Der Löwe ist gegangen

Als ich jung war, dachte ich, / Ein Löwe ist ein Löwe, auch wenn er alt ist;

Heute bin ich alt und weiß: / Alt ist alt, wenn es auch ein Löwe ist.

Ich weiß nicht, von wem diese berührenden Zeilen stammen, die ich kürzlich in einer Traueranzeige las. Vielleicht von einem persischen Dichter. Der alte Löwe, von dem sich seine Familie verabschiedete, hatte beinahe einhundert Jahre zuvor in Isfahan das Licht der Welt erblickt.

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Eine Frage der Perspektive

Gingen zwei in einen Beerenwald;
Fand der Eine süße Beeren bald;
Hat sich fleißig gebückt
Und emsig gepflückt;
Tat nichts als essen.

Der Andre indessen
Trug immer die Nase gen Himmel gericht,
Sah den lieben Herrgott oder macht‘ ein Gedicht,
Aber die süßen Beeren, die sah er nicht.
Tun mir leid alle Beide.
Ich liebe die Beeren- und Himmelsweide.
Ich hätte mir Beeren gesucht im Kraut
Und essend zum blauen Himmel geschaut.
Mir hätte keins das andre geniert,
Hätte Himmel und Beeren in eins skandiert.

Otto Julius Bierbaum: Für Beerensucher

Die Blicke in den Himmel und „ins Kraut“ tat ich jüngst im Lichthof des neuen Bucerius Kunst Forums in Hamburg. Wer auch mal schauen will: Die nächste Ausstellung steht vor der Tür. Ab dem 19. Oktober sind Werke von Walt Disney, Norman Rockwell, Jackson Pollock und Andy Warhol zu sehen. In Zeiten wie diesen mag es gut tun, einmal andere Amerika-Bilder in den Blick zu nehmen.

Fiktion trifft Realität

„So ungefähr stellte ich mir eine Landschaft ‚bei Hamburg‘ vor, wo ich meinen Schwanenroman beginnen ließ“, schrieb Gerda Kazakou in einem Kommentar zu meinem jüngsten Beitrag über das Himmelmoor. „Mit dem Unterschied, dass man von meinem imaginierten Sumpfgebiet aus ferne am Horizont das Meer aufleuchten sehen kann. Ob es solch ein Sumpfgebiet in der Nähe von Hamburg wohl gibt?“ Natürlich nicht, dachte ich. Wie soll man von hier aus wohl das Meer sehen!

Das weiß natürlich auch Gerda. Vielleicht deshalb skizzierte sie ihr „Hamburger“ Sumpfgebiet einfach noch ein bisschen genauer: „Schwer lastete der Himmel auf der flachen Landschaft und spiegelte sich grau und düster in den Gräben und Brackwassern, die jetzt, bei steigender Flut, zu flachen Seen zusammenflossen. Bei einsetzender Ebbe würden sie ihren Grund aus Schlick und Modder wieder freigeben. Denn auf unterirdischen Wegen wirkte der Gezeitenstrom der Ozeane noch hinein in diesen einstmals amphibischen Lebensraum.“ – Natürlich! Das Heuckenlock! Nicht bei, sondern praktisch mitten in Hamburg: im Süden der Elbinsel Wilhelmsburg, nur einen Steinwurf von der Autobahnabfahrt Stillhorn entfernt!

Das Heuckenlock ist einer der letzten Tideauenwälder Europas. Umgestürzte Bäume, kleine Strände und mannshohes Schilf prägen den nur wenige Kilometer langen und ein paar hundert Meter breiten Gürtel am Ufer der Süderelbe. Ganz besonders ist das Süßwasserwatt: Das Naturschutzgebiet ist von Prielen durchzogen, wie man sie von der Nordsee kennt. In ihnen transportiert die Elbe bei Flut Sand und nährstoffreichen Schlick bis an die Deichkanten. Auch extremeres Hochwasser ist hier an der Tagesordnung: Etwa hundert Mal im Jahr steht das Naturschutzgebiet komplett unter Wasser.

