Forever Moor

Die Seelen der Menschen fühlen sich vielleicht in immer innigerer Übereinstimmung mit einer Außenwelt von jener Schwermut, die unserem Geschlecht, als es noch jung war, einfach häßlich vorkam. Die Zeit scheint nahe, da einzig der herbe Adel eines Moors und des Meeres oder eines Gebirges das in der Natur ist, was mit der Gemütsverfassung des nachdenklicheren Teils der Menschheit völlig im Einklang steht.

Thomas Hardy (1840 – 1928), britischer Schriftsteller

Unerwartet schwer

„Neulich nahm ich etwas in die Hand, das mir von einer Frau geschenkt worden war: Ich kannte diese Frau eigentlich nicht, aber sie war bei mir zu Gast, sie erschien an der Seite einer DJ, die ich zur Feier meines fünfzigsten Geburtstags angeheuert hatte. Die DJ erklärte, ihre Freundin sei sehr krank, sie könne nicht allein zu Hause zurückgelassen werden, ob ich sie vielleicht mit einladen könne. Na klar. Die Freundin trug ihren blanken Schädel in die Menge der Feiernden, und dazu ein weites Kleid. Sie gab mir eine Schatulle, ein Geschenk für die nächsten fünfzig Jahre, sagte sie lächelnd.

In dem Papiergehäuse lag ein Stab aus Holz, etwa zwanzig Zentimeter lang, die Farbe ein dunkles Braunrot, zu einem herrlichen Glanz poliert. Man hätte denken können, es sei ein vollkommen sinnloses Objekt, aus der Gattung der Staubfänger. Dann nahm man es in die Hand und verstand. Der Stab liegt verblüffend schwer in der Hand. Das liegt am Holz, es ist Dalbergia melanoxylon, auch Grenadill genannt, afrikanisches Schwarzholz. Es zählt zu den Eisenhölzern und hat eine Dichte von 1400 Kilogramm je Kubikmeter, und was das bedeutet, ist eigentlich klar. Dieses Ding verdichtet in sich die Schwere des Lebens und verspricht, einen im Lot zu halten, so wie es das Schwert eines Schiffs tun würde. Wegwerfen? Nie!“

Aus: Susanne Mayer, Die Dinge unseres Lebens. Und was sie über uns erzählen. Berlin, 2019

Oder hätte die Überschrift besser „Im Lot gehalten“ lauten sollen? Egal. Von manchen Dingen kann man sich unmöglich trennen. Und vieles zeigt sein Wesen erst auf den zweiten, tieferen Blick. Und sei es mitten hinein in den unergründlichen Moorsee, in dem der Himmel sein eisekaltes Bad nimmt.

Fiat lux!

Oh, wie ist es kalt geworden! Aber wie gut tut es, endlich mal wieder in grelles Sonnenlicht zu blinzeln!

Die Wiesen haben die Regenfluten der vergangenen Wochen längst noch nicht vergessen.

Auch der Pfad durchs Birkenwäldchen nicht.

Der Moorsee noch nicht einmal die letzte Welle. Noch stiller ist er seither.

Winter ist eindeutig der Fotograf unter den Jahreszeiten. Er gefriert Momente zu Stillleben, bis eine milde Sonne die nächste Bewegung auslöst. Bis dahin ist jeder Baum eine frostige Insel.

Oh lustvoll ist’s…

p1170779… übers Moor zu gehn,

p1170810wenn der grundlose See den Himmel in sattem Blau spiegelt

p1170798und die Heide vom Vorjahr schimmert, als sei sie aus schwerem Gold.

p1170807Die Fotos habe ich vor ein paar Tagen im Wittmoor im Norden Hamburgs gemacht und poste sie mit herzlichen Sonn-tagsgrüßen gegen das schmutzige Grau, das nicht nur den Himmel über dem kleinen See zurückerobert hat.

Wie Samt und Seide

p1160665Ein Wetter zum Mäusemelken hätte die Großmutter das genannt. Oder zum Heldenzeugen. Und dabei ein kleines bisschen gekichert. Über „so etwas“ sprach man schließlich nicht. Ganz bestimmt nicht vor den Kindern.

p1160637Schleierwolken zieren das blaue Himmelskleid. Noch einmal lockt die Sonne mit hochsommerlichen Temperaturen. Nebenan im Schatten, im leichten Wind, ist schon der Herbst zu spüren. Das macht die Wärme besonders kostbar.

p1160681Und die Menschen… irgendwie langsam. Beinahe kontemplativ spazieren und radeln sie durch das Moor, das an diesem Tag sogar vom allgegenwärtigen Flugverkehr verschont bleibt.

p1160649Ganz still ist es. Am Moorsee warten drei Libellen-Spotter mit dicken Ferngläsern und Teleobjektiven.

p1160646Als ich ein paar Stunden später wieder vorbei komme, sitzen und schauen sie immer noch.

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This special light II

P1050977Entweder Husum, Storms „graue Stadt am grauen Meer“. Oder ein Spaziergang durchs Moor. Kein anderer Ort. Nicht heute in diesem sonnedurchwirkten Wattenebel, in dem sich der November von seiner schönsten Seite zeigte.

P1060019Alle Laute verwehn.

P1060039Nur ein paar „alte Weiber“ weben emsig Kollier um Kollier.

P1060063Kein Knistern im Röhricht.

P1060076Auch auf der Heide kein Schauer.

P1060095Oh lustvoll ists, übers Moor zu gehn!