obstbaum hinter dem Haus.
Die Birnen des Herrn von Ribbeck sind nur einen Steinwurf entfernt.

Altes landwirtschaftliches Gerät.
Zu nichts mehr zu gebrauchen als dazu uns zu erinnern.

Gärten so wild.

Häuser so verlassen.

Wälder so still.

Wie ich die herbe Schlichtheit mag, das Unvollkommene, manchmal auch halb Verfallene, in denen so viel Schönheit liegt!

Einer geht noch!

In der Lübecker Bucht sprangen die Strandampeln auf der Internetseite strandticker.de reihenweise auf Rot. In einigen Badeorten mussten schon am Freitag Zugänge an die Ostsee wegen Überfüllung gesperrt werden. Zeitweilig ging nichts mehr an diesem knallheißen Wochenende in Timmendorfer Strand, Scharbeutz & Co. Warum nur, frage ich mich nicht zum ersten Mal, wollen die Menschen eigentlich immer genau dort hin, wo alle anderen auch hin wollen bzw. schon sind?

Wo es doch so wunderbare Alternativen gibt. Die vielen Seen im Herzogtum Lauenburg im Südosten von Schleswig-Holstein zum Beispiel. In der eiszeitlich geformten Hügellandschaft konnten sich Flora und Fauna im Schatten der innerdeutschen Grenze nahezu ungestört entwickeln.

So ein bisschen unter dem Radar geblieben ist die Gegend bis heute. Auch ich hatte fast vergessen, wie schön es dort ist – bis mich Stefanie mit einem Beitrag auf ihrem Blog „In der Nähe bleiben“ daran erinnerte. Danke Stefanie! In aller Ruhe lässt es sich in der Region wandern, baden oder einfach nur sein – selbst an einem Hochsommerwochenende im August.

Ich habe vom Waldparkplatz an der Nordseite des Schmalsees, also praktisch von der Eulenspiegel-Stadt Mölln aus eine große Runde um Schmalsee, Lütauer See, Drüsensee und das Hellbachtal mit Krebssee, Lottsee und Schwarzsee gedreht. Einer geht noch, dachte ich ein ums andere Mal, zumal die Bäume reichlich Schatten spendeten und an kühlem Nass für die qualmenden Füße ja auch kein Mangel bestand.

Den Badeanzug hatte ich blöderweise im Auto gelassen, so dass ich leider keinen Badevergleich zwischen den verschiedenen Seen bieten kann. Der Schmalsee am Spätnachmittag, so viel immerhin kann ich sagen, ist ein Gedicht, das Wasser so weich wie das Licht, das allmählich die Strenge des Tages verliert.

Gehen geht (fast) immer

Vor ein paar Jahren erst habe ich die Freuden des Fernwanderns für mich entdeckt. Gehen. Immer weiter gehen. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Viele Kilometer weit. Mit jedem Kilometer weitet sich auch mein Blick. Ich spüre meine Füße, beobachte, wie der Rücken gerade wird, wie die Muskeln in meinen Oberschenkeln spielen. Gedanken kommen und gehen. Ich atme ein. Und aus. Und wieder ein. Ich rieche, was um mich ist. Höre bewusster, während das bewusste Denken aufhört. Wie wenig man denken kann, wenn man nur lange genug geht…

Ja, ich weiß. Fernwandern, das geht zurzeit – und wohl noch eine ganze Weile – nicht. Aber eine Weile rausgehen, das geht für die meisten von uns, auch wenn sonst gerade nicht viel geht. „Gehen am Rande des Alltags“ sozusagen, vor der eigenen Haustür. Das passende Buch dazu hat Christian Sauer geschrieben: „Draußen gehen. Inspiration und Gelassenheit im Dialog mit der Natur.“ Der Journalist und Coach weiß: „Draußen gehen ist keine Sportart, sondern eine Art, sich fortzubewegen – und eine Lebensweise. Es belebt und ordnet unser Denken. Draußen gehen relativiert Probleme, eröffnet Perspektiven. Es führt uns raus aus jener Problem-Trance, in die uns Arbeit, Projekte, Beziehungen, Kinder und Eltern immer wieder versetzen.“ Und Corona, ist man versucht hinzuzufügen. Sauers Texte verbinden sich organisch mit großformatigen Illustrationen von Franca Neuburg, die viel Raum lassen für eigene innere (Landschafts-)Bilder. Für ein auch haptisches Vergnügen sorgt der leinene Einband.

