Töne aus der Ferne

Töne aus der Ferne.
Ein Freund früh am Morgen
hinter dem Berg,
Hörnerklang,
Smaragden.

Es ruft mich Gedankengruß,
Kuss sich ahnender Seelen verheißend.

Es verband uns ein Stern,
sein Auge fand uns:
Zwei Ich als Gehalt,
mehr denn als Gefäß.

Heilige Steine gestern,
heute rätsellos,
heute Sinn!:

„Ein Freund früh am Morgen
hinter dem Berg.“

Paul Klee: Töne aus der Ferne (1914)

It takes two to tango

Es war einmal ein Hemd – ohne WASDRIN. Und es war ein WASDRIN ohne Hemd. Wie soll das weitergehen? Eigentlich müssten sich die beiden finden. Das Hemd wartete geduldig, und das WASDRIN war auf der Suche. Mal kamen sie sich näher, mal entfernten sie sich voneinander. Eines Tages kamen sie sich sehr nahe. Das WASDRIN stand vor einem Hemdenregal. Genau dort war das Hemd. Es war aufgeregt. Nimm mich, nimm mich. Das WASDRIN muss das verstanden haben. Sie taten sich für alle Zeiten zusammen.

Jürgen Spohn: Mit und ohne

Die Begegnung des WASDRIN und des Hemdes habe ich der Sammlung von Ganzkurzgeschichten und Wünschelbildern des Grafikers und Kinderbuchautors Jürgen Spohn entnommen, die 1982 unter dem programmatischen Titel „Ach so“ veröffentlicht wurde. Mein Kiez im Norden Hamburgs scheint ja eher ein Eldorado für Schuh-WASDRINNE zu sein. Erst vor wenigen Monaten erblickte ich vor meinem Fitnessstudio ein verwaistes Trio, schon ruft es gleich um die Ecke: Komm, tanz mit mir. Dance me to the end of love…

Mit blauen Sternen reisen

Keine Butterblume, kein Löwenzahn entfaltet vergleichbare Wirkung, das Gänseblümchen nicht und auch nicht diese rosafarbenen Puschel, die aussehen wie Flaschenputzer en miniature. Wenn mich etwas verlässlich auf Zeitreise in die eigene Kindheit schickt, dann ist es der Anblick von Vergissmeinnicht. Ein einziges Pflänzchen genügt, um ganze Teppiche kleiner blauer Sterne vor meinem inneren Auge aufleuchten zu lassen…

Darin, bis zu den Knien, Elke, Anke und ich, pflückend, was unsere Kinderhände halten konnten. Mit den Vergissmeinnicht auf der verwilderten Wiese hinter dem Haus trieben wir drei regen Handel. Für einen Spankorb voller Sträuße gab uns die nette Frau R. eine Batterie leerer Joghurtbecher. Ihr Mann, Herr R., leitete unsere Schule, die damals noch Volksschule hieß. Herr R. bewegte sich, als habe er einen Spazierstock verschluckt. Frau R. schien immer Zeit zu haben – und sie verfügte über schier unerschöpfliche Vorräte an säuberlich ausgewaschenen Joghurtbechern aus Plastik. So etwas Kostbares gab es weder bei meinen Freundinnen noch bei uns zu Hause. Nicht weil wir so öko gewesen wären, das war damals noch kein Thema, glaube ich, eher aus Gründen der Sparsamkeit. Zuerst wurde sogar noch Dickmilch auf der Fensterbank angesetzt. Wenn die schön sauer war, streute mein Vater Zucker drauf und brockte Schwarzbrot hinein. Später gab es dann eine Joghurtmaschine. In kleinen Gläschen mit blassorangem Schraubverschluss produzierte meine Mutter fortan Joghurt. Die nette Frau R. und ihr Mann waren moderner, sie kauften ihren Joghurt in Plastikbechern. Offenbar in rauen Mengen, so oft wie wir nach meiner Erinnerung zum Tauschen gingen.

