Zartes Vertrauen

Daß da abends plötzlich / ein Gewitterregen runterkommt / daß ich / nach draußen lauschend / am Küchenfenster steh / und den letzten Schluck / aus der Flasche trinke / daß du hereinkommst / weil du dich fürchtest / vor Donner und Blitz / daß du mir die Hand / auf die Schulter legst / und sagst: / „Du säufst dich nochmal tot!“

– das alles: / der Platzregen / vor dem wir geschützt sind / der Korkengeschmack im Mund / der Wein im Blut / deine Hand / und deine Stimme

das alles / könnte mich / dazu verlocken / einen Augenblick lang / meine Angst / mit dir zu teilen

Paul Kersten: Gewitter

(Aus: Die Verwechslung der Jahreszeiten. 1983)

Schicht um Schicht

Aus alten Märchen winkt es / hervor mit weißer Hand. / Da singt es und da klingt es / von einem Zauberland… (Heinrich Heine)

Von einem Land, in dem dralle Fische Pirouetten zwischen den Häusern drehen, Schwimmerinnen in den Asphalt tauchen, als sei er aus Butter, und Köpfe Alleen bilden, gedankenleicht und traumschwer.

Und wie die Sonne lachte…

Ich möchte still am Wege stehn
und möcht‘ es Frühling werden sehn,
ich könnt‘ noch immer wie ein Kind
bei jeder kleinen Knospe säumen!
Und klänge in den kahlen Bäumen
ein Vogeltriller… ach, ich könnt‘,
mir einen langen Sommer träumen
voll Klang und Glanz und Sonnenschein
und glücklich sein!

Cäsar Otto Hugo Flaischlen: Ich möchte still am Wege stehn

Der schwäbische Schriftsteller und Journalist Flaischlen (1864 – 1920) war Anfang des 20. Jahrhunderts ein bekannter Lyriker und Mundartdichter. Die Auflagen einiger seiner Werke erreichten weit über hunderttausend Exemplare. Heute ist er in Vergessenheit geraten. Sein Gedicht „Hab Sonne im Herzen“ nach der Melodie „Der Mai ist gekommen“ dürfte vielen allerdings noch bekannt sein.

Shifting Boundaries

p1180018„Die Vorstellung, dass Grenzen trennen, ist gegenwärtig für unser Denken bestimmend. Grenzen geben aber auch Dingen erst ihre Kontur, einen Umriss und Unterscheidungsmerkmale. Für Gestalt und Form ist die Grenze unerlässlich. Doch werden Grenzen überhaupt erst dann spürbar, wenn sie berührt, überschritten, verschoben werden.“

So heißt es in der Einleitung zur Ausstellung Shifting Boundaries: Landscapes of Ideals and Realities, die gerade im Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen eröffnet wurde. Zwölf europäische FotografInnen aus neun Ländern interpretieren das Thema auf je eigene Weise, zeigen Grenzen auf: zwischen Ländern, zwischen Alt und Neu, Vergangenem und Gegenwärtigem, Leben und Tod… In der Ukraine, in Polen und Ungarn, in Italien, Norwegen und Österreich.

Auf drei Arbeiten möchte ich besonders hinweisen, weil mir ihre narrative Kraft so gut gefallen hat. Da ist einmal die Porträt-Reihe Today I am a Human des Norwegers Eivind H. Natvig. Natvig zeigt Gesichter von Palästinensern, die 1948 aus den Dörfern des zukünftigen Staates Israel vertrieben wurden und Zuflucht in Norwegen fanden. Die Gesichter sind mit aktuellen Straßenszenen aus Israel und den palästinensischen Gebieten unterlegt. Plastischer kann man die Vielschichtigkeit dieser Leben, das Ineinander von alter und neuer Identität kaum zeigen.

Eine starke Anziehung geht von den 14 großformatigen Farbaufnahmen des Hamburgers Robin Hinsch aus dem Grenzland zwischen West- und Ost-Ukraine aus. Die fotografierten Szenen liegen in einem Dämmerlicht, dem man nicht ansieht, ob es demnächst dunkel oder hell werden wird. Der junge Soldat unterm Baum, die von Panzerspuren zerfurchte Landschaft, sie strahlen vor allem eines aus: unendliche Erschöpfung.

Eine ebenso kluge wie humorvolle Reise durch ein Land der Gegensätze und Grenzland par excellence präsentiert der Berliner Jakob Ganslmeier mit der Serie Lovely Planet: Polen. Ganslmeier verbindet 23 kleinformatige fotografische Reiseskizzen mit kongenialen Begleittexten zu einer Art Reiseführer, „in dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen“.

Die Ausstellung in den Deichtorhallen (U Steinstraße) ist bis zum 1. Mai geöffnet. Am 29. März um 19 Uhr beginnt im Körber-Forum (U Baumwall) ein Künstlergespräch u.a. mit Robin Hinsch und Jakob Ganslmeier.

Trikolore mit Rutsche

P1070095… oder: Wo Hamburg ungeahnt französisch ist. Das Foto habe ich im März 2015 gemacht. So hübsch waren die Boote am Stadtparksee seither selten geparkt, aber ich erinnere mich oft an das Stilleben. Ganz besonders in diesen Tagen. Und ich hoffe, dass nicht auch noch die „Grande Nation“ und mit ihr die Europäische Union baden geht.

Bei Licht betrachtet

p1170850… ist es phantastisch, zu Hause zu sein bei der Freundin, während die Freundin auf Reisen ist und das eigene Zuhause eine Baustelle.

p1170856… ist es todtraurig, wenn die, die sich sorgten und kümmerten, als du selbst noch kein Wort sprachst, nicht einmal mehr ihren eigenen Namen wissen.

p1170846… ist es Zeit für die Liebe, besonders im Frühjahr. Und für Rose Ausländer, immer wieder.

Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Auf lyrikline kannst du dir das Gedicht auch von der Autorin vorlesen lassen.

Harmonie mit Ente

P1140540Die schönste Harmonie entsteht durch Zusammenbringen der Gegensätze.

Sie verstehen nicht, wie das eine auseinanderstrebend ineinanderstrebt, wie gegeneinanderstrebend sich Bogen und Leier verbinden.

Heraklit: Fragmente

Und dass gestern die Welt unterging und sich heute aus den Fluten erhob, als könne sie kein Wässerchen trüben, lässt nicht nur Entenherzen höher schlagen.

Schau mir in die Augen

P1150488Was sich nahe ist, nähert sich mit der Zeit einander an. Paare zum Beispiel oder Hunde und ihre Besitzer. Gelegentlich scheint das auch auf benachbarte Werbung zuzutreffen.

Die Nähe ging verträumt umher… / Sie kam nie zu den Dingen selber. / Ihr Antlitz wurde gelb und gelber, / und ihren Leib ergriff die Zehr.

Doch eines Nachts, derweil sie schlief, / da trat wer an ihr Bette hin / und sprach: »Steh auf, mein Kind, ich bin / der kategorische Komparativ!

Ich werde dich zum Näher steigern, / ja, wenn du willst, zur Näherin!« – / Die Nähe, ohne sich zu weigern, / sie nahm auch dies als Schicksal hin.

Als Näherin jedoch vergaß / sie leider völlig, was sie wollte, / und nähte Putz und hieß Frau Nolte / und hielt all Obiges für Spaß.

Christian Morgenstern: Die Nähe