Zurzeit spielt sich unser aller Leben in begrenzten Räumen ab. Aber irgendwann wird der Radius wieder größer werden, auch für die Füße. Darauf kann man sich jetzt schon freuen. Zum Beispiel indem man in dem Buch „Vom Wandern. Neue Wege zu einer alten Kunst“ schmökert. Der Autor Ulrich Grober beschreibt darin zwölf seiner eigenen Wanderungen durch deutsche Lande. Allein, mit Kindern, mit Freunden. Immer wieder auch auf den Spuren berühmter Wanderer. Dazu gibt es Tipps fürs Wandern von der passenden Ausrüstung bis zur Orientierung im Gelände. Grober erzählt von unterschiedlichen Landschaften zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Er schreibt über Wasser und Luft, über das Wandern als Überlebensstrategie, über spirituelles Wandern und über das Ankommen. All das so verlockend, dass man am liebsten sofort den Rucksack packen und aufbrechen möchte.

Man könnte natürlich auch das Kapitel übers Navigieren aus- und sich stattdessen auf Abenteuer pur einlassen. Wer dafür schon einmal im geschützten Raum – auf dem Sofa vielleicht oder auf der Gartenliege – üben möchte, dem bieten Kathrin Passig und Aleks Scholz Unterstützung mit ihrer unterhaltsamen „Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene“ über das „Verirren“. Die ist zwar, ebenso wie Ulrich Grobers Werk, schon ein paar Jahre alt, passt aber irgendwie ziemlich gut in diese Zeiten, in denen wir so viele bekannte Pfade verlassen und neue erkunden (müssen).

Im ersten Teil des Buches geht es „um Verirren in harmlosen Gegenden, das sich in den meisten Fällen dadurch wieder beenden lässt, dass man nach dem Weg fragt. Der Abschnitt ‚Fortgeschrittene‘ beschäftigt sich damit, was passiert, wenn man sich mehr als nur ein bisschen verirrt. Anfängerverirrungen lassen sich abbrechen, sobald man schlechte Laune oder kalte Füße bekommt. Fortgeschrittene Verirrungen dagegen gleichen einer Achterbahnfahrt. Man kann nicht einfach mittendrin aussteigen, nur weil man sich fürchtet.“

Die Fotos in diesem Beitrag habe ich von ausgedehnten Streifzügen durch die Fischbeker Heide und die Harburger Berge im hamburgisch-niedersächsischen Grenzgebiet mitgebracht. Passend zur Jahreszeit führten mich meine Wanderungen auch am Kiepenkerlsweg und am Eierstieg vorbei. Euch allen frohe Ostern!

Das verlassene Dorf

Auf den ersten Blick scheint es, als könnte jeden Moment jemand aus einem der Holzhäuser am Hang treten. Könnte Wäsche an die Leine hängen, auf der noch die Klammern stecken. Oder Fischernetze über die hölzernen Gestelle an der Bucht werfen, die einen natürlichen Hafen zwischen Felsen und Eisbergen bildet.

Es braucht einen zweiten, manchmal auch einen dritten Blick um zu begreifen, dass einem auf der kleinen Insel im Eingang zum Sermilikfjord niemand begegnen wird. Kein Fischer, kein Kind, kein Hund. Nicht auf den Hügeln über der Bucht. Und auch nicht in der Kirche, deren roter Anstrich allmählich verblasst. Denn die Häuser von Ikkatteq stehen leer. Dabei, und das macht den Anblick so surreal, sind manche von ihnen voll bis unter das Dach. Voll mit Dingen, die es zum Leben braucht. Nur die Menschen, die dieses Leben einmal geführt haben, fehlen.

