Das verlassene Dorf

Auf den ersten Blick scheint es, als könnte jeden Moment jemand aus einem der Holzhäuser am Hang treten. Könnte Wäsche an die Leine hängen, auf der noch die Klammern stecken. Oder Fischernetze über die hölzernen Gestelle an der Bucht werfen, die einen natürlichen Hafen zwischen Felsen und Eisbergen bildet.

Es braucht einen zweiten, manchmal auch einen dritten Blick um zu begreifen, dass einem auf der kleinen Insel im Eingang zum Sermilikfjord niemand begegnen wird. Kein Fischer, kein Kind, kein Hund. Nicht auf den Hügeln über der Bucht. Und auch nicht in der Kirche, deren roter Anstrich allmählich verblasst. Denn die Häuser von Ikkatteq stehen leer. Dabei, und das macht den Anblick so surreal, sind manche von ihnen voll bis unter das Dach. Voll mit Dingen, die es zum Leben braucht. Nur die Menschen, die dieses Leben einmal geführt haben, fehlen.

Das Kind, das mit der nackten Puppe gespielt hat, ebenso wie das andere, dem die kleine Gitarre gehörte. Die Erwachsenen, die auf den Sofas saßen und sich aus der Thermoskanne Kaffee einschenkten, als diese noch keinen Rost angesetzt hatte. All die, deren Stiefel, Jacken und Hosen in großen Haufen neben den Häusern liegen. Häusern, deren Dächer immer noch mit Tonnen voller Steine beschwert sind, damit sie bei Sturm nicht abheben, mögen die Steine auch bald durch das rostige Metall fallen.

Neugierig öffnen wir die Kirchentür, treten in einen kleinen Flur mit türkisfarbenen Wänden, in dem man sich kaum umdrehen kann. Zwei Türen gehen von ihm ab. Die rechte führt in einen freundlichen Raum in Hellblau und Weiß. An den Fenstern blättert die Farbe ab, der Rest sieht aus wie frisch gestrichen. Vor uns ein paar Bankreihen. Links hinten eine kleine Kanzel, in der Mitte das Taufbecken, rechts die Orgel. An der Wand stecken noch die Nummern der Lieder, die gesungen werden sollen. Die weiße Jesus-Figur auf dem Altar breitet wie zu einem Willkommensgruß die Arme aus. Flankiert wird sie von Vasen mit Plastikblumen und weißen Kerzen.

Durch die Tür zur Linken geht es in den ehemaligen Schulraum. Ein paar Schultische und Stühle stehen darin. Überall stapeln sich Schulbücher und Hefte, sogar auf dem Bollerofen in der Ecke. Ich stelle mir vor, wie der die Kinder und den Lehrer, der vermutlich zugleich der Pastor war, in den langen grönländischen Wintern warm gehalten hat. Die Tafel ist von oben bis unten vollgekritzelt. „LOVE“ hat einer geschrieben. In Großbuchstaben. An der Wand hängt ein Kalender aus den 1990er Jahren.

Die ersten Bewohner haben Ikkatteq schon in den 1980er Jahren verlassen, erzählt Viggo, der uns mit dem Motorboot auf die einsame Insel gebracht hat. Ich treffe ihn auf einer der Hügelkuppen wieder. Kein Wunder, Viggo ist Fischer. Von da, wo er sitzt, öffnet sich der Blick weit aufs Meer hinaus zur einen, tief in den Fjord hinein zur anderen Seite. Der Mittfünfziger macht nicht viele Worte. Buckelwal, sagt er und zeigt auf eine winzige dunkle Wölbung, die sich, für meine ungeübten Augen kaum wahrnehmbar, weit draußen zwischen den Eisbergen bewegt. Ich nicke, berichte kurz von den Walen, die wir am Vortag ein Stück weiter nördlich gesehen haben, kann nicht einmal sagen, was für welche es waren, und setze meinen Rundgang durch die verlassene Inuit-Siedlung fort.

