Tief im Dschungel

Antoine Guilloppé, Tief im Dschungel, München 2013

Das großformatige Bilderbuch des französischen Illustrators Antoine Guilloppé zu betrachten, ist ein bisschen wie durch einen Dschungel zu gehen. Man weiß nie genau, was einen beim nächsten Schritt respektive Umblättern erwartet. Filigrane Scherenschnitt-Seiten führen den Blick wie durch dichtes Blattwerk. Geheimnisvolle Schatten fallen auf die Abbildungen dahinter. Diese ganz eigene Mach-Art zu fotografieren war herausfordernd. So richtig zufrieden mit dem Ergebnis bin ich immer noch nicht. Aber es wäre schade, euch dieses großartige Bilderbuch vorzuenthalten. – Ich mach dann mal Blogpause. Nicht im Dschungel, aber spannend wird es sicher ebenfalls. Und im Frühsommer geht es hier weiter.

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Manchmal spricht ein Baum

Manchmal spricht ein Baum
durch das Fenster mir Mut zu
Manchmal leuchtet ein Buch
als Stern auf meinem Himmel
manchmal ein Mensch,
den ich nicht kenne,
der meine Worte erkennt.

Rose Ausländer

P.S. Auf meinem Bücherhimmel leuchteten in den vergangenen Wochen diese beiden Sterne: Mariana Leky „Was man von hier aus sehen kann“ und Michela Murgia „Accabadora“.

… noch mehr Katzen

Brendan Wenzel: Alle sehen eine Katze. Zürich 2018.

Dass ich an diesem Buch nicht vorbeigehen konnte, wird verstehen, wer meinen jüngsten Beitrag über die Begegnung mit Flensburgs Katzen gelesen hat.

Mit erhobenem Schwanz und lang gestrecktem Körper spaziert auf leisen Pfoten die Katze über das Cover und über die Seiten, die die Welt bedeuten. Genauer: ihre Welt. Und alle sehen die Katze. Genauer: Alle sehen EINE KATZE. Denn jede(r) sieht die Katze auf seine bzw. ihre ganz eigene Weise: das Kind, der Hund und der Fuchs, der Fisch, die Maus und die Biene, der Vogel, der Floh und die Schlange, das Stinktier, der Wurm und die Fledermaus.

Für den Hund ist die Katze ein langbeiniges hageres Wesen mit einer überdimensionalen Glocke um den Hals. Wie muss ihn das Gebimmel nerven! Der Fisch sieht praktisch nichts als leicht verschwommene Glubschaugen und Schnurrhaare, die Maus ein riesiges schwarz-rotes Monster mit spitzen Zähnen und scharfen Krallen. Die Biene umschwirrt ein psychedelisches flächiges Wesen aus Farbkreisen unterschiedlicher Größe. Wer die Welt so sieht, den dürfen wir uns als wahrhaft heiter vorstellen. Für den Vogel ist die Katze ganz Rücken, für den Floh ein haariger Dschungel und für den Wurm eine Erschütterung des Erdreichs. Alle sehen EINE KATZE.

„Und die Katze ging durch die Welt mit ihren Schnurrhaaren, Ohren und Pfoten.“ Je nach Perspektive mal kursiv, mal in Versalien. So schlicht, so klar, dass es eine Freude ist.

Zwischen den wenigen Sätzen hat der New Yorker Illustrator Brendan Wenzel ein wahres Feuerwerk an Bildern gezündet. Selbst im Druck ist zu erkennen, mit wie vielen verschiedenen Materialien und Techniken er gearbeitet, mit welcher Lust und Phantasie er gemalt, gezeichnet und geklebt hat. Entstanden ist nicht mehr und nicht weniger als ein Kunstwerk. Ein philosophisches noch dazu, das schon den Kleinsten eine Ahnung vermittelt, wie relativ jede Betrachtung ist.

Einen Eindruck von dem Buch gibt auch ein Trailer, den der NordSüd Verlag bei YouTube eingestellt hat.

Ich sehe Katzen…

Nicht so, wie andere Leute weiße Mäuse, nein, nein. Aber in letzter Zeit doch ziemlich oft und manchmal auch eine ganze Menge.

Neulich in Flensburg zum Beispiel. Kein Lichtstrahl schaffte es durch die einheitsgraue Wolkendecke, aus der pausenlos nur leicht angefrorener Schnee graupelte. Keinen Hund würde man bei so einem Wetter vor die Tür jagen. Aber Katzen brauchen es offenbar nicht so „hyggelig“, um mit den Experten in Sachen Gemütlichkeit von der anderen Seite der Grenze zu sprechen.

Mindestens zehn Samtpfoten (genauer: deren Träger) zählte ich allein in der Norderstraße. Die ist eigentlich nicht für ihre Katzen sondern für ihren Reichtum an ausgelatschten Schuhen bekannt, die an Drähten über den Häuptern der Passanten baumeln.

Olle Sneakers über die Straße zu schleudern, bis sie hängen bleiben, ist in der Flensburger Innenstadt Kult. Angefangen hat der Spaß einst nach feuchtfröhlichen Disco-Nächten. Die Disco gibt es längst nicht mehr, das Event ist geblieben.