Das Kind, das mit der nackten Puppe gespielt hat, ebenso wie das andere, dem die kleine Gitarre gehörte. Die Erwachsenen, die auf den Sofas saßen und sich aus der Thermoskanne Kaffee einschenkten, als diese noch keinen Rost angesetzt hatte. All die, deren Stiefel, Jacken und Hosen in großen Haufen neben den Häusern liegen. Häusern, deren Dächer immer noch mit Tonnen voller Steine beschwert sind, damit sie bei Sturm nicht abheben, mögen die Steine auch bald durch das rostige Metall fallen.

Neugierig öffnen wir die Kirchentür, treten in einen kleinen Flur mit türkisfarbenen Wänden, in dem man sich kaum umdrehen kann. Zwei Türen gehen von ihm ab. Die rechte führt in einen freundlichen Raum in Hellblau und Weiß. An den Fenstern blättert die Farbe ab, der Rest sieht aus wie frisch gestrichen. Vor uns ein paar Bankreihen. Links hinten eine kleine Kanzel, in der Mitte das Taufbecken, rechts die Orgel. An der Wand stecken noch die Nummern der Lieder, die gesungen werden sollen. Die weiße Jesus-Figur auf dem Altar breitet wie zu einem Willkommensgruß die Arme aus. Flankiert wird sie von Vasen mit Plastikblumen und weißen Kerzen.

Durch die Tür zur Linken geht es in den ehemaligen Schulraum. Ein paar Schultische und Stühle stehen darin. Überall stapeln sich Schulbücher und Hefte, sogar auf dem Bollerofen in der Ecke. Ich stelle mir vor, wie der die Kinder und den Lehrer, der vermutlich zugleich der Pastor war, in den langen grönländischen Wintern warm gehalten hat. Die Tafel ist von oben bis unten vollgekritzelt. „LOVE“ hat einer geschrieben. In Großbuchstaben. An der Wand hängt ein Kalender aus den 1990er Jahren.

Die ersten Bewohner haben Ikkatteq schon in den 1980er Jahren verlassen, erzählt Viggo, der uns mit dem Motorboot auf die einsame Insel gebracht hat. Ich treffe ihn auf einer der Hügelkuppen wieder. Kein Wunder, Viggo ist Fischer. Von da, wo er sitzt, öffnet sich der Blick weit aufs Meer hinaus zur einen, tief in den Fjord hinein zur anderen Seite. Der Mittfünfziger macht nicht viele Worte. Buckelwal, sagt er und zeigt auf eine winzige dunkle Wölbung, die sich, für meine ungeübten Augen kaum wahrnehmbar, weit draußen zwischen den Eisbergen bewegt. Ich nicke, berichte kurz von den Walen, die wir am Vortag ein Stück weiter nördlich gesehen haben, kann nicht einmal sagen, was für welche es waren, und setze meinen Rundgang durch die verlassene Inuit-Siedlung fort.

Langsam schlendere ich den Hang hinauf zum Friedhof. Schief ragt eine Ansammlung weißer Kreuze aus dem felsig-moosigen Grund. Ein paar sind zerbrochen. Zwischen den Steinen leuchtet vereinzelt eine rote oder rosa Plastikrose. Ein friedlicher, ein schöner Ort.

40 Menschen lebten einst in Ikkatteq. Im Laufe der Jahre wurden es immer weniger. Einige starben, andere zogen fort. In die Stadt, nach Tasiilaq, 14 Bootskilometer weiter östlich gelegen, mit seinen 2000 Einwohnern der mit Abstand größte Ort Ostgrönlands. Die allerletzten Bewohner verließen die kleine Insel Anfang dieses Jahrtausends. „Abandoned village (2005)“ – so ist Ikkatteq in meiner Karte von der Region verzeichnet.