Langsam schlendere ich den Hang hinauf zum Friedhof. Schief ragt eine Ansammlung weißer Kreuze aus dem felsig-moosigen Grund. Ein paar sind zerbrochen. Zwischen den Steinen leuchtet vereinzelt eine rote oder rosa Plastikrose. Ein friedlicher, ein schöner Ort.

40 Menschen lebten einst in Ikkatteq. Im Laufe der Jahre wurden es immer weniger. Einige starben, andere zogen fort. In die Stadt, nach Tasiilaq, 14 Bootskilometer weiter östlich gelegen, mit seinen 2000 Einwohnern der mit Abstand größte Ort Ostgrönlands. Die allerletzten Bewohner verließen die kleine Insel Anfang dieses Jahrtausends. „Abandoned village (2005)“ – so ist Ikkatteq in meiner Karte von der Region verzeichnet.

Aber so ganz stimmt auch das nicht. Ab und zu quartieren sich noch Jäger in einem der Holzhäuser ein, übernachten auf Sofas und Schaumgummimatten. Ich stelle mir vor, wie sie von draußen hereinkommen. Wie sie ihre Gewehre an die Wand lehnen. Wasser aufsetzen. Mit dem Becher in der Hand zu dem Tisch am Fenster gehen, auf dem zwei Ferngläser nur darauf warten, hinaus aufs Wasser gerichtet zu werden…

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Klangfarben der Nacht

„Seltsam sind diese hellen Nächte. Es liegt über ihnen eine eigenartige Weihe. Es ist, als schlügen die Wellen leiser, als flögen die Vögel langsamer – die Nacht ist wie der Traum des Tages.“

Aus: Christiane Ritter „Eine Frau erlebt die Polarnacht“

Jeder Ort hat seinen ganz eigenen Sound. Besonders in diesen hellen Nächten. In Tasiilaq ist es der Gesang der Schlittenhunde, die in der schneefreien Zeit an Ketten gebunden ungeduldig darauf warten, dass das Leben seinen bestimmungsgemäßen Fortgang nimmt. In den hellen Nächten singen die Hunde, als gälte es, einen Wettbewerb zu gewinnen. Lang, hochgezogen, durchaus nicht unmelodisch. Das Rudel am kleinen Wasserlauf bei den Schiffswracks ebenso wie der einsame „Wolf“ auf der Anhöhe gegenüber. Aber wer weiß: Vielleicht singen sie auch, wenn es schneit.

Am Ikaasatsivaq-Fjord lässt mich der Schmelzwasserfluss, der wenige Meter neben meinem Zelt vorbeidonnert, lange nicht schlafen. Es ist weniger die Lautstärke als die Monotonie, die mich zu den vorsorglich mitgeführten Ohrstöpseln greifen lässt. Wie ist es nur möglich, dass Wasser wie die Lüftungsanlage einer Großküche klingt? Als ich, immer noch hellwach, den Zelteingang öffne, empfängt mich dieses blau-blaue Licht, das hier alles verklärt – und auch das überreizte Ohr kommt zur Ruhe.

Am Johan Petersens Fjord ist es lange still. Nur ein zartes Gluckern und Knacken ist gelegentlich zu vernehmen, während die Eisbrocken mit der Flut in die kleine Bucht treiben. Plötzlich ein gewaltiges Krachen, gefolgt von einem Knall wie ein Pistolenschuss: Irgendwo weiter draußen verkeilen sich Eisberge ineinander, setzen auf dem Grund auf, brechen auseinander. Immer sind sie in Bewegung, auch wenn man das mit dem bloßen Auge kaum erkennt. Schon gar nicht in diesen hellen Nächten, in denen selbst die Zeit stillzustehen scheint.

Grönländischer Salat

Grönland ist an Naturwundern bestimmt nicht arm. Nichts freilich hat mich so überrascht, wie inmitten der felsigen Fjordlandschaften mit Blick auf Eis und Schnee die herrlichsten Zutaten für einen Salat zu finden. Beeren, ja, damit hatte ich irgendwie gerechnet. Leider waren die Krähenbeeren, die wir in höheren Lagen im Moos erspähten, nur schrumpelige Überlebende vom Vorjahr ohne nennenswerten Geschmack und auch die Blaubeeren noch nicht reif. Während der Sommer in Mitteleuropa in diesem Jahr besonders früh einsetzte, ließ er im hohen Norden besonders lange auf sich warten.

