Der Tanz der Priester

P1130219Von unserem Platz an der Felskante aus sehen wir zu, wie sich der Hof von Bete Maryam, dem „Haus Marias“, ein paar Meter unter unseren Füßen langsam mit Gläubigen füllt. Etliche der in weiße Tücher gehüllten Gestalten strecken sich sogleich auf dem Boden aus. Die Feier zum Abschluss der Fastenzeit wird bis zum Morgengrauen dauern. Zwischen den Pilgern Priester in schwarzen Umhängen und weißem Turban auf dem Kopf und Männer in weißen Mänteln mit einem dicken roten Balken im unteren Teil. Das sind die Debteras, die in der äthiopischen Kirche für die Musik und den rituellen Ablauf des Gottesdienstes zuständig sind. Später werden auch noch gelbgewandete Herren dazustoßen: die Weihrauch- und Schirmträger, die die Bundeslade in einer Prozession um die Kirche herumtragen.

P1130205Ungezählte Küsse treffen das Handkreuz des obersten Priesters direkt unter meinem Logenplatz. Der hält aber nicht nur Audienz, sondern leitet auch einen Teil der Wechselgesänge an, in denen es vor allem um das Leben der Jungfrau Maria zu gehen scheint. Immer wieder fällt ihr Name: Maryam – traurig und getragen zunächst, dann schneller im Rhythmus, gelegentlich unterbrochen von Jubelschreien. Die Priester beginnen zu tanzen. Begleitet vom Trommeln der Debteras bewegen sie in zwei einander gegenüberstehenden Gruppen mal nur den Rumpf, während ihre Füße fest auf dem Boden stehen, dann wieder fließen die beiden Reihen, Wellen gleich, als ganze vor und zurück. In der linken Hand halten die Priester den langen Gebetsstab, mit dem sie während der Wechselgesänge auf den Boden stampfen, die rechte bewegt sich langsam mit dem Sistrum, einer Art Rassel, zur Musik. Magische Momente am Ende eines langen Tages zwischen den Monolithkirchen von Lalibela, die als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco stehen.

P1120981Alles an diesen Kirchen ist einfach phantastisch. Das fängt schon mit ihrer Entstehung an, die sich der Legende nach einem Traum verdankt – und der tätigen Mitwirkung von Engeln: Im 12. Jahrhundert versuchte König Harbay, seinen jüngeren Bruder Lalibela zu vergiften. Doch der fiel nur in einen dreitägigen Schlaf. Im Traum erschien ihm Gott und wies ihn an, in Äthiopien ein zweites Jerusalem zu errichten. Als Lalibela wieder erwachte, dankte Harbey ab und überließ seinem Bruder den Thron. Der tat, wie ihm geheißen, und begann, Kirchen in den roten Tuffstein der Stadt zu schlagen, die damals noch Roha hieß. Und weil die Arbeit tagsüber nur schlecht vorankam, schickte Gott Nacht für Nacht einen Trupp Arbeitsengel zur Unterstützung. So entstanden im Laufe der vierzigjährigen Herrschaft von König Lalibela (ca. 1167 bis 1207) in den Bergen von Lasta insgesamt elf Kirchen, wie es sie an keinem anderen Ort der Welt gibt. Vielleicht steht ihre Errichtung auch im Zusammenhang mit dem Ende der Kreuzzüge. Nachdem der ägyptische Sultan Saladin 1187 das Kreuzfahrerheer des Königreichs Jerusalem besiegt und die Stadt Jerusalem erobert hatte, verschlechterten sich die Möglichkeiten für Christen, dorthin zu pilgern. Das könnte den äthiopischen Herrscher veranlasst haben, einen schon begonnenen Komplex von Felsenkirchen zu einem neuen Jerusalem umzugestalten.

P1120953Ich bin sehr geneigt, der Geschichte mit den Engeln Glauben zu schenken. Und das keineswegs nur, weil man in Äthiopien, wo sich Geschichts- und Geschichtenschreibung oft auf das Schönste miteinander verbinden, irgendwann selbst aufhört, scharf zwischen beidem zu trennen, sondern vor allem, weil dieses Meisterwerk ohne übermenschliche Hilfe eigentlich gar nicht vorstellbar ist. Schließlich standen den Arbeitern vor mehr als 800 Jahren weder Steinbohrer noch Sprengstoff zur Verfügung. Nur mit Hammer und Meißel schlugen sie gewaltige Basiliken, Kirchen und Kapellen aus dem Fels. Bete Medhane Alem zum Beispiel, das „Haus des Weltenerlösers“. Die schiere Wucht dieser größten Felsenkirche von Lalibela kann einen umhauen: 33,50 Meter lang, 23,50 Meter breit und bis zu 11,50 Meter hoch, die Mauern im Schnitt zwei Meter dick. Nur die alte Kathedrale von Axum, die wichtigste Kirche des äthiopischen Christentums, war größer. Entstanden ist Bete Medhane Alem wie die anderen zehn Felsenkirchen von oben nach unten und von außen nach innen:

P1120917Zuerst legten des Königs Steinmetze riesige monolithische Blöcke frei, meißelten Säulen und Kapitelle, Fassaden und Ornamente aus dem harten Stein heraus. Anschließend wurden die Quader ausgehöhlt, Gewölbe und Hallen entstanden, Altäre, Bögen und allerlei Kreuze und dazu ein System aus Tunneln und Gängen, in dem man leicht die Orientierung verlieren kann. Was aber im Grunde nicht viel ausmacht, solange man sich zumindest merkt, vor welchem der Heiligtümer man zuletzt seine Schuhe ausgezogen hat, die ein Schuhaufpasser gegen einen kleinen Obolus gern bewacht, während man selbst barfuß oder auf Strumpfsocken in das nächste Halbdunkel eintaucht.

