Sunny side up

Ein Besuch in einer Autowaschanlage ist nichts, worauf ich große Lust habe, aber er ist wirklich nötig. Unter Taubenscheiße und dem klebrigen Saft der Lindenbäume, die ich schon mag, wenn auch zu dieser Jahreszeit ein klitzekleines bisschen weniger als sonst, ist mein „Silberpfeil“ kaum noch zu erkennen. Zwischen Seitenscheiben und Gummidichtung sprießt das Moos, dass es eine perverse Lust ist. Der fortschreitenden Verbuschung, so viel ist klar, ist nur mit mehreren Runden mit dem Hochdruckreiniger beizukommen. Als ich die Anlage erreiche, zieht sich die Schlange wartender Autos über die halbe Tankstelle. Mist! Ich male mir schon mal aus, wie beliebt ich mich machen werde, wenn ich nachher die Zufahrt zur Waschhalle blockiere, während ich immer noch mit dem Hochdruckreiniger hantiere…

Jetzt übe erst mal ich mich in Geduld, steige aus, schlendere ein paar Schritte vor, ein paar Schritte zurück. Beiläufig streift mein Blick den Kleinwagen vor mir. Alle Türen stehen sperrangelweit offen, ebenso wie die Heckklappe. Eine blonde Frau taucht mal in die eine, mal in die andere Öffnung hinein und auch wieder heraus. Auf dem Beifahrersitz thront ein einzelnes Ei. Hä!?, denke ich und muss grinsen. Egg face fragt sich offenbar auch, wann es wohl weitergeht. Das Ei auf der Fußmatte im Fond fragt sich nichts mehr. Es ist schon Spiegelei, nur nicht gebraten. Die blonde Frau, die gerade mit einer Rolle Küchenkrepp Ei und Matte zu Leibe rückt, strahlt mich an: „Die habe ich echt blöd hingestellt für den Transport“, sagt sie. „Immerhin: sieben von zehn sind heil geblieben. Ich finde, das ist kein schlechter Schnitt.“ Ich strahle zurück angesichts solcher Lebensfreude. „Ich bin Sängerin und Schauspielerin“, sagt sie noch. Oh, denke ich, dann hat sie im Moment sicher wirklich andere Sorgen als ein paar kaputte Eier. Ich muss laut gedacht haben, denn sie erwidert: „Nein, nein, jetzt ist es gut. Ich kann wieder unterrichten.“ Und strahlt immer noch. Sunny side up, wie das Ei auf der Fußmatte.

*

Heute las ich in einer Beilage des Hamburger Abendblatts, dass der amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle jeden Tag ein Ei fotografiert und auf seinem Twitter-Account postet. Das ist ein Spleen, den ich wirklich nachvollziehen kann.

Frisch geschlüpft

Hätte sie sich nicht eine so exponierte Stelle ausgesucht, die Libelle wäre unserer Aufmerksamkeit ziemlich sicher entgangen. Vollkommen bewegungslos standen ihre filigranen blassen Flügel in der Luft, die an diesem diesig-feuchten Sonntag im Hamburger Wittmoor ebenfalls den Atem anzuhalten schien. Sie war doch nicht tot? Fasziniert betrachtete ich wohl einige Minuten lang das Szenario am Moorsee. Ich sah – und verstand doch nicht, was ich sah. Selbst als mein Blick auf eine weitere bewegungslose Libelle fiel und ein bräunliches Gebilde darunter, dachte ich nur tumb: Was macht denn die Heuschrecke bei der Libelle? Und wieso ist die Heuschrecke tot?