Wie gesagt: Mit Beeren rechnete ich. Aber Salat? Die meisten von uns hatten das Gewächs, von dem hier die Rede ist, zwar durchaus bemerkt, es aber nicht als essbar angesehen. Mit seinen dicken rosettenartig angeordneten Blättern ist der Rosenwurz unschwer als Verwandter des Hauswurz zu erkennen, den man bei uns gern in Steingärten antrifft. Und das sollten wir essen? Ja, sagte Marina, unser Guide: sehr lecker! Vor allem die jungen Stängel ohne Blüte. Mamakaiu! sagen die Grönländer. Gut! Und ich sage: Sie haben alle Recht. Leicht bitter ist der Geschmack, sehr knackig die Konsistenz. Manchmal brachten wir von unseren Wanderungen auch noch Sauerampfer und Löwenzahn mit zurück ins Küchenzelt. Mmmmh!

Die reichsten Vorkommen entdeckten wir in den Ruinen eines ehemaligen Inuit-Winterlagers, ungefähr dort, wo der Johan Petersens Fjord in den breiten Sermilikfjord mündet. Bis in die 1950er Jahre sollen dort Menschen überwintert haben. Viel erinnert nicht daran: Eine Mulde auf einer Anhöhe, die einmal ein geschützter Ausguck gewesen sein mag. Vielleicht auch eine Feuerstelle, um die sich alle sammelten. Oder beides. Ein kleiner Raum aus übereinander geschichteten Steinen. Ob darin einst Walfleisch fermentiert wurde? Drei Gräber zeugen von vergangenem Leben. Die weißen Holzkreuze sind gut erhalten. Womöglich hat man dort erst in jüngerer Zeit Menschen beerdigt, die früher mit dem Ort verbunden waren. Oder wurden alte verfallene Kreuze durch neue ersetzt? „AGE K“ steht auf dem einen. Mit einem Punkt auf dem „A“. Was mag das bedeuten? Ach, könnten die Steine sprechen!

Unseren Salat reicherten wir an diesem Abend mit Thunfisch aus der Dose an.

Von Horizont zu Horizont

Sicher und ruhig steuern die Männer, die ihren Lebensunterhalt mit Jagen und Fischen verdienen, wenn sie nicht gerade Reisende wie uns mit dem Motorboot zu einem der abgelegeneren Fjorde transportieren, zwischen flachen Inseln hindurch, die aus nichts als Fels zu bestehen scheinen.

Eisberge bekommen wir heute kaum zu Gesicht, der Ikaasatsivaq-Fjord im Norden der Ammassalik-Insel an der Ostküste Grönlands, an dem wir unser nächstes Camp errichten wollen, ist um diese Jahreszeit eisfrei. Dafür sehen wir die schönsten Bergketten, die meisten gleich doppelt. Wie Scherenschnitte heben sich die schneebedeckten Höhen zu beiden Seiten des schmalen Fjords vom tiefblauen Wasser und dem nicht minder blauen Himmel ab.

Schon nähern wir uns dem Ufer. Auf den ersten Blick ist kaum mehr zu erkennen als Fels und halb gefrorenes Wasser, das sich träge seinen Weg zum Fjord bahnt. Bloß nicht auf die glitschigen Algen treten! Schon gar nicht, wenn man gerade eine von den unhandlichen schweren Proviantboxen über die kaum weniger rutschigen Steine auf festen Grund zu hieven versucht.

