Märchenwelten

Spieglein, Spieglein in der Hand… Wer hier die Schönste ist, ist ja wohl keine Frage.

Dass man als Prinzessin auch als Quereinsteigerin eine Chance hat, wurde im Hamburger Stadtpark zur Freude der Sonntagsspaziergänger gleich dutzendfach unter Beweis gestellt.

Es gab natürlich auch Zauberinnen. Am Pinguinbrunnen räkelte sich sogar eine waschechte Meerjungfrau.

Die Männer gingen meistens als Fotografen. Manchmal mussten sie sich von der Anstrengung auch erholen.

Und wenn sie nicht nach Haus gegangen sind, dann streifen die Teilnehmer des vergnügt-vergnüglichen Mystik-Flashmobs noch heute unter den alten Bäumen herum.

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In einen Fluss eintauchen

„Wenn der Punkt, an dem man in einen Fluss eintaucht, die Gegenwart ist, so dachte ich mir, ist die Vergangenheit das Wasser, das einen überholt hat und in die Tiefe fließt, wo einen nichts mehr erwartet. Und die Zukunft das Wasser, das von oben kommt und Gefahren mit sich bringt, aber auch Überraschungen. Die Vergangenheit ist das Tal und die Zukunft der Berg. So hätte ich die Frage meines Vaters beantworten müssen! Was auch immer das Schicksal für uns bereithält – es kommt von den Bergen, die über uns emporragen.“

Aus: Paolo Cognetti „Acht Berge“

The best is yet to come

Ich ging im Stadtpark so für mich hin, Körper und Geist zu lüften, ein paar Quadrate zu knipsen, das war mein Sinn…

In Decken gehüllt, koste ein Paar auf der Bank. Auf mancher Wiese qualmte der Grill. Der Hamburger ist hart im Nehmen. Die Hamburgerin auch.

Bei den Rhododendren und Azaleen formte psychedelischer Beat die Schritte der Mai-Gänger. Auf der anderen Seite wetteiferten Stimmen mit traurigen griechischen Weisen. Der Wettstreit unter den Eichen lief ohne Ton. Die Gebärdenden jagten ein weißes Tuch, mehr habe ich nicht verstanden.

Ein paar Sonnentage noch, und der Stadtpark wird explodieren. Die Vorbereitungen laufen an allen Zweigen.

Dialog der Geborgenheit

„Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.“

Rainer Maria Rilke: Zum Einschlafen zu sagen (Das Buch der Bilder)

*

„Ich lag, ein kleines Kind, in meiner Mutter Schoße / Und spielte, still entzückt, mit Lilie und Rose, / Und, von dem Duft berauscht, versank ich allgemach / In Schlummer, lind und süß, wie jener Maientag.

Ich lag auch noch im Traum in meiner Mutter Schoße / Und spielte, wie vorher, mit Lilie und Rose, / Und sah, wie Ros’ auf Ros’ dem Himmel sanft entquoll, / Indes die Erde leis zum Lilienbeet erschwoll.

Ach rings nun, statt der Welt, nur Lilie und Rose, / Dazu der Mutter Blick und ihres Hauchs Gekose! / Selbst in der Seele war kein andres Bild mehr da, / Ich wusste nur von dem, was rings mein Auge sah.

Ich lag erwachend noch in meiner Mutter Schoße, / In Händen hielt ich fest die Lilie und die Rose, / Die Mutter, über mich gebeugt, sah still mich an; / O einz’ge Stund’, wo Traum und Sein in Eins zerrann!“

Friedrich Hebbel: Leben und Traum

Das Bild „Maria mit dem schlafenden Kind“ hat um die Mitte des 15. Jahrhunderts herum der italienische Maler und Grafiker Andrea Mantegna geschaffen. Ich habe es in der Ausstellung „Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance“ in der Berliner Gemäldegalerie fotografiert, wo ausdrücklich dazu eingeladen wird, seine Eindrücke in Wort und Bild zu teilen. Andrea Mantegna und Giovanni Bellini waren Freunde, Schwäger und Konkurrenten. Sie haben sich gegenseitig inspiriert und kopiert. In Berlin wird das eng miteinander verwobene Schaffen der beiden Künstler in Kooperation mit der Londoner National Gallery und dem British Museum erstmals in einer Ausstellung präsentiert – noch bis zum 30. Juni.

Mantegna gilt als der Rationalere von beiden, der gern mit perspektivischen Verkürzungen experimentierte, während es Bellini primär um das reine Gefühl ging. Vor diesem Hintergrund sticht Mantegnas „Maria mit dem schlafenden Kind“, dem ein Mangel an Gefühl gewiss nicht vorzuwerfen ist, doppelt hervor. Für mich ist es eines der schönsten Bilder der Ausstellung.

