Wasserspiele

Ein Kommentar von Ulli vom Café Weltenall zu meinem Beitrag über eine Wanderung durch einen sonnenbeschienenen Zauberwald blieb haften: „Schön, dass alles mitgespielt hat“, schrieb sie. Das stimmt. Selten genug ist es, irgendwas ist ja meist. Vor ein paar Wochen zum Beispiel Regen.

Mit großer Vorfreude hatte ich mich auf den Weg ins Allgäu gemacht, wo ich vor Jahren einen herrlichen Sommer verbracht hatte – so lang, so sonnig, so heiß, dass ich heuer nicht einen Gedanken ans Wetter verschwendete, sondern mit größter Selbstverständlichkeit Bergtour um Bergtour plante. Sogar eine Alpenquerung hatte ich im Kopf, auf alten Schmugglerpfaden von Oberstdorf nach Holzgau in Tirol. Im vergangenen Jahr hatte ich mich in diese „Perle des Lechtals“ verliebt.

Was soll ich sagen: Aus keiner der geplanten Gipfeltouren wurde etwas, von der Wanderung übers Mädelejoch ganz zu schweigen. Am Nachmittag meiner Anreise strahlte die Sonne, am Morgen der Abreise strahlte sie ein weiteres Mal. Dazwischen regnete es. Mal sanft und stetig, mal schüttete es aus Eimern, nachts blitzte und donnerte es, dass es eine perverse Lust war. Eine Woche lang. Die Wolken, die anfänglich luftig über den Hängen schwebten, sanken immer schwerer ins Tal. Bis sie den Boden berührten. Ein Wunder, dass sie niemanden erschlugen.

Das entsprach so gar nicht dem, wofür ich gekommen war. Und ich brauche so viel Nass von allen Seiten auch bestimmt nicht so bald wieder. Aber ganz allmählich – ich war selbst erstaunt – begann ich, dem Reiz der Wasserspiele zu erliegen. Im Tal, in der Klamm, im Tobel. Am steinernen Hang, der zum Wasserfall wurde. Wenn schon der Sommer streikte – ich habe mitgespielt.

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Ein Wald wie ein Gedicht

Der weiße Habit reichte ihr bis auf die Schnürschuhe. In der Rechten hielt sie Teleskop-Wanderstöcke, gehfertig ausgezogen. Der Blick ging prüfend zum Himmel. Ihrer und meiner. „Es könnte klarer sein“, stellte sie sachlich fest. Ich nickte und fragte, ob sie vielleicht ihre Kontakte nach oben bemühen könne. Sie kicherte wie ein junges Mädchen. „Versprechen kann ich nichts“, sagte sie. „Er hört ja nicht immer.“ ER groß geschrieben.

Auf der Infotafel zum Naturwaldreservat las ich später von wundersamen Wesen, die man dort treffen kann: Hirschzungenfarn und Tannenfeuerschwamm, Moorheiden-Kätzcheneule und Rollflügel-Holzeule, um nur einige zu nennen.

Weder Schwalbenwurz noch Erdeule begegneten mir auf dem steilen Pfad hinauf zum See im deutsch-österreichischen Grenzgebiet. Aber dass sie und all die anderen sich in diesem zauberischen Ambiente aus Wachsen und Vergehen und abermals Wachsen wohl fühlen, das leuchtete mir unmittelbar ein.

Und ER hatte auch gehört. Es gibt so Tage.

Himmel und Erde

I am the daughter of earth and water,

And the nursling of the sky;

I pass through the pores of the ocean and shores;

I change, but I cannot die.

For after the rain when with never a stain

The pavilion of heaven is bare,

And the winds and sunbeams with their convex gleams

Build up the blue dome of air,

I silently laugh at my own cenotaph,

And out of the caverns of rain,

Like a child from the womb, like a ghost from the tomb,

I arise and unbuild it again.

Aus: Percy Bysshe Shelley „The Cloud“

Die wollen nur spielen

Nächtlich auf der dunklen Weide
Grasen viele große Kühe,
Kauen,
Schauen,
Tun mir nichts zuleide,
Während ich mich durch sie durch bemühe.

Wenn sie wollten, könnten sie mich überrennen,
Doch sie werden nicht dran denken,
Da sie
Quasi
Gar kein Denken kennen.
Außerdem sind sie nicht abzulenken.

Und so geh’ ich lautlos durch die Herde
Auf dem Gras, daran sie kauen,
Eilig,
Weil ich
Plötzlich bange werde,
Dass sie meine schwache Position durchschauen.

