Frühnebel im Spätsommer

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
Im warmen Golde fließen.

Eduard Mörike: Septembermorgen

Noch ist Sommer, kalendarisch und auch meteorologisch. Aber früh am Morgen riecht und schmeckt die Luft unverkennbar nach Herbst. Nebel wabert über dem See, bis zarte Sonnenstrahlen die „Elfenschleier“ an den Geländern der Bootsstege zum Glitzern bringen. Noch ist Sommer, eine kleine Weile lang…

Perspektivwechsel

Unter allem, was Poseidon aus der Tiefe gesehen hat, muss das wohl das Merkwürdigste gewesen sein: die Fußsohlen des Sohnes jenes anderen Gottes, auf der falschen Seite des Wasserspiegels.

Cees Nooteboom: Briefe an Poseidon

Auf meiner Wanderung durch die Holsteinische Schweiz traf ich den Meeresgott mit seinem Dreizack auf einer Wiese sitzend an. Das fand ich auch ziemlich merkwürdig. Beinah so merkwürdig wie die Kühe, die unter einer Herde Schäfchenwolken friedlich im See grasten.

Jetzt einen Tag mehr

Wie müde ich bin, merkte ich erst unterwegs. Ich merkte es vor allem daran, wie wenig ich sah. Die Landschaft war durchaus hübsch, aber sie ordnete sich nicht wie sonst, sie drang nicht durch durch diesen zähen Schleier aus Pandemie, aus kleinen Blasen und immer tieferen Gräben, aus Sintflut und apokalyptischem Feuer. Schon so lang… Und nun auch noch Afghanistan… ach, es ist eine Schande! – Normalerweise reicht mir ein Tag in der Natur, um den unruhigen erschöpften Geist zu erden und wiederzubeleben, um die Verbindung zu spüren, die ja immer da ist, auch wenn man sie gerade nicht wahrnimmt. Inzwischen sind es wohl besser zwei.

Am zweiten Tag dräute der Himmel immer noch, aber er fiel mir nicht mehr auf den Kopf.

Stattdessen erzählten die Bäume von Zuneigung und das Rind auf der Weide von Ruhe und Kraft.

Manche Wege führten gut geschützt und licht geradeaus, andere scheinbar im Kreis und wieder andere ins Dickicht, ganz wie im wahren Leben.

Ich erfuhr, dass es mitten im Brachland Kultur gibt, sogar mit Beleuchtung, und schmunzelte über das Bedürfnis mancher Menschen, eine Idylle noch ein bisschen idyllischer zu machen.

Und während die Füße Kilometer um Kilometer dem Lauf der Schwentine und dem sanften Rollen der Hügel durch die Holsteinische Schweiz folgten, wurde ganz allmählich auch der Blick wieder weicher und weiter.

Die Fotos entstanden auf dem Fernwanderwegs E 1 zwischen Kiel und Plön.

Absichtslos Raum greifen

Am Mäandern mag ich alles. Das fängt mit dem Wort an, in dem das Tun verheißungsvoll mitschwingt – dieses Bedächtige, Absichtslose und zugleich Raumgreifende. Mäandern wie ein Fluss, das geht immer, auch und ganz besonders, wenn für einen strammen Marsch die Energie fehlt.

*

Das stadtmüde Auge verliert sich sogleich, in diesem Fall im Blau des Sees. Zarte Gräser malen mit ihren Schatten Linien in die spiegelnde Oberfläche. Am Grund ruhen Steine. Sie kann kein Wässerchen trüben.

Wie geheimnisvoll erscheint das Ensemble durch den löchrigen Baum zur Rechten. Das innere Kind mag sich kaum lösen von dem überdimensionalen Schlüsselloch.

Das kleine Flüsschen zur Linken ist mit seiner urwaldähnlichen Dichte kaum weniger magisch. Ich folge ihm eine lange Weile, Windung um Windung.

Bisweilen ist mir, als hätte ich es verloren, in einem Waldstück, auf einer Wiese. „Erst weiß, dann gelb, dann rot / das ist der Wiese Tod“, deklamierte die Tante einst auf gemeinsamen Spaziergängen. Erst die rotblühenden Gräser kündeten von der bevorstehenden Heumahd, erklärte sie dem staunenden Kind. Diese Wiese, denke ich flüchtig, hat noch ein gutes Stück Leben vor sich.