Ein besonderer Friedhof

Sehr lebendig kam mir dieser Ort vor, was bei einem Friedhof ja nicht unbedingt selbstverständlich ist. Lebendig nicht etwa, weil so wahnsinnig viele Menschen dort gewesen wären, abgesehen mal von dem gut besuchten Café am Eingang, das auf einem Friedhof ja auch nicht gerade gewöhnlich ist. Sondern eher, weil auf dem gesamten Gelände eine besonders warme Atmosphäre herrschte. Und das lag bestimmt nicht nur an der Sonne, die an diesem Nachmittag so schön schien und Schattenmuster auf die Wände der benachbarten Gebäude malte.

Der Alte St. Matthäus-Kirchhof an der Großgörschenstraße am Rande von Berlin-Schöneberg wurde schon Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt. Künstler, Musiker und Wissenschaftler, aber auch erfolgreiche Unternehmer des 19. und frühen 20. Jahrhunderts fanden hier ihre letzte Ruhe – die Brüder Wilhelm und Jacob Grimm ebenso wie der Mediziner Rudolf Virchow.

Aber auch die Grabstätte des Vereins Denkmal Posithiv zur Erinnerung an Berliner, die an Aids gestorben sind, befindet sich hier. Und der Garten der Sternenkinder, in dem die sicher mit Freuden spielen würden, so liebevoll ist er gestaltet.

Herrliche alte Wandgräber und Mausoleen schmücken diese Oase der Ruhe mitten in der Großstadt. Bänke und vereinzelt auch Stühle laden zum Verweilen ein. Grabsteine erzählen Geschichten. Auf manchen stehen nur ein, zwei Worte: „Mutter“ oder „Unser Omchen“. Auf einigen Gräbern liegen Steine, auf anderen wachsen grüne Bettdecken.

Auf einem Grabstein entdeckte ich sogar einen eingeschweißten Stracciatella-Rührkuchen. Wie gesagt: Es waren gar nicht so viele Menschen auf dem Friedhof an diesem Nachmittag, aber es sah ganz so aus, als ob regelmäßig welche kommen.

Lichträume

Wer James Turrells Ganzfeld „Aural“ im Jüdischen Museum Berlin betritt, erfährt am eigenen Leib, welche Kraft von weichem Licht ausgehen kann. Kaum noch als Raum auszumachen ist die Installation des amerikanischen Lichtkünstlers in einem temporären Bau im Garten des Museums. Am ehesten erinnert sie an eine Landschaft im Nebel oder im Schnee. Vielleicht auch an eine Traumsequenz. Linien verschwimmen. Das Auge muss ohne den gewohnten Halt auskommen. Der Boden unter den Füßen beginnt zu schwanken. Einzelne Besucher stehen schwarzschattig im scheinbar zweidimensionalen Feld. Dass sie stehen, dass ich stehe, weiß ich mehr als dass ich es sehe. Was ich sehe, ist: Weiß, Magenta, Blau, Rot… Mal mit offenen, mal mit geschlossenen Augen. Ein Bild von dem Kunstwerk kann ich hier leider nicht zeigen, der Fotoapparat musste in der Tasche bleiben. Wer sich selbst ein Bild machen will, hat dazu noch bis zum 6. Oktober Gelegenheit. Oder wirft einen Blick auf die Website des Museums.

Mitgebracht habe ich stattdessen Fotos aus dem Keller des Zick-Zack-Anbaus von Daniel Libeskind mit seinen Achsen, schiefen Wänden und rauhen Betonschächten, zwischen denen deutsch-jüdische Geschichte erzählt wird.

In zweien der Voids, der vertikalen Leerräume, die das Gebäude an Kreuzungs- und Endpunkten der Achsen bis hinauf zum Dach durchziehen, ist noch bis zum 1. September die Licht- und Klanginstallation res-o-nant des Konzeptkünstlers Mischa Kuball zu sehen und zu hören.

Rotierende Projektoren werfen Lichtfelder an Wände und Decken, während aus Lautsprechern minutenkurze Soundclips erklingen, die von mehr als 150 MusikerInnen eigens für die Installation produziert wurden.

Nur ein Hauch Tageslicht dringt durch einen schmalen Schlitz in den Betonschacht Voided Void am Ende der Achse des Holocaust. Hier, im Holocaust Turm, ist die vom Architekten Libeskind symbolisierte Leere, die durch die Vertreibung und Vernichtung jüdischen Lebens in der Schoa entstanden ist, physisch wohl am stärksten zu spüren.

Lange halte ich so viel Leere und so wenig Licht nicht aus. An diesem sonnigen Tag ist es fast schon eine Erholung, für eine kleine Weile nach draußen in den Garten des Exils am Ende der gleichnamigen Achse zu treten.

Schwindelig werden kann einem allerdings auch hier, zwischen den 49 Stelen, die auf einer schiefen Ebene zu einem ziemlich engen Quadrat angeordnet sind.

Oder doch spätestens beim Blick in die Höhe, wo in viel Berliner und ein wenig Jerusalemer Erde Ölweiden wachsen. Unerreichbar und doch: ein Symbol der Hoffnung.