Werner Finck: Gang durch die Kuhherde

Ob es am erhöhten Adrenalinspiegel in Folge der Almquerung lag oder daran, dass der Norddeutschen alles Maritime quasi im Blut liegt: Jedenfalls packte die Fotografin nach dem Anstieg das Gipfelkreuz, als gälte es, Segel für einen Törn durch die bewegten Himmelsfluten zu setzen.

Verträumte Kuh

Auf der saftig günen Wiese
weidet ausgerechnet diese
eine Kuh,
eine Kuh.

Ach, ihr Herz ist voller Sehnen
und im Auge schimmern Tränen
ab und zu,
ab und zu.

Was ihr schmeckt, das wiederkautse
mit der Schnauze, dann verdautse
und macht muh,
und macht muh.

Träumend und das Maul bewegend,
schautse dämlich in die Gegend
grad wie du,
grad wie du.

Heinz Erhardt: Die Kuh

Pastorale

In die Lüneburger Heide kam er der Schafe wegen. Mit Schafen hatte er schon immer zu tun, auch daheim im Oberfränkischen. Vielleicht kam er auch, um dem Erzkatholischen zu entfliehen, vor dem ihm bis heute graut. „Wo sind denn all die Menschen vor uns hingegangen, all die Neandertaler und Homo sapiense“, will er wissen, „wo sind denn ihre Seelen geblieben, von denen die Geistlichen immer reden?“ Er für sein Teil glaube ja, dass wir wieder dahin zurückkehren, woher wir gekommen seien – ins Nichts. Das macht ihm ein bisschen Angst, in seinem Alter. Er hat viel Zeit zum Grübeln, manchmal viel zu viel. Dabei sei er eigentlich ziemlich redselig, sagt er, und dass er vielleicht doch Prediger hätte werden sollen.

Der alte Mann ruft seinen Hund. Der ist noch jung, bisweilen übereifrig. Manchmal treibt er die Schafe weiter, während sie einfach nur friedlich grasen sollen. Drei Hunde hat der Schäfer, nimmt aber immer nur einen mit. Die drei zusammen stachelten sich gegenseitig zu sehr auf. „Zu viel Ehrgeiz“, sagt er, „das ist wie bei den Menschen.“ Jetzt muss er aber wirklich weiter, die Herde einholen. Bereits im Gehen, dreht er sich noch einmal um und ruft: „Also, ich wär ja noch zu haben!“ Die Worte kontrastieren mit der wie in Holz geschnitzten Miene.

Gesichter einer Landschaft

Jede Landschaft hat ihre eigene, besondere Seele, wie ein Mensch, dem du gegenüber lebst.

Christian Morgenstern

Verliere dein Geheimnis nicht vor mir,
Ich bitte dich, verbirg mir deine Reize,
Und wenn ich sehnlich nach Erkenntnis geize,
So schweige sphinxhaft meiner Wissbegier.
Erkennen heisst, ich hab‘ es längst erkannt,
Die Welt in seine armen Grenzen pferchen;
Du lehre mich aus deinen hundert Lerchen,
Dass deine Schönheit kein Verstand umspannt.

Christian Morgenstern: An eine Landschaft

Am Rande der Südheide

Dichter Mischwald rahmt die Straße, die schnurgerade ins Irgendwo führt. Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch ein wildbewegtes Meer aus Sommerwolken, lassen kleine helle Inseln im Grün entstehen, beleuchten hier und da ein Grüppchen Fingerhüte. Gehen. Immer weiter gehen. Weiter ohne Rast. Wie schön könnte das sein, wäre da nicht dieses unbestimmte ferne Donnern. Kündigt sich womöglich doch ein Gewitter an? Ich brauche eine Weile, bis es mir gelingt, den Traum vom Urwald mit der Realität in Verbindung zu bringen. Nur wenige Kilometer nördlich liegt der Truppenübungsplatz Munster, der eigentlich zwei „Plätze“ ist: Munster-Nord und Munster-Süd. Vom deutschen Manövergebiet ist es nur ein Katzensprung bis zum Nato-Truppenübungsplatz Bergen auf der anderen Seite. Und überall wird geschossen.

*

In Wietzendorf beziehe ich Quartier in einem Hotel, das wie viele der gepflegten großen Bauernhöfe im Ort unter mächtigen alten Eichen steht. Auch das Hotel war mal ein Hof. Dann kam eine Kneipe dazu, die Kneipe wurde größer, Gästezimmer wurden gebaut. Früher, erzählt der Wirt, gab es in jeder Straße eine Kneipe, viele nicht größer als ein Wohnzimmer, und in der Hauptstraße gleich sechs. Neben dem Hotel wird gerade die Kirmes für das Schützenfest aufgebaut. Zum Frühstück am nächsten Morgen erwartet der Wirt die Blaskapelle. Bis dahin legt der Ort letzte Hand an Vorgärten und Häuserfassaden.

