Ganz tief hinauf

Ich schaute tief hinauf in die Wasser der Au.

Ich rastete auf einer Bank, die schon lange wartete

und staunte, wie gut Blätter und Borke ganz unterschiedlicher Bäume miteinander harmonieren.

Ich entdeckte, dass ich auch Maisfelder mag, wenn sie nur Raum lassen.

Am See schenkte mir ein alter Mann seine liebste Badebucht und ich kam für eine Weile zur Ruhe.

Zupf dir ein Wölkchen

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil’s wohltut, weil’s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.

Joachim Ringelnatz: Sommerfrische

Viel weiter geht meiner Erfahrung nach gerade ohnehin nicht. Komm gut durch die nächsten heißen Tage!

Einer geht noch!

In der Lübecker Bucht sprangen die Strandampeln auf der Internetseite strandticker.de reihenweise auf Rot. In einigen Badeorten mussten schon am Freitag Zugänge an die Ostsee wegen Überfüllung gesperrt werden. Zeitweilig ging nichts mehr an diesem knallheißen Wochenende in Timmendorfer Strand, Scharbeutz & Co. Warum nur, frage ich mich nicht zum ersten Mal, wollen die Menschen eigentlich immer genau dort hin, wo alle anderen auch hin wollen bzw. schon sind?

Wo es doch so wunderbare Alternativen gibt. Die vielen Seen im Herzogtum Lauenburg im Südosten von Schleswig-Holstein zum Beispiel. In der eiszeitlich geformten Hügellandschaft konnten sich Flora und Fauna im Schatten der innerdeutschen Grenze nahezu ungestört entwickeln.

So ein bisschen unter dem Radar geblieben ist die Gegend bis heute. Auch ich hatte fast vergessen, wie schön es dort ist – bis mich Stefanie mit einem Beitrag auf ihrem Blog „In der Nähe bleiben“ daran erinnerte. Danke Stefanie! In aller Ruhe lässt es sich in der Region wandern, baden oder einfach nur sein – selbst an einem Hochsommerwochenende im August.

Ich habe vom Waldparkplatz an der Nordseite des Schmalsees, also praktisch von der Eulenspiegel-Stadt Mölln aus eine große Runde um Schmalsee, Lütauer See, Drüsensee und das Hellbachtal mit Krebssee, Lottsee und Schwarzsee gedreht. Einer geht noch, dachte ich ein ums andere Mal, zumal die Bäume reichlich Schatten spendeten und an kühlem Nass für die qualmenden Füße ja auch kein Mangel bestand.

Den Badeanzug hatte ich blöderweise im Auto gelassen, so dass ich leider keinen Badevergleich zwischen den verschiedenen Seen bieten kann. Der Schmalsee am Spätnachmittag, so viel immerhin kann ich sagen, ist ein Gedicht, das Wasser so weich wie das Licht, das allmählich die Strenge des Tages verliert.

Paddeln auf der Insel

Von der Landseite kenne ich Wilhelmsburg ganz gut, aber mit dem Boot war ich jetzt tatsächlich zum ersten Mal in Hamburgs flächenmäßig größtem Stadtteil unterwegs. Dabei liegt das eigentlich nahe. Zusammen mit den Stadtteilen Steinwerder, Kleiner Grasbrook und Veddel bildet Wilhelmsburg eine Insel zwischen den beiden großen Elbarmen Norderelbe und Süderelbe-Köhlbrand. Tatsächlich besteht die „eine“ Insel aus einer Vielzahl kleinerer Inseln und Halbinseln. Auch Wilhelmsburg entstand einst durch Eindeichung aus mehreren kleineren Inseln und ist bis heute von Kanälen durchzogen, auf denen es sich herrlich herumschippern lässt, ganz besonders bei den aktuellen Temperaturen. Die sind auch schuld, dass ich hier gar nicht viele Worte machen will. Schaut einfach am Vogelhüttendeich / Ernst-August-Kanal vorbei, wenn ihr in der Nähe seid, mietet am Anleger eines der Kanus und erkundet auf dem Weg zum Inselpark Kanäle, Wettern und so malerisch klingende Orte wie Kükenbrack und Kuckucksteich.

Und wundert euch nicht, wenn ihr zwischendurch mal im Tunnel landet. Das ist Teil des Abenteuers.

Dafür gehen an anderer Stelle gleich über euch die Sterne auf. Ich hatte hier schon mal davon erzählt.

Und nach dem Paddeln findet sich im Biergarten am Anleger sicher ein schattiges Plätzchen zum Verweilen…

Die Blumen des Altbauern

“Das meiste ist Unkraut. Was weiß ist, ist Unkraut”, sagt der alte Mann und steigt neben mir vom Rad. Ich sehe viel Weiß und dazwischen viel blauen Himmel. „Aber schön ist‘s“, sage ich und knipse weiter. „Na ja…“, meint er. „Mit den Lupinen hat es nicht so geklappt. Und die Sonnenblumen mickern auch. Wenn Sie was richtig Schönes sehen wollen, müssen Sie sich die Wiese am Ende des Ackers ansehen.“ Spricht‘s und schwingt sich wieder auf sein Rad. Ich schwinge und radele hinterher, den sanften Deichhang hinab und dann immer den Löwenzahn-bewachsenen Weg entlang. Am Ende: Was für eine Pracht!