Marina, unser Guide, läuft bereits den steinigen Hang hinauf. Irgendwo weiter oben muss Platz für unsere Zelte sein. Und siehe da, es ist: Zwischen den Felsen öffnet sich eine schiefe Ebene mit deutlich weniger Steinen. Gleich nebenan versorgt uns ein reißender Schmelzwasserfluss mit Süßwasser. Der Sand, den er mit sich führt, ist so fein, dass man ihn zwar sieht, aber beim Trinken kaum spürt. Der traumhafte Weitblick über den Fjord lässt die Schlepperei durch das unwegsame Gelände sofort vergessen.

In unserem Rücken erheben sich eine Kuppel und eine Pyramide, an deren markanter Gestalt sich auch die Bootsführer orientiert hatten. Sie sind unsere Ziele für die kommenden Tage.

Die Kuppel ist eine Art Hochplateau, allerdings eines mit vielen Einschnitten, so dass unsere Wanderung ein fortwährendes Auf und Ab ist. Das ist typisch für die Berglandschaft Ostgrönlands, in die die Gletscher tiefe Einschnitte und Täler gefräst haben. Wir verlassen das Plateau schließlich über eine steile Rinne, zur Sicherheit einzeln, damit niemand von losen Steinen und Felsbrocken getroffen wird.

Der Weg zum Sattel der Pyramide führt anderntags vor allem in eine Richtung: aufwärts. Über Schotter und Steine zunächst, steiler dann über Felsbrocken, zwischendurch über wunderbar weiche Hochwiesen voller Moos und Flechten, zuletzt über ein langes steiles Schneefeld, das die Kondition noch einmal ordentlich fordert.

Aber auch für diese Anstrengung bietet die Landschaft reiche Entschädigung. Weit unter uns zu unserer Linken schlängelt sich der Schmelzwasserfluss wie ein schmales silbernes Band. Das Camp ist längst nicht mehr zu sehen. Nach rechts schweift der Blick bis zum Horizont. Der mit Eisbergen und kleinen Meereisfeldern gesprenkelte Sermilikfjord gleich darunter mutet wie ein zweiter Himmel an. Über ihm zeichnet sich zartweiß das Landesinnere ab – das mächtige Inlandeis. Gut und gerne 15 Kilometer mögen es bis dahin sein, aber die Luft ist so klar, dass die Distanz viel kürzer erscheint.

Das Abenteuer beginnt

Ich wusste, dass eine Trekking-Reise nach Ostgrönland ein Abenteuer sein würde. Aber ich hatte nur sehr ungefähre Vorstellungen davon, was das bedeutete. In dem Infoheftchen des Reiseveranstalters hatte ich zum Beispiel gelesen, dass in den Sommermonaten vereinzelt Eisbären durch den Distrikt Ammassalik streifen würden, an dessen Fjorden wir unsere Zelte aufschlagen wollten.

„Die einheimischen Jäger sind in dieser Jahreszeit nahezu rund um die Uhr unterwegs, so dass Eisbären in den meisten Fällen frühzeitig gesichtet werden. Für den seltenen Fall, dass sich ein Tier tatsächlich in der Gegend aufhält, halten wir abwechselnd Nachtwachen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ein Eisbär sich über einen längeren Zeitraum in einem Gebiet aufhält, verändern wir unsere Trekkingroute kurzfristig, um dem Tier entsprechend Freiraum zu lassen und eine für beide Seiten kritische Begegnung zu vermeiden. Unsere Reiseleiter tragen aus Sicherheitsgründen während des gesamten Trekkings ein Gewehr bei sich und wurden zuvor mit der Nutzung im Ernstfall vertraut gemacht.“

Das hatte ich vor der Reise gelesen – und trotzdem irgendwie angenommen, ich könnte in einem der Camps in der Wildnis notfalls auch mal einen Tag pausieren, sollten die Knie streiken nach tagelangem Auf und vor allem Ab im Geröll. Dass diese Annahme wenig durchdacht war, machte uns Marina gleich bei der ersten Lagebesprechung deutlich. Die sportliche Russin, in Tadschikistan aufgewachsen und schon als Kind auf Expeditionen im Pamirgebirge unterwegs, lebt inzwischen in München. Wenn sie nicht gerade Gruppen durch die Berge dieser Welt führt, klettert sie, mit Vorliebe in vereisten Wasserfällen. Natürlich dürfe niemand allein im Camp zurückbleiben, sagte Marina. Da hätte der Eisbär ja gegebenenfalls leichte Beute.

