Gut genug

„Manchmal möchten wir jemand anderes sein, jemand, der frei ist von Schmerzen und Ängsten, frei von Einsamkeit und wiederkehrenden Problemen. Manchmal möchten wir jemand sein, der ein anderes Leben an einem anderen Ort führt. Wir müssen irgendwann akzeptieren lernen, dass diese Phantasien zu uns gehören. Genauso wie unsere Beschränkungen, Schwächen und unterschiedlichen biographischen Voraussetzungen gehören sie zu unserem Leben – ob wir es wollen oder nicht. … Wir werden immer Vorstellungen von einem besseren Leben an einem besseren Ort hegen, aber das ist nichts Schlimmes, solange wir uns ein Zuhause bauen, das gut genug ist.“

Daniel Schreiber, Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen. Berlin 2018

Ein persönlich-philosophischer Essay über das Sehn-Suchen, über den Wunsch, sich neu zu erfinden, die Unvermeidlichkeit, sich selbst zu begegnen und über das Ankommen, am Ende doch. Und darüber, welche Rolle Sprache(n) und beharrliches Gehen in diesem Prozess spielen (können). Ich empfand den schmalen Band als ebenso ergreifend wie wohltuend.

Am Wasser zuhause

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Weihnachtsbesuch in der Kleinstadt. In dem backsteinernen Gebäude an der Stirnseite habe ich vor Urzeiten mein journalistisches Volontariat absolviert. Gleich dahinter lag meine erste eigene „Bude“, ein möbliertes Zimmer über einer Wäscherei. So fühlte sich damals Heimat an. Ohne die weihnachtliche Deko natürlich.

Und heute? Stellt sich dieses Gefühl von Zuhause am verlässlichsten ein, wenn ich mit der Bahn aus Richtung Süden kommend zwischen Außenalster und Binnenalster hindurchfahre. Der Hamburger Hauptbahnhopf liegt hinter mir, gleich werde ich am Dammtor aussteigen. Und vorher das immer gleiche Ritual: ein langer weiter Blick nach rechts über die Außenalster, dann noch ein schneller nach links, bevor das Rathaus nicht mehr zu sehen ist, Sachen zusammenraffen und raus.

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Neulich erzählte ich jemandem von diesem spezifischen Kennedy-und-Lombardsbrücken-Gefühl. Ja, sagte der nur. Und eine ganze Weile später: Er hätte sich auch schon gefragt, ob diejenigen, die am Hauptbahnhof aussteigen, wohl überhaupt in Hamburg ankommen…

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