Erst als ich weitere solcher Libellen-“Heuschrecken“-Paare bemerkte, dämmerte es allmählich: Natürlich! Das waren Larven, die sich gerade zum allerletzten Mal häuteten! Wie ich inzwischen nachgelesen habe, häuten sich Libellenlarven im Laufe ihres Wachstums bis zu siebzehn Mal, die ersten bis zu sechzehn Mal im Wasser. In der Regel dauert das Larvenstadium ein bis zwei Jahre, bei manchen Arten auch deutlich länger. Ganz am Ende geschieht, was ich zuvor noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte: Die Larven suchen sich einen Pflanzenstängel oder einen anderen geeigneten Schlupfplatz am Ufer, ihre Haut platzt, die erwachsene Libelle arbeitet sich heraus, entfaltet die Flügel – und hebt ab. Zurück bleibt die Hülle, die nun nicht mehr nötig ist. Zeuge der Jungfernflüge wurden wir leider nicht. Ich vermute, den Libellen steckte die Anstrengung der Metamorphose noch in den zarten Leibern.

Gespräch mit dem Drachen

„Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken…“

Mit diesen Worten beginnt ein wunderbar poetischer Text, der gelegentlich dem Dichter Novalis (1772-1801) zugeschrieben wird. Tatsächlich gehörte er in den 1970er Jahren zum Repertoire der gleichnamigen Rockband. An meiner Kommunikation mit den Schmetterlingen arbeite ich noch, aber ich habe schon mal den kleinen Drachen gefragt, wie denn Wolken schmecken. „Kommt drauf an“, sagte er, als sei er von Beruf Rechtsanwalt, „kommt ganz darauf an“, grinste verschmitzt und nahm den nächsten Zug aus seiner himmlischen Pfeife.

Absichtslos Raum greifen

Am Mäandern mag ich alles. Das fängt mit dem Wort an, in dem das Tun verheißungsvoll mitschwingt – dieses Bedächtige, Absichtslose und zugleich Raumgreifende. Mäandern wie ein Fluss, das geht immer, auch und ganz besonders, wenn für einen strammen Marsch die Energie fehlt.

*

Das stadtmüde Auge verliert sich sogleich, in diesem Fall im Blau des Sees. Zarte Gräser malen mit ihren Schatten Linien in die spiegelnde Oberfläche. Am Grund ruhen Steine. Sie kann kein Wässerchen trüben.

Wie geheimnisvoll erscheint das Ensemble durch den löchrigen Baum zur Rechten. Das innere Kind mag sich kaum lösen von dem überdimensionalen Schlüsselloch.

Das kleine Flüsschen zur Linken ist mit seiner urwaldähnlichen Dichte kaum weniger magisch. Ich folge ihm eine lange Weile, Windung um Windung.

Bisweilen ist mir, als hätte ich es verloren, in einem Waldstück, auf einer Wiese. „Erst weiß, dann gelb, dann rot / das ist der Wiese Tod“, deklamierte die Tante einst auf gemeinsamen Spaziergängen. Erst die rotblühenden Gräser kündeten von der bevorstehenden Heumahd, erklärte sie dem staunenden Kind. Diese Wiese, denke ich flüchtig, hat noch ein gutes Stück Leben vor sich.

Ich verabschiede mich vom kleinen Flüsschen und tauche in einen jungen Birkenhain. Auch hier blüht es wie auf einer Hochzeit.

Sternmiere ergießt sich am Wegesrand…

… wetteifert mit Weißdorn, wessen Fülle wohl verschwenderischer ist.

Auf dem Waldboden vollführt das Licht der Sonne einen stillen Tanz.

Am Ufer des großen Flüsschens dauert der Tanz an. Wie nur, frage ich ich mich, wieder ein ordentliches Stück weiter, erzeugt solch sanftes Fließen solche Stromlinien?

*

Das Gebiet zwischen Segeberger See („der See“), Rönne („das kleine Flüsschen“) und Trave („das große Flüsschen“) in Schleswig-Holstein kann ich zum Mäandern sehr empfehlen.

Fisch und Fang

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
ein Fischer saß daran,
sah nach dem Angel ruhevoll,
kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
teilt sich die Flut empor;
aus dem bewegten Wasser rauscht
ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
Was lockst du meine Brut
mit Menschenwitz und Menschenlist
hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie’s Fischlein ist
so wohlig auf dem Grund,
du stiegst herunter, wie du bist,
und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
nicht her in ew’gen Tau?

