Gedankenverloren

Gesunken ist Selenna, / sind die Plejaden. Mitter- / nacht, vorüber die Stunde. / Und ich schlafe allein.

Aus: Sappho „Und ich schlafe allein“, neu übersetzt von Albert von Schirnding, München 2013

Mit diesen wunderbar rhythmischen Zeilen der vielleicht bekanntesten Dichterin des Altertums ziehe ich mich in eine kleine Blogpause zurück. Bis bald, lasst es euch gut gehen!

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So bunt

„Lassen Sie mich ein Gleichnis gebrauchen, das Gleichnis vom Baum. Der Künstler hat sich mit dieser vielgestaltigen Welt befaßt, und er hat sich, so wollen wir annehmen, in ihr einigermaßen zurechtgefunden; in aller Stille. Er ist so gut orientiert, daß er die Flucht der Erscheinungen und der Erfahrungen zu ordnen vermag. Die Orientierung in den Dingen der Natur und des Lebens, diese vielverästelte und verzweigte Ordnung möchte ich dem Wurzelwerk des Baumes vergleichen.

Von daher strömen dem Künstler die Säfte zu, um durch ihn und durch sein Auge hindurchzugehn.

So steht er an der Stelle des Stammes. Bedrängt und bewegt von der Macht jenes Strömens, leitet er Erschautes weiter ins Werk.

Wie die Baumkrone sich zeitlich und räumlich nach allen Seiten hin sichtbar entfaltet, so geht es auch mit dem Werk.

Es wird niemand einfallen, vom Baum zu verlangen, daß er die Krone genau so bilde wie die Wurzel. Jeder wird verstehn, daß kein exaktes Spiegelverhältnis zwischen unten und oben sein kann. Es ist klar, daß die verschiedenen Funktionen in verschiedenen Elementarbereichen lebhafte Abweichungen zeitigen müssen. Aber gerade dem Künstler will man zuweilen diese schon bildnerisch notwendigen Abweichungen von den Vorbildern verwehren. Man ging sogar im Eifer so weit, ihn der Ohnmacht und der absichtlichen Fälschung zu zeihn.

Und er tut an der ihm zugewiesenen Stelle beim Stamme doch gar nichts anderes, als aus der Tiefe Kommendes zu sammeln und weiterzuleiten. Weder dienen noch herrschen, nur vermitteln.

Er nimmt also eine wahrhaft bescheidene Position ein. Und die Schönheit der Krone ist nicht er selber, sie ist nur durch ihn gegangen.“

Paul Klee: Über die moderne Kunst (Auszug)

Der vollständige Text ist veröffentlicht in Heft 91 von „Tà katoptrizómena“. Das Magazin für Kunst, Kultur, Theologie und Ästhetik“ erscheint ausschließlich im Internet und basiert, wie auf der Homepage nachzulesen ist, auf dem Prinzip des geteilten Wissens.

So blau

Blau ist die Farbe von Himmel und Wasser. Die Farbe der Freiheit, der Sehnsucht, der Ruhe und der Klarheit, der Kälte, der Harmonie und der Treue. Blau lässt Raum für vieles.

In den vergangenen Tagen habe ich bereits ein paar Fundstücke gezeigt, die ich von meinem jüngsten Ausflug an die Ostsee mitgebracht habe. Das war praktisch der Beifang. Eigentlich ging es mir darum, endlich einmal unten am Brodtener Ufer entlang zu laufen, einer bis zu zwanzig Meter hohen Steilküste zwischen Niendorf und Travemünde. Bisher hatte ich die herrlich weiten Blicke von oben genossen. Wenn du mal schauen willst – hier und hier findest du ein paar Eindrücke.

Entstanden ist das Steilufer am Ende der letzten großen Eiszeit. Mit der einsetzenden Eisschmelze formte eine gewaltige Gletscherzunge die heutige Lübecker Bucht. Sand, Mergel und Findlinge lagerten sich in Form einer Moräne ab, die den Verlauf der Ostseeküste prägt.

Wie sie wohl in hundert Jahren aussehen wird? Jahr für Jahr frißt sich das Meer am Brodtener Ufer um durchschnittlich einen Meter ins Land hinein. Man kann förmlich dabei zusehen, wie der Fuß- und Radweg oben immer dichter an die Abbruchkante rückt. Ein Haus, um dessen Traumlage ich die Besitzer noch vor wenigen Jahren beneidete, wurde abgerissen. Viel zu gefährlich, es zu betreten.

Unten am Wasser zeugen entwurzelte Baumstämme und herabgestürzte Geschiebeblöcke von der Kraft der Herbst- und Winterstürme, von peitschendem Wellenschlag und Starkregen. Die aus dem Kliff herausgewaschenen Sandmassen werden durch Strömungen parallel zur Küste sowohl nach Travemünde als auch in die innere Lübecker Bucht gespült, wo sie Strandurlauber-Herzen höher schlagen lassen.

Blau ist die Farbe von Himmel und Wasser. Blau weitet den Blick und schafft Raum.

Für den kreativen Umgang mit Steinen zum Beispiel. Und mit allem, was sonst so zur Hand ist.

Manchmal noch

Manchmal noch empfind ich völlig jenen
Kinder-Jubel, ihn:
da ein Laufen von den Hügellehnen
schon wie Neigung schien.

Da Geliebt-Sein noch nicht band und mühte,
und beim Nachtlicht-Schein
sich das Aug schloss wie die blaue Blüte
von dem blauen Lein.

Und da Lieben noch ein blindes Breiten
halber Arme war -,
nie so ganz um Einen, um den Zweiten:
offen, arm und klar.

Rainer Maria Rilke: Aus dem Nachlass des Grafen C. W. (Auszug)