Gut genug

„Manchmal möchten wir jemand anderes sein, jemand, der frei ist von Schmerzen und Ängsten, frei von Einsamkeit und wiederkehrenden Problemen. Manchmal möchten wir jemand sein, der ein anderes Leben an einem anderen Ort führt. Wir müssen irgendwann akzeptieren lernen, dass diese Phantasien zu uns gehören. Genauso wie unsere Beschränkungen, Schwächen und unterschiedlichen biographischen Voraussetzungen gehören sie zu unserem Leben – ob wir es wollen oder nicht. … Wir werden immer Vorstellungen von einem besseren Leben an einem besseren Ort hegen, aber das ist nichts Schlimmes, solange wir uns ein Zuhause bauen, das gut genug ist.“

Daniel Schreiber, Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen. Berlin 2018

Ein persönlich-philosophischer Essay über das Sehn-Suchen, über den Wunsch, sich neu zu erfinden, die Unvermeidlichkeit, sich selbst zu begegnen und über das Ankommen, am Ende doch. Und darüber, welche Rolle Sprache(n) und beharrliches Gehen in diesem Prozess spielen (können). Ich empfand den schmalen Band als ebenso ergreifend wie wohltuend.

15 Kommentare zu “Gut genug

    • Daniel Schreibers Geschichte (eine traumatisierende homosexuelle Kindheit und Jugend in der ehemaligen DDR) mag speziell sein, aber diese Sehnsucht nach unserem Platz im Leben, nach dem Ort, an den wir gehören, die ist ja ganz universell. Am spannendsten ist die Lektüre sicher für Menschen, die selbst schon ein bisschen herumgekommen sind und an verschiedenen Orten gelebt haben.

    • Zurzeit kann die Bücherwunschliste ja gerne etwas länger werden, oder? 😉 Ich finde, Daniel Schreibers Gedanken und Gefühle passen gut in diese Zeit, die uns sehr in unsere eigenen „Räume“ führt, manchmal vielleicht mehr, als uns lieb ist.

      • Ja, das ist wohl so: die Bücherstapel dürfen ruhig hoch sein – als ein Element der „inneren Raumgestaltung“… 🙂

  1. Ich finde, man entwickelt zu Orten ein Verhältnis, wie man zu Menschen eines hat. Es gibt meist einen Heimatort, der einem als etwas Elterliches, Großelterliches gegenübersteht. Es gibt manchmal einen Ort, der sich als mieser Mobber aufführt, gegen den man sich behaupten muss. Es gibt auch mal einen Ort, der einen zugleich schroff und doch liebevoll aufnimmt, sodass man ihn gernhat wie eine pampige, aber doch verlässliche und heimlich warmherzige Kollegin. Ich denke bei „Zuhause“ an einen Ort, mit dem man – wie mit seltenen Menschen – eine besondere Freundschaft unterhält. Man fühlt Vertrauen und Blindverständnis. Man findet da, was man braucht (was immer das ist, Ruhe oder Wildheit, Stetigkeit oder Impulsivität, etc.). Und so, wie man sich in einer Freundschaft mit dem Gegenüber wohlfühlt und dabei möchte, dass sich auch das Gegenüber wohlfühlt, fühlt man sich an diesem Ort wohl und wünscht sich umgekehrt für diesen Ort, dass er vital ist und gedeiht bzw. geschützt bleibt bzw. sich auf seine Art entfaltet. Jedenfalls: Wenn ich das Gefühl habe, Herzblut und Energie in einen Ort investieren zu wollen, dann bin ich da wohl zuhause.

    • Liebe Sonja, vielen Dank für deine Lebensorte-Gedanken. Wenn die wüssten, mit wem du sie so vergleichst! 😉 Nee, im Ernst, ich finde auch, dass Orte bisweilen sehr menschliche Züge tragen, und dein Bild von der besonderen Freundschaft mit dem Zuhause-Ort ist wunderschön. Herkunft hat man, zum Zuhause wird ein Ort erst durch eigenes Zutun.

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