Paddeln auf der Insel

Von der Landseite kenne ich Wilhelmsburg ganz gut, aber mit dem Boot war ich jetzt tatsächlich zum ersten Mal in Hamburgs flächenmäßig größtem Stadtteil unterwegs. Dabei liegt das eigentlich nahe. Zusammen mit den Stadtteilen Steinwerder, Kleiner Grasbrook und Veddel bildet Wilhelmsburg eine Insel zwischen den beiden großen Elbarmen Norderelbe und Süderelbe-Köhlbrand. Tatsächlich besteht die „eine“ Insel aus einer Vielzahl kleinerer Inseln und Halbinseln. Auch Wilhelmsburg entstand einst durch Eindeichung aus mehreren kleineren Inseln und ist bis heute von Kanälen durchzogen, auf denen es sich herrlich herumschippern lässt, ganz besonders bei den aktuellen Temperaturen. Die sind auch schuld, dass ich hier gar nicht viele Worte machen will. Schaut einfach am Vogelhüttendeich / Ernst-August-Kanal vorbei, wenn ihr in der Nähe seid, mietet am Anleger eines der Kanus und erkundet auf dem Weg zum Inselpark Kanäle, Wettern und so malerisch klingende Orte wie Kükenbrack und Kuckucksteich.

Und wundert euch nicht, wenn ihr zwischendurch mal im Tunnel landet. Das ist Teil des Abenteuers.

Dafür gehen an anderer Stelle gleich über euch die Sterne auf. Ich hatte hier schon mal davon erzählt.

Und nach dem Paddeln findet sich im Biergarten am Anleger sicher ein schattiges Plätzchen zum Verweilen…

Fiktion trifft Realität

„So ungefähr stellte ich mir eine Landschaft ‚bei Hamburg‘ vor, wo ich meinen Schwanenroman beginnen ließ“, schrieb Gerda Kazakou in einem Kommentar zu meinem jüngsten Beitrag über das Himmelmoor. „Mit dem Unterschied, dass man von meinem imaginierten Sumpfgebiet aus ferne am Horizont das Meer aufleuchten sehen kann. Ob es solch ein Sumpfgebiet in der Nähe von Hamburg wohl gibt?“ Natürlich nicht, dachte ich. Wie soll man von hier aus wohl das Meer sehen!

Das weiß natürlich auch Gerda. Vielleicht deshalb skizzierte sie ihr „Hamburger“ Sumpfgebiet einfach noch ein bisschen genauer: „Schwer lastete der Himmel auf der flachen Landschaft und spiegelte sich grau und düster in den Gräben und Brackwassern, die jetzt, bei steigender Flut, zu flachen Seen zusammenflossen. Bei einsetzender Ebbe würden sie ihren Grund aus Schlick und Modder wieder freigeben. Denn auf unterirdischen Wegen wirkte der Gezeitenstrom der Ozeane noch hinein in diesen einstmals amphibischen Lebensraum.“ – Natürlich! Das Heuckenlock! Nicht bei, sondern praktisch mitten in Hamburg: im Süden der Elbinsel Wilhelmsburg, nur einen Steinwurf von der Autobahnabfahrt Stillhorn entfernt!

Das Heuckenlock ist einer der letzten Tideauenwälder Europas. Umgestürzte Bäume, kleine Strände und mannshohes Schilf prägen den nur wenige Kilometer langen und ein paar hundert Meter breiten Gürtel am Ufer der Süderelbe. Ganz besonders ist das Süßwasserwatt: Das Naturschutzgebiet ist von Prielen durchzogen, wie man sie von der Nordsee kennt. In ihnen transportiert die Elbe bei Flut Sand und nährstoffreichen Schlick bis an die Deichkanten. Auch extremeres Hochwasser ist hier an der Tagesordnung: Etwa hundert Mal im Jahr steht das Naturschutzgebiet komplett unter Wasser.

Bei meinem Besuch am Sonntag herrscht Ebbe. Schmale Rinnsale mäandern durch Schlick und Modder am Grund der Priele. Feucht und rutschig ist auch der Pfad durchs Heuckenlock. Wer ihn betritt, verlässt für eine kleine Weile die Jetztzeit…

Tagnachtlampe

P1140475Korf erfindet eine Tagnachtlampe,
die, sobald sie angedreht,
selbst den hellsten Tag
in Nacht verwandelt.

Als er sie vor des Kongresses Rampe
demonstriert, vermag
niemand, der sein Fach versteht,
zu verkennen, dass es sich hier handelt –

(Finster wirds am hellerlichten Tag,
und ein Beifallssturm das Haus durchweht.)
(Und man ruft dem Diener Mampe:
„Licht anzünden!“) – dass es sich hier handelt

um das Faktum: dass gedachte Lampe,
in der Tat, wenn angedreht,
selbst den hellsten Tag
in Nacht verwandelt.