Aber so ganz stimmt auch das nicht. Ab und zu quartieren sich noch Jäger in einem der Holzhäuser ein, übernachten auf Sofas und Schaumgummimatten. Ich stelle mir vor, wie sie von draußen hereinkommen. Wie sie ihre Gewehre an die Wand lehnen. Wasser aufsetzen. Mit dem Becher in der Hand zu dem Tisch am Fenster gehen, auf dem zwei Ferngläser nur darauf warten, hinaus aufs Wasser gerichtet zu werden…

Klangfarben der Nacht

„Seltsam sind diese hellen Nächte. Es liegt über ihnen eine eigenartige Weihe. Es ist, als schlügen die Wellen leiser, als flögen die Vögel langsamer – die Nacht ist wie der Traum des Tages.“

Aus: Christiane Ritter „Eine Frau erlebt die Polarnacht“

Jeder Ort hat seinen ganz eigenen Sound. Besonders in diesen hellen Nächten. In Tasiilaq ist es der Gesang der Schlittenhunde, die in der schneefreien Zeit an Ketten gebunden ungeduldig darauf warten, dass das Leben seinen bestimmungsgemäßen Fortgang nimmt. In den hellen Nächten singen die Hunde, als gälte es, einen Wettbewerb zu gewinnen. Lang, hochgezogen, durchaus nicht unmelodisch. Das Rudel am kleinen Wasserlauf bei den Schiffswracks ebenso wie der einsame „Wolf“ auf der Anhöhe gegenüber. Aber wer weiß: Vielleicht singen sie auch, wenn es schneit.

Am Ikaasatsivaq-Fjord lässt mich der Schmelzwasserfluss, der wenige Meter neben meinem Zelt vorbeidonnert, lange nicht schlafen. Es ist weniger die Lautstärke als die Monotonie, die mich zu den vorsorglich mitgeführten Ohrstöpseln greifen lässt. Wie ist es nur möglich, dass Wasser wie die Lüftungsanlage einer Großküche klingt? Als ich, immer noch hellwach, den Zelteingang öffne, empfängt mich dieses blau-blaue Licht, das hier alles verklärt – und auch das überreizte Ohr kommt zur Ruhe.

Am Johan Petersens Fjord ist es lange still. Nur ein zartes Gluckern und Knacken ist gelegentlich zu vernehmen, während die Eisbrocken mit der Flut in die kleine Bucht treiben. Plötzlich ein gewaltiges Krachen, gefolgt von einem Knall wie ein Pistolenschuss: Irgendwo weiter draußen verkeilen sich Eisberge ineinander, setzen auf dem Grund auf, brechen auseinander. Immer sind sie in Bewegung, auch wenn man das mit dem bloßen Auge kaum erkennt. Schon gar nicht in diesen hellen Nächten, in denen selbst die Zeit stillzustehen scheint.

Grönländischer Salat

Grönland ist an Naturwundern bestimmt nicht arm. Nichts freilich hat mich so überrascht, wie inmitten der felsigen Fjordlandschaften mit Blick auf Eis und Schnee die herrlichsten Zutaten für einen Salat zu finden. Beeren, ja, damit hatte ich irgendwie gerechnet. Leider waren die Krähenbeeren, die wir in höheren Lagen im Moos erspähten, nur schrumpelige Überlebende vom Vorjahr ohne nennenswerten Geschmack und auch die Blaubeeren noch nicht reif. Während der Sommer in Mitteleuropa in diesem Jahr besonders früh einsetzte, ließ er im hohen Norden besonders lange auf sich warten.

Wie gesagt: Mit Beeren rechnete ich. Aber Salat? Die meisten von uns hatten das Gewächs, von dem hier die Rede ist, zwar durchaus bemerkt, es aber nicht als essbar angesehen. Mit seinen dicken rosettenartig angeordneten Blättern ist der Rosenwurz unschwer als Verwandter des Hauswurz zu erkennen, den man bei uns gern in Steingärten antrifft. Und das sollten wir essen? Ja, sagte Marina, unser Guide: sehr lecker! Vor allem die jungen Stängel ohne Blüte. Mamakaiu! sagen die Grönländer. Gut! Und ich sage: Sie haben alle Recht. Leicht bitter ist der Geschmack, sehr knackig die Konsistenz. Manchmal brachten wir von unseren Wanderungen auch noch Sauerampfer und Löwenzahn mit zurück ins Küchenzelt. Mmmmh!