Ich verabschiede mich vom kleinen Flüsschen und tauche in einen jungen Birkenhain. Auch hier blüht es wie auf einer Hochzeit.

Sternmiere ergießt sich am Wegesrand…

… wetteifert mit Weißdorn, wessen Fülle wohl verschwenderischer ist.

Auf dem Waldboden vollführt das Licht der Sonne einen stillen Tanz.

Am Ufer des großen Flüsschens dauert der Tanz an. Wie nur, frage ich ich mich, wieder ein ordentliches Stück weiter, erzeugt solch sanftes Fließen solche Stromlinien?

*

Das Gebiet zwischen Segeberger See („der See“), Rönne („das kleine Flüsschen“) und Trave („das große Flüsschen“) in Schleswig-Holstein kann ich zum Mäandern sehr empfehlen.

Durch alle Zeiten

Einer japanischen Legende zufolge lebt der Kranich tausend Jahre und ist ein Symbol für Glück und Gesundheit. Wer im Land der Kirschblüten einen gefalteten Kranich verschenkt, wünscht dem Beschenkten damit tausend Jahre Glück und Gesundheit. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich fühle mich jedes Mal ein kleines bisschen glücklicher, wenn ich den heiseren Ruf der Kraniche über mir höre. Gestern begleiteten mich die Glücksvögel im Nienwohlder Moor nahe dem schleswig-holsteinischen Itzstedt auf einer Wanderung durch die Zeiten.

Bei strahlendem Sonnenschein war ich in Hamburg aufgebrochen. Das Moor und die angrenzenden Felder und Wiesen lagen noch am Mittag unter einer wattigen Nebeldecke.

Äcker mündeten ins Leere. Kahle Äste verloren sich im Unendlichen.

Ganz zaghaft begann die Sonne, sich ihren Weg durch die feuchten Schleier zu bahnen. Die eroberten das verlorene Terrain Mal um Mal zurück, doch auch die Sonne gab nicht auf.

Endlich war kein Halten mehr. Gleißendes Licht ergoss sich über die Flur. Die Rohrkolben in ihrem dicken „Pelz“ kamen ordentlich ins Schwitzen.

Auch die Galloways auf der Weide juckte erkennbar das Fell.

Ein letzter Rausch

Ich weiß nicht, wie viele bunte Blätter du in diesem Herbst schon zu sehen bekommen hast – in der Blogosphäre und im wirklich wahren Leben. Falls es schon (mehr als) genug waren, klick einfach weiter. Wenn nicht: herzlich willkommen zu einem virtuellen Spaziergang am Hohen Elbufer, wo es die Natur am Sonntag noch einmal so richtig krachen ließ!

Bewaldete, steil ansteigende Hänge mit zahlreichen Einschnitten und Tälern prägen diesen Teil des Biosphärenreservats Flusslandschaft Elbe. Entsprechend führt der Weg von Geesthacht-Tesperhude ins zehn Kilometer entfernte Lauenburg munter hügelauf und hügelab. Mal bieten sich von oben weite Blicke auf den Strom, mal begegnet man ihm auf Augenhöhe, nur durch einen Schilfgürtel getrennt.

Es erlt und pappelt, es (brenn-)nesselt und raschelt so licht- und farbtrunken, man mag kaum glauben, dass bereits der halbe November vergangen ist.

In der weihnachtlich geschmückten alten Schifferstadt Lauenburg wartet am Dampferanlegeplatz der unermüdliche bronzene Rufer. An seiner Mütze ist er unschwer als Elbschiffer zu erkennen.

Und weil der Tag so unfassbar herrlich ist, mache ich mich mit der vielleicht allerletzten Eiswaffel dieses Jahres in der Hand gleich wieder auf den Weg zurück nach Tesperhude.

Kaum ist die Sonne hinter den Wolken verschwunden, spürt man: Es ist doch kein Sommer mehr.

Der Schönheit der Landschaft tut das keinen Abbruch.

Wabi Sabi in Brandenburg

Der weite Himmel über sanft rollenden Hügeln.
Dräuend bisweilen, kurz vor dem Regen, den das trockene Land so dringend braucht.