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
netzt‘ ihm den nackten Fuß;
sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,
wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
da war’s um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
und ward nicht mehr gesehn.

Johann Wolfgang von Goethe: Der Fischer

Es muss an dem ständigen Auf und Ab auf den schmalen Waldpfaden durch das idyllische Billetal gelegen haben, dass mir das in Übermannshöhe an einem Baumstamm befestigte kleine Schild überhaupt auffiel: „Angeln verboten“. Klar, kein Problem, auch wenn sich mir nicht ganz erschloss, an wen sich das luftige Verbot wohl richtete. Die Fische im schleswig-holsteinischen Sachsenwald wird es allemal freuen – und bestimmt auch das Fischweib, dessen Reizen und Werben der fischende Goethe dermaleinst erlag. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin / und ward nicht mehr gesehn.“ Was für eine reiche Quelle für unseren Zitatenschatz sind doch bis heute die Balladen der Herren Goethe und Schiller!

Versuch es

Stell dich mitten in den Regen,
glaube an den Tropfensegen,
spinn dich in dies Rauschen ein
und versuche, gut zu sein!

Stell dich mitten in den Wind,
glaub an ihn und sei ein Kind –
lass den Sturm in dich hinein
und versuche, gut zu sein!

Stell dich mitten in das Feuer –
liebe dieses Ungeheuer
in des Herzens rotem Wein
und versuche, gut zu sein!

Wolfgang Borchert: Versuch es

Ich erinnere mich noch gut an jenen Sommer, als ich mit C. durchs Allgäu streifte. Manchmal wanderten wir, aber noch viel öfter, so scheint es mir in der Erinnerung, hockten wir in irgendeinem Café, vertilgten Topfenstrudel und redeten. Das heißt, C. redete. Ich hörte die meiste Zeit zu. C. hatte Liebeskummer. Und der musste raus. Und wenn er nicht über die Treulosigkeit des Verflossenen wehklagte, trug C. Gedichte vor. Und wie er deklamierte! C. war mit Leib und Seele Schauspieler. Jedes Café, jeder Waldweg wurde ihm zur Bühne. So lernte ich auch das Gedicht „Versuch es“ kennen und selbst auswendig sprechen, „by heart“, wie es im Englischen so treffend heißt. Bis dahin war der Schriftsteller Wolfgang Borchert für mich quasi ein Synonym für das Antikriegsdrama „Draußen vor der Tür“ gewesen.

Heute wäre der gebürtige Hamburger Borchert (1921-1947) 100 Jahre alt geworden. Die Freie und Hansestadt feiert ihren berühmten Sohn mit einem liebevoll gestalteten Literaturfestival: „Hamburg liest Borchert“. Ein Teil der Veranstaltungen findet zurzeit pandemiebedingt online statt, ein anderer Teil hoffentlich später vor Publikum. Unter dem Motto „Draußen vor den Türen“ schmücken Zitate aus dem Drama Hauseingänge in Borcherts Heimat-Stadtteil Eppendorf. Vor Orten, die zentral für seine Biografie waren, wie hier sein Geburtshaus in der Tarpenbekstraße, wurden mobile Gärten aufgestellt.

Tulpen-Kräfte

Dass Tulpen eine wunderbare Projektionsfläche für Gefühle abgeben können, spürte ich, als ich einmal eingeladen wurde, wie eine Tulpe zu tanzen. Ich habe hier schon davon erzählt.

Einen Reigen ganz eigener Art führte ein Strauß der leuchtenden Frühlingsboten jetzt in meinem Arbeitszimmer auf. Kaum hatte ich die Stängel beschnitten und in einer frisch mit Wasser gefüllten Vase drapiert, schienen sie auch schon wie von unsichtbaren Kräften angetrieben nach außen zu streben. Den Sitzen eines Kettenkarussells gleich schwebten die Blüten um den Rand der Vase.