Vor diesem Hintergrund diente die Tageswanderung auf den Hausberg von Tasiilaq von unserem Basislager am Rande des 2000-Seelen-Orts aus sicher auch dazu herauszufinden, ob wir alle fit genug sind für die vor uns liegenden Tage in der Wildnis. Über Moos und Flechten, über Geröll und Schotter führte der Weg. Vorbei an Gletscherseen und rauschenden Bächen, einmal auch mittendurch. Von Gipfel zu Sattel zu Gipfel.

Staunend und tief berührt schaute ich auf die Eisberge mit ihren türkisfarbenen Röckchen im Meer weit unter uns. Ganz allmählich begann der aufsteigende Nebel die von den Gletschern geformten Täler zu füllen.

P.S. Den „Fitness-Test“ bestanden wir alle. Ich beschloss dennoch, fortan die Kniebandagen anzulegen. An Entlastung mitnehmen, was geht!

Wie ein ruhiger See

Einmal pro Tag fliegt Air Iceland von Reykjavik aus die kurze Landebahn zwischen Felsen, Eis und Wasser an – immer vorausgesetzt, tief hängender Nebel oder andere widrige Wetterverhältnisse verhindern dies nicht. Wir haben Glück und landen bei strahlendem Sonnenschein auf dem winzigen Flughafen von Kulusuk, dem einzigen in Ostgrönland. Sonst gibt es dort nur noch Heliports.

Kurze Zeit später düsen wir bereits in offenen Motorbooten über den Nordatlantik, vorbei an Kirchen und Kathedralen, an Zauberschlössern und verfallenen Burgen in Weiß-Blau-Türkis.

So weich und beinahe cremig wie überdimensionale Baisers treiben die Eisberge im gleißenden Licht. Da muss einer sehr viel Eiweiß und Zucker aufgeschlagen haben, denke ich, als mir der Wind unter die Daunenjacke fährt und mich daran erinnert, dass wir uns nicht in der Backstube des Schlaraffenlandes sondern bei wenigen Grad über Null auf dem Meer befinden.

Unser Ziel ist Tasiilaq im Süden der Ammassalik-Insel am Kong Oscars Havn, einem als besonders still geltenden Fjord. Daher der Name „Tasiilaq“, was „wie ein ruhiger See“ bedeutet. An diesem „See“ 100 Kilometer unterhalb des Polarkreises werden wir unser Basislager errichten.

Nur etwa 2500 bis 3000 Menschen leben insgesamt in Ostgrönland, allein 2000 von ihnen in Tasiilaq. Zu dem Städtchen wiederum gehören fünf Inuit-Dörfer in den umliegenden Fjorden, darunter auch Kulusuk, das die Verbindung zum Rest der Welt hält.

Tasiilaq auf den ersten Blick, das sind: eine ungeteerte Piste, die von der Bootsanlegestelle Richtung Ortszentrum führt, linker Hand Müllkippe und Hubschrauberlandeplatz, rechts der Campground, weiter hinten rote, blaue und grüne Häuser, vereinzelt auch gelbe, die wie eine Sammlung Bauklötze an den felsigen Hängen kleben.

Im Ort gibt es ein Postamt, zwei Supermärkte – den bemerkenswert gut sortierten kleinen am einen und den noch viel besser sortierten großen am anderen Ende –, die alte Kirche, die inzwischen das Museum beherbergt, und die neue Kirche weiter oben, die eher an ein Zelt erinnert, Gemeindeverwaltung, Touristeninformation, Schule, Krankenhaus, Friedhof und Polizei, einen kleinen Hafen natürlich. Was man so braucht. Und – last but not least – das Servicehaus, in dem ganz am Ende eine heiße Dusche auf uns wartet. Aber jetzt warten erstmal eineinhalb Wochen Trekking auf uns…

Stippvisite im Eis

Grönland ist mit über zwei Millionen Quadratkilometern die größte Insel der Welt. Die Küste hat eine Gesamtlänge von 40.000 Kilometern. Würde man diese Strecke am Äquator zurücklegen, hätte man die Erde genau einmal umrundet.