Was wir mit den vielen Bechern anstellten, weiß ich nicht einmal mehr. Mit Wasser rumpütschern, nehme ich an. So Mädchensachen. Das fand vor allem Anke gut, die schon als Grundschülerin ziemlich häuslich war. In unserer Höhle unter dem Essigbaum mit seinen tief hängenden Zweigen, wo wir die komplette „Höhlenkinder“-Saga nachspielten, flocht sie begeistert Matten aus Gräsern. Elke und ich waren mehr der Jägertyp. Mit Inbrunst schnitzten wir uns Pfeil und Bogen und brachten es in ihrer Anwendung zu beachtlicher Treffsicherheit. Keiner der hölzernen Telegrafenmasten im Dorf war vor uns sicher. Oft zogen wir zu den A.schen Wiesen am Rande des Auetals, „Wildpferde“ zähmen. Elke war Winnetou, ich Old Shatterhand. Ich wäre auch lieber Winnetou gewesen, aber Elke hatte die längeren Haare. Anke machte unser Baumhaus neben der Ponyweide schön. Einmal rauchten wir dort zu dritt heimlich eine Zigarette. Natürlich musste ausgerechnet in dem Moment Ankes Vater vorbeispaziert kommen. Ich hatte tagelang Angst, dass er uns verpetzt. Hat er nicht, aber die Angst war mindestens so schlimm. Ich kann sie heute noch fühlen.

Im Baumhaus, das war schon meine zweite heimliche Zigarette gewesen. Die erste hatte ich mit Gunter im Kastanienwäldchen gepafft. Gunter war der beste Freund, den man sich denken kann. Groß, stark und voller aufregender Ideen, die sein Vater allerdings selten toll fand. Fast kein Abend verging, ohne dass der ihm den Hintern versohlte. Manchmal traute sich Gunter erst im Dunkeln heim. Ich höre noch seine Mutter rufen: „Gunter, komm doch nach Hause! Dir passiert auch nichts!“… Weich streicht das Licht der Abendsonne über die Vergissmeinnicht  zu meinen Füßen.

Österreichisches Trio

Alle drei sind dünn, alle drei spielen in Österreich auf dem Land und wurden auch von ÖsterreicherInnen geschrieben. Der älteste der drei Romane ist 2014 erschienen, die beiden anderen 2020. Schon wenn man den jeweils ersten Satz liest, bekommt man ein Gefühl für das, was einen erwartet. Jedenfalls empfinde ich das im Rückblick so. Diese ersten Sätze gehen so:

„An einem Februarmorgen des Jahres neunzehnhundertdreiunddreißig hob Andreas Egger den sterbenden Ziegenhirten Johannes Kalischka, der von den Talbewohnern nur der Hörnerhannes gerufen wurde, von seinem stark durchfeuchteten und etwas säuerlich riechenden Strohsack, um ihn über den drei Kilometer langen und unter einer dicken Schneeschicht begrabenen Bergpfad ins Dorf hinunterzutragen.“ (Robert Seethaler: Ein ganzes Leben. Roman, 2014)

„Hier, nimm die Stifte, male ein kleines Haus, einen Bach ein Stück unterhalb des Hauses, einen Brunnen, aber male keine Sonne, das Haus liegt nämlich im Schatten!“ (Monika Helfer: Die Bagage. Roman, 2020)

„Theresa rang nach Luft.“ (Dominik Barta: Vom Land. Roman, 2020)

Robert Seethalers Roman ist mit 155 Seiten der schmalste der drei dünnen Österreicher und für mich zugleich der stärkste. Ich habe hier schon ausgiebig von der Geschichte des Andreas Egger geschwärmt, der sein hartes Leben mit der gleichen Langmut trägt wie eingangs den Hörnerhannes. Monika Helfers stark autobiografischer Roman mutet ähnlich archaisch an. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die Großeltern der Autorin: die schöne Maria und der geschäftstüchtige und gefürchtete Josef. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs leben sie mit ihren vier Kindern als arme Bauern am Rande eines Dorfs in Oberösterreich. Als Josef eingezogen wird, soll der Bürgermeister auf die Familie achten, darauf, dass sie zu essen haben, aber auch auf Marias eheliche Treue. Es kommt, wie es kommen muss: Schon bald machen andere Männer, darunter auch der Bürgermeister, Maria Avancen. Sie wird schwanger, Gerüchte schießen wie Pilze aus dem Boden, dabei hatte Josef zum passenden Zeitpunkt sogar Heimaturlaub. Die Familie wird immer mehr zur „Bagage“, zu Außenseitern am Rande der dörflichen Gesellschaft. Die Geschwister schweißt das durchaus zusammen, ein Sohn greift sogar zur Waffe, um die Mutter zu verteidigen. Josef selbst wird nie mit dem 1915 geborenen fünften Kind sprechen, der Mutter der Autorin. Dieses Haus liegt im Schatten, keine Frage.