Am nächsten Tag hatten die leuchtenden Gefährte ihren Radius noch einmal merklich vergrößert und begannen – den Gesetzen der Schwerkraft folgend – Stück für Stück Richtung Boden zu sinken. Ich griff erneut zum Messer, doch die Tulpen ließen sich nicht von ihrem Weg abbringen. Auch mit gekürzten Stängeln wollten sie partout nicht in die Höhe wachsen, nur immer nach außen. Weiter. Und weiter.

Sie spielten mit Licht und Schatten. Sie übten Landeanflüge.

Und immer noch suchten sie die Weite. Noch im Verblühen, als sie schon einen Großteil ihrer Farbe und Spannkraft eingebüßt hatten, gaben sie nicht einen Zentimeter Raum auf. Die Sehnsucht, sie schien nicht kleiner geworden zu sein.

April! April!

April! April!
Der weiß nicht, was er will.
Bald lacht der Himmel klar und rein,
Bald schaun die Wolken düster drein,
Bald Regen und bald Sonnenschein!
Was sind mir das für Sachen,
Mit Weinen und mit Lachen
Ein solch Gesaus zu machen!
April! April!
Der weiß nicht, was er will.

O weh! O weh!
Nun kommt er gar mit Schnee!
Und schneit mir in den Blütenbaum,
In all den Frühlingswiegentraum!
Ganz greulich ist’s, man glaubt es kaum:
Heut Frost und gestern Hitze,
Heut Reif und morgen Blitze;
Das sind so seine Witze.
O weh! O weh!
Nun kommt er gar mit Schnee!

Hurra! Hurra!
Der Frühling ist doch da!
Und kriegt der raue Wintersmann
Auch seinen Freund, den Nordwind, an
Und wehrt er sich, so gut er kann,
Es soll ihm nicht gelingen;
Denn alle Knospen springen,
Und alle Vöglein singen.
Hurra! Hurra!
Der Frühling ist doch da!

Heinrich Seidel (1842 – 1906): April

Ostermontagsimpressionen aus dem Eppendorfer Moor.

So flüchtig die Zeit

Ich blick in mein Herz und ich blick in die Welt,
Bis vom schwimmenden Auge die Träne mir fällt,
Wohl leuchtet die Ferne mit goldenem Licht,
Doch hält mich der Nord, ich erreiche sie nicht.
O die Schranken so eng und die Welt so weit,
Und so flüchtig die Zeit, so flüchtig die Zeit.

Ich weiß ein Land, wo aus sonnigem Grün
Um versunkene Tempel die Trauben glühn,
Wo die purpurne Woge das Ufer beschäumt
Und von kommenden Sängern der Lorbeer träumt.
Fern lockt es und winkt dem verlangenden Sinn,
Und ich kann nicht hin, ich kann nicht hin.

O hätt‘ ich Flügel durchs Blau der Luft,
Wie wollt ich baden im Sonnenduft!
Doch umsonst! Und Stunde auf Stunde entflieht,
Vertraure die Jugend, begrabe das Lied.
O die Schranken so eng und die Welt so weit,
Und so flüchtig die Zeit, so flüchtig die Zeit.

Emanuel Geibel (1815 – 1884): Ich blick in mein Herz und ich blick in die Welt

Manchmal hab ich so Sehnsucht…

It’s up to you

Zeit vertreiben –
Reize verbitten?

Zeit verschenken –
Heinz verstecken!

Im Stapel ungelesener Zeitungen und Zeitschriften stieß ich auf diese Überschrift: „10 Tipps. So kannst du dir im Lockdown die Zeit vertreiben“. Die Vorstellung, Zeit zu vertreiben, sei es auch nur sich selbst gegenüber, empfand ich schon immer als bizarr. Meine Entscheidung, Heinz zu verstecken, fiel deshalb leicht.

Rainer Maria Rilke hätte das auch getan, glaube ich:

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? …

Und Erich Kästner erst:

Denkt an das fünfte Gebot:
Schlagt eure Zeit nicht tot!