Mehr als 80 Prozent der Fläche Grönlands sind von einer gigantischen Schicht Inlandeis überzogen, die an manchen Stellen über 3000 Meter dick ist. Nur die Antarktis besitzt gewaltigere Eismassen.

Die Gletscher des Inlandeises schieben sich unaufhaltsam durch die unberührte Landschaft Richtung Küste. Riesige Eisbrocken lösen sich von den Gletscherzungen und treiben fortan als frostige Berge und Schollen durch den Nordatlantik. In den vergangenen Jahren hat der Klimawandel diesen Prozess noch beschleunigt.

Die von schneebedeckten Bergketten gesäumten Fjorde Ostgrönlands, in denen ich gerade wandern war, sind die meiste Zeit des Jahres durch Treibeis versperrt, das der kalte Ostgrönlandstrom aus dem Polarmeer heranspült. Vor allem anderen aber sind sie von einer Schönheit, die nicht von dieser Welt zu sein scheint.

„Die Natur, stark und wild, ist wie eine alte, in Schnee gemeißelte Sage, die manchmal in so feiner und zarter Stimmung ist wie ein Gedicht. Aber die Natur ist auch wie kalter Stahl, in dem sich das Licht der Farben im Licht der Sonne spiegelt.“ (Fridtjof Nansen, 1861 – 1930, norwegischer Polarforscher)

Juans fliegende Fische

Ich ging dann doch noch weiter: vom Ende der Welt nach Norden, die Costa da Morte zur Linken. Wie liebe ich Raúls eigenwillige Erklärung für den Namen des Küstenstreifens im äußersten Nordwesten der iberischen Halbinsel. „Todesküste“ habe man ihn nicht etwa wegen der vielen Seefahrer genannt, die in der rauen See und an den Klippen ihr Leben ließen. Ach, staunte ich zwischen zwei Bissen Toastbrot. Sondern? Na, weil doch Abend für Abend die Sonne über dem Meer starb… Irgendwo in Raúls Genen muss ein Rest des Sonnenkults überlebt haben, der in der Gegend unter Kelten wie Römern so viele Anhänger hatte. Heilige Steine wie der Ara Solis, der „Sonnenaltar“ auf dem Monte Facho oberhalb des Leuchtturms von Kap Finisterre erinnern bis heute daran.

*

Nur noch ein paar Kilometer sind es bis Muxía. Wie verlockend der kleine Pfad aussieht. Bloß weg von der Straße! Hinein in die Büsche, bis es gar keinen Weg mehr gibt. Zuletzt folge ich Hufspuren in der Annahme, dass die Pferde einen Reiter getragen haben, aber die Tiere sind offenbar frei herumgelaufen. Die Spuren enden an einem kleinen Wasserlauf. Egal. Das Meer und die Straße sind ja weiterhin zu hören, geben Orientierung. Der alte Mann in den Dünen staunt nicht schlecht, als ich aus dem Dickicht breche. Meine Frage, ob ich wohl nach Belieben zur Straße hinaufklettern könne, bejaht er grinsend. Wir seien schließlich nicht in Nordkorea. Immer vorausgesetzt natürlich, ich könne. Steil ist es, da hat er Recht, aber kein wirkliches Hindernis für eine, die gerade eine mehrwöchige Wanderung hinter sich hat.

*

Muxía ist ein Ort mit viel Wetter. An diesem Tag bläst der Wind aus Leibeskräften. Tanzend, rollend, schnaubend bahnt sich die See ihren Weg ans Ufer. An den vorgelagerten Felsen ruft sie die tollsten Explosionen hervor. Welch eine Kraft! Eine vorwitzige Passantin reißt es um ein Haar in die Fluten.

