Verhältnismäßig

„Wie verhält sich eigentlich Tiroler Gewürzbrot zu Roggensaft Natur?“ Der alte Bäckermeister schaut perplex aus dem Kittel. Ich wette, über diese Frage hat er im Leben noch nicht nachgedacht. Mir will sie gar nicht mehr aus dem Kopf. Seit meinem Besuch auf dem Wochenmarkt sinne ich immer mal wieder über das potenzielle Verhältnis zweier Brotsorten zueinander nach. Irgendwie passiv nachbarschaftlich, schoss mir, noch am Ort der Fragestellung, durch den Kopf. So von Regalbrett zu Regalbrett. Oder meinetwegen auch aufgeschnitten Seit’ an Seit’ im Brotkorb. Ich bevorratete mich mit einem halben Laib Roggensaft Natur. Inzwischen kann ich immerhin so viel sagen: Das Brot ist trotz des Namens der eher trockene Typ  – und es verhält sich angenehm zurückhaltend zu dem ausdrucksstarken Greyenzer vom Stand nebenan. Wer weiß, mit dem würzigen Nachbarn hätte es womöglich Probleme gegeben…

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Die alte Dame möchte ihr Kartoffelbrot geschnitten. „6,5 Millimeter“, sagt sie. Ist das nun verhältnismäßig dünn oder dick? „Sie wissen aber, was sie wollen!“ Die Bäckereifachverkäuferin schmunzelt. „Ich weiß immer, was ich will“, antwortet die alte Dame. „Und ich kriege es auch.“ Sie verzieht absolut keine Miene.

Unerwartet schwer

„Neulich nahm ich etwas in die Hand, das mir von einer Frau geschenkt worden war: Ich kannte diese Frau eigentlich nicht, aber sie war bei mir zu Gast, sie erschien an der Seite einer DJ, die ich zur Feier meines fünfzigsten Geburtstags angeheuert hatte. Die DJ erklärte, ihre Freundin sei sehr krank, sie könne nicht allein zu Hause zurückgelassen werden, ob ich sie vielleicht mit einladen könne. Na klar. Die Freundin trug ihren blanken Schädel in die Menge der Feiernden, und dazu ein weites Kleid. Sie gab mir eine Schatulle, ein Geschenk für die nächsten fünfzig Jahre, sagte sie lächelnd.

In dem Papiergehäuse lag ein Stab aus Holz, etwa zwanzig Zentimeter lang, die Farbe ein dunkles Braunrot, zu einem herrlichen Glanz poliert. Man hätte denken können, es sei ein vollkommen sinnloses Objekt, aus der Gattung der Staubfänger. Dann nahm man es in die Hand und verstand. Der Stab liegt verblüffend schwer in der Hand. Das liegt am Holz, es ist Dalbergia melanoxylon, auch Grenadill genannt, afrikanisches Schwarzholz. Es zählt zu den Eisenhölzern und hat eine Dichte von 1400 Kilogramm je Kubikmeter, und was das bedeutet, ist eigentlich klar. Dieses Ding verdichtet in sich die Schwere des Lebens und verspricht, einen im Lot zu halten, so wie es das Schwert eines Schiffs tun würde. Wegwerfen? Nie!“

Aus: Susanne Mayer, Die Dinge unseres Lebens. Und was sie über uns erzählen. Berlin, 2019

Oder hätte die Überschrift besser „Im Lot gehalten“ lauten sollen? Egal. Von manchen Dingen kann man sich unmöglich trennen. Und vieles zeigt sein Wesen erst auf den zweiten, tieferen Blick. Und sei es mitten hinein in den unergründlichen Moorsee, in dem der Himmel sein eisekaltes Bad nimmt.

Keep on sailing

A ship is safe in harbor, but that’s not what ships are for.

William Shedd

Wieder sind Wochen vergangen seit meinen letzten ernsthaften Streifzügen durch die Blogosphäre, und ich bin mir ziemlich sicher, ich habe hier einiges verpasst. Ein wenig werde ich noch nachlesen in diesen Traumtagen „zwischen den Jahren“, die nicht mehr ganz zum Alten gehören, aber auch noch nicht zum Neuen. Vor allem aber werde ich mich ausruhen. 2019 war kein ganz einfaches Jahr für mich, aber eines, in dem ich viel Klarheit gewonnen habe. Ich bin dankbar für Kreise, die sich geschlossen haben, für Momente tiefer Verbindung, aber auch für den Mut zu manchem Nein, wo es nicht oder nicht mehr passte. „Was würde ich tun, wenn ich keine Angst hätte?“ Im Herbst war mir in einem Vortrag dieser wunderbare Satz begegnet. Seither trage ich ihn in meinem Herzen und beobachte, wie er auch mein Handeln beeinflusst, nicht immer, aber immer mal wieder. Ich habe mir fest vorgenommen, ihn mit ins neue Jahr zu nehmen. Vielleicht wär‘ das auch etwas für dich? Ich wünsche dir allzeit gute Fahrt, Wind in den Segeln und einen Hafen, wenn du ihn brauchst!