Und jetzt ziehen (respektive streifen) auch noch Katzen um die Häuser. In Durchgängen, an Hausecken, auf Treppen drücken sie sich herum und lassen nicht nur Kinderherzen höher schlagen. Immer mal wieder setzt „N.M.“ ein neues Kätzchen aus, vermeldet der Flensburger Straßenfunk – mit Vorliebe nachts, wenn alles schläft…

Am eisblauen Meer

Während der Himmel über Hamburg allmählich eingrisselt, beame ich mich bei einem Pott Tee der Marke „Elfentraum“ zurück an die Ostsee, auf die Halbinsel Holnis. Ich habe das Naturschutzgebiet im Westen der Flensburger Förde neulich von Glücksburg aus umwandert. Es war ein so strahlend blauer Tag, dass ich nicht einen einzigen Kilometer im Auto oder Bus zurücklegen mochte. Man kann einen Rundgang aber sehr gut auch am Leuchtturm in Schausende oder am Fährhaus an der Ostseite beginnen – man verpasst keines der Highlights und spart einige Kilometer Fußmarsch.

Gleich hinter dem Leuchtturm öffnet sich ein Lebensraum, den es so an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste nur noch selten gibt: das Kleine Noor. Noore sind verlandete Meeresbuchten, die durch Bildung von Strandwällen nach und nach von der Förde, die ja selbst nicht anderes ist als eine (größere) Meeresbucht, getrennt wurden. Bis Anfang des vergangenen Jahrhunderts gab es zwischen dem Noor und der Ostsee noch eine offene Verbindung, die dann abgedeicht wurde. Das Noor wurde leergepumpt und es entstanden landwirtschaftliche Nutzflächen. 1995 kaufte die Stiftung Naturschutz den gesamten Bereich in der Absicht, den Deich an einigen Stellen zurückzubauen, um wieder einen natürlichen Einfluss des Meeres zu ermöglichen. Im Herbst 2002 setzte die Natur zum Überholmanöver an: Die Ostsee überflutete den Deich, es entstand eine mehrere Hektar große, von Brackwasser überstaute Fläche. Über den neuen Durchlass zur Ostsee führt nun eine Brücke.

Kaum hat man die hinter sich gelassen, fällt der Blick auf das Holnisser Kliff, das durch tektonische Verschiebungen während der letzten Eiszeit enstanden ist – und auf Berge von roten und gelben Ziegelsteinen am Strand. Wie auf der dänischen Seite gegenüber gab es auf der Halbinsel früher einige Ziegeleien. Mit dem Rückzug der Gletscher entstanden riesige Eisstauseen. Im ruhigen Wasser konnte sich das feine Sediment absetzen und mächtige Lehm- und Tonschichten bilden. Die Ziegelei Holnishof, von der die hier abgebildeten Ziegel stammen, war bis 1964 in Betrieb.

Auf der Steilküste lohnt es sich, einen Augenblick zu verharren. Bei guter Sicht kann man die gesamte Förde überblicken: das Noor auf der einen, die Salzwiese auf der anderen Seite, Dänemark natürlich, das von drei Seiten ganz nah ist, und weit im Osten vielleicht sogar das offene Meer…

Aber erst einmal führt der Weg weiter hinauf in den schattigen Norden. Eisblau ruht der Himmel über eisblauer See.

Nur ein paar Schritte sind es bis zu der Stelle, wo 1850 ein Flensburger Seemann seine letzte Ruhestätte fand. Da er an Cholera erkrankt war, wurde seinem Schiff auf dem Rückweg von Westindien die Einfuhr nach Flensburg verwehrt. Der Seemann starb an Bord und wurde von seinen Kameraden in aller Stille am Strand begraben. Ungefähr aus der selben Zeit datiert das (weniger fotogene) Soldatengrab auf der Ostseite von Holnis, das an eine See- und Landschlacht mit Dänemark und an den dänischen Soldaten erinnert, der damals auf seinem Schiff erschossen und ebenfalls am Strand begraben wurde.

Zwischen den beiden Gräbern lohnt ein „Boxenstopp“ im Fährhaus, das während meiner Wanderung leider noch Winterpause hatte. Von hier startete einst die Fähre, die Holnis mit dem dänischen Fördeufer verband. Schon im 13. Jahrhundert nutzten die Mönche vom Kloster Rude auf dem Gebiet des heutigen Glücksburg den kurzen Weg über das Wasser, um ihre Besitztümer auf Sundewitt und Broagerland zu erreichen. 1875 fand die letzte Personenüberfahrt statt. Ein Stück weiter treiben zwei Reiter beherzt ihre Pferde in die eiskalten Fluten, als hätten sie vor, ans gegenüberliegende Ufer zu reiten.

Ein Schloss, ein Wort

So viele Arten gibt es, Moin! zu sagen. Kurz und entschieden grüßt der Hamburger: Moin!