Von Bö zu Bö arbeite ich mich zum Heiligtum Nosa Señora da Barca am sturmgepeitschten äußersten Ende der Stadt vor. Nach Muxía war der Apostel Jakobus der Legende zufolge von Finisterre aus gereist, um sich zu erholen – überzeugt davon, dass er mit seinem Anliegen gescheitert war, die Einheimischen vom Sonnenkult ab- und ihnen die christliche Botschaft nahezubringen. In ein Gebet vertieft, so heißt es, weilte der Apostel am Meer, als sich die Jungfrau Maria in einem steinernen Boot näherte und ihm versicherte, seine Mission sei durchaus erfolgreich gewesen, er solle nur nach Jerusalem zurückkehren. Ein Rat, der sich am Ende als tödlich erwies.

*

Wie weit können fliegende Fische wohl fliegen? Diese nicht so weit, sagt Juan und lacht. Seit seinem 14. Lebensjahr verarbeitet der 88-Jährige Congrio (Meeraal) zu den schönsten Kunstwerken. Mit dem Messer schneidet er in regelmäßigen Abständen Löcher in die Tierleiber, damit sie auf den hölzernen Gestellen am Meer besser trocknen. Die Konservierungsmethode haben einst die Katalanen nach Muxía gebracht. Anders als der in Galicien (und Portugal) stärker verbreitete Bacalao (Stockfisch) wird Congrio nicht gesalzen. Trotzdem muss man ihn vor dem Verzehr 48 Stunden wässern, sagt Juan, der Konsistenz wegen. Am besten schmecke er mit Kicherebsen.

Die jungen Leute, die mit einer Bierdose in der Hand an dem sonnenbeschienenen Mäuerchen ein paar Meter weiter lehnen, verstehen nicht so recht, was ich an dem Fisch so besonders und an der Art, wie er da hängt, so schön finde. Aber schmecken tue er, das ja. Oft kommt das Grüppchen allerdings wohl nicht in den Genuss. Der Großteil der Fische ist nämlich für auswärtige Abnehmer bestimmt. Nicht einmal gefangen wird er an der Costa da Morte sondern irgendwo vor dem französischen La Rochelle, erzählt Juan, der nun schon so lange für den galicischen Schliff sorgt.

Mit diesem Beitrag endet die kleine Reihe über meinen ersten Jakobsweg. Danke für euer Interesse!

The best is yet to come

Alle Jakobswege führen nach Santiago de Compostela, zum Grab des Apostels. Den letzten Teil des Wegs zum Kap von Finisterre an der Westküste Galiciens hat die katholische Kirche nie offiziell anerkannt. Dort, am Ende einer kleinen Halbinsel aus Granitgestein, enden wirklich alle Wege. Jenseits der schroffen Felslandschaft gibt es nur noch das weite Meer. Zu Fuß geht es nirgends mehr hin.

Für mich sind die knapp 90 Kilometer von Santiago nach Finisterre der schönste Teil des Camino, eigentlich weniger eine Fortsetzung des alten als ein eigener neuer Weg.

Zwei Tage lang fällt ununterbrochen ein wunderbar leichter Regen aus grauen Wolken auf Moore und sanft rollende Hügel. Aus den Flechtenbärten knorriger Bäume am Wegesrand tropft es so rhythmisch, dass man sofort weiß: Diese Landschaft, dieses Wetter sind einander sehr vertraut.

Ein Denkmal am Ortsausgang von Negreira rührt mich zu Tränen. Ein Mann, in Bronze gegossen, das kleine Bündel am Stock über der Schulter, die ernste Miene, der forsche Schritt – so wird er gehen in alle Ewigkeit.

Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass da einer zieht an seinem festen Bein. Ein Junge. Sein Junge. Noch hält er den Vater. Gleich wird er sich resigniert umwenden zur Mutter, die still auf der anderen Seite sitzt, das jüngere Kind auf den Knien. Auch das ist Teil dieses Stücks Welt.