Und mit Liebe zu schaun

Herbstlich sonnige Tage,
Mir beschieden zur Lust,
Euch mit leiserem Schlage
Grüßt die atmende Brust.

O wie waltet die Stunde
Nun in seliger Ruh!
Jede schmerzende Wunde
Schließet leise sich zu.

Nur zu rasten, zu lieben,
Still an sich selber zu baun,
Fühlt sich die Seele getrieben
Und mit Liebe zu schaun.

Jedem leisen Verfärben
Lausch ich mit stillem Bemühn,
Jedem Wachsen und Sterben,
Jedem Welken und Blühn.

Was da webet im Ringe,
Was da blüht auf der Flur,
Sinnbild ewiger Dinge
Ists dem Schauenden nur.

Jede sprossende Pflanze,
Die mit Düften sich füllt,
Trägt im Kelche das ganze
Weltgeheimnis verhüllt.

Emanuel Geibel: Herbstlich sonnige Tage

Ich weiß, es gibt andere Orte als die Wälder in und um Hamburg. Aber wenn die Sonne noch einmal so Oktober-golden strahlt wie am Sonntag, hält mich nichts, aber auch gar nichts zwischen den Mauern der Stadt. Die Fotos dieses Beitrags habe ich von einem langen Spaziergang durch den Wohldorfer Wald und den Duvenstedter Brook mitgebracht. Es kommen andere Tage, auf dem letzten Foto ist es unschwer zu erkennen, und mit ihnen andere Bilder und Themen.

Elphi on fire

Lichtspiele ganz eigener Art boten sich den Laubtretern und Sonnenhungrigen gestern und heute an der Hamburger Außenalster. Was auf den ersten Blick aussah, als stünden das Rathaus und die Elbphilharmonie gleichzeitig in Flammen, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als Rauchsäule über dem Kohlekraftwerk Moorburg an der Süderelbe. Auch ein Anachronismus lässt bisweilen Bilder von bizarrer Schönheit entstehen.

Mit Goethe im Herbstwald

Wenn in Wäldern Baum an Bäumen,
Bruder sich mit Bruder nähret,
Sei das Wandern, sei das Träumen
Unverwehrt und ungestöret;
Doch, wo einzelne Gesellen
Zierlich miteinander streben,
Sich zum schönen Ganzen stellen,
Das ist Freude, das ist Leben.

Aus: Johann Wolfgang von Goethe „Wilhelm Tischbeins Idyllen“

Himmelsstützen

Wenn jemand meinte, die Bäume seien da, um den Himmel zu stützen, so müßten sie ihm alle zu kurz vorkommen.

Franz Grillparzer

Die Fotos habe ich aus dem verwunschenen Erlengrund bei Ahrensburg mitgebracht. Moore, Teiche, Wälder und sogar ein kleiner Berg liegen ganz in der Nähe und laden zum Spazierengehen ein.

Der Löwe ist gegangen

Als ich jung war, dachte ich, / Ein Löwe ist ein Löwe, auch wenn er alt ist;

Heute bin ich alt und weiß: / Alt ist alt, wenn es auch ein Löwe ist.

Ich weiß nicht, von wem diese berührenden Zeilen stammen, die ich kürzlich in einer Traueranzeige las. Vielleicht von einem persischen Dichter. Der alte Löwe, von dem sich seine Familie verabschiedete, hatte beinahe einhundert Jahre zuvor in Isfahan das Licht der Welt erblickt.

Eine Frage der Perspektive

Gingen zwei in einen Beerenwald;
Fand der Eine süße Beeren bald;
Hat sich fleißig gebückt
Und emsig gepflückt;
Tat nichts als essen.

Der Andre indessen
Trug immer die Nase gen Himmel gericht,
Sah den lieben Herrgott oder macht‘ ein Gedicht,
Aber die süßen Beeren, die sah er nicht.
Tun mir leid alle Beide.
Ich liebe die Beeren- und Himmelsweide.
Ich hätte mir Beeren gesucht im Kraut
Und essend zum blauen Himmel geschaut.
Mir hätte keins das andre geniert,
Hätte Himmel und Beeren in eins skandiert.

Otto Julius Bierbaum: Für Beerensucher

Die Blicke in den Himmel und „ins Kraut“ tat ich jüngst im Lichthof des neuen Bucerius Kunst Forums in Hamburg. Wer auch mal schauen will: Die nächste Ausstellung steht vor der Tür. Ab dem 19. Oktober sind Werke von Walt Disney, Norman Rockwell, Jackson Pollock und Andy Warhol zu sehen. In Zeiten wie diesen mag es gut tun, einmal andere Amerika-Bilder in den Blick zu nehmen.