Die reichsten Vorkommen entdeckten wir in den Ruinen eines ehemaligen Inuit-Winterlagers, ungefähr dort, wo der Johan Petersens Fjord in den breiten Sermilikfjord mündet. Bis in die 1950er Jahre sollen dort Menschen überwintert haben. Viel erinnert nicht daran: Eine Mulde auf einer Anhöhe, die einmal ein geschützter Ausguck gewesen sein mag. Vielleicht auch eine Feuerstelle, um die sich alle sammelten. Oder beides. Ein kleiner Raum aus übereinander geschichteten Steinen. Ob darin einst Walfleisch fermentiert wurde? Drei Gräber zeugen von vergangenem Leben. Die weißen Holzkreuze sind gut erhalten. Womöglich hat man dort erst in jüngerer Zeit Menschen beerdigt, die früher mit dem Ort verbunden waren. Oder wurden alte verfallene Kreuze durch neue ersetzt? „AGE K“ steht auf dem einen. Mit einem Punkt auf dem „A“. Was mag das bedeuten? Ach, könnten die Steine sprechen!

Unseren Salat reicherten wir an diesem Abend mit Thunfisch aus der Dose an.

Von Horizont zu Horizont

Sicher und ruhig steuern die Männer, die ihren Lebensunterhalt mit Jagen und Fischen verdienen, wenn sie nicht gerade Reisende wie uns mit dem Motorboot zu einem der abgelegeneren Fjorde transportieren, zwischen flachen Inseln hindurch, die aus nichts als Fels zu bestehen scheinen.

Eisberge bekommen wir heute kaum zu Gesicht, der Ikaasatsivaq-Fjord im Norden der Ammassalik-Insel an der Ostküste Grönlands, an dem wir unser nächstes Camp errichten wollen, ist um diese Jahreszeit eisfrei. Dafür sehen wir die schönsten Bergketten, die meisten gleich doppelt. Wie Scherenschnitte heben sich die schneebedeckten Höhen zu beiden Seiten des schmalen Fjords vom tiefblauen Wasser und dem nicht minder blauen Himmel ab.

Schon nähern wir uns dem Ufer. Auf den ersten Blick ist kaum mehr zu erkennen als Fels und halb gefrorenes Wasser, das sich träge seinen Weg zum Fjord bahnt. Bloß nicht auf die glitschigen Algen treten! Schon gar nicht, wenn man gerade eine von den unhandlichen schweren Proviantboxen über die kaum weniger rutschigen Steine auf festen Grund zu hieven versucht.

Marina, unser Guide, läuft bereits den steinigen Hang hinauf. Irgendwo weiter oben muss Platz für unsere Zelte sein. Und siehe da, es ist: Zwischen den Felsen öffnet sich eine schiefe Ebene mit deutlich weniger Steinen. Gleich nebenan versorgt uns ein reißender Schmelzwasserfluss mit Süßwasser. Der Sand, den er mit sich führt, ist so fein, dass man ihn zwar sieht, aber beim Trinken kaum spürt. Der traumhafte Weitblick über den Fjord lässt die Schlepperei durch das unwegsame Gelände sofort vergessen.

In unserem Rücken erheben sich eine Kuppel und eine Pyramide, an deren markanter Gestalt sich auch die Bootsführer orientiert hatten. Sie sind unsere Ziele für die kommenden Tage.

Die Kuppel ist eine Art Hochplateau, allerdings eines mit vielen Einschnitten, so dass unsere Wanderung ein fortwährendes Auf und Ab ist. Das ist typisch für die Berglandschaft Ostgrönlands, in die die Gletscher tiefe Einschnitte und Täler gefräst haben. Wir verlassen das Plateau schließlich über eine steile Rinne, zur Sicherheit einzeln, damit niemand von losen Steinen und Felsbrocken getroffen wird.