Im Vergleich zu Monika Helfers bei aller Knappheit dichter und anrührender Familiengeschichte mutet Dominik Bartas Erzählung vom Land und seinen Bewohnern etwas grob und holzschnittartig an. Da ist Theresa, Bäuerin um die Sechzig, die sich plötzlich krank fühlt. Ihr Mann, der nicht versteht, warum seine Frau nicht mehr funktioniert wie bisher. Die erwachsenen Kinder, die aus ihren Leben außerhalb des Dorfs angereist kommen und sich auch keinen Reim machen können. Da ist die Enge des Dorfs. Die Erwachsenen mit ihrer Ausländerfeindlichkeit und den Stammtischparolen. Der Junge, der mit dem neuen syrischen Freund in das Baumhaus im Wald flieht. Und über und in allem: eine Sprachlosigkeit, die sich von den handelnden Personen auf die kargen Beschreibungen in diesem schmalen Band zu übertragen scheint, bisweilen bis an den Rand der Gehaltlosigkeit. „Woran dachte diese Frau? Was ging in ihr vor? Was war geschehen?“ Theresa rang nach Luft. Viel mehr wissen wir auch nach der Lektüre nicht.

Spielerei im Wald

Meine fröhliche Liebe hat mich verlassen.
Ich suchte sie wieder in allen Gassen,
Sie aber lag schon weit von mir
In einem hellen Birkenwald
Und freute sich ihrer Wohlgestalt
Und reckte die Glieder lang und zier.

Dort spielt sie nun mit Elf und Nick,
Läßt über ihr schneeweiß Genick
Die langen Ringelhaare fließen,
Pflückt Enzian zum Zeitvertreib
Und läßt sich nachts den blanken Leib
Mit Mondenschein begießen.

Ich aber warte nun in Ruh,
Schließ Tür und Laden sorglich zu
Und leg mich in die kühlen Kissen.
Wenn sie der grünen Tage satt
Den Weg zurück gefunden hat,
Soll sie erst klopfen müssen.

Hermann Hesse: Meine fröhliche Liebe

In meinem vorherigen Beitrag hatte ich bereits ein bisschen mit dem Fotomaterial gespielt, hatte ein hochformatiges Bild einfach mittendurch geteilt – aus eins mach zwei. Ulrike vom Blog watt&meer, die davon nichts wusste, fragte sich und mich, wie die Fotos wohl auf den Kopf gestellt aussehen. Besonders das erste (die obere Bildhälfte also) gefiel mir so verdreht. Und obwohl darauf gar keine Birken zu sehen sind, dachte ich sofort an Hesses fröhliche Liebe.

Diese kleinen Dinge

Deine kleine Schwester
Hat ihre offenen Haare
Wie einen lebendigen Schleier,
Wie eine duftende Hecke
Vornüberfallen lassen
Und schaut, mit solchen Augen!
Durch einen duftenden Schleier,
Durch eine dunkle Hecke …
Wie süß ists, nur zu denken
An diese kleinen Dinge.

An allen sehnsüchtigen Zweigen
In deinem nächtigen Garten
Sind Früchte aufgegangen,
Lampions wie rote Früchte,
Und wiegen sich und leuchten
An den sehnsüchtigen Zweigen,
Darin der Nachtwind raschelt,
In deinem kleinen Garten …

Wie süß ists, nur zu denken
An diese kleinen Dinge …

Hugo von Hofmannsthal: Kleine Erinnerungen