Die backsteinernen Kirchlein in den Dörfern. Die vielen Kopfsteinpflasterstraßen.
Steinreich sind sie in der Gegend.

Der Obstbaum hinter dem Haus.
Die Birnen des Herrn von Ribbeck sind nur einen Steinwurf entfernt.

Altes landwirtschaftliches Gerät.
Zu nichts mehr zu gebrauchen als dazu uns zu erinnern.

Gärten so wild.

Häuser so verlassen.

Wälder so still.

Wie ich die herbe Schlichtheit mag, das Unvollkommene, manchmal auch halb Verfallene, in denen so viel Schönheit liegt!

Einer geht noch!

In der Lübecker Bucht sprangen die Strandampeln auf der Internetseite strandticker.de reihenweise auf Rot. In einigen Badeorten mussten schon am Freitag Zugänge an die Ostsee wegen Überfüllung gesperrt werden. Zeitweilig ging nichts mehr an diesem knallheißen Wochenende in Timmendorfer Strand, Scharbeutz & Co. Warum nur, frage ich mich nicht zum ersten Mal, wollen die Menschen eigentlich immer genau dort hin, wo alle anderen auch hin wollen bzw. schon sind?

Wo es doch so wunderbare Alternativen gibt. Die vielen Seen im Herzogtum Lauenburg im Südosten von Schleswig-Holstein zum Beispiel. In der eiszeitlich geformten Hügellandschaft konnten sich Flora und Fauna im Schatten der innerdeutschen Grenze nahezu ungestört entwickeln.

So ein bisschen unter dem Radar geblieben ist die Gegend bis heute. Auch ich hatte fast vergessen, wie schön es dort ist – bis mich Stefanie mit einem Beitrag auf ihrem Blog „In der Nähe bleiben“ daran erinnerte. Danke Stefanie! In aller Ruhe lässt es sich in der Region wandern, baden oder einfach nur sein – selbst an einem Hochsommerwochenende im August.

Ich habe vom Waldparkplatz an der Nordseite des Schmalsees, also praktisch von der Eulenspiegel-Stadt Mölln aus eine große Runde um Schmalsee, Lütauer See, Drüsensee und das Hellbachtal mit Krebssee, Lottsee und Schwarzsee gedreht. Einer geht noch, dachte ich ein ums andere Mal, zumal die Bäume reichlich Schatten spendeten und an kühlem Nass für die qualmenden Füße ja auch kein Mangel bestand.

Den Badeanzug hatte ich blöderweise im Auto gelassen, so dass ich leider keinen Badevergleich zwischen den verschiedenen Seen bieten kann. Der Schmalsee am Spätnachmittag, so viel immerhin kann ich sagen, ist ein Gedicht, das Wasser so weich wie das Licht, das allmählich die Strenge des Tages verliert.

Gehen geht (fast) immer

Vor ein paar Jahren erst habe ich die Freuden des Fernwanderns für mich entdeckt. Gehen. Immer weiter gehen. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Viele Kilometer weit. Mit jedem Kilometer weitet sich auch mein Blick. Ich spüre meine Füße, beobachte, wie der Rücken gerade wird, wie die Muskeln in meinen Oberschenkeln spielen. Gedanken kommen und gehen. Ich atme ein. Und aus. Und wieder ein. Ich rieche, was um mich ist. Höre bewusster, während das bewusste Denken aufhört. Wie wenig man denken kann, wenn man nur lange genug geht…

Ja, ich weiß. Fernwandern, das geht zurzeit – und wohl noch eine ganze Weile – nicht. Aber eine Weile rausgehen, das geht für die meisten von uns, auch wenn sonst gerade nicht viel geht. „Gehen am Rande des Alltags“ sozusagen, vor der eigenen Haustür. Das passende Buch dazu hat Christian Sauer geschrieben: „Draußen gehen. Inspiration und Gelassenheit im Dialog mit der Natur.“ Der Journalist und Coach weiß: „Draußen gehen ist keine Sportart, sondern eine Art, sich fortzubewegen – und eine Lebensweise. Es belebt und ordnet unser Denken. Draußen gehen relativiert Probleme, eröffnet Perspektiven. Es führt uns raus aus jener Problem-Trance, in die uns Arbeit, Projekte, Beziehungen, Kinder und Eltern immer wieder versetzen.“ Und Corona, ist man versucht hinzuzufügen. Sauers Texte verbinden sich organisch mit großformatigen Illustrationen von Franca Neuburg, die viel Raum lassen für eigene innere (Landschafts-)Bilder. Für ein auch haptisches Vergnügen sorgt der leinene Einband.