Zweisilbig, leicht singend begegnen sich die Menschen an der Flensburger Förde: Mo-oin! Zwischen den Silben vergeht eine kleine Ewigkeit, die von großer Gelassenheit spricht. Wo du so gegrüßt wirst – und es grüßt wirklich fast jeder –, da lass dich nieder.

Auch jenseits der Grenze, im südlichen Dänemark, sagt man: Mojn! Nach der Abtretung Nordschleswigs 1920 an Dänemark, lese ich bei Wikipedia nach, wurde im Land ein Mojn-Verbot gefordert; noch in den 1960er Jahren hieß es dort im süddänischen Dialekt „Mojn er forbojn“ („Moin ist verboten“).

Gelegentlich ist der Ganztagsgruß hier im Norden auch doppelt zu hören: Moin Moin! Bei so viel Geschwätzigkeit denke ich automatisch an den Witz von den beiden Anglern. Der eine brachte einen Bekannten mit, der zur Begrüßung freundlich Moin! sagte. Zum Abschied, am Ende eines langen stillen Tages, sagte der andere Angler zu seinem Kumpel: „Den Sabbelbüdel bruks nich wedder mitbringen.“ („Den Schwätzer brauchst du nicht wieder mitzubringen.“)

In diesem Sinne: Moin!

So viele Arten gibt es, Moin! zu sagen. So viele, ein Schloss zu sehen. An einem eisblauen Sonnentag in Glücksburg. „Hoffentlich war das nicht schon unser Sommer“, sagt mit norddeutschem Humor die Hotelbetreiberin.

Im Garten der Steine

Weit öffnet sich der Blick ins Auetal. Die Hand streicht über einen braunfleckigen Granit. Sagenhafte 1.650 Millionen Jahre hat der auf dem Buckel. Der steinerne Methusalem ist einer von 170 Findlingen, die vor Tausenden von Jahren mit den Gletschern der Eiszeit aus Skandinavien an die Elbe geschoben wurden und nun im Garten der Steine im niedersächsischen Harsefeld Zeugnis ablegen von der Entstehung der Geestlandschaft, von der Gesteinsbildung der Erde, von der Geschichte unserer Kultur.

Die Findlinge sind kreisförmig bestimmten Themen zugeordnet und mit Schautafeln versehen. Die wohl spannendste von allen lädt zu einer ganz besonderen Zeitreise ein: „Die Erdgeschichte in einem Jahr“. Um schier unvorstellbare Jahrmillionen wenigstens in ein fassbares Verhältnis zueinander zu setzen, wird die Erdgeschichte in den Zeitraum eines einzigen Jahres gepresst: „Vom 1. Januar bis in den April hinein gibt es noch keinerlei Leben auf der Erde. Danach entwickeln sich die Einzeller, aus denen bis Anfang Oktober vielzellige Lebewesen entstehen. … Am 25. November erscheinen die ersten Wirbeltiere auf der Erde, und immer noch gibt es Leben nur im Meer. Doch einige Tage später, Anfang Dezember, beginnen zunächst die Pflanzen, dann auch die Tiere, das feste Land zu erobern. … In den folgenden zwei Wochen beginnt die Herrschaft der Saurier. … In diesen 14 Tagen treten auch die ersten Säugetiere und die Urvögel in Erscheinung. In der letzten Woche des Dezember entwickeln sich die Blütenpflanzen, und die Säuger breiten sich über die ganze Erde aus. Es ist die Zeit, in der die Alpen und andere Hochgebirge entstehen. … Schon bricht der 31. Dezember an, der Silvestertag, und wir sind immer noch erst im Tertiär. Wenn am Abend mit dem Beginn des Quartärs die Eiszeit einsetzt, treten bald auch die ersten Urmenschen auf. In wenigen Stunden wechseln nun Kalt- und Warmzeiten der Eiszeit einander ab. Um 23 Uhr entdecken die Frühmenschen die Kraft des Feuers. Um 23:55 Uhr malen die Eiszeitmenschen ihre Höhlenbilder und jagen den Höhlenbär und das Mammut. 70 Sekunden vor Mitternacht endet die Eiszeit und beginnt unsere erdgeschichtliche Gegenwart. 30 Sekunden vor Mitternacht werden die Pyramiden in Ägypten gebaut. … Und mit dem ersten Schlag der Neujahrsglocken hat unser drittes Jahrtausend begonnen.“

Von Findlingskreis zu Findlingskreis, von Themenkreis zu Themenkreis führt der Weg. Die Finger gleiten wie von selbst durch Rillen, tasten Ausbuchtungen ab. Manche Steine haben eine glatt geschliffene Oberfläche, andere sind porös, weisen Körnungen auf, Ringe, Einkerbungen, Schrammen, Pocken und Poren, wieder andere fühlen sich samtweich an. Einige sind matt, andere glitzern, glänzen und schimmern mit der diesigen Wintersonne um die Wette, gelb-orange, rot, grau-beige, braun und ocker. Ein Granit mit großen Feldspataugen in perfekter Sitzhöhe lädt für einen Moment zum Verweilen ein. Ein Stück weiter liegt ein Sandstein, nur wenige Zehntausend Jahre alt, ein richtiges Baby noch.