„Ich war noch niemals in New York“ ist das erste Lied, das ich am anderen Morgen identifiziere. „Das will man doch sehen, das will man erleben, wenn man unterwegs ist“, mutmaßt freundlich der alte Schütze – eine pinkfarbene Pfingstrose im Lauf des geschulterten Gewehrs -, mit dem ich vor dem Bäckerladen ins Plaudern komme. Ich lächle unbestimmt und setze meinen Weg fort. Inzwischen weiß ich, dass der Ort gut 4100 Einwohner und mehr als 40 Vereine hat. Nur der Schützenverein im nahen Munster ist größer.

*

Endlich ein Stück Heide. Am Häteler Berg kämpft eine kleine Fläche, unterstützt von aktiven Bürgern, gegen Verbuschung und Verwaldung. Still ist es. Bis auf das immer fernere Feuer der Geschütze, das sich gelegentlich über das Lied des warmen Windes legt. Oberhalb von Müden, wo Wacholder sich und Eiche küssen, lädt ein paar Stunden später eine Bank zur ausgedehnten Rast. Hier fand der Heimatdichter Hermann Löns seine Seelenlandschaft, hier wurde ihm ein Denkmal gesetzt. „Lass deine Augen offen sein, geschlossen deinen Mund und wandle still, so werden dir geheime Dinge kund.“ Schön hat er das gesagt, finde ich. Was man sieht, wenn man die Augen offen hält, hat der große Arno Schmidt, der bis zu seinem Tod in dem Dörfchen Bargfeld gar nicht weit entfernt lebte, so formuliert: „Gebt mir Flachland, mit weiten Horizonten; Kiefernwälder, süß und eintönig, Wacholder und Erika; und an der Seite muss der weiche staubige Sommerweg hinlaufen, damit man weiß, dass man in Norddeutschland ist.“

*

In Müden blitzt und kracht es seit dem Abend, dass einem Hören und Sehen vergeht. Was ist schon ein bisschen Geschützdonner in der Ferne gegen ein richtiges Sommergewitter! Zum Glück habe ich den Rundgang durch das kopfsteingepflasterte Dorf mit seinen satten Bauerngärten – noch so ein Kandidat für den Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ – und das Abendessen am Heidesee da schon hinter mir. Der ebenso romantische wie rutschige Pfad am Ufer der Oertze mit ihren Steilufern, Prall- und Gleithängen legt am nächsten Morgen beredtes Zeugnis ab, dass da ein Stückchen Welt über Nacht gründlich gewaschen wurde. Immer enger rücken die Bäume, immer dichter stehen die Gräser. Nur das Herz wird immer weiter. Die Hosenbeine sind längst patschnass bis übers Knie.

*

Wenige Kilometer weiter spiegelt sich endloser Maschendrahtzaun in den Pfützen. Ein historischer Ort: Vom Fliegerhorst Faßberg starteten 1948 und 1949 „Rosinenbomber“ in das von der sowjetischen Besatzungsmacht blockierte Berlin. Der Ort in der Südheide war einer der wichtigsten Pfeiler der Luftbrücke der Westalliierten. Das Luftbrückenmuseum am Rande des Fliegerhorsts werde ich bei anderer Gelegenheit besuchen. Jetzt ruft der Wacholderwald…

Wanderlust

Lust for comfort
suffocates the soul
This relentless restlessness
liberates me

I feel at home
whenever the unknown surrounds me
I receive its embrace
aboard my floating house

Mit einem Auszug aus Björks „Wanderlust“ und Mai-Bildern aus der Lüneburger Heide verabschiede ich mich noch einmal für ein paar Tage, um das Unbekannte zu umarmen.

Rheinschleifen

Wie Seide schimmert das überraschend warme Aprillicht, das sich seinen Weg durch die Wolken bahnt. Hoch über dem diesigen Tal wacht mit wehendem Haar Germania, die Kaiserkrone in der erhobenen Rechten, das lorbeerumkränzte Schwert in der gesenkten Linken. 75 Tonnen patriotisches Gedenken an die Reichsgründung 1871 im Rücken, das den heutigen Betrachter mit seiner Monumentalität schier erschlägt, schweift der Blick weich über die Rüdesheimer Weinlagen hinab zum Rhein.

Vor der historischen Kulisse wird gerade ein Bund ganz anderer Art geschlossen.

Wir lassen die eine wie die andere Vereinigung hinter uns, mäandern frei mit dem Fluss durch Wälder und Weinstöcke. Als wir ein paar herrliche Wanderstunden später das Städtchen Lorch erreichen, hat sich längst die Sonne die Kaiserkrone aufs Haupt gesetzt.