Bei meinem Besuch am Sonntag herrscht Ebbe. Schmale Rinnsale mäandern durch Schlick und Modder am Grund der Priele. Feucht und rutschig ist auch der Pfad durchs Heuckenlock. Wer ihn betritt, verlässt für eine kleine Weile die Jetztzeit…

Himmel über dem Moor

Wow, dieser Ort trägt seinen Namen zu Recht! Zumindest an einem bewegten Tag wie heute. Schwer lasten die Wolken auf dem Wasser, als ich mich dem Himmelmoor bei Quickborn vom Torfwerk aus nähere. Nur ein schmaler Streifen Land trennt das satte Grau oben von dem satten Grau darunter.

Mit seinen 600 Hektar ist das Himmelmoor das größte Hochmoor Schleswig-Holsteins. Ab Ende des 18. Jahrhunderts wurde es entwässert, um Agrarflächen zu schaffen und Torf abzubauen, der an der mächtigsten Stelle einmal zehn Meter dick war. Ursprünglich war geplant, so lange mit dem Abbau fortzufahren, bis das Moor komplett verschwunden ist. Inzwischen wird es aber schrittweise renaturiert, Flächen im Nordteil wurden bereits wiedervernässt.

Ein zehn Kilometer langer Wanderweg führt einmal rund ums Himmelmoor und auch noch ein Stück durch Wald und Feld. Zum Teil folgt er den Gleisen der Torfbahn. Herrlich, wie der schwarzbraune Grund bei jedem Schritt schwingt…

Die Wolken baden inzwischen in Blau.

Eben noch Sommer

Wie eine Welle, die vom Schaum gekränzt
Aus blauer Flut sich voll Verlangen reckt
Und müd und schön im großen Meer verglänzt –

Wie eine Wolke, die im leisen Wind
Hinsegelnd aller Pilger Sehnsucht weckt
Und blass und silbern in den Tag verrinnt –

Und wie ein Lied am heißen Straßenrand
Fremdtönig klingt mit wunderlichem Reim
Und dir das Herz entführt weit über Land –

So weht mein Leben flüchtig durch die Zeit,
Ist bald vertönt und mündet doch geheim
Ins Reich der Sehnsucht und der Ewigkeit

Hermann Hesse: Wie eine Welle

Korrespondenzen

„Lost in Time like Tears in Rain“ – was für ein Titel! Auf die Suche nach der verlorenen Zeit begab sich jüngst die Baseler Fondation Beyeler mit einem Streifzug durch die moderne Kunst. Die Sammelausstellung aus Leihgaben und eigenen Neuerwerbungen läuft leider schon nicht mehr. Man sehe mir bitte nach, dass ich erst jetzt davon erzähle, ich bin ein wenig trödelig mit dem Bloggen in diesem Sommer. Allerdings geht es mir heute auch weniger um eine Auseinandersetzung mit konkreten Kunstwerken als um Korrespondenzen.

Immer wieder freue ich mich darüber, wie sehr Ausstellungsräume und Ausgestelltes bisweilen miteinander sprechen. So wie das Blumentriptychon von Rudolf Stingel mit dem ebenfalls unterteilten Ausblick auf den Park der Fondation Beyeler. Klar, das haben sich die Ausstellungsmacher genau so gedacht. Aber schön ist es doch.

Wie aber kann es sein, dass auch Ausstellungsbesucher geradezu dafür geschaffen zu sein scheinen, vor bestimmten Exponaten zu verweilen? Die Frau mit der orangefarbenen Hose und dem blauen Handy vor Andy Warhols (beinahe) gleichfarbigen Blumen zum Beispiel?

Die Frau mit den raspelkurzen Haaren vor der gleichmäßig schraffierten grauen Fläche (Stingel)?

Oder die Frau im Trench vor dem Gespenst (Stingel)?

Die Ausstellung von Rudolf Stingel (im Hintergrund im Bett liegend abgebildet), ist übrigens noch bis zum 6. Oktober zu sehen. Auch in seinen Werken geht es um Spuren der Zeit. An einigen Stellen sind die Besucher dazu aufgerufen, eigene zu hinterlassen.

Spiel mit dem Feuer

Gegensätze ziehen sich an. Das ist in Nordfriesland offenbar nicht anders als in anderen Regionen. So kam es, dass das priesterlich-majestätische Violett und das saftig-fruchtige Orange zuerst jeweils sich selbst ein Herz und sodann einander bei den Händen fassten und munter in die Pfützen sprangen, die das abgelaufene Wasser vor der Halbinsel Nordstrand hinterlassen hatte. Dort tollten die beiden eine Weile mit leuchtenden Bäckchen herum, bis sie sich – ermattet von ihrem beinahe schon komplementären Spiel – zur Ruhe begaben. Nur ein paar einsame Deichläufer und eine Herde Schafe sahen zu.