Zurzeit spielt sich unser aller Leben in begrenzten Räumen ab. Aber irgendwann wird der Radius wieder größer werden, auch für die Füße. Darauf kann man sich jetzt schon freuen. Zum Beispiel indem man in dem Buch „Vom Wandern. Neue Wege zu einer alten Kunst“ schmökert. Der Autor Ulrich Grober beschreibt darin zwölf seiner eigenen Wanderungen durch deutsche Lande. Allein, mit Kindern, mit Freunden. Immer wieder auch auf den Spuren berühmter Wanderer. Dazu gibt es Tipps fürs Wandern von der passenden Ausrüstung bis zur Orientierung im Gelände. Grober erzählt von unterschiedlichen Landschaften zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Er schreibt über Wasser und Luft, über das Wandern als Überlebensstrategie, über spirituelles Wandern und über das Ankommen. All das so verlockend, dass man am liebsten sofort den Rucksack packen und aufbrechen möchte.

Man könnte natürlich auch das Kapitel übers Navigieren aus- und sich stattdessen auf Abenteuer pur einlassen. Wer dafür schon einmal im geschützten Raum – auf dem Sofa vielleicht oder auf der Gartenliege – üben möchte, dem bieten Kathrin Passig und Aleks Scholz Unterstützung mit ihrer unterhaltsamen „Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene“ über das „Verirren“. Die ist zwar, ebenso wie Ulrich Grobers Werk, schon ein paar Jahre alt, passt aber irgendwie ziemlich gut in diese Zeiten, in denen wir so viele bekannte Pfade verlassen und neue erkunden (müssen).

Im ersten Teil des Buches geht es „um Verirren in harmlosen Gegenden, das sich in den meisten Fällen dadurch wieder beenden lässt, dass man nach dem Weg fragt. Der Abschnitt ‚Fortgeschrittene‘ beschäftigt sich damit, was passiert, wenn man sich mehr als nur ein bisschen verirrt. Anfängerverirrungen lassen sich abbrechen, sobald man schlechte Laune oder kalte Füße bekommt. Fortgeschrittene Verirrungen dagegen gleichen einer Achterbahnfahrt. Man kann nicht einfach mittendrin aussteigen, nur weil man sich fürchtet.“

Die Fotos in diesem Beitrag habe ich von ausgedehnten Streifzügen durch die Fischbeker Heide und die Harburger Berge im hamburgisch-niedersächsischen Grenzgebiet mitgebracht. Passend zur Jahreszeit führten mich meine Wanderungen auch am Kiepenkerlsweg und am Eierstieg vorbei. Euch allen frohe Ostern!

Das verlassene Dorf

Auf den ersten Blick scheint es, als könnte jeden Moment jemand aus einem der Holzhäuser am Hang treten. Könnte Wäsche an die Leine hängen, auf der noch die Klammern stecken. Oder Fischernetze über die hölzernen Gestelle an der Bucht werfen, die einen natürlichen Hafen zwischen Felsen und Eisbergen bildet.

Es braucht einen zweiten, manchmal auch einen dritten Blick um zu begreifen, dass einem auf der kleinen Insel im Eingang zum Sermilikfjord niemand begegnen wird. Kein Fischer, kein Kind, kein Hund. Nicht auf den Hügeln über der Bucht. Und auch nicht in der Kirche, deren roter Anstrich allmählich verblasst. Denn die Häuser von Ikkatteq stehen leer. Dabei, und das macht den Anblick so surreal, sind manche von ihnen voll bis unter das Dach. Voll mit Dingen, die es zum Leben braucht. Nur die Menschen, die dieses Leben einmal geführt haben, fehlen.