P1120992Die Magie der Felsenkirchen von Lalibela lässt sich mit Worten nur schwer beschreiben. Besser, man erlebt sie mit eigenen Sinnen. Als wir unseren Rundgang beginnen, geht im „Haus des Weltenerlösers“ gerade der Gottesdienst zu Ende. Gläubige, in ein stilles Gebet vertieft, berühren ehrfürchtig die Wände der gewaltigen Basilika. Durch die kreuz- und schlüssellochförmigen Fenster fällt ein wenig Tageslicht.

P1120949Priester studieren uralte Schriften, auch ihre Gesichter unter dem weißen Turban wirken wie aus Stein gemeißelt. Pilger in weißen Gewändern wandeln durch die Gänge, allein, zu zweit, in Gruppen. Durch den Tunnel zu Bete Maryam vielleicht, der von außen eher schlichten, dafür von innen umso reicher geschmückten Marienkirche, zu der wir in der Nacht noch einmal zurückkehren werden, um die Priester tanzen zu sehen. Aber zuvor streifen wir weiter durch das Felslabyrinth dieses zweiten Jerusalem, queren das Bett des Jordan, der nur in der Regenzeit Wasser führt, bis wir auf einem kargen Felsplateau etwas abseits von den anderen Kirchen unvermittelt vor einem riesigen Loch stehen, mitten darin ein Klotz in der Form eines griechischen Kreuzes. Bete Gyorgis, die Kirche des Heiligen Georg. Genauer: die kreuzförmige steinerne Oberseite von Bete Gyorgis, höhengleich mit dem roten Fels, aus dem die Kirche einst herausgemeißelt wurde. Der Rest liegt von unserem Standort aus im Schatten. Erst von der gegenüberliegenden Seite zeigt sich die wunderbar harmonische Struktur dieser letzten und vielleicht perfektesten Felsenkirche Lalibelas in ganzer Pracht.

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Sesam, öffne dich!

P1010210P1010176Wow! So muss sich der arme Holzfäller Ali Baba gefühlt haben, als er, verborgen auf einem Baum, Zeuge wurde, wie die Räuber den Berg, in dem sie ihre Schätze versteckt hielten, mit einem Zauberwort dazu brachten sich zu öffnen. Mehr als einen Kilometer sind wir durch den am frühen Morgen noch ziemlich stillen Siq bereits gelaufen, den einzigen direkten Zugang  zu der antiken Felsenstadt Petra auf halbem Weg zwischen dem Toten Meer und dem Golf von Aqaba. Zu beiden Seiten der schmalen Schlucht ragen mächtige Felswände fast senkrecht empor, 70, 80, an einigen Stellen bis zu 100 Meter hoch.

P1010199An der engsten Stelle meint man, den rötlichen Sandstein links und rechts gleichzeitig berühren zu können. Der Siq ist hier kaum mehr als zwei Meter breit, an der weitesten Stelle sind es gerade einmal 16 Meter. Noch ein paar Windungen, und plötzlich öffnet sich die Schlucht und gibt die Sicht frei auf eine direkt in den Fels geschlagene rosarote Fassade:  Al-Khazneh, das „Schatzhaus“ der einstigen Hauptstadt der Nabatäer! Unwillkürlich schließe ich die Augen. Als ich sie wieder öffne, ist der Schatz immer noch da.

P1010317Kinofreunden wird der Anblick womöglich bekannt vorkommen: In der Schlussszene des Films „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ wird der Siq von Petra zur geheimnisvollen „Schlucht des sichelförmigen Mondes“, und das Schatzhaus weist den Weg in die Welt des heiligen Grals. Seinen Namen erhielt das gut 40 Meter hohe und fast 30 Meter breite Bauwerk von Beduinen, die glaubten, den Schatz eines Pharao vor sich zu haben. Tatsächlich wurde es als Grabmal eines nabatäischen Königs errichtet und später wohl auch als Tempel genutzt.

P1010225Vom Schatzhaus führt der Weg weiter und immer weiter durch die Felsenstadt, die so alt ist wie unsere Zeitrechnung: vorbei an prachtvollen Fassaden von Grabkammern nabatäischer Könige und Edelleute zu einem Theater, das 7.000 Zuschauern Platz bot, von dort entlang einer Säulenstraße mit umfangreichen Resten antiker Tempel, mit Souvenirläden und Teestuben bis in das ehemalige Stadtzentrum von Petra.