„Die habe ich gesät“, sagt, mit einem Hauch väterlichem Stolz, der alte Mann. „Ich habe ja das Land.“ Und mit Land macht man was. Jedenfalls, wenn man Bauer ist. Oder war, wie der alte Mann. Früher hat er Blumen zum Verkauf gezogen. Dafür sind die Vier- und Marschlande in Hamburgs Südosten bekannt. Für die Blumenzucht und für den Obst- und Gemüseanbau. Jetzt hat der alte Mann nur noch ein paar Reihen Kartoffeln und zwei, drei Apfel- und Birnbäume für den Eigenverbrauch. Und die Wildblumen.

„Man will ja auch mal was anderes sehen“, sagt er. Und fügt, beinah schon philosophisch, hinzu: „Die Zeiten ändern sich. Selbst das Unkraut ist nicht mehr dasselbe wie früher. Hühnerschwarm zum Beispiel habe ich ewig nicht gesehen.“ Kenne ich nicht, denke ich spontan. Kenne ich doch, stelle ich ein paar Stunden später im Internet fest – nur unter anderem Namen: Vogelmiere. Wunderschön, die kleinen sternförmigen Blüten! Weiß natürlich.

Die Idee mit den Wildblumenwiesen hat der Altbauer übrigens von einem Nachbarn: „Das machen jetzt viele hier. Einer fängt an, und dann machen‘s die anderen auch.“

Tatsächlich. So herrlich „wild“ wie auf dieser Tour habe ich Hamburgs großen Garten im Dreistromland zwischen der Elbe und ihren Nebenflüssen Dove- und Gose-Elbe wohl noch nie erlebt.

Selbst in den Vorgärten herrscht vereinzelt fröhliche Anarchie.

Gedanken im Sommer

Im Sommer / nachts / in der Hütte / am Meer / roch ich im Luftzug vom Fenster / plötzlich / den Schnee

und ich hatte Angst / das Meer könnte sich / bis zum Morgen verwandeln / in eine Wüste aus Eis

Im Sommer / nachts / in der Hütte / am Meer / schreckte ich hoch / und hatte Angst / das Morgenlicht / könnte ausbleiben / die Nacht bliebe Nacht

und dieses Jahr ginge zu Ende / mit Kälte und Dunkelheit

Paul Kersten: Im Sommer

Es sind wohl die (wieder) steigenden Zahlen von Corona-Kranken und -Toten, die mich beunruhigen. Dass Urlauber am Mittelmeer, wo man gerade noch Leichen stapelte, fröhlich Massenbesäufnisse feiern, dass auch in deutschen Städten Tausende auf Tuchfühlung cornern, als gäbe es kein Morgen, macht mich… nein, wütend trifft es nicht. Dafür bin ich zu müde. Aber fassungslos macht mich, wie leichtfertig wir das zarte Pflänzchen zu zerstören beginnen, das wir in den vergangenen Monaten mit so viel Liebe gepflegt, für das wir auf so viel verzichtet haben. Den nächsten Winter mag ich mir gerade gar nicht ausmalen.

Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit Paul Kersten. Das war Ende der 1970er Jahre. Kersten las aus seinem Erstling „Der alltägliche Tod meines Vaters“. Ich besuchte die Lesung als junge Volontärin einer niedersächsischen Regionalzeitung. Am selben Tag hatte ich den VW Käfer des Verlags auf regennassem Kopfsteinpflaster zu Schrott gefahren und am eigenen Leib erlebt, wie schnell ein Leben am seidenen Faden hängen kann. Ich erinnere mich nicht mehr an jedes Detail, aber ich weiß noch, dass der Text mich, vielleicht auch aufgrund der Begleitumstände, damals sehr erreicht hat. Durch das Buch habe ich zum ersten Mal gefühlt, dass eine Beziehung, die zu Lebzeiten eines Menschen nicht existiert hat, nach dessen Tod nicht mehr hergestellt werden kann.

Das Foto in diesem Beitrag ist ein Archivbild. Ich habe es vor Jahren an einem besonders schönen Morgen am Strand von Usedom aufgenommen. Vielleicht sind meine Sorgen ja ganz unbegründet…

In ihrer ganzen Fülle

Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.

Franz Kafka, Tagebücher, 18. Oktober 1921

Von vornherein zeitlos

Blassgelbe Falter schaukeln wie Laub in der Lichtung. Ein Stöckchen bringt die stille Oberfläche des Sees für einen Moment zum Kreisen. Mit weit aufgerissenem Maul juchzt ihm ein Hund hinterher. Langsam wickeln wir unser Butterbrot aus dem Papier.

„… die Freude ist ein Moment, unverpflichtet, von vornherein zeitlos; nicht zu halten, aber auch nicht eigentlich wieder zu verlieren…“

Aus einem Brief Rainer Maria Rilkes an Ilse Erdmann, „am letzten Januar 1914“