Das Kind, das mit der nackten Puppe gespielt hat, ebenso wie das andere, dem die kleine Gitarre gehörte. Die Erwachsenen, die auf den Sofas saßen und sich aus der Thermoskanne Kaffee einschenkten, als diese noch keinen Rost angesetzt hatte. All die, deren Stiefel, Jacken und Hosen in großen Haufen neben den Häusern liegen. Häusern, deren Dächer immer noch mit Tonnen voller Steine beschwert sind, damit sie bei Sturm nicht abheben, mögen die Steine auch bald durch das rostige Metall fallen.

Neugierig öffnen wir die Kirchentür, treten in einen kleinen Flur mit türkisfarbenen Wänden, in dem man sich kaum umdrehen kann. Zwei Türen gehen von ihm ab. Die rechte führt in einen freundlichen Raum in Hellblau und Weiß. An den Fenstern blättert die Farbe ab, der Rest sieht aus wie frisch gestrichen. Vor uns ein paar Bankreihen. Links hinten eine kleine Kanzel, in der Mitte das Taufbecken, rechts die Orgel. An der Wand stecken noch die Nummern der Lieder, die gesungen werden sollen. Die weiße Jesus-Figur auf dem Altar breitet wie zu einem Willkommensgruß die Arme aus. Flankiert wird sie von Vasen mit Plastikblumen und weißen Kerzen.

Durch die Tür zur Linken geht es in den ehemaligen Schulraum. Ein paar Schultische und Stühle stehen darin. Überall stapeln sich Schulbücher und Hefte, sogar auf dem Bollerofen in der Ecke. Ich stelle mir vor, wie der die Kinder und den Lehrer, der vermutlich zugleich der Pastor war, in den langen grönländischen Wintern warm gehalten hat. Die Tafel ist von oben bis unten vollgekritzelt. „LOVE“ hat einer geschrieben. In Großbuchstaben. An der Wand hängt ein Kalender aus den 1990er Jahren.

Die ersten Bewohner haben Ikkatteq schon in den 1980er Jahren verlassen, erzählt Viggo, der uns mit dem Motorboot auf die einsame Insel gebracht hat. Ich treffe ihn auf einer der Hügelkuppen wieder. Kein Wunder, Viggo ist Fischer. Von da, wo er sitzt, öffnet sich der Blick weit aufs Meer hinaus zur einen, tief in den Fjord hinein zur anderen Seite. Der Mittfünfziger macht nicht viele Worte. Buckelwal, sagt er und zeigt auf eine winzige dunkle Wölbung, die sich, für meine ungeübten Augen kaum wahrnehmbar, weit draußen zwischen den Eisbergen bewegt. Ich nicke, berichte kurz von den Walen, die wir am Vortag ein Stück weiter nördlich gesehen haben, kann nicht einmal sagen, was für welche es waren, und setze meinen Rundgang durch die verlassene Inuit-Siedlung fort.

Langsam schlendere ich den Hang hinauf zum Friedhof. Schief ragt eine Ansammlung weißer Kreuze aus dem felsig-moosigen Grund. Ein paar sind zerbrochen. Zwischen den Steinen leuchtet vereinzelt eine rote oder rosa Plastikrose. Ein friedlicher, ein schöner Ort.

40 Menschen lebten einst in Ikkatteq. Im Laufe der Jahre wurden es immer weniger. Einige starben, andere zogen fort. In die Stadt, nach Tasiilaq, 14 Bootskilometer weiter östlich gelegen, mit seinen 2000 Einwohnern der mit Abstand größte Ort Ostgrönlands. Die allerletzten Bewohner verließen die kleine Insel Anfang dieses Jahrtausends. „Abandoned village (2005)“ – so ist Ikkatteq in meiner Karte von der Region verzeichnet.

Aber so ganz stimmt auch das nicht. Ab und zu quartieren sich noch Jäger in einem der Holzhäuser ein, übernachten auf Sofas und Schaumgummimatten. Ich stelle mir vor, wie sie von draußen hereinkommen. Wie sie ihre Gewehre an die Wand lehnen. Wasser aufsetzen. Mit dem Becher in der Hand zu dem Tisch am Fenster gehen, auf dem zwei Ferngläser nur darauf warten, hinaus aufs Wasser gerichtet zu werden…