Der Weg zum Sattel der Pyramide führt anderntags vor allem in eine Richtung: aufwärts. Über Schotter und Steine zunächst, steiler dann über Felsbrocken, zwischendurch über wunderbar weiche Hochwiesen voller Moos und Flechten, zuletzt über ein langes steiles Schneefeld, das die Kondition noch einmal ordentlich fordert.

Aber auch für diese Anstrengung bietet die Landschaft reiche Entschädigung. Weit unter uns zu unserer Linken schlängelt sich der Schmelzwasserfluss wie ein schmales silbernes Band. Das Camp ist längst nicht mehr zu sehen. Nach rechts schweift der Blick bis zum Horizont. Der mit Eisbergen und kleinen Meereisfeldern gesprenkelte Sermilikfjord gleich darunter mutet wie ein zweiter Himmel an. Über ihm zeichnet sich zartweiß das Landesinnere ab – das mächtige Inlandeis. Gut und gerne 15 Kilometer mögen es bis dahin sein, aber die Luft ist so klar, dass die Distanz viel kürzer erscheint.

Das Abenteuer beginnt

Ich wusste, dass eine Trekking-Reise nach Ostgrönland ein Abenteuer sein würde. Aber ich hatte nur sehr ungefähre Vorstellungen davon, was das bedeutete. In dem Infoheftchen des Reiseveranstalters hatte ich zum Beispiel gelesen, dass in den Sommermonaten vereinzelt Eisbären durch den Distrikt Ammassalik streifen würden, an dessen Fjorden wir unsere Zelte aufschlagen wollten.

„Die einheimischen Jäger sind in dieser Jahreszeit nahezu rund um die Uhr unterwegs, so dass Eisbären in den meisten Fällen frühzeitig gesichtet werden. Für den seltenen Fall, dass sich ein Tier tatsächlich in der Gegend aufhält, halten wir abwechselnd Nachtwachen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ein Eisbär sich über einen längeren Zeitraum in einem Gebiet aufhält, verändern wir unsere Trekkingroute kurzfristig, um dem Tier entsprechend Freiraum zu lassen und eine für beide Seiten kritische Begegnung zu vermeiden. Unsere Reiseleiter tragen aus Sicherheitsgründen während des gesamten Trekkings ein Gewehr bei sich und wurden zuvor mit der Nutzung im Ernstfall vertraut gemacht.“

Das hatte ich vor der Reise gelesen – und trotzdem irgendwie angenommen, ich könnte in einem der Camps in der Wildnis notfalls auch mal einen Tag pausieren, sollten die Knie streiken nach tagelangem Auf und vor allem Ab im Geröll. Dass diese Annahme wenig durchdacht war, machte uns Marina gleich bei der ersten Lagebesprechung deutlich. Die sportliche Russin, in Tadschikistan aufgewachsen und schon als Kind auf Expeditionen im Pamirgebirge unterwegs, lebt inzwischen in München. Wenn sie nicht gerade Gruppen durch die Berge dieser Welt führt, klettert sie, mit Vorliebe in vereisten Wasserfällen. Natürlich dürfe niemand allein im Camp zurückbleiben, sagte Marina. Da hätte der Eisbär ja gegebenenfalls leichte Beute.

Vor diesem Hintergrund diente die Tageswanderung auf den Hausberg von Tasiilaq von unserem Basislager am Rande des 2000-Seelen-Orts aus sicher auch dazu herauszufinden, ob wir alle fit genug sind für die vor uns liegenden Tage in der Wildnis. Über Moos und Flechten, über Geröll und Schotter führte der Weg. Vorbei an Gletscherseen und rauschenden Bächen, einmal auch mittendurch. Von Gipfel zu Sattel zu Gipfel.

Staunend und tief berührt schaute ich auf die Eisberge mit ihren türkisfarbenen Röckchen im Meer weit unter uns. Ganz allmählich begann der aufsteigende Nebel die von den Gletschern geformten Täler zu füllen.

P.S. Den „Fitness-Test“ bestanden wir alle. Ich beschloss dennoch, fortan die Kniebandagen anzulegen. An Entlastung mitnehmen, was geht!