Christian Morgenstern: Die Tagnachtlampe

P1140475Genau so kam es mir vor, als ich vor ein paar Tagen durch eine Autobahnunterführung in Hamburg-Wilhelmsburg radelte. Wir befanden uns kalendarisch zwar schon mitten in den Eisheiligen – man schrieb den Heiligen Servatius, um genau zu sein -, aber hier im Norden war nicht nur hellerlichter Tag, tatsächlich war es auch immer noch sommerlich warm. Nun ist auch die Kalte Sophie gegangen. Ihre Kälte hat sie uns zurückgelassen – und irgendjemand knipst gefühlt alle paar Minuten die Tagnachtlampe an und aus. Aprilwetter.

Nur gestreift

Stippvisite auf der IBA in Hamburg-Wilhelmsburg. Kaum raus aus der S-Bahn, saugt ein vielfarbiges Flimmern und Wogen den Blick an – und lässt ihn auch gleich wieder zurückprallen. Was sich da im gleißenden Frühlingslicht an der Fassade der neuen Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt abspielt, ist fast schon ein Overkill für das Auge, das sich seit Monaten mit allen nur denkbaren Schattierungen von Grau und Weiß bescheiden musste. Auf dem Flachdach balancieren ein paar Arbeiter einen schmalen langen Gegenstand. Himmel, die wollen doch wohl nicht noch eine Schicht Querstreifen aufbringen!

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Und wo, bitte, geht es hier zum Infopoint? Der müsste doch eigentlich gleich gegenüber sein. Ist er auch. „Kommen Sie nur“, sagt ein freundlicher Bauarbeiter und weist mir den Weg zwischen Absperrungen und Plastikplanen. Noch eben durch die kleine Vertiefung, und schon bin ich da. Der junge Mann am Infotresen schenkt mir eine Ausgabe der Elbinsel-Karte von 2012. In wenigen Tagen wird eine Neuauflage aus der Druckerei kommen, in der auch die Route des IBA-Busses eingezeichnet ist. Den brauche ich heute ohnehin nicht. Ich werfe noch einen kurzen Blick auf das großflächige Ausstellungsmodell. Und ab ins Freilufttheater über die allmähliche Verfertigung einer Bauaustellung! Da, wo eben noch eine Kuhle war, türmt sich inzwischen ein Sandhaufen. Der freundliche Bauarbeiter ist immer noch da, klopft ein paar Mal mit der Rückseite seiner Schaufel auf die Kuppe. Hopp, hopp, und drüber. Da bekommt auch das IBA-Logo mit den kleinen blau-weiß gestreiften Männchen auf der Plane zu meiner Linken einen ganz neuen Sinn.

Auf beiden Seiten der Neuenfelder Straße sieht es aus wie auf einem dieser Wimmelbilder: Rechts mäandert die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt Richtung Bürgerhaus, links erheben sich kleinere und größere Wohnklötze aus unterschiedlichsten Materialien in unterschiedlichen Fertigungsstufen: Hybrid Houses, Smart Material Houses, Smart Price Houses und Water Houses – das „I“ in IBA steht für „international“. Auch die Klötze tragen Streifenlook und Farbe, aber doch vergleichsweise dezent. Dazwischen Bagger und Betonmischer, Absperrungen, Bauarbeiter mit und ohne Schutzhelm, mit und ohne neonfarbene Westen, Bauwagen und Dixi-Klos. Auch die gibt es in erstaunlich vielen Farben.

Am Ende der Behördenwelle klettert ein Fotograf beherzt auf einen Sandhügel, zoomt sich mit seinem beachtlichen Tele einmal um die eigene Achse, kommt schließlich zum Stehen. Der Feldherr hat seinen Platz gefunden, Aug in Auge mit dem nächsten Bagger. High Noon auf der anderen Straßenseite: Wie ein Magnet zieht die Baustellenkantine – ja, die heißt wirklich so – die Arbeiter mit Gyros und Pommes rot-weiß hinter die gleichfarbige Schranke, während in der gläsernen Außenfassade des knallgrünen Hauses ein Stück weiter Mikro-Algen flüssige Nährstoffe und Kohlendioxid verputzen, um daraus mit Hilfe des endlich einmal reichlich vorhandenen Sonnenlichts Energie zu produzieren. „Photosynthese? Cool!“ ist in überdimensionalen Sprechblasen auf der Rückseite des Gebäudes zu lesen, dem smartesten der Smart Material Houses.

An die Water Houses gleich gegenüber kommt man leider gerade nicht so dicht heran, nicht nur wegen des Wassers drumherum. Andererseits entwickelt der dezent weiß-grün-blaue Gebäudekomplex hinter gelben und rot-weißen Absperrungen, die die Trasse für die Baufahrzeuge markieren, eine Ästhetik ganz eigener Art. Und wer das schöner findet, tritt einfach ein paar Schritte zur Seite und holt sich vielleicht einen roten Kran-Arm vor die Fassade. Nirgends wird man zurzeit so leicht selbst zum Requisiteur (und zum Statisten) wie auf dieser Bühne. An der Neuhöfer Straße gleich neben dem Energiebunker wird das Stück übrigens als Schattenspiel aufgeführt, jedenfalls wenn die Sonne scheint. Wohnungsbau hinter der Visionsplane…