Regen passt gut zu Tränen. Ich lasse sie fließen. Die lieben Verstorbenen der vergangenen Jahre sind ganz nah. Wie gut der stille Weg von Santiago nach Finisterre tut! „Ein Ort ist beim Reisen niemals nur ein Ort, er ist der Schnittpunkt von Raum, Zeit und dem eigenen augenblicklichen Selbst“, schreibt die Hamburger Autorin Tina Uebel in ihrem Reisebericht über die Nordwestpassage.

Viele Kilometer später blitzt unter inzwischen wolkenlosem Himmel der Atlantik durch Ginster, Eukalyptus und Pinien. So britisch die Landschaft zu Beginn anmutete, so griechisch erscheint sie mir jetzt und so griechisch werden auch meine Erinnerungen. Alles war schon einmal da.

Weit führt mich der Weg nach Westen, dorthin, wo Tag für Tag die Sonne im Meer versinkt. Finis terrae, Ende der Erde, sagten die Römer. Finisterre bzw. Fisterra sagen die Spanier.

Es ist nicht der westlichste Punkt des europäischen Festlands – der befindet sich in Portugal – und noch nicht einmal der westlichste Punkt des spanischen Festlands – der liegt ein Stück weiter nördlich auf dem Weg nach Muxía – aber das tut seiner Magie nicht den mindesten Abbruch.

Ein Silberstreif am Horizont markiert die Grenze zum Meer. Wenn ein Schiff bis dorthin gefahren ist, fällt es ins Bodenlose, ganz klar. An diesem Ort erstaunt es kein bisschen, dass Menschen sich die Erde einst als Scheibe vorstellten.

Vom Ankommen

Ein letztes Mal muss ich mich entscheiden: links oder rechts herum? Bis zur Kathedrale von Santiago de Compostela ist es nicht mehr weit. Auf der Avenida Rosalía de Castro beginnt der Zieleinlauf der Pilger aus dem Süden in die Altstadt. Für immer Rosalía…

Ankommen bedeutet zuallererst: ein Ziel, einen Ort erreichen.

Für den Jakobspilger aus Portugal liegt dieser Ort an der Praza das Praterías, dem intimsten der vier Plätze, die die Kathedrale umgeben. Intim ist der Platz mit dem Pferdebrunnen darauf nicht etwa, weil er so abgeschieden wäre, sondern weil er mit seiner Geschlossenheit die größte Geborgenheit von allen ausstrahlt.

Auf den steinernen Stufen vor dem Südtor der Kathedrale und rund um die Wasser speienden Rösser stehen, sitzen, lagern Reisende aller Art. Zwischen ihnen tummeln sich Bettler und Animateure, die den Neuankömmlingen meist irgendein Lokal schmackhaft zu machen versuchen. Das ist viel auf einmal. Ich kann das bunte Treiben noch mehr genießen, als ich ein paar Stunden später wiederkomme.

In Santiago de Compostela ankommen ist ja mehr als einen Ort erreichen. Es ist auch: einen Moment innehalten, ganz bei sich sein.

Weggefährten umarmen.

An der Pilgermesse teilnehmen und dabei zusehen, wie der Weihrauchkessel hoch über den Köpfen der Anwesenden schwingt. Dem überirdischen Kyrie eleison der Nonne lauschen und sich eine Träne aus dem Auge wischen.

Fürs unvermeidliche Foto posieren. Ich fotografiere, also bin ich. Und feiern natürlich.

Gelassen blickt der Apostel Jakobus von seinem Ausguck hoch oben im zentralen Turm der Westfassade auf das Geschehen zu seinen Füßen. Auf einem Mäuerchen am Rande der Praza do Obradoiro, dieses größten und prachtvollsten der vier Plätze, fast direkt vor dem Eingang des teuersten Hotels der Stadt, sitzt eine alte Frau. Sie stützt sich auf ihren Stock. Für einen kurzen Moment belebt sich das müde Gesicht: „Hola peregrino“, ruft sie einem der letzten Neuankömmlinge zu, „suchst du einen Platz zum Schlafen?“ An diesem Tag wird die alte Frau allein nach Hause zurückkehren.