Moments and memories

Wie ist dir nun,
meine Seele?
Von allen Märkten
des Lebens fern,
darfst du nun ganz
dein selbst genießen.

Keine Frage
von Menschenlippen
fordert Antwort.
Keine Rede
noch Gegenrede
macht dich gemein.
Nur mit Himmel und Erde
hältst du
einsame Zwiesprach.
Und am liebsten
befreist du
dein stilles Glück,
dein stilles Weh
in wortlosen Liedern.

Wie ist dir nun,
meine Seele? Von allen Märkten
des Lebens fern
darfst du nun ganz
dein selbst genießen.

Christian Morgenstern: Am Meer

Meeresgrund und Horizont

Wenn man die kleine schwarze Schnecke sanft zwischen Daumen und Zeigefinger schaukelt, schaut sie aus ihrem Gehäuse heraus. Sie glaubt, was sich da bewegt, sei das Meer, das ihr Nahrung schenkt, erzählt Roman, der gerade sein freiwilliges ökologisches Jahr auf Langeneß macht. Ob es die gleiche Schnecke ist, die mit zwei Stundenkilometern auf ihrem eigenen Schleim im Meer surft, habe ich mir in meiner Begeisterung nicht gemerkt. Natürlich sucht die Schnecke nicht zum Spaß nach der perfekten Welle. Nach ihrem kühnen Ritt saugt sie den Schleim wieder ein – und mit ihm die Nahrungspartikel aus dem Wasser.

Das Watt ist voller Zauber. Sind das da vorn tatsächlich Baumstämme und Stubben? Wir mögen unseren Augen kaum trauen. Roman nickt. Auf dem Meeresboden nördlich von Langeneß gibt es einen ganzen „Wald“. 3000 Jahre alt sollen die erst vor wenigen Jahren frei gespülten Zeugen einer längst versunkenen Welt sein. Wie mag sie ausgesehen haben, diese andere Welt? Wer ging damals, wo wir jetzt gehen? Tief in Gedanken schlickern wir durchs Watt, die Warften mit ihren niedrigen Häusern nur eine ferne Ahnung, einer Fata Morgana nicht unähnlich.

Platt ist das Watt. An Land ist es kaum weniger flach. Das ist praktisch. So weiß man schon am Montag, wer Sonntagnachmittag zum Kaffee kommt. Aber das weiß man als Halligbewohner vermutlich ohnehin. 124 Menschen leben zurzeit auf Langeneß, der größten der nur mit einem Damm aus aufeinander geschichteten Steinen geschützten Marschinseln vor der schleswig-holsteinischen Nordseeküste. 124 Menschen, darunter eine Junggesellin und sechs Junggesellen. Zum Glück entscheidet sich ab und zu mal eine TouristIn zu bleiben. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei…

Dein Nachbar kennt dich besser als du dich selbst“, sagt Melk. Das muss man mögen. Melk, so scheint es, tut das. Der Enddreißiger ist nach langen Jahren auf der Insel Föhr auf die Heimat-Hallig zurückgekehrt. Mit nordisch-sprödem Charme führt er uns durch das kleine Museum auf der Ketelswarf(t). Außerdem ist er Fahrer des einzigen Halligtaxis, Rettungssanitäter und Vorsitzender des Ausschusses für Arbeit und Soziales. Wer irgendwo einen verwaisten Seehund sichtet, ruft Melk an. Und im Sommer weiden auf seinen 17 Hektar Salzwiesen 23 Stück Rindvieh. Im Winter kehren sie aufs Festland zurück. Da ist zu häufig Land unter auf der Hallig. Bis zu 20 Mal im Jahr wird Langeneß, das nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegt, bei starken Fluten überspült, vor allem im Winterhalbjahr. Nur die Warften, die künstlich aufgeschütteten Hügel, auf denen die Häuser stehen, ragen dann noch aus dem Wasser.

P.S. Hier war es in den vergangenen Monaten still. Das soll sich jetzt wieder ändern. Mit etwas reduzierter Schlagzahl vielleicht. Herzliche Spätsommergrüße!