P1010247P1010381Wir befinden uns inzwischen auf einem weitläufigen Plateau, umgeben von grandiosen Felsformationen, auf denen weitere Sehenswürdigkeiten locken. Ad-Deir zum Beispiel, das „Kloster“, ebenfalls ein Grabmal oder Tempel – schlichter als das Schatzhaus, aber (oder vielleicht auch gerade deswegen) nicht weniger schön. Oder der Große Opferplatz, an dem religiöse Zeremonien zu Ehren nabatäischer Gottheiten abgehalten wurden. Von dort oben eröffnen sich weite Blicke auf das UNESCO-Weltkulturerbe, das seit ein paar Jahren außerdem zu den Neuen Sieben Weltwundern zählt, in einer Reihe mit dem Kolosseum in Rom, Chichen Itza in Mexiko, der Chinesischen Mauer, der Christusstatue in Rio, Machu Picchu in Peru und dem Taj Mahal in Agra.

P10102932014-02-15 11.59.30Doch vor den Ausblick haben die Götter den Schweiß gesetzt. Hunderte von in den Fels geschlagenen Stufen wollen bewältigt werden, zu Fuß oder auf dem Rücken eines Esels. Ein Vergnügen, das ich mir als begeisterte Reiterin nicht entgehen lassen kann: Nach vorne beugen, und ab geht die Post! Für Tempo sorgt von hinten der Eseltreiber. Okay, ich gebe zu, ich habe gelegentlich ein wenig in den Abgrund geschaut – das muntere Tier hatte sehr viel Freude am Überholen, und großartig lenken ließ es sich mangels Zügeln auch nicht -, aber alles in allem sieht so ein Eselritt auf nacktem Stein den Berg hinauf vermutlich abenteuerlicher aus, als er sich anfühlt.

P1010285Drei Tage Laufen, Laufen, Laufen in Petra, um Petra und um Petra herum. Ich kann mich kaum satt sehen am Farbenreichtum des Sandsteins und an der Architektur der Felsen. Die durch tektonische Verschiebungen und gelegentliche Hochwasser im Siq entstandene beeindruckt mich nicht weniger als die von den nabatäischen Steinmetzen geschaffene.

P1010386Gleichzeitig versuche ich, mir das Leben in der Felsenstadt vor 2.000 Jahren vorzustellen. Damals kontrollierten die Nabatäer, eigentlich ein Nomadenvolk von der Arabischen Halbinsel, von Petra aus den gesamten Karawanenhandel zwischen Damaskus und dem heutigen Medina. Die Stadt lag strategisch günstig am Knotenpunkt mehrerer Handelswege, auf denen Weihrauch, Gewürze und Seide transportiert wurden. Inmitten von Felsgebirgen war sie von außen praktisch uneinnehmbar. Und – unbezahlbar in der Region – sie verfügte über eine eigene Quelle. Brauch- und Trinkwasser leiteten die Nabatäer über eine in die Felswand des Siq gehauene Wasserleitung in die Stadt.

P1010441Fels und Wasser so nah beieinander? Das konnte nur eines bedeuten: Petra musste der Ort gewesen sein, an dem Moses beim Auszug des Volkes Israel aus Ägypten mit dem Schlag seines Stabes eine Quelle aus dem Stein hatte sprudeln lassen. Der Legende folgt auch der heutige Name Wadi Musa, Mosestal.

P1010222Rund 100 Jahre nach Christus ging das Reich der Nabatäer in der römischen Provinz Arabia auf. Gerasa, das heutige Jerash nördlich von Amman, lief Petra mehr und mehr den Rang ab. Keine Sorge: Ich mache an dieser Stelle nicht auch noch das Fass der großartigen Relikte aus der Römerzeit auf jordanischem Boden auf! Mir schwirrt selbst der Kopf von so viel Historie auf engstem Raum. Und dazu noch all die biblischen Bezüge… Jedenfalls: Nach Petra krähte ein paar hundert Jahre später kein Hahn mehr – bis Anfang des 19. Jahrhunderts ein Schweizer, angeblich als Scheich verkleidet, die geheimnisvolle Stätte „wiederentdeckte“. Beduinen nutzten die kühlen, schattenspendenden Grabbauten inzwischen als Wohnungen. In den 60er, 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden sie umgesiedelt, um die Felsenstadt besser für den Tourismus nutzen zu können. Irgendwie schade. Heute wohnen die Beduinen in den umliegenden Dörfern, vor allem in Wadi Musa. Ein Großteil von ihnen lebt vom Petra-Tourismus.

P1010128Einige der ehemaligen Felswohnungen sind jetzt Souvenirläden. In einer anderen verbringen wir unseren Picknick-Stopp. Mein Fotoapparat stellt automatisch scharf auf das Porträt von König Abdullah II an der Wand. Gegenüber hängt das Bild seines 1999 verstorbenen Vaters, König Hussein, der bis heute hohes Ansehen im Land genießt. Könige unter sich.

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