Die Achse der Kontinuität schließlich führt mich zum Memory Void  und der tief berührenden Installation Schalechet (Gefallenes Laub) von Menashe Kadishman. Tausende Gesichter mit aufgerissenen Mündern aus schweren runden Eisenplatten bedecken den Boden des ansonsten leeren Raums. Ob es wohl der Name des Kunstwerks ist, der so viele Besucher dazu verleitet, auf ihm herumzulaufen? Dabei raschelt dieses „Laub“ doch gar nicht sondern knackt, als brächen Knochen.

Zeit, in den Museumsgarten zurückzukehren, in andere Lichträume.

Sechs, sieben Sachen

Einer lässt seine Habseligkeiten von einem Gerippe bewachen. Um den Hals trägt es eine Schlinge.

Ein anderer schlägt sein Bett im Park auf. Die Laken sind so grün wie die Büsche drumherum.

Einer stellt Schuhe in einer Plastiktüte neben eine Bank. Vielleicht kann sie ein anderer gebrauchen.

Einer hat zu viele Weihnachtsmänner. Besonders jetzt zu Ostern.

Ein anderer greift nach seinen Siebensachen und geht.

The Art of Glass

„Photography? Yes please!“ Herzlicher könnte das Willkommen nicht sein. Und was gibt es nicht alles zu sehen – und zu fotografieren – in der aktuellen Sonderausstellung des Groninger Museums: Schwimmkörper japanischer Fischernetze, Blüten und Pflanzen, Muscheln, indigene Decken und Körbe, baumhohe Eiszapfen… – und alles aus Glas. So herzanrührend zart sind die Werke des US-Amerikaners Dale Chihuly und seines Teams aus Glaskünstlern, so bunt und überbordend verspielt, so genau beobachtet und präzise in der Ausführung, so großartig arrangiert, dass es eine helle Freude ist. Die Ausstellung auf der Museumsinsel gegenüber vom Groninger Hauptbahnhof läuft noch bis zum 5. Mai. Sehr empfehlenswert!

Spiegelungen

„Beliebiger Tag, beliebiger Ort. Damit will ich sagen, ich hätte auch jemand anderer sein können, in einer anderen Stadt, an einem anderen Tag. …

An der gegenüberliegenden Straßenecke ist noch ein Café. Ich weiß nicht, warum ich nicht dort Platz genommen habe. Es ist ein Spiegelbild dieses Cafés, vielleicht sitze ich da ja auch. …

An der Wand hängt ein leicht gekippter Spiegel, so dass ich die Welt draußen noch einmal sehe, diesmal als schiefe Ebene. …

Die Straße vor dem Fenster ist mit kleinen Steinen gepflastert. …

Die Bahn muss hier einst um die Kurve gefahren sein, doch jetzt enden die Gleise im Nichts. Dennoch höre ich das Geräusch dieser um die Kurve kommenden, nicht mehr existierenden Straßenbahn, ein Geräusch in Sepia, wie auf alten Fotos. …

Als ich gehe und mich noch einmal nach meinem leeren Stuhl umblicke, ist es nicht sicher, dass ich dort gesessen habe.“

Die Sätze des niederländischen Autors Cees Nooteboom habe ich aus dem Kapitel „Nilpferd“ seiner „Briefe an Poseidon“ (Berlin 2012) geschnipselt. Sie erzählen von einem anderen Tag an einem anderen Ort und scheinen mir doch ein guter Spiegel für die Bilder von der Groninger Waterkant zu sein.

700 Kilometer von hier

Die Italienerin hatte es schon vor vielen Jahren in den Norden Europas gezogen. Zuerst nach Deutschland, dann in die Niederlande. Der Arbeit wegen. Der Liebe wegen.

Der Holländer wurde im Westen sozialisiert, wie er sagt. Der Westen, das ist Amsterdam. Und Rotterdam. Da sind sie offener als hier im Norden, findet er. Und optimistischer. Hier im Norden, das ist Groningen.

Die Deutsche, die für ein paar Tage zu Besuch bei den Nachbarn weilt und bisher keinen Anlass hatte, über mangelnde Zugewandtheit zu klagen, schreibt Amsterdam und Rotterdam auf die unendliche Liste (endlich mal wieder) zu besuchender Orte.

Die Argentinierin schüttelt die roten Locken, ein Erbe der niederländischen Mutter, und lacht. Sie ist 700 Kilometer südlich von Buenos Aires groß geworden. Sie sagt das, als handele es sich um einen Vorort.

700 Kilometer von „hier im Norden“, da bist du im übernächsten Land. In Paris. In Basel. In Prag. Oder in London….

Während sie drüben zum x-ten Mal über die x-te Exit-Variante abstimmen und Einigkeit schon lange nur noch im Nein erzielen, klappt die Verständigung auf dieser Seite der Nordsee gut. Die Vier sind längst nicht immer einer Meinung darüber, wie die Welt zu retten sei. Aber sie sprechen eine Sprache. Englisch übrigens.